Veröffentlichungen und Ausblick in die Zukunft ...

Romane, die bereits sind, und solche, die es noch werden ...

Neue bzw. anstehende Veröffentlichungen:

  • RETRIBUTIO (Karl Seitz ermittelt: Sein zweiter Fall) - erscheint am 5. Mai 2022!
  • DER LETZTE LILIENREITER - erscheint im Juli 2022!
  • MOTHMAN ist erschienen! 800 Seiten geballte Urban Fantasy.

Projekt(e) in Arbeit:

  • TEMPEL (Band 5 der Feywind-Saga): Geschriebene Seiten: 45
  • Tech-Thriller: Hat noch keinen Titel. Bislang geschriebene Seiten: 720. Momentan ruht das Projekt. Geplante Fertigstellung: 2022 oder 2023

Geschrieben, aber (noch) ;-) nicht veröffentlicht:

  • Die vergessene Macht: Abgedrehter Prä-Astronautik-Horror-Mystery-Roman mit bayerischem Lokalkolorit. 470 Seiten. Hatte bereits einen Verlag. Der hat aber leider dichtgemacht, kaum dass er gegründet worden war. Daher mache ich es einfach selbst. Voraussichtliche Veröffentlichung: ???
  • Der Goldene Greif: Wechselwelt-Fantasy, 600 Seiten, einige Plot-Zahnräder knirschen da leider noch ordentlich. Mal sehen, was und wie und wann und ob überhaupt ... :-(
  • Der Silbertänzer: High Fantasy, 440 Seiten - mein Erstling. Zu schlecht, um je veröffentlicht zu werden, aber ich liste ihn trotzdem hier auf, weil der Erstling halt etwas Besonderes ist - wenn auch nur für einen selbst. :-)

Bereits erschienene Romane

Der Bote des Unheils schlägt zu!

800 Seiten Urban Fantasy - episch und mitreißend!
Erscheinungsjahr: 2022
ISBN: 978-3-949821-12-7
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Zerreißt der Schleier zwischen Realität und Magie, erscheinen Kreaturen, die man nur aus Legenden kennt – oder aus Albträumen.

Leo Falkenthal glaubt nicht an solche Dinge, doch als er in die Feueraugen des Mottenmannes blickt, stürzt sein geordnetes Leben ein wie eine Bretterwand beim Einschlag einer Abrissbirne. Unerklärliche Kräfte erwachen in ihm und er muss sie beherrschen lernen, wenn er überleben will. Er steht nämlich auf der Todesliste mysteriöser Widersacher, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Um sie zu bekämpfen, muss Leo das Rätsel seiner Vergangenheit lüften.

Aber die Suche nach Antworten verwandelt sich in eine mörderische Flucht, die eine Schneise der Verwüstung nach sich zieht: Helikopter, ganze Polizeistationen, berühmte Wahrzeichen – die Zerstörungskraft der entfesselten Magie schont weder Mensch noch Material.

Der Mottenmann gilt als Unheilsbringer und er wird seinem Ruf gerecht …
 

800 Seiten Urban Fantasy von Amazon-Bestseller-Autor Peter Hohmann: episch, mitreißend, düster, humorvoll.

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HLeseprobe:

KAPITEL 1

Leo schloss die Tür und blickte auf das Lämpchen seines Anrufbeantworters, der auf einer Kommode im kurzen Flur stand. Das monotone Blinken schickte blutfarbene Reflexe durch die Wohnung.
An, aus, an, aus …
Fast wie das Auge eines Ungeheuers, das sich öffnete und schloss.
Lebhafte Fantasie, dachte er mit einem halben Grinsen, ging ein paar Schritte und betätigte den Lichtschalter über der Küchenzeile. Die Deckenspots erstrahlten.
Liebevoll tastete sein Blick über die geräumige Ein-Zimmer-Wohnung. Links die offene Küche samt Kochinsel, modern, die Fronten in sanftem Beige, daneben der Esstisch – Glasplatte und silbergraue Füße –, und an der jenseitigen Wand die Bar, bestückt mit Spirituosen. Zwischen Esstisch und Bar befanden sich eine dunkle Ledercouch sowie ein niedriger Wohnzimmertisch, der wie ein kleinerer Zwilling des Esstisches aussah. Auf ihm lag ein Tabletcomputer.
Leo stellte seine Sporttasche auf den Boden und bemerkte eine Wollmaus, die durch den Luftzug über den Boden schwebte. Verärgert griff er nach ihr, beförderte sie in den Abfalleimer und warf dabei dem tellerrunden automatischen Staubsauger, der selig und unschuldig in der Ladestation döste, einen bösen Blick zu.
Danach räumte er die Tasche aus, stopfte das verschwitzte Garfield-T-Shirt nebst Sporthose sowie Unterwäsche und Handtuch in die bereits halbvolle Waschmaschine im Bad, drehte den Zufluss auf, füllte Waschpulver ein und startete das Pflegeleicht-Programm.
In zweieinhalb Stunden würde er zu Bett gehen.
Die Waschmaschine brauchte eine knappe Stunde, der Trockner ebenso. Danach würde er die Klamotten zur restlichen Bügelwäsche geben, die in einer Plastikfaltbox in der Badewanne stand. Am Wochenende würde er bügeln.
Sein Blick verhakte sich an einem kleinen schwarzen Schmierer am Waschbecken. Mit Spucke feuchtete er den Zeigefinger an und rieb daran herum, bis er weg war. Die Tasche in der Hand, verließ er das Bad, ging an Küche und Esstisch vorbei und bog nach rechts in den zweiten Bereich der Wohnung, der durch ein langes Kastenregal vom Rest abgetrennt lag. Rechts war sein Doppelbett, blauer Matratzenüberzug und dunkle Bettwäsche, alles säuberlich drapiert, gegenüber an der Wand der große LED-Fernseher, der zwar ein Vermögen gekostet hatte, dafür aber tolle Kuschelstunden im Bett garantierte.
Leider war Babsi bis zum Wochenende bei ihren Eltern in Deggendorf.
Immerhin, am Samstag würden sie sich sehen. Ein Lächeln auf den Lippen, begab Leo sich zum Einbauschrank und stellte die Sporttasche daneben. Das störte ihn zwar, weil es nach Unordnung aussah, wenn sich die Tasche neben und nicht im Schrank befand, doch war sie innen etwas feucht und musste während der Nacht auslüften. Nicht, dass sich Schimmel bildete.
Er sah zum Nachtkästchen, auf dem das Mobilteil in der Ladeschale stand. Es leuchtete ebenfalls rot im Takt eines langsam schlagenden Herzens.
Die abgeschlossene Schublade darunter entlockte ihm ein trockenes Schlucken. Er zwang sich, in eine andere Richtung zu blicken: Morgen war ein wichtiger Tag in der Arbeit, da brauchte er keine krummen Gedanken. Wer zum Henker hatte etwas auf den Anrufbeantworter gequatscht? Wahrscheinlich irgendein Idiot von einem Institut zur Meinungserhebung, oder, noch schlimmer, ein Klinkenputzer, der ihm irgendeinen Schnickschnack andrehen wollte.
Oder war es sein Chef? Wegen morgen?
Normalerweise kontaktierte Schenk ihn nur via E-Mail, doch vielleicht war es so wichtig, dass …
Leo kappte den Gedanken.
Erst die allabendliche Routine abschließen. Danach blieb genug Zeit, um zu überlegen, ob er die Nachricht abhören sollte oder nicht.
Mit sich wieder im Reinen, öffnete er die Schiebetür und verbrachte einige Minuten damit, in Gedanken die Kombination verschiedener Kleidungsstücke durchzugehen. Nachdem er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, klebte er kleine Daumen-hoch-Post-its an die ausgesuchten Stücke. Dunkle Jeans, weißes Hemd, nicht eng anliegend, sondern etwas weiter – erweckte seiner Meinung nach den Eindruck von Gelassenheit –, dazu von Carlo Colucci einen etwas helleren Pulli als die Jeans. Als Schuhe würden seine sandfarbenen Chukka Boots dienen, obwohl er persönlich edleres Schuhwerk vorgezogen hätte. Schenk jedoch hatte gemeint, ein Web-Designer solle nicht allzu streng auftreten – geistige Freiheit und Kreativität und so –, also nicht zu geschniegelt, eher leger, am besten so, dass man die Hochwertigkeit des Getragenen erst beim zweiten Blick bemerkte und das Locker-Flockige im Vordergrund stand.
Locker-flockig … Einer von Schenks favorisierten Ausdrücken. Nein, nicht Schenk, sondern Jens. Gestern, am Montag, hatte Schenk ihm, Leo, das Du angeboten. Zufälligerweise am selben Tag, als WrapIt!, ein großer Disponent von Convenience Food, an Schenks Webdesign-Büro mit dem Auftrag herangetreten war, die Firmenhomepage neu zu gestalten. Zudem hatte man darauf bestanden, dass Leo sich der Sache annehmen solle, was ohne Wenn und Aber daran lag, dass er vor einem Jahr für ein Subunternehmen von WrapIt! ein neues Design konzipiert hatte, das auf Anklang gestoßen war. Zusätzlich zum Du hatte Schenk … Jens ihm eine saftige Prämie in Aussicht gestellt. Die würde er in die Sondertilgung des Apartments buttern.
Momentan lief alles wie am Schnürchen.
Er sah zur Schublade, seufzte – und ging erst einmal zum Couchtisch. Nachdem er das Lederetui des Tablets aufgeklappt hatte, wischte er mit dem Zeigefinger über das Display, löste die Sperre und tippte auf das Icon, das er ganz nüchtern und simpel „Wohnung“ genannt hatte. Dahinter verbarg sich jedoch weit mehr. Er lächelte, als er eine Übersicht über alle Elektrogeräte erhielt, in abfallender Reihenfolge alphabetisch sortiert nach den verschiedenen Einsatzgebieten: Bad, Beleuchtung, Entertainment, Heizung, Küche. Hinter jedem Subbereich leuchtete ein grüner Haken. Keine Fehlermeldungen oder dergleichen.
Sehr gut!
Mittels eines Knopfdrucks auf das Rollladen-Icon ließ er alle Jalousien nach unten, doch nicht ganz, sondern „Auf Halbmast“, wie er die Stellung genannt hatte, in der die Rollos zwar ganz unten waren, aber zwischen jedem Paneel der durchbrochene Zwischenbereich sichtbar war. Bei „Schotten dicht“ kam er sich eingesperrt vor.
Anschließend drückte er das Icon für die Beleuchtung und entschied sich für „Schummerlicht“. Zuletzt aktivierte er die Soundsteuerung, wählte, obwohl langsam nasskaltes Herbstwetter die Herrschaft an sich riss, den Titel „Primavera in Anticipo“ von Laura Pausini und James Blunt. Normalerweise frönte er Musik der etwas härteren Gangart, doch der verfrühte Frühling, den die Italienerin und der Ex-Soldat besangen, brachte eine Saite in ihm zum Klingen. Erfolg im Job, eine glückliche Beziehung und als Sahnehäubchen dieses wunderbare Apartment in München-Schwabing. Das Lied nachpfeifend, nahm er ein Glas und schenkte sich einen Torfwhisky ein, der ihn trotz Rabatt über hundertfünfzig Euro gekostet hatte. Aber das durfte auch mal sein.
Er schickte das edle Destillat in seinem Mund hin und her, es rauschte von einer Backe in die andere, dann schluckte er, seufzte und schloss die Augen. Man schmeckte den Torf sogar, nicht aufdringlich, sondern als sanften Nachhall im Mundraum. Zwei weitere Schlucke, und das Glas war leer. Er stellte es zurück, ließ sich in die Couch sinken und griff abermals zum Tablet, um den Terminkalender zu checken. Nachdem er „Primavera in Anticipo“ in die Endlosschleife geschickt hatte, rief er den morgigen Tag auf – obschon er auswendig wusste, dass das Meeting mit WrapIt! um zehn Uhr vormittags anberaumt war. Trotzdem beruhigte es ihn, es vor sich zu sehen.
Mittwoch, vierzehnter Oktober, zehn Uhr – Meeting WrapIt!
Schwarz auf Weiß.
Morgen würde er zwei U-Bahnen früher fahren, falls etwas dazwischenkam, Weichenstörung oder Motorschaden oder was auch immer. Somit würde er es – gesetzt den Fall, dass wirklich etwas schief ging – auch rechtzeitig mit dem Rad schaffen. Und Taxis gab es ja auch noch. Sein Auto hatte er Babsi geliehen, weil ihres in der Werkstatt war. Zwar hätte er sie morgen gern dabei, aber den Urlaub hatte sie bereits vor längerer Zeit eingereicht.
Kein Ding.
Das Meeting war eh so gut wie geritzt, da er vorgearbeitet hatte. Zwar stand das Design der Homepage nicht im Detail, doch hatte er seine Idee skizzenhaft für eine Power-Point-Präsentation aufbereitet. Alles easy in Brendisi, wie Erkan und Stefan zu sagen pflegten.
Was stand sonst an diese Woche?
Beruhigend glanzlos materialisierte sich der Donnerstag: Ganz normal in die Arbeit, danach Fitnessstudio, so wie heute auch. Freitag ebenfalls in die Arbeit und dann …
Er schluckte, sah zum leeren Whiskey-Glas und schaltete die Musik ab. Mit pochendem Herzen stand er auf, ging zur Bar und goss sich erneut ein, diesmal von einem preiswerteren Schnaps. In einem Zug stürzte er den Inhalt herunter, verzog das Gesicht und atmete tief durch. Dann schaute er nochmals auf den Kalender.
Scheiße!
Freitagabend ins Krankenhaus, um die Frau zu besuchen, die im Koma lag.
Seit mehr als zwanzig Jahren.
Seit der … Sache damals.
Er presste beide Zeigefinger solange gegen die Schläfen, bis der Schmerz die erblühenden Gedankenknospen zerdrückte. Vergangenes war vergangen, Ungeklärtes weiterhin ungeklärt.
Damit hatte er überhaupt kein Problem. Nicht im Geringsten.
Er ließ die Rollladen hochfahren, da er mit einem Mal das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen. Ein Kribbeln sauste die Wirbelsäule entlang wie hundert Spinnenbeine. Mit einem Laut des Unmuts stand er auf, ging zum Fenster bei der Küche, öffnete es und sog bei geschlossenen Augen die kühle Abendluft ein. Endlich beruhigten sich Herzschlag und Atmung. Er trat zurück, öffnete die Augen und ließ den Blick über das Weichbild Münchens schweifen.
Wie ein Schutzschild aus Licht wölbte sich eine diffus leuchtende Kuppel in den Abendhimmel, das Streulicht der Laternen, Autoscheinwerfer und Hausbeleuchtungen. Nach oben hin wurde die Lichtstreuung in Nuancen schwächer, bis das Schwarz der Nacht sie auffraß, die Nacht, die nur darauf zu lauern schien, ihr kaltes, lichtloses Maul über München zu stülpen.
Leo schüttelte den Kopf. Ein kaltes, lichtloses Maul, das München auffressen wollte – was für ein Schwachsinn!
„Weiter so, Leo“, sagte er. „Ist clever von dir, diese Nacht überhaupt nicht schlafen zu wollen!“ Zu laut und zu grell schlug ihm die eigene Stimme ins Ohr, klang viel dissonanter als eine just in diesem Moment aufplärrende Hupe von der Straße. Unwirsch schloss er das Fenster und wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab. Sie waren feucht.
Angstschweiß.
Er ließ die Rollläden wieder herunter, Halbmast.
Angst vor der Nacht.
Die letzten Nächte hatte er für seine Verhältnisse geradezu märchenhaft gut geschlafen. Dieses Mal würde es anders werden.
Er wollte das nicht.
Aber er wusste es, weil er es spürte. Er spürte es an diesem seltsamen Pulsen im Körper, als würde schwarzes Licht durch die Adern summen. Der Alptraum erhob sich bereits und schickte sich an, seine Klauen in Leos Seele zu bohren.
Mein Leben kann ich kontrollieren, dachte er, nicht jedoch meine Träume.
Obwohl, selbst das hatte er versucht, begleitet von Entspannungs- und Atemübungen. Er hatte es nachgelesen: Mit Training konnte man seine Träume beeinflussen, ihnen eine andere Richtung geben.
Ha!
Genauso gut könnte er versuchen, einen heranpreschenden Güterzug mit bloßen Händen zum Entgleisen zu bringen.
Leo schüttete Whiskey nach, wippte den Kopf in den Nacken und stürzte ihn sich in den Rachen. „Bah!“ Er stand auf und begann herumzulaufen, hatte den Drang, in Bewegung zu bleiben.
Ein Piepen aus dem Bad. Es klang nach Aufforderung.
Nach Rettung.
Er eilte zur Waschmaschine und stierte auf das in roten Lettern leuchtende END auf dem Display. Mit einem Schlag meinte er, das Schicksal wollte ihm einen Wink geben.
END.
Für was stand dieses Ende?
Das Ende seines Alptraums?
Wäre zu schön, um wahr zu sein …
Oder für ein anderes Ende, eines, vor dem ganz sicher kein HAPPY stehen würde?
„Bleib bei deiner Routine, Idiot!“, zischte er, drehte den Zulauf zur Waschmaschine zu, räumte die Trommel leer, stopfte alles in den Trockner, knallte die Ladetür zu und drückte auf START.
Viel besser als END.
Er lachte kurz in seinen Ärmel, dann begab er sich zurück zur Couch und goss sich erneut ein. Er hob das Glas und prostete der Bar zu.
„Auf die Koma-Tante!“, sagte er laut und trank. „Auf dass du irgendwann endlich aufwachst!“
Er sank in die Rückenlehne, stellte das leere Glas auf sein Knie, wollte sich auf den Schliff konzentrieren, kleine Vierecke, sowie auf den Schriftzug des Herstellers, der schwarz unter der Tülle prangte. Doch seine Augen gehorchten ihm nicht, alles verschwamm. Er gab es auf und seufzte. „Aufwachen sollst du! – und mir endlich erzählen, was genau passiert ist!“
Oder besser doch nicht?
Nichts wäre ihm lieber, als alles aus sich herauszuschneiden, was mit Damals zu tun hatte.
Mit dem Unfall.
Mit dem Kampf?
Mordanschlag mit Bombe?
Zufällige Explosion von irgendwas?
Mit dieser Sache eben …
Niemand hatte eine Ahnung, was genau abgelaufen war, am allerwenigsten die Polizei, trotz Spurensicherung und dem ganzen Brimborium. Nicht mal den winzigsten Rückstand eines winzigsten Rückstands von Sprengstoff hatte man gefunden.
Nichts.
Nada!
Dafür allerdings vier Leichen nebst einer bewusstlosen Frau, die wenig später ins Koma fallen würde, sowie zwei Kinder, eines sieben, das andere vier Jahre alt.
Leo dachte an seinen älteren Bruder, doch gnädigerweise watete sein Verstand im Moment wie durch Schlamm, alles verquickte sich zu einem undurchsichtigen Potpourri. Und das war gut. Denn er wollte nicht an Bernhard denken.
Er schloss die Augen.

 *

Ein Piepen.
Leo erschrak und richtete sich auf.
Berstendes Glas, er spürte, wie die Splitter gegen seine Füße spritzten und sich auf dem Schiffsparkett verteilten.
Das Glas, das er auf dem Knie abgestellt hatte …
„Bullshit!“
Einige Bruchstücke waren bis zur Kochinsel geschlittert. Hinter Leos Schläfen pochte es sacht, während er aufstand und Acht gab, nicht in eine Scherbe zu treten. Er holte Handbesen und Schaufel, kehrte alles zusammen und schüttete es in den Abfalleimer. Dann aktivierte er den Saugroboter, der aus der Ladestation schnurrte und sich an die Arbeit machte, die letzten hauchfeinen Splitter aufzusaugen.
Leo ging ins Bad, beförderte die Wäsche in den Korb in der Badewanne und begab sich, nachdem er dem Roboter einmal hatte ausweichen müssen, zum Bett.
Dachte an die wunderbaren Stunden mit Babsi, die er darin erlebt hatte.
Blendete jene Momente aus, in denen er mitten in der Nacht aus dem Schlaf gefahren war, einen Schrei auf den Lippen.
Er schlüpfte aus Jeans und Pulli, warf beides einfach zu Boden und legte sich auf die Matratze.
Stierte nach oben.
Die Deckenspots, obwohl runtergedimmt, stachen in seine Augen. Er drückte den Lichtschalter neben dem Bett.
Wohltuende Dunkelheit, nur durchbrochen vom roten Blitzen des Anrufbeantworters.
Er sollte schlafen, damit er morgen fit war. Zuerst jedoch die hingeworfene Kleidung aufräumen.
Ordnung.
Disziplin.
Kontrolle.
Grundfesten, an denen er sein Leben vertäuen musste, um nicht haltlos in den Wahnsinn zu treiben.
Wenn schon nicht über seine Träume, dann wenigstens Macht über die wachen Stunden. Das war wichtig.
Kontrolle.
Dieser Pfeiler hatte ihn getragen auf seinem Lebensweg. Er hatte bereits viel geschafft für jemanden, der nicht wusste, woher er stammte, wer seine Eltern waren. Der im Waisenhaus groß geworden war, dann bei einer Pflegefamilie. Er hatte immer gewusst, dass einzig und allein Strebsamkeit sowie eiserner Wille zum Erfolg führten. Klassenprimus, top Abschluss als Designer, nun ein Job bei einem renommierten Grafikbüro.
Nur dort ließ er seiner Fantasie die Zügel schießen.
Und nur dort brachte es ihm etwas ein.
Den Rest beherrschten starre Riten, damit er nicht abdriftete. So wie sein Bruder Bernhard. Den hatte die Vergangenheit in die Knie gezwungen. Eine Vergangenheit, von der sie beide nicht einmal wussten, wie genau die aussah.
Grotesk.
Und doch, so war es.
Er sollte die unordentlich hingestreute Kleidung aufräumen. Mit einem Ächzen schwang er die Beine aus dem Bett. Aber er konnte sich nicht erheben, war ermattet, als wäre all seine Kraft, all seine Energie mit einem Schlag verpufft. Er fühlte sich wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon, der vor Lebensfreude schillernd in der Luft schwebte – und im nächsten Moment einfach zerplatzt war.
Beruhig dich, Leo, du hast einfach zu viel getrunken. Daran liegt es. Morgen sieht die Welt wieder anders aus …
Er sank zurück aufs Kissen.

*

Mit einem unterdrückten Schrei fuhr er in die Höhe und schlang Luft in die Lungen, ehe er panisch um sich schlug.
Er musste die Flammen ausklopfen!
Wo war er?
Orientierungslos flog sein Blick von einer Ecke in die andere. Dünne Streifen aus mattem Licht zwängten sich durch die Jalousien.
Keuchend entwich sein Atem.
Alles gut.
Ein intermittierendes rotes Leuchten zuckte über die Wände, über den großen Fernsehbildschirm, über die Decke, über seine nackten Beine. Langsam drehte er den Kopf und schaute zum Nachtkästchen, auf dem das blinkende Mobilteil sowie der Funkwecker standen, dessen Display gerade eine Minute weiterhüpfte: ein Uhr einundvierzig. Immerhin, er hatte ein bisschen geschlafen. Allerdings brummte sein Kopf in auf- und abschwellender Lautstärke, als wollte jemand einen Lastwagen mit defekter Batterie unter der Schädeldecke starten.
Dann durchfuhr es ihn siedend heiß – er hatte vergessen, für morgen Früh den Alarm zu stellen!
Ein unverzeihlicher Lapsus!
Obwohl er sich genauso zerschlagen fühlte wie vor dem Einschlafen, rollte er sich zum Wecker und stellte diesen auf sieben Uhr. Anschließend quälte er sich aus dem Bett, tapste im Dunkeln zum Tablet-PC und aktivierte ebenfalls den Weckruf. Ihm war kalt.
Gänsehaut, ein Kribbeln sauste über die Unterarme.
Er schleppte sich zurück zum Bett, sank aufs Laken, drapierte die Decke über den Körper – und schaute direkt in das rote Leuchten.
Mit einem unwilligen Knurren rollte er sich auf die andere Bettseite, doch das blitzende Licht schien sich, einem Laser gleich, selbst durch geschlossene Augenlider zu fräsen.
An, aus, an, aus …
Mit einem Fluch drehte er sich wieder herum und drückte die blinkende Taste.
„Sie haben zwei neue Nachrichten“, sagte eine unterkühlte Frauenstimme leicht abgehackt. „Erste Nachricht, heute, um siebzehn Uhr dreißig.“
Ein Knacken.
Abermals eine Frauenstimme – die gottseidank alles andere als unterkühlt war und Leo ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
Babsi.
„Hi, Schatz“, begann sie fröhlich, klang danach jedoch ein wenig zerknirscht. „Ich weiß, du magst keine AB-Ansagen, aber ´ne E-Mail schreiben ist doch auch irgendwie doof, oder?“ Sie kicherte, dann: „Also, mir geht es gut und meinen Eltern auch. Habe mich bislang gut erholt – nur in dein Auto habe ich eine Beule gefahren.“
Stille.
„Kleiner Scherz!“
Er lächelte.
„Bin heute spazieren gegangen, dann ein bisschen Fern gesehen mit Mama. Werde jetzt lesen und danach ab in die Heia. Wollte dir nur sagen, dass ich an dich denke und dir für morgen ganz fest die Daumen drücke. Kannst ja anrufen, sobald du vom Sport wieder da bist. Ich bin so bis zehn wach. Dicker Schmatzer und Tschüss!“
Nun ja, für einen Rückruf war es jetzt etwas spät …
„Zweite Nachricht, heute, siebzehn Uhr fünfundfünfzig“, schnarrte wieder die schlecht gelaunte Stimme des Anrufbeantworters.
„Grüß Gott, Herr Falkenthal, Professor Guthahn hier.“
Leo durchzuckte es wie bei einem Stromschlag.
„Es geht, wie Sie sich denken können, um Ihren Bruder.“ Ein Räuspern. „Leider hat sich sein Zustand verschlechtert. Er ist kaum ansprechbar, scheint nun ganz in seiner eigenen Traumwelt zu leben. Manchmal verhält er sich den Pflegern gegenüber aggressiv, weswegen ich mich gezwungen sah, die Medikation zu erhöhen. Sollte die Symptomatik Ihres Bruders unseren Angestellten gegenüber in Häufigkeit und Heftigkeit zunehmen, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als ihn fixieren zu lassen. Ich bitte Sie hiermit dringend, so rasch wie möglich einen Termin mit mir zu vereinbaren, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Meine Nummer haben Sie ja. Ich wünsche Ihnen noch einen schön…“
Hastig betätigte Leo eine Taste.
„Nachricht gelöscht.“
Das rote Lämpchen war erloschen. Aber das half jetzt auch nicht.
So eine verdammte Scheiße!
Wieso musste sein Bruder dermaßen durchknallen?
Warum hat er es nicht so gemacht wie ich? Die Vergangenheit ruhen lassen und versuchen, sich ein Leben aufzubauen, das einen erfüllt?
Ein erfülltes Leben.
Leo rollte sich auf den Rücken und raffte die Decke bis zum Kinn hoch.
Habe ich ein erfülltes Leben?
Leider wusste er keine Antwort darauf. Objektiv gesehen gab es außer diesem vermaledeiten Alptraum nichts zu klagen. Hieß das im Umkehrschluss, dass die Abwesenheit von akuten Nöten gleichbeutend mit Glück war?
Mit Erfüllung?
Leo tat das, was er ansonsten zu vermeiden suchte: Er dachte über sein Leben nach, sah es kurz wie von weit oben, ähnlich einem Falken, der auf einer Thermik ritt.Er sah einen dunkelblonden jungen Mann, sportlich, gut gekleidet, der sich in alles stürzte, was ihn davon ablenkte, innezuhalten und nachzudenken. Der einem Traum hinterherhetzte, den er nie wirklich geträumt hatte – weil er im Grunde gar nicht wusste, wie dieser Traum aussah. Der einem Lebensglück nachstolperte, das er nie für sich definiert hatte.
Trotz seiner Wohnung, seines Refugiums, in dem er nach Belieben schalten und walten konnte, in dem er alles kontrollierte, in dem ihm nichts entging war er ein Mann auf der Flucht.
Auf der Flucht vor einem Alptraum.
Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit.
Sosehr er es auch wollte – es gab keinen Weg, beidem vollends zu entrinnen. Ein Anruf aus der Heilanstalt, in der sein Bruder untergebracht war, und er geriet ins Taumeln.
Leo blinzelte, schluckte und kämpfte gegen den heißen Druck in seinen Augen. Er atmete ein, was wie ein Stöhnen klang, und krampfte die Finger ins Bettlaken. Das Blut brauste in den Ohren.
Er aktivierte den Anrufbeantworter.
„Eine alte Nachricht, heute, siebzehn Uhr dreißig: Hi, Schatz …“ Er lauschte Babsis Stimme, die Anspannung fiel von ihm ab, die Finger lockerten sich, er atmete gleichmäßiger. Dreimal hintereinander spielte er sie ab. Vielleicht war Babsi die Rettung. Sie tat ihm gut, ließ ihn vergessen, was vergessen gehörte.
Er griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein: An Schlaf war im Moment nicht zu denken. Ein bisschen berieseln lassen, dann dösen und die Sache mit WrapIt! durchziehen. Das würde ihm neuen Schub geben. Einen Schub in die Zukunft. Über seinen Bruder und die komatöse Frau im Krankenhaus konnte er sich nach dem Meeting den Kopf zerbrechen.
Der Bildschirm zeigte einen Löwen, der stolz durch ein ausgetrocknetes Flussbett schritt, in der Ferne, schimmernd und verschwommen, eine Herde Antilopen, die bereits drauf und dran waren, Reißaus zu nehmen. Leo wechselte den Kanal zu einem anderen Nachrichtensender.
Ebenfalls eine Doku.
Der Titel: Gefahr aus dem All – Invasion der Aliens!
Leo verzog den Mund, wollte bereits weiterschalten, als ihm die Kinnlade runterklappte.
Da war Mario, ein Freund aus Studientagen!
Verkleidet mit einem Storm-Trooper-Kostüm von Star Wars – lediglich einen Helm trug er nicht –, grinste er in die Kamera und rief radebrechend etwas in Englisch, das mit deutschem Untertitel unterlegt wurde: „Lasst die Aliens ruhig kommen. Mit Professor Kamisukas Ideen werden wir ihnen ordentlich einheizen!“
Leo wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte, denn Marios dickglasige Brille konterkarierte das martialische Sturmtruppen-Outfit, machte die Aufnahme zum Slapstick. Nun drängten sich weitere Space-Opera-Jünger ins Bild, johlend, lachend. Sie schwenkten Lichtschwerter und groteske Zukunftspistolen schauträchtig über dem Kopf. War Mario für dieses Märchentheater extra nach Amerika gereist? Wie es aussah, ja.
Schnitt.
Der erwähnte Professor, Kamisuka, wohl Japaner oder Koreaner, erschien nun, im Hintergrund eine Bedienkonsole wie aus dem Todesstern. Darüber glühte ein Bildschirm in Taubenblau. Die Kamera zoomte hinaus, zeigte den Professor und vor ihm einen Halbkreis aus Leibern: die Verrückten der vorigen Aufnahme. Leo erkannte Mario sofort, er stand ganz zuvorderst, sein Blick auf Kamisuka gerichtet, der einen Knopf drückte. Der Bildschirm flackerte und zeigte abgedrehte Designs von Bomben, Raketen, Strahlenwaffen und von Planeten, deren Umlaufbahnen man nutzen könne, um Sprengköpfe zu beschleunigen, die den Alien-Invasionsschiffen den Garaus machen würden.
Nach der Demonstration lachte der kleine, kauzige Professor wie ein Kind, dem man Zuckerwatte geschenkt hatte. Er wirkte tatsächlich vollkommen überzeugt von diesen hanebüchenen Gegenschlagszenarien.
Beifall brandete auf. Die ganzen Nerds jubelten, als hätten sie bereits den Sieg davongetragen, als wäre das Erledigen der Aliens lediglich Formsache.
Leo grinste breit, während er an Mario dachte, das Mathe- und Physikgenie, vom Studium gnadenlos unterfordert, das seine ganze Kraft in Computerprogrammierungen und Internet-Foren steckte, in denen es sich mit Gleichgesinnten, sprich Durchgeknallten austauschte. Gut möglich, dass eine der von Kamisuka aufgegriffenen Ideen zur Abwehr der Alien-Bedrohung Marios Hirnwindungen entsprungen war.
Seiner flippigen Ansichten und Hobbys ungeachtet, war Mario ein feiner Kerl, ein liebenswerter Freak. In diesem Moment bereute Leo es, dass er den Kontakt hatte einschlafen lassen. Dafür hatte er jetzt Babsi und ein paar Arbeitskollegen, mit denen er sich alle zwei, drei Wochen zu einem lockeren Plausch und ein paar Bier in irgendeiner Kneipe traf. Mehr Sozialkontakt brauchte er nicht.
„Wir dürfen nicht glauben“, sagte Kamisuka in seiner Abschlussrede, die Präsentationshalle außer ihm nun leer, „dass wir allein sind im Universum. Ich habe es Ihnen anhand der Drake-Formel erklärt: Neben der unsrigen existieren unzählige weitere Zivilisationen im Kosmos. Eines Tages werden wir auf sie treffen. Das ist nur eine Frage der Zeit.“ Die Kamera zoomte heran, und Kamisukas Gesicht wurde finster. „Sollten sie uns feindlich gesonnen sein, müssen wir uns wappnen – sonst werden sie uns auslöschen und unseren Planeten übernehmen!“
Schwarzer Bildschirm, Abspann. Leo wartete auf Marios Namen, der ungefähr in der Mitte auftauchte: Mario Ristmeier. Tatsächlich, es war in Dallas aufgenommen worden, Texas. Leo schüttelte den Kopf. Dann, urplötzlich, verspürte er einen Anflug von Neid auf Mario, weil dieser etwas hatte, für das er brannte, lebte, atmete, und mochte es noch so abgefahren sein.
Was habe ich? Lediglich ein von starren Routinen beherrschtes Leben, das mich in der Bahn hält.
Nein. Er hatte Babsi – und einen guten Job. Das war mehr, als viele andere Menschen ihr Eigen nennen konnten. Er durfte sich glücklich schätzen.
Nach einer kurzen Werbepause folgte eine weitere Doku: „Mediale Fähigkeiten: Der Blick in andere Welten.“
Eigentlich wollte Leo wegschalten, doch spürte er eine sanfte Welle von Müdigkeit, die durch seinen Körper rollte. Besser, er schaute sich diesen Käse an als irgendetwas anderes, das ihn womöglich wirklich interessierte und den Schlaf auf Abstand hielt. So ergab er sich einem Wirrwarr aus Interviews, in denen komische Menschen mit komischen Kleidern und komischen Frisuren komische Äußerungen tätigten.
„Wenn ich in den Wald gehe und mich konzentriere, sehe ich manchmal Fabelwesen, meist Feen oder Elfen.“
Aha, alles klar.
„Ich analysiere die Aura eines Menschen. Dadurch kann ich feststellen, ob ihm etwas fehlt.“
Natürlich.
„Die Toten sprechen zu mir“, sagte eine andere Frau.
Ja, dachte Leo, und zwar deine toten Gehirnzellen.
Quintessenz des Ganzen: Es gab viel mehr, als das bloße Auge sah.
Gähn!
All dies war nicht mehr als ein weiterer unbedeutender Wellenschlag im großen und vor allem abstrusen Ozean der Esoterik und Scharlatanerie. Auch wenn er sich in diesem Bereich überhaupt nicht auskannte, hörte er, so er darüber stolperte, ständig dasselbe groteske Sammelsurium aus Nahtoderlebnissen, Auren, Fabelwesen und so weiter.
Gab es Beweise?
Fakten?
Wissenschaftliche Erhebungen, die derartige Behauptungen auch nur ansatzweise untermauerten?
Nein.
Viele Leute konnten offenbar nicht damit umgehen, dass die Welt eben war, wie sie war: ungerecht, den Gesetzen der Physik unterworfen – und ganz und gar ohne Magie oder dergleichen.
Mario würde sofort widersprechen, selbst wenn der weniger auf Magie oder ähnlich gearteten Firlefanz abfuhr, sondern auf die Theorie von Multiversen und weiteren Dimensionen. An Aliens glaubte er offensichtlich auch. Ein Träumer und Spinner, der lediglich in eine andere Richtung feuerte als Pseudo-Schamanen. Trotzdem endeten all diese Spekulationen dort, wo sie hingehörten.
Im Nichts.
Ach ja, Leo? Wo kommst du her? Was ist damals passiert? Welche Erklärung gibt es für den Vorfall von damals? Welche rationale Erklärung?
„Die Polizei war einfach zu doof, es herauszufinden“, knurrte er und schaltete den Fernseher aus, sonst würde er sich zu sehr aufregen über diesen ganzen Hokuspokus.
Er atmete tief durch und schloss die Lider.
Wartete auf den Schlaf.
Auf den Alptraum?

ENDE DER LESEPROBE

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JRezensionen:

Amazon:

  • Gekauft und an einem Wochenende gelesen, es ist eine tolle Mischung von Magie, Fantasy und realer Welt. Auf dem Cover und im Buch geht es (nicht nur) um den Mottenmann, der ein Fabelwesen aus dem Amerika der 1960er Jahre ist. Das Buch spielt aber in unserer Zeit und ist zunächst in unserer Welt angesiedelt, erst langsam kommen Anspielungen und später Ereignisse aus der magischen Welt (...) Das Buch ist sprachlich sehr gut gelungen und liest sich gut und flüssig. Es geht zunehmend zur Sache und hat ein paar unerwartete Twists bis zu einem echt gelungenen Schluss(5 / 5 Sterne)
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Operation Thule

Ein deutsches Sonderkommando im Zweiten Weltkrieg, eine alte Steintafel - und viel Action!
Erscheinungsjahr: 2020
ISBN: 978-3-949821-04-2
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Ein mysteriöser Sonderbefehl der deutschen Heeresleitung schickt eine Gebirgsjägereinheit auf ein Himmelfahrtskommando.

Die Soldaten Konrad Hartmann und Daniel Kemper werden nach Finnland abkommandiert. Dort beteiligen sie sich an der deutschen Großoffensive gegen die Sowjetunion.
Rasch jedoch wird den beiden Freunden klar, dass ihr eigentlicher Auftrag ein ganz anderer ist. Ihre Eliteeinheit setzt sich ab, angeführt von SS-Obersturmbannführer Rudolf Krieger und einer seltsamen Frau, die über noch seltsamere Fähigkeiten verfügt.

Obskure Hinweise auf einer Steintafel aus den Zeiten der Wikinger; zwei Raben, die nur von wenigen gesehen werden; undurchdringlicher Nebel, der nicht nur die Sinne narrt - sondern auch die Zeit verschiebt?
Konrad und Daniel stolpern von einer Gefahr in die nächste und schlussendlich auf einen Pfad, den eigentlich kein Sterblicher betreten sollte …

Zweiter Weltkrieg trifft auf nordische Mythologie – ein hartes, explosives Gemisch voller Überraschungen.

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HLeseprobe:

KAPITEL 1

10. April 1940 – Oslo, Norwegen

Kristoffer Andersson blickte aus einem der Bogenfenster des Historischen Museums. Eine Hand lag auf dem Sims, die Finger der anderen zupften an seiner Unterlippe herum, während seine Augen den sporadischen Leuchtspurlinien der norwegischen Maschinengewehre folgten, die sich im Nachthimmel verloren. Zu ihnen gesellte sich der Lichtblitz einer explodierenden Flakgranate. Für einen Herzschlag erhellte das gleißende Zucken einige dutzend Fallschirme, die wie fliegende Pilze nach unten schwebten.
Das wird die Deutschen niemals aufhalten!, dachte er verzweifelt und versuchte die Trockenheit in seiner Kehle wegzuschlucken. Der zweite Tag seit den ersten Bombenangriffen – und Norwegen scheint verloren!  
Er räusperte sich, löste die Hand von der Unterlippe, drehte sich herum – und wäre beinahe mit Fredrik kollidiert, der hinter ihm stand und das Geschehen ebenfalls verfolgte.
Fredriks grauer Schnurrbart zitterte, als er sagte: „Das können wir nicht schaffen.“ Ein Seufzen, und seine Schultern sackten nach unten. Der Frack, der sich normalerweise über dem stattlichen Bauch spannte, hing nun lose um seine Gestalt. Überhaupt schien der ganze Mann geschrumpft, zusammengestaucht von der Furcht, die Schätze hier zu verlieren.
Kristoffer klopfte seinem Vorsteher und Freund auf die Schulter und schob sich an ihm vorbei in den Gang, der zum Ostflügel führte. Seine Schritte erzeugten ein hallendes Pochen auf den Marmorplatten. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, tastete sein Blick liebevoll über die Sammlung: Wikingerhelme, Schilde und Schwerter, pfleglich konservierte Holzplanken aus den berüchtigten Drachenbooten …
Ein Schuss.
Kristoffer wirbelte herum.
Dann noch einer, und noch einer, bis von anderswo das ratternde Stakkato eines Maschinengewehrs antwortete. Es klang so nah, als würde hier im Museum gekämpft.
Wieder ein Feuerstoß.
Durch eines der Fenster drang unstetes Flackern, wie von einer defekten Glühbirne, nur viel schneller. Ein Schrei, danach Stille. Kristoffer ließ seinen angestauten Atem entweichen und ging weiter. Jedes dieser Ausstellungsstücke hatte seine eigene Geschichte. Zusammengenommen bildeten sie ein Buch, das Ereignisse und Fundorte im Gedächtnis verband.
Einzig die Erinnerung daran würde ihm bleiben. Er prägte sich alles ein. Nur im Geist wäre es möglich, das Museum dereinst in seiner ganzen Pracht zu durchwandern, denn die Deutschen würden kommen, und sie würden sich gütlich an dem tun, das zusammenzutragen Fredrik und er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten. Kunstraub war eine der Lieblingsbeschäftigungen der Hakenkreuzler.
Kristoffer schloss die Augen und sog den Duft des Museums auf: altes Holz, vermischt mit einem Anhauch von Staub, der zu einem Museum gehörte wie guter Wein zum Essen, dazu das leicht Muffige der erhaltenen Kleidungsstücke. Sogar das Metallische der Schwerter meinte er zu riechen.
„Kristoffer!“
Fredriks Ruf riss ihn zurück in diese schreckliche Nacht, und das Rattern und Krachen des Kampfes zerfetzte den flüchtigen Moment Erinnerungsseligkeit.
„Ja?“
„Ein Fahrzeug! Vor dem Museum!“
Kristoffer eilte zurück. Auf halbem Weg begann er zu humpeln, da sein Knie schmerzte, das er sich bei einer Ausgrabung nahe Trondheim verrenkt hatte.
Fredrik riss den linken Flügel des Eingangstores auf. „Es ist Sondre!“
Kristoffers Schritte wurden langsamer, gleichzeitig beschleunigte sich sein Herzschlag.
Was macht Sondre denn noch hier?
Gerade stolperte der junge Schlacks herein, schrecklich anzusehen in seiner zerrissenen Hose und dem nassen, schlammverschmierten Hemd. Die Hände auf die Knie gestützt, schöpfte er keuchend Atem.
„Was ist passiert?“, fragte Kristoffer mit enger Kehle. „Warum bist du nicht über alle Berge?“
„Die … Deutschen“, japste Sondre und wandte Kristoffer sein schmales Gesicht zu. Seine Augen zuckten wie die eines Kaninchens, dem eine Meute Jagdhunde nachhetzte. „Überall … Kein Durchkommen … Haben es querfeldein versucht  … Wären um ein Haar stecken geblieben.“
Kristoffer zerwühlte wieder seine Unterlippe. „Dann … dann bring es wieder rein!“
Er blickte Sondre nach, wie er die Stufen hinabstieg und zu dem Laster eilte. Die Perlschnüre des Regens jagten nach unten wie tausende Silbernadeln, beleuchtet vom Mond oder dem Flakfeuer. Täuschte er sich, oder befanden sich einige Einschusslöcher in der Karosserie des Lasters? Zusammen mit seinem Freund Marius, der im Laster gewartet hatte, klappte Sondre den Verschluss der Ladefläche nach unten und zog unter lautem Ächzen den in ein großes Tuch gewickelten Gegenstand zu sich heran. Er hatte die Größe einer Tischplatte, und Sondre und Marius schnauften, als sie ihn die Stufen nach oben in das Museum schleppten. Kristoffer schloss das Portal, doch der Knall konnte ein Geräusch nicht ganz ausblenden, das zwischen den Hausfassaden unnatürlich laut klang: das Klirren und Quietschen von Ketten, die über Kopfsteinpflaster ratterten.
„Die Deutschen!“, hauchte Fredrik, und das Blut wich aus seinem Gesicht.
„Die Platte darf ihnen nicht in die Hände fallen!“ Gedanken peitschten durch Kristoffers Kopf wie Querschläger. Wohin damit? Welchen Ort würden die Deutschen nicht finden? Das Museum war groß – aber gab es da ein gutes Versteck?
Der Keller?
Zu offensichtlich.
„Bringt es in den Abstellraum mit unseren Kostümen“, sagte Kristoffer, einem plötzlichen Geistesblitz nachgebend. „Stellt es hinter das Regal mit dem ganzen Krimskrams. Beeilung!“
Vor Anstrengung schnaufend beförderten Sondre und Marius die Steintafel aus der Eingangshalle. Der Ort, an dem sie ihre Verkleidungen für ihr alljährliches Theaterstück über Leif Eriksson verwahrten, würde die Deutschen bestimmt nicht interessieren.
Und wenn doch?
Kristoffer raufte sich die Haare. Da stießen Fredrik und er auf einen sensationellen Fund, brachten ihn ins Museum – und kaum dass sie die ersten Schriftzeichen halbwegs entziffert hatten, kamen die Deutschen!
„Bleib ruhig, Kristoffer“, sagte Fredrik und lächelte, was neue Furchen in sein Gesicht legte. „Wir dürfen uns nichts anmerken lassen.“
„Du hast recht“, pflichtete Kristoffer bei und unterdrückte den Griff zur Unterlippe. „Trotzdem …“
„Ich weiß. Du sitzt hier, wartest und bist völlig ohnmächtig.“
„Sie werden uns alles nehmen.“
Fredrik seufzte einfach, was mehr ausdrückte als jedes Wort.
Sondre und Marius kehrten zurück, ihre Gesichter schweißgebadet. „Fertig.“
„Gut.“
„Wir müssen noch die anderen Fundstücke holen.“
Kristoffer schluckte. Die Münzsammlung, die Schmuckwaffen und erhaltenen Schriften – all das lag noch auf der Ladefläche.
„Macht schnell!“
„Wohin damit?“
Kristoffers Gedanken überschlugen sich. Die Deutschen würden bestimmt misstrauisch, falls sie nur archäologische Durchschnittsware fänden. „Bringt sie zurück zu ihren angestammten Plätzen.“ Die Steintafel zählte mehr als alle anderen Schätze zusammen. Lieber ein paar Bauern opfern als die Dame.
Sondre stutzte, widersprach jedoch nicht, und winkte Marius her. Sie öffneten den rechten Flügel und liefen gegen den Regen geduckt nach draußen.
Wenige Augenblicke später kehrten sie zurück, langsam, rückwärtsgehend, die Hände über den Kopf gehoben.
Kristoffer schnürte es die Kehle zu, als er Schritte auf der Treppe hörte. Dann betrat die SS das Historische Museum von Oslo: drei Männer in schwarzen Uniformen mit der unverkennbaren roten Armbinde, wo das Hakenkreuz auf weißem Grund prangte. Sie hatten Maschinenpistolen im Anschlag, deren Läufe auf Sondre und Marius zeigten und nun auf Fredrik und Kristoffer schwenkten. Danach kamen weitere Soldaten, die sofort begannen, die Räume des Museums zu sichern.
„Feindfrei“, erklang es nach und nach, woraufhin ein Soldat mit Funkgerät etwas in den Hörer murmelte. Wenig später hörte Kristoffer über das Platschen des Regens erneut Schritte auf der Außentreppe. Ein Mann mit Glatze und blassem Gesicht betrat das Museum. Er blieb stehen, sah sich um, als sauge er die Aura dieses Ortes in sich auf.
Kristoffer widerstand der Versuchung, die Fäuste zu ballen. Die Steintafel werdet ihr nicht in eure dreckigen Finger bekommen!
Dann gefroren seine Gedanken, als der Glatzkopf ihn ansah. Augen so dunkel, dass man die Pupillen nur erahnen konnte; sie waren wie Murmeln, kalt und leblos. Der Mann kam auf ihn zu, langsam, seine Schritte kurz, fast ein Watscheln.
„Kristoffer Andersson, nehme ich an.“ Die Stimme jagte Kristoffer einen Schauer über den Rücken, ungeachtet dessen, dass der Mann leicht näselte und auch der Rest von ihm nicht sonderlich Ehrfurcht gebietend wirkte, die fleischigen Wangen zum Beispiel, oder der ins Dickliche gehende Körper.
„Dass Sie Deutsch sprechen, macht die ganze Sache einfacher“, fuhr der Mann fort. „Studium der Kunstgeschichte in Berlin und Paris, danach der hiesige Kurator und Leiter des Museums. Ein beachtlicher Werdegang.“
Kristoffer fühlte ein Wühlen im Magen, wie nach schlechtem Essen. „Das ist richtig.“
„Ich bin SS-Sturmbannführer Rudolf Krieger. Im Auftrag unseres geschätzten Reichsführers Heinrich Himmler inspiziere ich die Bestände der Museen.“ Seine Lederhandschuhe knirschten, als er eine auffordernde Geste machte. „Nach Ihnen, Herr Andersson.“
Wie von einer unsichtbaren Macht gepackt, drehte sich Kristoffer herum und ging voraus. Hinter sich hörte er die Schritte Kriegers und seiner Schergen. Fredrik begleitete ihn, und das allein gab Kristoffer die Kraft, aufrecht zu gehen und nicht einfach niederzusinken. Er hatte sich vorgenommen, den letzten Gang durch sein Museum mit Würde durchzustehen, aber die Präsenz dieses bleichgesichtigen SS-Mannes brachte ihn aus der Fassung. Lieber wäre ihm ein kerniger Soldat gewesen, aufrecht wie ein Ladestock, mit bellender Stimme und herrischem Gestus, der nur das Kämpfen im Sinn hatte und von Archäologie wenig verstand. Dieser Sturmbannführer allerdings …
Schweigend schritten sie entlang der Ausstellungsstücke. Hier und da blieb Krieger stehen und deutete auf einen Helm oder eine Tonvase, ein Schwert oder eine Skulptur. Kristoffers Anzug klebte schweißnass an seinem Rücken. Der Mann verstand etwas von Archäologie. Leider.
Einen Ausstellungsraum nach dem anderen schritten sie ab, und während der ganzen Zeit sprach niemand, die einzigen Geräusche die Schritte der Soldaten und ein leises Schaben von Papier und Handschuhen, während sie die von Krieger ausgewählten Stücke mit Etiketten versahen.
Den Rundgang erlebte Kristoffer wie in Trance, und der Schmerz in seinem Knie durchdrang die Blase um seinen Geist erst, als sie sich auf dem Weg zurück zur Eingangshalle befanden. Unbeabsichtigt fing er an zu humpeln.
„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Krieger.
„Eine alte Verletzung, die ich mir bei einer Ausgrabung zugezogen habe“, sagte Kristoffer, in dem Versuch, seine Stimme ruhig zu halten. Sie waren an dem Abstellraum vorbei, und weder Krieger noch einer der Soldaten hatte gezögert.
Geh jetzt!, flehte Kristoffer innerlich. Verschwinde!
Krieger blickte ihn unverwandt an.
Kristoffer wurde heiß, doch hielt er dem Blick dieser Augen stand.
Ein Lächeln erschien auf Kriegers Gesicht, als zerrten Angelschnüre an den Mundwinkeln. „Sie schwitzen, Herr Andersson. Dabei ist es hier angenehm kühl.“
„Das mag an der Situation liegen.“
Krieger nickte. „Dann werde ich jetzt gehen.“
Kristoffer wäre vor Erleichterung am liebsten in die Knie gegangen. „Ich wünsche Ihne…“
„Allerdings erst, wenn Sie mir erklärt haben, weshalb vor dem Museum ein Lastwagen steht, der Einschusslöcher hat.“
Kristoffer schluckte. „Nun, in ganz Oslo wird gekämpft, deswegen …“
Wieder lächelte Krieger, diesmal wie ein nachsichtiger Vater, der seinem Sohn zum zehnten Mal erklärte, warum die Sonne im Osten aufging. „Dann noch einmal: Warum steht ein Lastwagen vor dem Museum, der Einschusslöcher aufweist? Und warum liegt auf der Ladefläche ein makelloser Wikingerhelm? Und dazu eine kostbare Münzsammlung? Und Schmuckwaffen? Und in Ölhaut eingewickelte Schriftstücke? Warum ist die Ladeklappe nicht geschlossen, sondern heruntergeklappt?“
Kristoffer fühlte sich wie nach einem Faustschlag ans Kinn. Kriegers Gesicht hüpfte vor seinen Augen auf und ab, und Übelkeit hangelte sich seine Kehle hinauf. Er schluckte mehrmals, konnte aber nicht antworten.
„Ihre Knieschmerzen scheinen so schlimm, dass Sie nicht mehr sprechen können. Auch gut, dann beantworte ich die Fragen für Sie.“ Das Lächeln in Kriegers Gesicht verschwand. „Sie wollten die wertvollsten Stücke ihrer Sammlung in Sicherheit bringen, doch ihre beiden Fahrer konnten den Ring um Oslo nicht durchbrechen – und kehrten somit hierher zurück.“ Kriegers Augen zuckten zu Sondres schlammverkrusteter Hose, ehe sie wieder Kristoffer fixierten. „Ich traf just in dem Moment ein, als die beiden den Laster entladen wollten.“
Ein Schlund tat sich in Kristoffers Gedanken auf und verschlang seine Hoffnung. Nur die Angst hielt sich hartnäckig.
„Bleibt nur eine Frage: Wollten ihre Handlanger gerade das erste Mal zum Laster, um ihn zu entladen? Oder hatten sie bereits etwas zurück ins Museum geschafft?“ Ein Muskel auf Kriegers linker Wange zuckte. „Ich vermute Letzteres. Links auf der Ladefläche stauen sich die Gegenstände. Rechts ist viel Platz. Was mag dort wohl gelegen haben? Vielleicht können Sie mir ja helfen, Herr Andersson?“ Die letzte Frage schnitt sich wie eine Messerklinge in Kristoffers Ohren.
Seine Kehle war zundertrocken. Aus den Augenwinkeln erspähte er Fredriks Gesicht. Er kannte den Ausdruck.
Auf keinen Fall, Kristoffer, sag es ihm auf keinen Fall!
„Sie … Sie täuschen sich, Herr Sturmbannführer“, hörte Kristoffer sich sagen, und noch ehe seine Worte seine Lippen passierten, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte.
„Ihr Unwillen zur Kooperation ist sehr, sehr bedauerlich.“ Langsam glitt Kriegers Hand zu dem Holster rechts an seiner Koppel, und genauso langsam öffnete er den Verschluss und zog seine Pistole. Ein Schnappen, als er sie durchlud, gefolgt vom Klicken des Sicherungshebels.
Kristoffer öffnete den Mund, wollte etwas sagen, als sich der Lauf auf seine Brust richtete. Er schloss die Augen.
Ein ohrenbetäubendes Krachen, das seine Ohren klingeln ließ.
Trotzdem hörte er das helle Klimpern der Hülse auf den Bodenplatten. Ein Beißen in der Nase vom Schmauch. Allein der Schmerz blieb aus; kein explodierender Druck in seiner Brust.
Kristoffer öffnete die Augen und gewahrte eine Bewegung zu seiner Linken.
Fredrik schwankte, ein Seufzen floss über seine Lippen. Er wandte den Kopf in Kristoffers Richtung, ein Ausdruck der Verwunderung in den weit aufgerissenen Augen. Dann kippte er nach hinten und schlug auf.
„Fredrik!“ Sein eigener Schrei rauschte Kristoffer in den Ohren. Entsetzt riss er Fredriks Frack auf. Ein dunkelroter Fleck zerlief auf seinem cremefarbenen Hemd wie eine sich öffnende Rosenblüte.
Zwei Soldaten traten neben Kristoffer, packten ihn an den Schultern und rissen ihn nach oben. Seine tränenblinden Augen machten aus Kriegers Gesicht ein breiiges Rund.
„Du elendes Schwein!“, krächzte Kristoffer. „Du Feigling! Du miese Ratte!“ Er graste sein Gehirn nach weiteren deutschen Beleidigungen ab, doch ehe er eine weitere fand, sagte Krieger: „Schnappt euch den Schlacks und seinen Freund und stellt sie an die Wand.“ Die Stimme war so emotionslos, als hätte er seinen Soldaten befohlen, ihre Stiefel zu putzen.
Kristoffer hörte Sondres Wimmern und die Schritte der Soldaten. Marius flehte um Gnade.
„Warten Sie!“, rief Kristoffer und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich zeige es Ihnen!“
Krieger hob die Hand, und die Soldaten ließen Sondre und Marius los. Die Männer brachen weinend in die Knie.
„Nach Ihnen“, sagte Krieger und deutete mit der Hand an Kristoffer vorbei, in einer getreulichen Nachbildung der Szene von vorhin.
 

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JRezensionen:

Amazon:

  • (...) Hierbei nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund - Kameraden werden durch Granaten in Stücke zerfetzt oder von MG-Kugeln durchsiebt.
    Auch sonst kommt die Action nicht zu kurz und zieht sich durch das gesamte Buch.
    Doch dieser Roman zeichnet sich nicht nur durch bildhafte Action und Blutvergießen aus, sondern auch durch hohe sprachliche Qualität und die spannende Erzählweise, welcher sich der Autor bedient. Hier schließt das Eine das Andere also nicht aus.

    Fazit:
    Ein Roman über die Grausamkeit des Krieges aus der Sicht von Soldaten, Freundschaft und Kameradschaft, Gier und Macht und die geheimnisvolle Welt der Götter Odin, Loki & Co.
    Dies alles kombiniert mit Action, Spannung und in einer schönen Sprache erzählt.

    Ich bin immer auf der Suche nach neuen Autoren mit neuen Ideen und frischen Ansätzen. Leider hapert es dann meist an der Umsetzung der Idee und/oder des Neuen und Frischen.
    Hiervon bin ich aber absolut begeistert und nicht nur weil Peter Hohmann es versteht zwei meiner Lieblingsgenres zu verbinden.
    Für dieses Buch kann ich also nur eine absolute Leseempfehlung aussprechen.
    In diesem Sinne - Tue recht und fürchte niemanden! (5/5 Sterne)

  • (...) Am Anfang hat der Autor mit Fantasyelementen gespart welche im Laufe der Geschichte zu nahmen. Ich empfand es als genau richtig. Von der 2. Weltkriegszeit ging es dadurch Schritt für Schritt in die Wikingerzeit. Viele mehr oder weniger bekannte Namen und Orte aus dieser Mythologie wurden genannt . Unter anderem auch der Gott Loki mit seinem Auftreten. Dieses Zusammentreffen war für mich ein großes Lesevergnügen. Die Handlungsorte wurden sehr detailliert und teils düster beschrieben. Genau das was ich erwartet habe aus dieser Zeit. Die Kriegsszenen hat der Autor Peter Hohmann sehr actionreich und realitätsnah wiedergegeben mit vielen detaillierten Elementen sowie den erlittenen Verlusten. Das Ende hat mir gut gefallen, es lädt ein seine Gedanken diesbezüglich freien Lauf zu lassen. (...) (5/5 Sterne)
  • (...) Lange zieht sich die Realität mit detailliert geschilderten Kriegsszenen und der Beschreibung einer Freundschaft, die enger nicht sein kann. Danach kommt viel Fantasy bzw. Sagen und Mythen dazu. Für mich der schönste Teil, da ich gern in andere Welten tauche. Über Götter habe ich noch nicht viel gelesen und deshalb war dieses Buch ein wahrer Glücksgriff. Sehr gelungen fand ich die Darstellung der verschiedenen Personen. Es wird gekonnt die Grausamkeit der Menschen sowie die Liebe aufgezeigt. (5/5 Sterne)

Von der Seifenkiste herab (Blog):

  • Als Deutscher tut man sich immer etwas schwer Geschichten aus der Sicht deutscher Wehrmachtssoldaten zu lesen, und seien die auch noch so edel und gut und stellten sich gegen die fiesen SS-Schergen. In diesem Fall habe ich mich zähneknirschend irgendwann daran gewöhnt und war dann beim Lesen wirklich gut unterhalten, denn dieser durchgeknallte nordische Mythen-Schmonses wurde konsequent durchgehalten. Wie schon an anderer Stelle festgestellt, hat dieser Hohmann eine wirklich unterhaltsame Schreibe und empfiehlt sich wirklich für Größeres... (4 von 5 Runentafeln)
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Blut und Feder

Germanische Mythologie, verwoben mit dem phantastischen Zauber einer düsteren Erzählung über Hass, Rache, Liebe und einem Geheimnis, in dessen Tiefen ein namenloser Schrecken lauert
Erscheinungsjahr: 2020
ISBN: 978-3-949821-05-9
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Hoimar, ein junger Albino, lebt aufgrund seiner Andersartigkeit in ständiger Gefahr. Eines Tages wird er von der ebenso geheimnisvollen wie wunderschönen Svea gerettet, deren Zauber er hoffnungslos erliegt. Doch Zauber haben stets einen Preis. Inmitten des tobenden Kampfes zwischen Christentum und altem Götterglauben brechen Tod und Vernichtung über sein Leben herein, denn es sind Kräfte am Werk, die grauenvoller sind als die kälteklirrenden Nächte des Nordens …

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HLeseprobe:

PROLOG

 Das Jahr 741 n. Chr.

 Die Schwingen ausgebreitet, glitt Flüsterwind durch die Winternacht. Aus gelben Augen beobachtete der Bartkauz das unter ihm dahinziehende Waldland, spähte nach huschenden Bewegungen am schneebedeckten Boden, hoffte auf Eichhörnchen oder Mäuse, die zwischen Erdkuhlen und den Stämmen der dicht stehenden Tannen, Kiefern und Fichten umherflitzten. Hier jedoch rührte sich nichts, außer den Nebelstreifen, die von der sanften Brise in immer neue Muster gepustet wurden. Leise glitt Flüsterwind hinab zu den Bäumen, auf deren Zweigspitzen sich zollhohe Schneehäubchen türmten, ließ sich auf einem Ast nieder, dass glitzernde Kristalle hinabrieselten, und faltete die Fittiche an den Körper.
Abermals dachte er an Nahrung.
Nein, die Suche, sie war wichtiger. Seinen Hunger stillen würde er erst, wenn es nicht anders ginge. Nur diese kurze Rast, dann würde er weiterfliegen. So hockte er in dem Baum, ein Schatten unter vielen, und rupfte sich mit dem Schnabel ein paar krumme Federn aus dem dichten Kleid.
Geräusche.
Das Brechen der harschigen Schneedecke, das Knacken kleiner Wechten, die unter Druck nachgaben. Atemzüge. Kurze Zeit später sah Flüsterwind einen Lichtpunkt, der sich zwischen den Stämmen bewegte, dabei leicht auf- und abwippte. Die Flamme warf flackernde Schatten durch den Wald. Es waren vier Gestalten, die sich durch den tiefen Schnee mühten. Sie schnauften und keuchten, ihre Schritte so laut, dass man sie weithin hörte: Flügellose. Wie alle ihrer Art bewegten sie sich plump und ungelenk, und da sie keine Federn besaßen, waren sie – wie alle ihrer Art – in irgendwelche Fetzen gehüllt, die sie anderen Tieren gestohlen hatten.
Was hatte sich die Natur nur bei ihrer Erschaffung gedacht? Der mit dem Feuer, das an einem langen Stock brannte, hielt inne, und seine Schultern sackten nach unten. Er stieß diese sonderbaren Laute aus, derer sich die Flügellosen bedienten; manche brummten wie Bären, andere krächzten wie Krähen, und manche fiepten wie die Erdmäuse, wenn Flüsterwind seine Krallen in sie schlug.
Lediglich eine Flügellose verstand der Bartkauz.
Und lediglich einer Flügellosen fühlte er sich verbunden.
Aber die war nicht hier, sondern weit weg.
Während Flüsterwind sich über die Flügellosen wunderte, blieben die anderen drei hinter dem Fackelträger stehen.
„Was hältst du an, Otker?“, murrte der hinterste, ein stämmiger Bursche, unter dessen zotteligem Umhang die Ringe eines Kettenhemdes glommen. Mit der rechten Hand, die in einem Fäustling steckte, hielt er die Leine eines Packesels, der mit der Schnauze im Schnee herumwühlte und einen Büschel Altfarn herausriss.
Der Angesprochene machte eine unwirsche Geste mit dem Fackelstiel, dass die Flammen zornig fauchten. „Ich habe doch gesagt, dass ich keinen Schritt mehr gehe. Keinen einzigen!“
Der mit dem Kettenhemd, Bertulf mit Namen, verschränkte die Arme vor der Brust. „Erst damit prahlen, dass du den Weg auch mit verbundenen Augen findest, und dann plötzlich rumjammern – das habe ich gern!“
„Mäßigt euch“, sagte da der hagerste von ihnen, der eine braune Kutte trug, genau wie sein Begleiter, unter dessen Robe sich allerdings ein stattlicher Spitzbauch wölbte. „Streit bringt uns nicht weiter.“
„Weise Worte, Bruder Emmeran“, schnaufte der Dicke und drückte ächzend das Kreuz durch. „Lasst uns hier rasten. Der neue Tag wird uns den Weg weisen, so der Herr dies möchte.“
„Das denke ich auch, Bruder Folmar“, sagte Emmeran.
Bertulf stampfte mit dem Fuß in den Schnee. „Morgen gehe ich vor, Otker! Sonst führst du uns noch in ein Sumpfloch oder über einen vereisten See, so dass wir einbrechen und elendiglich ersaufen!“
Otker steckte die Fackel Stiel voran in eine Schneewehe, entledigte sich mit erzürnten Rüttelbewegungen seines Fellranzens und warf ihn in die weiße, unberührte Puderschicht, dass es nur so stäubte. Dann stapfte er zum Packesel, der ihn mit mahlenden Kiefern anblickte, und zerrte eine Decke aus der Satteltasche. Beim Zurückgehen warf er Bertulf einen finsteren Blick zu.
Bertulf zog Rotz hoch und sandte einen Schleimpfriem auf die Reise, der gegen einen der Stämme klatschte.
„Denkt daran“, sagte Emmeran mit seiner knarrenden Stimme, die klang wie eine rostige Türangel, „was Jesus Christus erleiden musste, was er für uns alle auf sich nahm. Da ist eine Nacht im Freien nicht weiter schlimm.“
Bruder Folmar nickte pflichtschuldig, auch wenn sein rundliches Gesicht mit den vor Kälte geröteten Pausbacken verriet, dass ihm sein eigener Vorschlag mit jedem Atemzug weniger behagte.
Schweigsam bereitete die kleine Gruppe ein Lager in der kälteklirrenden Nacht vor, zwei wackelige Leinenzelte, Decken und Essgeschirr. Bertulf brachte mithilfe der Fackel rasch ein kleines Feuer zugange, und wenig später schlürften sie eine dünne, aber immerhin wärmende Brühe in ihre kalten, vor Hunger grimmenden Mägen. Nachdem sie die letzten Reste aus ihren hölzernen Schüsseln gekratzt hatten, saßen sie vor dem Feuer, streckten die Hände nach den Flammen aus.
„Nun wollen wir beten“, sagte Emmeran, faltete die Hände und neigte den Kopf. Folmar tat es ihm gleich, und auch die beiden Söldner senkten ihre Häupter.
„Gedankt sei dem Herrn“, brummelte Emmeran, „für dieses Mahl, das, obwohl karg, doch unsere Bäuche wärmte. Danken wir Kaiser Konstantin, der einst das leuchtende Zeichen des Herrn am Himmel erblickte und Seine Stimme vernahm. Danken wir unserem Bruder Bonifatius für seinen Mut und seine Glaubensstärke, und natürlich dafür, dass er uns das Vertrauen zumisst, diese heilige Mission in seinem Sinne zu erfüllen. Amen.“
„Amen“, kam es leicht versetzt von den anderen, sodass es wie das Echo eines Echos klang. Danach herrschte Schweigen. Jeder konzentrierte sich darauf, wie die Wärme von den Fingerkuppen aus den gesamten Körper durchströmte.
„Ich möchte Euch nicht vor den Kopf stoßen, Bruder Emmeran“, brummte Bertulf nach einiger Zeit, nahm die Hände zurück und steckte sie unter seinen Bärenfellumhang, „aber weshalb zieht Ihr diese Lausekälte den wärmenden Mauern der Mönchskloster vor?“
„Gottes Wort in die Welt zu tragen ist mein Auftrag, und keine Unbill wird mich davon abhalten.“
„Wieso überlasst Ihr das nicht den Jüngeren Eurer Gemeinschaft – wie Bruder Folmar zum Beispiel?“
„Die Jüngeren“, antwortete Emmeran, wobei er das Wort Jüngeren so aussprach, als hätte er es vorhin mit aus der Schüssel geschlabbert, „mögen kräftige Körper haben, doch mangelt es ihnen oft von Geistes wegen.“
Otker kicherte leise, blickte jedoch rasch zur Seite, als ihn Emmerans strafender Blick aus von Falten umkränzten Augen traf, und begann, mittels eines abgefallenen Asts Zeichen in den Schnee zu ziehen.
„Seht Ihr das genauso, Bruder Folmar?“, erkundigte sich Bertulf, seine Stimme arglos, obwohl es ihm eine diebische Freude bereitete, den Gottes-Gesellen ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Würde Bonifatius nicht ein erkleckliches Sümmchen römischer Münzen dafür kredenzen, dass er die Brüder beschützte, würde ihm bestimmt etwas Besseres einfallen, als sich in diesem vermaledeiten Wald den Arsch abzufrieren.
Der Prediger rutschte auf seinem dicken Hintern herum, als säße er nicht auf einer Decke, sondern urplötzlich auf einem harten Baumstubben, und leckte sich über die Lippen. „In der Tat ist es mit einem Mönch wie mit … mit … gutem Wein. Je länger er lagert, also je länger er halt nicht sofort getrunken wird, desto besser …“
„ … schmeckt er?“, grinste Bertulf.
Folmers Röte der Kälte auf seinen Backen bekam Gesellschaft von der Röte der Scham. „Nein, also, eigentlich ja. Was ich meine, ist, dass je länger er lagert, desto …“
Emmerans Gesicht knautschte sich zusammen wie zu weiches Stiefelleder. „Redet nicht so einen Unsinn“, kanzelte er Folmar ab. „Es verhält sich nun einmal so, dass der Geist reifen muss.“
Bertulf grinste noch breiter. „Wie Wein eben.“
Ohne darauf einzugehen fuhrt Emmeran fort: „Er reift durch Einkehr und Gebet, und er wächst am Vorbild der Taten weiser Mitbrüder. Prior Bonifatius ist ein solch erleuchteter Bruder. Früh erkannte er, wie wichtig es ist, den Heiden des Nordes die Augen für die Pracht des Herrn zu öffnen, damit sie ihren niederen Götzen entsagen. Dergestalt werden sie ihr Seelenheil sichern.“
Otker schleuderte den Ast in die Finsternis der Bäume, reckte die Hände gegen das Feuer und sah Emmeran von der Seite an. „Bislang waren die Barbaren eher zurückhaltend, würde ich sagen …“
Emmeran bedachte ihn mit einem finsteren Blick, und Otker zuckte unmerklich zusammen und schien sich plötzlich ganz fest darauf zu konzentrieren, den perfekten Abstand der Handflächen zu den Flammen zu finden.
Bertulf verzog das Gesicht. Ein Blick des hakennäsigen Priesters, und dem Kerl rutscht das Herz bis runter zum Arschloch. Will nicht wissen, wie der reagiert, sollten wir mal überfallen werden oder die Wilden sich mit etwas anderem als Worten gegen Emmerans Bekehrungsversuche wehren …
Der ältliche Priester atmete tief durch. „Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Aber es ist unsere Aufgabe und damit unsere göttliche Pflicht. Punktum.“ Dann bannte er Bertulf mit dem Blick seiner wässrig-grauen Augen, und Bertulf merkte, wie auch er zu schrumpfen schien. Verdammt noch eins, diese Priester waren aber auch ein unheimliches Volk!
„Ihr glaubt doch an Gott?“ Das Wässrige in Emmerans Augen gefror. „Oder etwa nicht, Bertulf?“
„Natürlich, natürlich. Da gibt´s keinen Zweifel.“
Am meisten glaubte er an ordentliche Bezahlung. Das jedoch würde er Emmeran bestimmt nicht auf die Nase binden.
„Dann ist es ja gut“, erwiderte Emmeran und erhob sich ächzend. „So habt Ihr bestimmt nichts dagegen, wenn Ihr das nächste Mal, wenn wir ein Dorf erreichen, den Wilden die Vorzüge des christlichen Glaubens anpreist, anstatt gelangweilt in der Gegend herumzustehen.“
„Eine gute Idee, Bruder Emmeran. Ich werde es mir merken.“
Der Mönch nickte knapp, dann ging er zu einem der Zelte. Die Plane in der Hand, drehte er sich herum. „Bruder Folmar. Da die Jüngeren ja – wie bereits erwähnt – vor lauter Jugend kaum wissen, wohin mit ihren Bärenkräften, habt Ihr sicher nichts dagegen, die heutige Nachtwache zu übernehmen?“
Folmar schluckte. „Die ganze?“
Ohne zu antworten bückte sich Emmeran in das Zelt und verschnürte die Plane von innen.
Bertulf und Otker, obwohl selten einer Meinung, grinsten sich über beide Ohren an und erhoben sich unisono.
„Nun denn, Bruder Folmar“, sagte Bertulf, sich Schnee vom Umhang klopfend, „eine ereignislose Nacht wünsche ich.“
„Danke …“, brummelte Folmar und guckte betröpfelt auf seine Stiefelspitzen.
Otker tippte sich mit dem Zeigefinger in überschwänglichem Gruß gegen die Stirnwulst seiner Fellmütze, sagte „Dem kann ich mich nur anschließen“ und folgte Bertulf ins Zelt.
Hoffentlich drehen sich die beiden Mietschwerter gegenseitig die Gurgeln um heute Nacht, hämmerten Folmars Gedanken kalt, und Emmeran soll an seiner eigenen Galle ersticken!
Er hockte sich auf die Decke, blickte in die Flammen und wünschte sich an einen anderen Ort. Jedoch, nicht einmal die Vorstellung von Sonne, von Blumen und im Wind treibenden Blüten auf einer herrlichen Waldlichtung vermochte die Kälte auf Abstand zu halten. Verdammter Norden! Verdammte Wälder! Verdammte Barbaren! Ein leidlich einträglicher Posten als Schreiber in einem Mönchsstift hätte ihm mehr als gereicht. Aber nein, da wählte Emmeran ausgerechnet ihn, Folmar, aus, um ihn auf dieser Bekehrungs-Irrfahrt zu begleiten. Gottes Wille hin oder her – es gab dutzende andere Priester, die sich die Finger danach abgeschleckt hätten, durch diese ach so heilige Mission in der Gunst Bonifatius´ zu steigen – und somit in der klösterlichen Hierarchie.
Da konnte man tausendmal runterbeten, wie sehr Christus am Kreuz gelitten hatte. Bruder Folmar konnte Leid nichts abgewinnen! Und ja, er litt: unter Kälte, unter Hunger, unter Emmeran und diesen beiden ungeschlachten Haudraufs, die hinter seinem Rücken Witze über ihn rissen. Mit einem Seufzen wuchtete er seinen Leib in die Höhe und ging zum Packesel, der ihn blöde anguckte. Ein Blick über die Schulter – alles ruhig, bis auf Bertulfs Geschnarche, das mühelos durch die Stoffbahn des Zeltes in die Nacht drang – öffnete er den Deckel des kleinen Fasses, das in einem Futteral am Tragegeschirr des Esels hing. Das Bier war eigentlich für den Rachen eines dieser verlausten Häuptlinge gedacht, auf dass das Wort Christi gut geschmiert in sein Innerstes rutsche und ihn dazu bewege, seine Gefolgsleute auf das Christentum einzustimmen.
Das Fehlen eines kleinen Schlucks würde niemand bemerken.
Folmar tauchte den Becher ins Fass.
Klack.
Verwundert stippte er den Finger hinein.
Eis.
Ein Seufzer aus tiefstem Herzensgrund. Stellst Du uns nicht schon genug auf die Probe, Herr? Reicht es denn nicht, dass wir Dein Wort in die letzten Winkel dieses Niemandslandes tragen? Musst Du da auch noch das Bier zu Eis verwandeln?
Dann wich der enttäuschte Ausdruck aus Folmars Gesicht, und ein breites Lächeln hob seine Bäckchen zu zwei feisten Knubbeln. Er ging auf die andere Seite und öffnete eine der Taschen, griff hinein und erfühlte das Bündel. Schnell hatte er es entschnürt. Mit spitzen Fingern nahm er einen Speckstreifen zwischen die Zähne, rollte das Päckchen wieder zusammen und verstaute es.
Sein Magen gluckerte vor Freude, während er eine Pfanne holte und den Speckstreifen hineinlegte. Die Pfanne in der rechten Hand, sodass er sich beim Hinsetzen nur mit der linken abstützen konnte, ließ er sich unbeholfen auf den Hintern plumpsen. Dabei geriet er ins Ungleichgewicht und rollte auf den Rücken, sodass er für einen Moment wie ein Käfer mit den Beinen ruderte. Unter viel Mühe gelang es ihm, sich aufzurichten.
„Nein!“, stieß er dann hervor: Der Speck lag im Schnee. Er klopfte und pustete den Streifen ab und platzierte ihn wieder in der Pfanne. Gerade wollte er sie über die Flammen halten, da schnitt ein lautes Heulen durch den Wald, schauerlich, unheimlich. Flugs legte er die Pfanne zur Seite und stand auf. Sein Herz pochte hart wider den Brustkorb.
Wölfe.
Erneut wand sich das Jaulen wie eine Anrufung des Mondes in den eisigen Himmel.
Die greifen keine Menschen an. Schon gar nicht eine ganze Gruppe. Nein, bestimmt nicht …
Trotzdem stierte er zwischen die Stämme jenseits des flackernden Lichtscheins des Lagerfeuers, suchte nach gelben Augenpaaren, die unverwandt zurückstarrten. Lauschte nach dem Tapsen von Pfoten im Schnee, meinte schon, das heisere, gierige Atmen der Wölfe zu hören, die sich bereit machten, den dicken Priester zu Boden zu werfen und ihm die Kehle rauszureißen. Stocksteif stand er da, sein eigener Atem so laut wie das Pfeifen eines Blasebalgs.
Nichts.
Kein weiterer Wolfsruf. Wahrscheinlich waren die Biester weit, weit weg. Der Wald und die Kälte narrten die Sinne, gaukelten vor, Entferntes wäre ganz nah.
Erleichtert ausatmend drehte er sich schließlich herum – und gewahrte einen schwarzen, monströsen Schatten, der lautlos heranschoss!
Mit einem Aufschrei taumelte er rückwärts, trat ins Feuer, dass die Funken stoben und eine wabernde Lohe nach oben stieg wie ein Feuerdämon. Unsanft landete er auf dem Rücken, sein Atem rauschte ihm aus den Lungen. In Todesangst glotzte er den Angreifer an.
Blinzelte.
Es war ein Kauz.
Der Vogel bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick – und schnappte sich den Speckstreifen aus der Pfanne!
„Du Ausgeburt!“, knurrte Folmar und raffte sich auf.
Zu spät. Ein paar grazile Flügelschläge, und der Kauz glitt über den Wipfeln davon.
In diesem Moment hörte er ein Brummen. Eine Plane wurde zurückgeschlagen, und Bertulf schaute heraus, ein Schwert in der Hand. „Was brüllst du denn rum, zum Teufel?“
„Äh“, machte Folmar und riss den Blick von der Stelle los, wo der Kauz mit der Nacht verschmolzen war. „Wölfe …“ Er schluckte und seufzte. „Habe gedacht, Wölfe schleichen ums Lager.“
Bertulf schüttelte den Kopf. „Blödsinn. Die haben Angst vor Feuer.“ Er ließ die Klinge sinken und schob sich rückwärts ins Zelt. Die Plane fiel zurück vor den Eingang. Bertulf sagte noch etwas, doch es war zu leise und gedämpft.
„Was hast du gesagt?“
„Ich habe gesagt, du brennst!“
Folmar erschrak und sah an sich herab. Kleine Flammen fraßen sich in den Saum seiner Kutte! Panisch klopfte er daran herum, verbrannte sich die Finger. „Verdammt!“ In Ermangelung einer anderen Möglichkeit warf er sich in den Schnee. Es zischte, und Rauch stieg auf.
Verzweifelt schloss er die Augen und blieb liegen; kein Bier; von einem Kauz beklaut; angesengte Robe; sich nun endgültig zum Trottel gemacht.
„Ich habe verstanden, Herr …“

*

Flüsterwind schwebte durch die Lüfte, hoch über den Wipfeln, und der Mond, weiß und rund, glühte wie junges Feuer. Der Bartkauz war zufrieden, das Fleisch des Flügellosen hatte den ärgsten Hunger gestillt, auch wenn es sonderbar geschmeckt hatte, als wäre das Tier längst tot gewesen. Seltsam, was die so alles fraßen. Wie konnte man altes Fleisch dem saftigen, bluttriefenden Schenkel einer Erdmaus vorziehen? Der Wind trieb ihn voran, er ritt auf seinen sanften, säuselnden Wellen über das Land, bis er auf einen großen Nesthaufen der Flügellosen stieß. Viele der länglichen Nester befanden sich innerhalb des Rings angespitzter Bäume, mit welchen die Flügellosen sie umkränzten. Die Luft über dem Nistplatz stank, und alles in Flüsterwind empörte dagegen auf, hier länger zu bleiben. Feuer bedeutete Gefahr. Aber er hatte gelernt, diese Angst zu überwinden. Aus zahlreichen viereckigen Öffnungen über den Dächern stieg Rauch auf.
Wachsam glitt er nach unten, drehte ein paar Kreise, um sicherzustellen, dass kein Räuber ihm auflauerte, und ließ sich auf dem schneebedeckten Giebel eines Daches nieder. Die Flügellosen mieden die Nacht, warum auch immer. Nur selten zeigten sich welche. Ihm blühte wohl – wieder einmal – eine Nacht des Wartens, bis der Morgen anbrach und die Flügellosen aus ihren Nestern krochen. Plötzlich jedoch vernahm er Geräusche. Es war das raue Krächzen ihrer merkwürdigen Sprache, das Flüsterwinds Ohren marterte wie der Rauch seine Nase. Trotzdem blieb er sitzen und spähte in die Richtung der Laute. Vier Flügellose kamen langsam näher. Sie gaben sich nicht einmal Mühe, leise zu sein, sondern krakeelten herum. Wie die so jemals Beute fingen, war Flüsterwind ein Rätsel. Eigentlich müssten sie verhungern. Diese Gruppe war noch unbeholfener als ihre Artgenossen. Ihr Nachteil, keine Flügel zu besitzen, verstärkte sich durch ihren komischen Gang. Bisweilen hielten sie sich sogar aneinander fest, um nicht in den Schnee zu fallen, torkelten und taumelten. Vielleicht waren es junge Schlüpflinge, die noch lernen mussten?
Plötzlich blieb einer stehen, reckte irgendetwas in die Höhe, ähnlich Flüsterwinds Trinkgefäß, das er benutzte, wenn er daheim war. Dann riss er den Mund auf, kippte die Hand. Wasser ergoss sich daraus. Vieles davon verfehlte seinen Rachen und lief über sein gestohlenes Fell. Ungeschickt, wirklich, sehr ungeschickt. War es überhaupt Wasser? Nein, es war dunkler, und der Wind trieb eine herbe Note an Flüsterwinds Nase.
Die anderen Schlüpflinge warfen nun auch die Köpfe in den Nacken, johlten furchtbar laut. Der Besudelte schleuderte das Gefäß fort. Einer fiel gar auf den Boden und rollte herum, was den anderen neuerliches Gekreische entlockte; der nächste sank vornüber, stützte sich auf die dicken Beine, als liefe auch er Gefahr, in Bälde am Boden herumzukollern.
Flüsterwind plusterte sich auf, trat von einem Bein auf das andere und rupfte eine Feder aus. Am liebsten wäre er weitergeflogen. Aber seine Aufgabe, die war wichtig. Und deshalb musste er ausharren. Zur Beruhigung neigte er den Kopf, öffnete den Schnabel und biss zaghaft in das Band aus dreifach gedrilltem Wurzelfaden, das um sein rechtes Bein verlief, und an dem ein kleiner, metallener Ring befestigt war, in den, hauchfein und kaum zu sehen, Gravuren ziseliert waren. Das Gefühl von Vertrautheit durchströmte Flüsterwind, von Ruhe und Geborgenheit.
Er hob den Kopf.
Die Flügellosen waren nun bei dem Nest angelangt, auf dem er hockte. Aufmerksam blickte er jeden von ihnen in die Augen. Enttäuscht plusterte er sich abermals auf. Ein Rumpeln ertönte unter ihm. Wieder sprachen die Flügellosen. Diesmal klangen sie anders, aggressiver. Jagten sie gerade? Mitten in einem Nest? Flüsterwind schlug mit den Flügeln und schwebte zum Dachfirst des Nachbargebäudes, sodass er mitbekam, was geschah. Neugierig wartete er.
Nun waren es fünf Flügellose, die das Nest verließen. Die Vier umringten einen einzelnen, zerrten und schubsten ihn vor sich her. Die Beute stürzte in den Schnee. Sie trug ein schäbiges, räudiges Fell, das viel von ihrer Haut unbedeckt ließ. Wie der Flügellose dalag, hingestreckt, ja wie hingegossen, konnte man meinen, Schnee und Haut bildeten eine Einheit, so weiß war sie. Auch sein Haupthaar war wie der Schnee. Einer der Jäger keilte aus, traf die Beute, die von der Wucht erbebte und sich krümmte. Japsende Laute entwichen seinen Lippen. Nun trat ein anderer zu, dann der dritte, der vierte, es ging reihum. Flüsterwind verstand die Jäger nicht. Wieso gruben sie ihre Zähne nicht in den Hals, statt das Fleisch zu malträtieren? Ein schneller Tod und ein nahrhaftes Mahl. Es wäre so einfach …
Ein hoher Laut schnitt in Flüsterwinds Ohr, ausgestoßen von einem Weibchen der Flügellosen. Schon war sie heran und sprengte den Ring der Jäger, pflanzte sich vor der Beute auf, die flügellosen Schwingen drohend erhoben. Sie fletschte die Zähne, wirbelte herum, als einer der Jäger sich näherte. Die brummten nun und fauchten und krächzten, weil ihre sicher geglaubte Beute in Gefahr war. Flüsterwind fühlte sich bestätigt: Hätten sie auf ihn gehört, den erfahrenen Jäger, hätten sie alle volle Mägen. Ein Biss in den Hals, die Beute wegschleifen an einen geschützten Ort …
Dass nun die Mutter ihr Junges verteidigte, geschah diesen Stümpern recht! Glucken, die ihren Nachwuchs beschützten, waren gefährlich und unberechenbar. Gegenseitig sahen sich die Jäger an, zornig und zugleich ratlos. Schlussendlich machten sie kehrt und traten den Rückzug an.
Die Glucke machte beruhigende Laute, beugte sich über ihr Junges und wischte mit einem Fellfetzen das Blut aus seinem Gesicht. Schließlich, auf wackeligen Beinen, erhob sich der Flügellose. Flüsterwind sah ihn genau an. Und der Flügellose, er sah ihn auch, als spüre er, dass man ihn beobachtete.
Flüsterwind fixierte seine Augen – und erschrak.
Sie waren rot, rot wie das Blut, das ihm aus der Nase über Mund und Kinn lief. Flüsterwind streckte vor Überraschung die Fittiche, sah noch einmal ganz genau hin. Kein Zweifel: Die Augen des Flügellosen waren rot. Mit aufgeregten Flügelschlägen schwang Flüsterwind sich in den Nachthimmel, weg vom Gestank der Flügellosen, schraubte sich höher und höher, getragen vom Wind sowie aufkeimender Freude. Endlich konnte er nach Hause.
Die Suche war zu Ende.

ENDE DER LESEPROBE

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JRezensionen:

Amazon:

  • ... schlug dieser Roman mich in seinen Bann.
    Gerade soviel Zauberei um mystisch zu sein, gerade sowenig um glaubhaft zu bleiben zeichnet er ein brutales, realistisches Bild dunklerer Zeiten.
    Konnte ihn kaum zur Seite legen! (5/5 Sterne)

  • Mir haben besonders die Entwicklungen der Charaktere gefallen. Im Laufe der Erzählung lernen sie aus ihren Fehlern, überdenken ihre Meinung oder zeigen auch ihr wahres Gesicht. Das macht sie nicht nur besonders realistisch, sondern den Roman auch spannend. Man kann als Leser bis zum Schluss nicht vorhersagen, was als Nächstes geschieht, oder ob jeder Protagonist auch das ist, was er zu sein scheint. (5/5 Sterne)
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Ishkor (1000 Seiten Fantasy)

Wie fühlt es sich wohl an, wenn man fortan die Stimme eines ungehobelten Hochlandbarbaren im Kopf hat?
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-949821-01-1
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Ein Krieger aus einer fremden, mittelalterlichen Welt, mit dessen Seele man verschmilzt – genau das passiert der Geschichtsstudentin Mona Johansson, als sie bei Recherchen für ihr Studium durch eine magische Entladung in eine andere Weltgeschleudert wird.

Fortan hört sie die Stimme von Korvas Weißwolf in ihrem Kopf. Der ist ungehobelt, raubeinig und Verfechter eines antiquierten Frauenbildes. Dennoch muss sich das Gespann wider Willen zusammenraufen, denn Korvas´ Mission ist eng mit Monas eigenem Schicksal verwoben.

Mit neu gewonnen und sehr unterschiedlichen Gefährten begibt sie sich auf eine Reise in die Tieflande, wo nicht nur schaurige Kreaturen hausen, sondern einst die Götter selbst einen erbitterten Kampf ausfochten.

Aber immerhin hat Mona mit Korvas einen Begleiter, der sie auf seine ganz eigene Art zu unterstützen weiß, wenn es mal wieder brenzlig wird …

„Hör auf zu flennen, Weib, und reiß dich zusammen! Tränen sind eines Kriegers unwürdig!“

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HLeseprobe:

KAPITEL 1

Besessenheit zu analysieren war leicht. In jeder Buchseite steckte sie, in jedem Link im Internet, der sich mit Hexerei und Hexenverbrennungen beschäftigte.
So intensiv war alles, was darüber geschrieben stand, so intensiv und nah und erschreckend, als wäre man selbst Teil dieses düsteren Kapitels der Vergangenheit. Mona schloss die Augen.

 Das Johlen der Schaulustigen, unterlegt vom Klang prasselnder Flammen, die sich in menschliches Fleisch fraßen, dazu, ganz leise und im Toben ringsum nur für Augenblicke zu erahnen, ein röchelndes Keuchen im verzweifelten Versuch zu atmen. Aber es gab nur beißenden Rauch. In seiner erstickenden Gnade brachte er den Tod schneller als das alles verzehrende Feuer …

 Die Anrufmelodie ihres Handys bahnte sich einen Weg durch ihre taumelnden Gedanken.
Sie erschrak, riss die Augen auf, schnappte nach Luft …
Besessenheit zu verstehen war weitaus schwieriger.
Sie suchte nach ihrem Mobiltelefon, kramte zwischen aufgeschlagenen Büchern, ausgedruckten Blättern und Notizen, die sich auf ihrem Schreibtisch zu Belagerungstürmen stapelten.
Sie fand es unter der Übersetzung des Hexenhammers.
„Ja?“
„Was ist denn los?“, sagte eine ärgerliche Frauenstimme. „Seit zwanzig Minuten warte ich auf dich.“
Träge kämpfte sich die Erinnerung an das Treffen mit Natalie durch einen Schleier aus Gedankenrauch.
„Sorry“, haspelte Mona, „habe ich total vergessen. Bin sofort da.“ Sie warf ihr Handy auf den Tisch, stand auf. Ihr rechtes Bein war taub, da sie es beim Hinsetzen untergeschlagen und die ganze Zeit darauf gesessen hatte. Ein Blick auf die Funkuhr neben dem Computermonitor – Viertel nach Zwei. Seit acht in der Früh hockte sie hier, ohne zu essen oder zu trinken, trug dasselbe schlabberige Garfield-T-Shirt, in dem sie geschlafen hatte.
Sie eilte in das winzige Bad ihrer Studentenwohnung, sprühte Deo unter die Achseln, wuschelte ihre Finger durchs Haar. Einen Blick in den Spiegel vermied sie. Eilig spülte sie den Mund aus, nahm ein paar Schlucke, weil sich jetzt der Durst meldete. Ihr T-Shirt ließ sie an – schließlich ging sie ja nicht auf eine Modenschau –, sauste zurück ins Zimmer und fingerte unter dem Bett nach ihrer Jeans. Auf einem Bein herumhüpfend, schüttelte sie sich hastig hinein.
Der Geldbeutel – wo?
Wieder wühlte sie zwischen Büchern und Blättern, kam sich vor wie ein Rechtsmediziner, der in den Eingeweiden eines Verstorbenen nach einem Projektil suchte.
„Na super!“ zischte sie, als der Schreibtisch sich nun in völligem Chaos präsentierte – vom Geldbeutel jedoch keine Spur.
Dann würde sie eben nichts bestellen.
Ihre Hand schnellte zum Handy, bekam es aber nicht zu fassen. Das glatte Ding fiel auf den Boden. Sie bückte sich danach, steckte es ein – und sah ihr Portemonnaie. Er musste in die Spalte zwischen Wand und Schreibtisch gerutscht sein. Sie kroch unter selbigen und fischte die Geldbörse hervor, umfangen vom Pfeifen der Ventilatoren und der Wärme des Rechnergehäuses, das ihr kaum Platz ließ. Bevor sie aufstand, drückte sie den Hauptknopf.
Ein Piepen, und das Surren des Rechners erstarb nach einem letzten Winseln der Festplatte, die froh darüber schien, nicht mehr im Leerlauf vor sich hin zu leiern.
Mona knautschte die Füße in ihre Turnschuhe, öffnete die Tür. Trat hinaus. Zog die Tür nach.
Im letzten Moment setzte sie einen Schritt zurück, brachte die Ferse gerade so in den Spalt. Schmerzhaft prallte ihr die Kante der Tür gegen den Knöchel. Nur gut, dass ihr Bein noch immer leicht taub war. Sie zog den Schlüssel aus dem Innenschloss, sperrte die Tür ab und rannte die Treppe hinab. Die letzten Stufen nahm sie im Sprung, dann vorbei an den eingedellten und vollgekritzelten Briefkästen, raus auf die Straße, ein paar hundert Meter im Sprint, und schon bog sie in die Leopoldstraße ein.
Während sie nach ihrem Handy griff, realisierte sie, dass das Schwierigste an einer Besessenheit war, sie bei sich selbst zu erkennen.
Besessen von der Besessenheit.

*

Natalie saß auf dem Stuhl, als hätte ein Modehaus sie dort platziert, das blonde Haar offen, ihre rundglasige Armani-Sonnenbrille auf der gepuderten Nase. In der linken Hand hielt sie eine Zigarette, während die Fingernägel der rechten auf der Tischplatte herumklackerten. Ein leichter Wind fuhr unter ihren kurzen, knallorangen Sommerrock, lupfte ihn an, entblößte makellose Unterschenkel und rot lackierte Zehennägel, die in offenen Sandalen ein luxuriöses Zuhause gefunden hatten. Mindestens Gucci, wenn nicht teurer.
Ihre gezupften und mit Permanent-Makeup verfeinerten Brauen hoben sich über den Rand der Sonnenbrille, als Mona sich auf den freien Stuhl gegenüber plumpsen ließ.
Ihr schwindelte, und Schweiß lag unangenehm kalt auf ihrer Stirn. Die einzelnen Schläge ihres rasenden Herzes waren kaum zu spüren, nur die Geschwindigkeit, als versuchte ein Vogel mit gestutzten Flügeln, sich in die Lüfte zu erheben.
„Du siehst beschissen aus“, sagte Natalie und dämpfte die Zigarette in dem Aschenbecher aus, der aussah wie ein erloschener Miniaturvulkan.
„Und du wie eine Edelnutte, die gerade auf ihren Freier wartet.“
Natalie lachte. „Schön, dich zu sehen.“ Sie beugte sich vor und umarmte Mona, die jetzt ebenfalls lachte.
„Mal im Ernst“, sagte Natalie und zog eine neue Zigarette aus der Packung. „Es gibt kein Camouflage, mit dem man jemanden so leichenblass bekommt wie dich.“
Mona wischte sich über die Stirn, lehnte sich im Stuhl zurück und atmete tief ein. „Liegt wohl daran, dass ich heute noch nichts gegessen habe.“
„Ober!“, winkte Natalie den Mann in weiß-schwarzer Livree herbei, der um die Tische schwirrte. „Einen Spezi und Gulasch mit Spätzle für die Dame bitte.“
„Gerne“, erwiderte der Kellner, machte kehrt und manövrierte sich im Zickzackkurs zwischen den anderen besetzten Tischen vorbei ins Innere des Cafés. Auf der anderen Straßenseite erhob sich das Hauptgebäude der Ludwigs-Maximilians-Universität wuchtig in den Himmel, in dem ein paar Schäfchenwolken gelangweilt vorbeidrifteten. Auf den Regen, der laut Wetterbericht gegen Abend einsetzen sollte, deutete nichts hin.
„Irgendetwas Leichtes wäre mir lieber gewesen“, sagte Mona über das Brummen der Autos und Roller hinweg, die die Leopoldstraße entlangbrausten.
„Du brauchst etwas Deftiges“, sagte Natalie bestimmt. „Vergiss ein einziges Mal diesen Ernährungskram.“
Mona schüttelte den Kopf. „Was für einen Ernährungskram bitteschön? Nur weil ich das letzte Mal Salat gegessen habe? Außerdem waren da Putenstrei…“
„Es gibt Spätzle, Thema beendet!“ Natalie saugte heftig an ihrer Zigarette und verkniff dabei die Lippen: Kreuzte man ihren Willen, wurde sie zur Naturgewalt.
Mona grinste in sich hinein und entspannte allmählich. Es war gut, dass sie aus ihrer Bude herausgekrochen war.
Natalie nippte an ihrem Latte Macchiato, setzte das Glas zurück und schob die Sonnenbrille nach oben. „Heute ist Sportlerparty im Oly-Dorf. Hast du Lust?“
„Weiß nicht so recht.“
„Meine Güte! Auf dir liegt schon genauso viel Staub wie auf deinen Büchern. Lass diesen Hexenkram endlich mal dort, wo er hingehört – zwischen muffigen Buchdeckeln.“ Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. „Du kommst vorher zu mir. Wir richten uns ordentlich her und genießen dann, wie die Mannsbilder Stielaugen bekommen.“
Mona rutschte auf ihrem Stuhl herum.
„Schätzchen, du würdest so gut aussehen.“ Natalie legte die Zigarette in die Einsparung des Aschenbechers, beugte sich nach vorne und schlug einen säuselnden Ton an, ganz so, als wollte sie einen Zauberspruch aufsagen. „Dein schwarzes Haar trägst du offen, dazu ein sanftes Rouge auf die Lippen. Das, kombiniert mit deiner Studierkammer-Blässe, und die Männer fallen vor dir auf die Knie.“
„Du bist Industrie-Designerin“, erwiderte Mona, „keine Visagistin – und ich kein Auto, das man tunen kann. Ich überlege es mir, okay?“
Natalie lehnte sich noch weiter nach vorne, sodass Mona unwillkürlich in ihren Ausschnitt blickte, und fügte hinzu: „Markus ist sicher auch da.“
Monas Herz tat einen schmerzhaften Schlag. „Kann keine Ablenkungen gebrauchen im Moment.“
Natalie zuckte die Achseln, griff nach der Zigarette und ließ ihr Gesicht hinter einer Gaze aus Rauch verschwinden.
Der Ober servierte das Essen. Monas Magen knurrte, und in geschätzt drei Minuten hatte sie die Mahlzeit verschlungen. Sie spülte mit dem Spezi nach. Ihre Lebensgeister kehrten zurück. „Wann soll ich bei dir sein?“
Natalies Gesicht hellte sich auf. „Sieben dürfte reichen.“
Mona nickte.
„Hast bis dahin mehr als genug Zeit für dein Scheiterhaufen-Zeug.“
Verärgert presste Mona die Lippen zusammen.
Natalie legte die Hand auf ihren Arm. „Entschuldige. Ich weiß ja, wie viel es dir bedeutet. Aber du übertreibst es – genau wie das Klettern damals.“
Auf den ersten Blick wirkte Natalie oberflächlich: ein blonder Vamp mit Vakuum im Kopf. In Wahrheit allerdings war ihr Geist ein Brennglas, dessen Strahl in jeden Winkel anderer Seelen sengte und trügerische Schleier verbrannte, bis der blanke Kern frei lag.
Mona stellte sich diesem Brennen.
Bis vor einem Jahr war das Klettern ihre Leidenschaft gewesen, diese wunderbare Symbiose aus Kraft und Konzentration. Wie besessen hatte sie trainiert. Ihr Traum jedoch, auf internationaler Ebene zu brillieren und von der ein oder anderen Werbekampagne zu leben, zerschlug sich an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Genau an jenem Tag – natürlich trainierte sie auch da – war ein siebzehnjähriges Nachwuchstalent in der Kletterhalle zu Gast, in der Mona übte.
Das Mädchen schnellte die Wand hinauf wie Spiderman. Es nutzte jeden noch so kleinen Griff, fand mit den Fußspitzen auf münzgroßen Absätzen Halt, so sicher, als wären es Landebahnen für Verkehrsmaschinen.
Dieser Anblick zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Haltlos trudelte sie in Sphären, die sie bis dahin nicht gekannt hatte: Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit.
Ihr Geschichtsstudium entpuppte sich als Rettungsseil, das den Fall bremste, als sie aus Angst vor einer Depression nach allen Seiten griff. Was anfangs nebenher abgelaufen war, wurde zum Fixstern.
Ich brauche das Extreme, dachte sie, als sie Natalies bohrenden Blick erwiderte. Einst war es der Sport, jetzt die Wissenschaft, oder besser gesagt: die Suche nach diesem einen Mann, der 1685 in Nürnberg – als bösartiger Magier verketzert – den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden hatte.
„Ich weiß“, sagte Mona nach einer Weile zu Natalie, „doch hier steh´ ich nun, ich kann nicht anders.“
„Das Leben hält mehr bereit, Junker Jörg.“
Mona zwang sich zu einem halben Lächeln. „Für mich ist dieses Rätsel im Moment mein Leben.“ Sie winkte den Kellner herbei, um zu zahlen.
Natalies Züge wurden weicher. „Ich kenne niemanden, der so erbarmungslos gegen sich selbst ist wie du.“
„Ich will das Geheimnis um diesen Mann lüften.“
„Dein Professor meint, dass deine Bachelorarbeit – auch ohne dieses Detail – der absolute Bringer ist.“
„Im Klettern hätte ich sicher auch eine Eins bekommen – aber sehr gut zu sein reicht eben nicht, um ganz nach oben zu gelangen.“
„Und du meinst, dieser Hexer ist der Weg zu … ja, was? Glück? Ruhm?“
„Weiß ich nicht genau“, gab Mona seufzend zu.
„Du möchtest dir selbst etwas beweisen.“
„Na und? Was ist daran schlimm?“
„Okay.“ Lächelnd lehnte Natalie sich zurück. „Dann möchte ich es mal genauer wissen. Bisher hast du nur Andeutungen gemacht.“
„Ich will dich nicht langweilen, deswegen mache ich es kurz: Dieser Mann, Harald Udin, wurde in Nürnberg hingerichtet – und das in einer Zeit, als Nürnberg eine Stadt war, die Hexenverbrennungen ächtete, etwaige Hexen nur zögerlich verfolgte und im Fall der Fälle milde Strafen verhängte. Harald Udin jedoch wurde kurz nach seiner Ergreifung befragt, gefoltert und stante pede verbrannt. Dieses Vorgehen steht in keinem Verhältnis zu den anderen Hexenprozessen dort.“
Natalies Stirn legte sich in Falten. „Bei dieser einen Frau war es doch ähnlich. Hast du letztes Mal erzählt, glaube ich.“
„Margareta Mauterin“, schoss es aus Mona heraus. „Richtig. Das war 1659. Angeblich hat sie heilige Oblaten an den Satan verfüttert und magische Rituale vollzogen. Man schor ihr den Kopf und suchte auf ihrem Körper nach Hexenmalen – das gängige Prozedere damals. Dann folterte man sie, um ihr ein Geständnis abzunötigen. Schließlich wurde sie verbrannt. Die Nürnberger Gerichtsbarkeit verhängte die Todesstrafe allerdings erst nach langem Hin und Her. Harald Udin dagegen richtete man im Eiltempo hin. Da passt etwas nicht zusammen.“
„Diese Leute im Mittelalter …“ Natalie ließ den Satz mit einem Kopfschütteln ausklingen.
„Frühe Neuzeit“, korrigierte Mona. „Die Hochsaison der Hexenverbrennungen dauerte grob hundert Jahre, von 1550 bis 1650. In Österreich ein bisschen länger“, fügte sie als Seitenhieb auf Natalies Geburtsort Salzburg hinzu.
„Eins zu null für dich. Trotzdem solltest du nicht vergessen, dass du im Hier und Jetzt lebst.“
Der Kellner kam mit der Rechnung.
Mona zückte den Geldbeutel.
„Lass. Geht auf mich“, meinte Natalie und zahlte für sie beide. Der junge Mann setzte sein bestes Sonnenblumenlächeln auf, als er das üppige Trinkgeld einstrich, und wünschte ihnen einen schönen Tag.
„Danke, Natalie.“
Natalie stand auf und wedelte mit der Hand. „Nicht der Rede wert.“
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, musste Mona sich ein Grinsen verkneifen, weil der kurze Sommerrock, der bei jedem Schritt Natalies knackigen Pobacken huldigte, Blicke anzog wie eine Blumenblüte die Bienen: Wirklich jeder Mann drehte sich herum und gaffte.
„Um sieben bei mir!“, rief Natalie über die Schulter, unbeeindruckt von dem gut ein Dutzend schmachtender Augenpaare. „Nicht vergessen!“

 *

Zurück in ihrer Wohnung kümmerte sich Mona um den verwüsteten Schreibtisch, schob die Papierstapel und Bücher in eine dem Auge wohlgefälligere Ordnung und widerstand der Versuchung, den Rechner einzuschalten.
Sie würde mit Natalie auf die Party gehen. Vielleicht half das ja, den Kopf freizubekommen, um aus der Sackgasse herauszukommen, in der sich ihre Recherchen befanden.
„Wer bist du, Harald Udin?“, flüsterte sie. „Und was hast du getan?“
Jede freie Minute kreisten ihre Gedanken um diesen Mann – und das, obwohl er sich einer eingehenden Analyse entzog. Er war ein Phantom, das sich nicht greifen lassen wollte, das Katz und Maus mit ihr spielte.
Zum Beispiel sprachen die Aufzeichnungen, die Mona sich im Nürnberger Stadtarchiv angesehen hatte, von einem grauhaarigen Mann, der auf einen Stock gestützt ging. Das Seltsame daran: Warum war er so spät angeklagt worden, an seinem Lebensabend? Warum nicht früher?
Was, wenn sich ein Fehler eingeschlichen hatte – und Udin vielleicht viel jünger gewesen war?
Die Hände in die Hüften gestemmt, schloss Mona die Augen, legte den Kopf in den Nacken und dachte nach. Auf dem Hinrichtungsdokument, das sie im Archiv gefunden hatte, fehlte eine Angabe über den Geburtsort von Harald Udin, was mehr als ungewöhnlich war – und höchst ärgerlich; der Ort seiner Herkunft war ein wichtiger Teil dieses Puzzles.
Ich muss das herausfinden, hämmerte sie sich ein. Ich muss!
Gelänge dies, könnte sie dort nach weiteren Spuren suchen. Ihr Puls beschleunigte sich bei dem Gedanken, der erste Mensch zu sein, der mehr über Harald Udin erfuhr, und übernatürlich stark meldete sich plötzlich der Drang, Natalie abzusagen und erneut ihre Unterlagen zu durchforsten. Hatte sie etwas übersehen? – genau jene Zeile vielleicht, die ihr weiterhalf?
Sie atmete tief ein, dann wieder aus, lenkte ihre Gedanken weg von ihrer Bachelorarbeit, konzentrierte sich auf die entfernten Geräusche der Leopoldstraße, die durch das gekippte Fenster wehten.
Sie öffnete die Augen und ließ die kleine Knospe an Vorfreude auf die Party erblühen. Abwechslung und andere Gedanken. Und vielleicht noch wichtiger: Distanz. Ein Gemälde betrachtete man ja auch nicht mit der Nase an der Leinwand. Man postierte sich einige Meter davon entfernt, damit man eine Vorstellung von der Gesamtkomposition bekam.
Ihr Blick verhakte sich am rot blinkenden Lämpchen ihres Anrufbeantworters.
Sie drückte die Play-Taste.
Es war Professor Moosfeld, ihr Lieblingsdozent und der Betreuer ihrer Bachelorarbeit. Er bat um Rückruf und sagte, er befinde sich noch bis ungefähr siebzehn Uhr in seinem Büro.
Mona sah auf die Uhr: 16:44.
Hastig wählte sie seine Nummer.
Einmal das Freizeichen, zweimal …
Komm schon, flehte Mona.
… dreimal.
Ein Knacken in der Leitung.
„Moosfeld.“
„Hallo, Herr Professor.“
„Ah, Ramona! Schön, dass Sie anrufen.“
Bestimmt hundertmal hatte sie ihn dazu angehalten, sie Mona zu nennen – der goldene Mittelweg zwischen dem harten Ramona und der Totalverniedlichung Moni, wie ihre Mutter sie nannte –, doch so genau er in seiner Arbeit war, so zerstreut war er bei allen anderen Dingen.
„Um was geht es denn?“
„Ja, also“, begann Moosfeld, „ich habe mir die letzte Version Ihrer Arbeit angesehen, die Sie mir vergangene Woche geschickt haben – und bin hellauf begeistert!“
„Das freut mich“, erwiderte Mona. So gut das Lob tat – einen ähnlichen Duktus hatte er bereits beim allerersten Rohentwurf benutzt.
„Man merkt einfach, dass Ihr Herzblut in dieser Arbeit steckt, und Sie geben sich äußerst viel Mühe in den beiden Kapiteln über Harald Udin. Nur fehlt die entscheidende Erkenntnis, das Sahnehäubchen sozusagen. Ohne einen guten Schluss werten Sie in meinen Augen den ersten Teil Ihrer Arbeit über die Hexenverbrennungen in Bayern ab. Ich wiederhole mich gerne, auch wenn ich Sie schon mit den Augen rollen sehe.“ Moosfeld lachte kurz.
Mona fühlte sich ertappt und unterdrückte halbwegs erfolgreich ein albernes Kichern: Sie hatte tatsächlich die Augen verdreht.
„Der erste Teil ist umfangreich genug, um für sich allein zu stehen, und fachlich äußerst gelungen. Da in einem Monat Abgabetermin ist, bitte ich Sie, nein – flehe ich Sie an: Verrennen Sie sich nicht! Streichen Sie Harald Udin.“
Monas Lippen krampften sich zusammen, und sie schickte ein unverständliches Nuscheln durch den Hörer.
„Ich verstehe Sie, Ramona. Auch mich packt manchmal der Ehrgeiz. Dann versuche ich auf Gedeih und Verderb, hinter diese oder jene Sache zu kommen. Aber – inzwischen bin ich lange genug im Geschäft, um zu wissen, wovon ich rede – es gibt eben Mysterien, die sich anhand der jetzigen Quellenlage nicht ergründen lassen. Dergestalt sehe ich die Sachlage bei Harald Udin leider auch.“
„Ich bräuchte nur den Geburtsort – dann hätte ich etwas in der Hand …“
„Ich weiß, ich weiß“, sagte Moosfeld, und Mona hörte das aufrichtige Mitgefühl in seiner Stimme, „nur haben Sie die Dokumente der in Frage kommenden Jahre längst durchgearbeitet. Das allein übersteigt, nebenbei bemerkt, bereits das übliche Recherchepensum für eine Bachelorarbeit.“
Sie dachte zurück an die Woche in Nürnberg: Jeden Tag, von morgens bis abends, hatte sie in einer muffigen Kammer des Stadtarchivs Pergament um Pergament unter die Lupe genommen. Ohne Erfolg.
„Sie haben ja recht. Aber wenn ich etwas übersehen habe? Ich meine, vielleicht stimmt es ja gar nicht, dass Udin ein alter Mann war, sondern ein junger Bursche. Wenn dem so ist, habe ich die Spanne der Jahre, in denen er geboren sein könnte, viel zu früh gesetzt.“
„Nein, diese Quelle ist eindeutig. Er war ein alter, wenn nicht greiser Mann, als man ihn auf den Scheiterhaufen schickte.“
„Und die seltsame Tätowierung auf seiner Brust?“
„Rätselhaft, doch ohne weitere Hinweise unbrauchbar.“
Mona ließ den Kopf hängen. Der Telefonhörer erschien plötzlich so schwer wie ein Ziegelstein. „Ich denke darüber nach.“
„Kopf hoch, Ramona. Vielleicht stoßen Sie ja später auf irgendetwas, das Ihnen weiterhilft. In so einem Fall könnten wir darüber reden, eine Masterarbeit daraus zu machen. Na, wie klingt das?“
„Das wäre super. Vielen Dank.“
Sie wollte es jetzt herausfinden. Jetzt!
Nachdem sie aufgelegt hatte, ließ sie sich aufs Bett fallen.
Etwas raschelte.
Sie griff unter ihren Rücken und zog ein zerknittertes Blatt unter der Bettdecke hervor. Diese Kopie hatte sie in Nürnberg gemacht. Sie zeigte Harald Udins Tätowierungen, die die Chronisten vor dessen Hinrichtung nachgezeichnet hatten: eine Hand, aus deren Finger Blitze schossen, fünf an der Zahl. Der erste, der aus dem Daumen kam, endete in einer Flamme, der zweite in einem Wassertropfen, der dritte in einer Wolke und der vierte in einem Stein; der fünfte formte sich zu einem Totenkopf. Zudem umrahmte ein Sonnenkranz die Hand.
In keinem Buch und auf keiner Internetseite dieser Welt hatte sie dieses Symbol gefunden, und niemand, den sie dazu befragt hatte, wusste eine Antwort. Weder ein Geheimbund noch eine andere Organisation oder Bruderschaft verwendete es. Die Inquisitoren seinerzeit hatten es als gotteslästerliches Sinnbild eingestuft, ein grausiges Hexenmal, das Udins Verbindung zu Satan belegte. Udin hatte es nicht nur auf der Brust getragen, sondern ebenso auf dem Rücken, den Unterarmen und den Unterschenkeln. Dass er dies allein aus dem Bedürfnis heraus getan hatte, seinen Körper zu zieren, bezweifelte Mona. Wer ließ sich überall dasselbe Symbol auf den Körper tätowieren? Es musste eine Bedeutung haben!
Aber welche?
Sie stand auf, legte das Blatt auf den Schreibtisch und griff – zum gefühlt hundertsten Mal diese Woche – nach einer Kopie der Anklageschrift: Man beschuldigte Udin, dunkle Magie zu wirken, indem er Muster in die Luft zeichne und dazu satanische Verse äußere; obendrein beschwöre er dämonische Wesenheiten, die seine finsteren Pläne verwirklichen sollten, zum Beispiel das Trinkwasser zu vergiften, die Ernte zu verderben und den Menschen Krankheiten anzuhexen.
Mona seufzte, legte das Blatt ab, stellte den Wecker ihres Smartphones auf achtzehn Uhr, ließ sich wieder aufs Bett sinken und schloss die Augen.
Samtweich zupfte der Schlaf an ihren Lidern.
Jedoch, ein Schriftzug brannte sich mit feurigen Lettern in ihren Geist: Harald Udin.
Sie konnte nicht schlafen.
Besessene schliefen selten.

ENDE DER LESEPROBE

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JRezensionen:

Amazon:

  • Ich habe selten so ein tolles Buch gelesen !
    Sooo viele Seiten und am Ende ist man dennoch traurig, das es nun zuende ist.
    Packend, mitreißend und in manchen Dialogen mußte ich mehrmals laut lachen.
    Mir fehlen ehrlich gesagt die passenden Worte.
    Ich war völlig eingetaucht in die beschriebene Welt, hatte einen Heidenspaß dabei, habe mit den Helden gezittert und auch manchen Helden betrauert.
    Absolut empfehlenswert , dicke 5 Sterne+ (5/5 Sterne)

  • Dieses Werk von Peter Hohmann ist mit 1050 Seiten schon sehr beeindruckend.
    Ich muss aber sagen, es hat sich auf jeden Fall gelohnt.Eine ganz tolle Geschichte um Mona. Sie ist die Haupfigur des Buches und alles dreht sich um sie und die Welt in der sie ist.Sie findet sehr unterschiedliche Freunde und versucht mit Ihnen ihre Welt zu retten und sich selbst.Besonders hat mir die Detailtreue gefallen und der Schreibstil war so, dass man sich in diesem Buch verlieren konnte. Ich habe oft genug die Zeit vergessen. Ich wünsche mir weitere schöne Bücher von Peter Hohmann und freue mich schon auf seine nächsten Werke(5/5 Sterne)

  • 1000 Seiten Fantasy. 1000 Seiten pures Leseabenteuer. Dabei ist jede einzelne Seite einfach mehr als gelungen, zu keiner Sekunde mag man das Buch weglegen.
    Der Schreibstil ist so super detailliert, man hat immer ein passendes Bild vor Augen. Kopfkino war angesagt. Nehmt euch für dieses Buch einiges an Zeit, denn wenn ihr einmal mit Lesen anfängt geht die Zeit wie im Fluge um. Es macht einfach Spaß dieses Buch zu lesen. Locker, herrlich und sorgt auch für einige Schmunzler .
    Von der Spannung ganz zu sprechen, hier kann man ganz klar sagen, von der ersten bis zur letzten Seite ist sie da. Spannend die ganze Zeit über, das fand ich klasse. Es ist einfach unheimlich fesselnd.
    So verschieden die Charaktere doch sein mochten, überzeugt und gefallen haben sie mich alle. Sie waren aufregend, haben die Handlung zu einem richtigen Abenteuer gemacht, und es war schön von und mit ihnen zu lesen.
    Ganz klare Leseempfehlung! (5/5 Sterne)

  • (...) Fazit: Das ist das erste Buch seit langem, welches mich sofort so fesseln konnte und das bis zum Schluss, ich konnte es nicht aus der Hand legen oder gar etwas anderes lesen. Ich musste unbedingt wissen, wie es weiter geht und ob alle Fragen geklärt werden.Es ist teilweise blutig, aber es passt zur Stimmung des Buches und zur Thematik. Es macht keinem etwas vor und das ist gut so! (...) Dieses Buch empfehle ich jedem, der Fantasy und Mittelalter mag(5/5 Sterne)

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Magier des dunklen Pfades

Wie weit würdest du gehen, um einen geliebten Menschen vor dem Tod zu retten?
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-949821-02-8
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Wie weit würdest du gehen, um einen geliebten Menschen vor dem Tod zu retten? Welche Grenzen würdest du überschreiten?

Der Magier Lorgyn de Daskula lässt sein früheres Leben hinter sich und reist mit seiner todkranken Frau Aluna nach Wintertal. Den dortigen Quellen sagt man unglaubliche Heilkräfte nach. Doch Lorgyn will mehr, als seiner Frau lediglich Linderung zu verschaffen: Er will sie vor dem sicheren Tod retten. Dazu bedient er sich verbotener Magie, die über hunderte Jahre niemand mehr praktiziert hat.

Allerdings ist er nicht der Einzige, der etwas im Schilde führt: Der Lehrmeister seiner ehemaligen Akademie sucht nach ihm, die Iros-Kirche wird auf sein Treiben aufmerksam und Wintertal selbst birgt ein grausames Geheimnis, das seinen Ursprung in einer der dunkelsten Epochen des Reiches hat.
Lorgyn gleitet hinab auf einen Pfad in die Dunkelheit, eine Dunkelheit jedoch, die viel gewaltiger und schrecklicher ist, als irgendjemand ahnt.

Im normalen Taschenbuchformat hätte dieser Roman 720 Seiten.

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HLeseprobe:

KAPITEL 1

Und schließlich gibt es das älteste und tiefste Verlangen, die große Flucht: dem Tod zu entrinnen.

J.R.R. Tolkien

Die Vergangenheit hat keine scharfen Klingen, die sofort töten, dachte Gerom trübselig. Sie sind rostig und vergiftet, sodass die Wunden, die sie reißt, nie heilen. Sie bleiben offen. Manchmal merkt man sie kaum, nur um jäh zusammenzuzucken, wenn der Eiter alter Taten und Erinnerungen aus ihnen quillt.

Er stützte die Hände auf den Schanktisch und seufzte. Das Stimmengewirr in der Taverne brummte ihm in den Ohren, zu laut, zu unangenehm; im überschwänglichen Zuprosten zusammenknallende Krüge, Rufe nach mehr Bier, Rufe der Freude und Verärgerung, wenn die Karten dem einen Glück bescherten und es dem anderen nahmen.
Sein Blick wanderte über die Gesichter der Anwesenden. Alles Menschen, die er kannte. Die Kälte draußen führte sie hierher, wo sie sich mit Bier und Gelächter wärmten und die Sorgen eines harten Lebens vor der Tür ließen. Doch egal wie lange sie hier hockten, egal ob sie Nordenvaards Perle aufrecht verließen oder von ihren Freunden getragen – ihre Sorgen waren geduldig, und ein jeder von ihnen hatte seine eigene Vergangenheit, seine eigenen rostigen, verseuchten Klingen.
Gerom seufzte abermals, sein Kopf neigte sich, er starrte nun auf seine Hände. Sie waren breit, die Finger dick und kräftig. Adern verliefen auf dem Handrücken, zwischen ihnen kleine Narben. Er war ein guter Handwerker, reparierte und besserte aus, trug Säcke, Kisten und Fässer; am liebsten hackte er Holz. Er genoss die monotone und auf ihre Art doch kunstvolle Bewegung. Das Axtblatt grub sich mit genau dosierter Kraft durch das Holz. Nie fuhr es in den Block und verkeilte sich dort.
Die Axt, die liebte er.
Den Griff des Dolches jedoch, der einmal im Jahr so rau und schwer wog, den ertrug er nur im Rausch der Kräuter und des Weins.
Gerom sah zu seinem Freund Toste, der mit seinen beiden Söhnen Ugdar und Rul sowie zwei weiteren Männern an einem Ecktisch saß und Karten spielte.
Als spürte er Geroms Blick, hob Toste die Augen. Ein kurzes Nicken und Lächeln, dann konzentrierte er sich wieder auf das Spiel.
„Vater, was ist?“
Seine Tochter Laris trat an ihn heran. Sie legte den Kopf schief, als sie ihn musterte, wodurch ihre schwarzen Ringellocken sacht vor- und zurückwippten.
Das Haar ihres Vaters, dachte Gerom und sah sie an, und die blauen Augen ihrer Mutter. Kein Wunder, dass ihr die meisten Burschen in Eisbach nachsteigen, dieser Gelehrte mit eingeschlossen! Dann lieber einer aus dem Dorf als ein Fremder, der so unausstehlich gestelzt redet, dass einem schlecht wird!
Gerom schob den Gedanken an den sonderbaren Kauz beiseite, der seit Sommer ein Zimmer in seiner Herberge bewohnte, und richtete sich auf.
„Zeit für meine Pfeife“, brummte er, streichelte Laris über die Schulter und ging aus dem Schankraum an der Küche vorbei zur Hintertür. Er warf seinen schweren Mantel über, griff in die Tasche, zog Pfeife und Tabakdose heraus und stopfte sie. Mit der Kerze, die eigens für diesen Zweck neben der Tür brannte, entzündete er sie und betrat den Hinterhof. Seine Stiefel knirschten im Schnee, als er an den Stallungen vorbeischritt. Links führte ein festgetrampelter Pfad zur Herberge, in der nur noch ein einziges Licht brannte: Der dicke Gelehrte ging selten vor Mitternacht zu Bett.
Gerom hielt sich rechts, folgte der Linie seiner alten Fußspuren zu der Kuppe mit dem knorrigen Baum, bei dem er spätabends zu stehen pflegte.
Genüsslich sog er an der Pfeife. Die würzige Rauchnote umschmeichelte seine Nase.
Seufzend schloss er die Augen, lauschte. Sein eigener Atem, das kaum hörbare Knistern brennenden Pfeifentabaks – und wenn man für einen Moment die Luft anhielt, die Geräusche der Taverne: Stimmen, Gelächter, das Schlagen der Eingangstür. Jetzt aber war alles gedämpft, alles ganz leise. Der Schnee schluckte die Geräusche. Das war gut.
Er öffnete die Augen, legte den Kopf in den Nacken. Keine einzige Wolke, nur die Sterne, die wie eingenähte Diamantsplitter am blauschwarzen Himmelstuch hingen, und der Mond, der die Landschaft ringsum mit silberner Helligkeit puderte. Die Nacht war rein und kalt wie Glas, und er spürte, wie die Kälte bereits durch seinen Umhang sickerte, an seinen Ohren nagte, an den Lippen, an der Nase. Nur mit seinem dichten Bart tat sie sich schwer.
Wieder zog er an der Pfeife.
Bis er fror, würde es dauern. Das hier war Nordenvaard, die nördlichste Provinz des Reiches. Hier war er geboren, hier hatte er sein ganzes Leben verbracht. Er dachte an ein altes Sprichwort und schmunzelte.
Bevor einem Nordenvaarder der kleine Zeh abfriert, ist der Rest des Menschengeschlechts schon lange tot …
Unter den knochigen Ästen des Baumes, den Blick auf die Landschaft gerichtet, ließ es sich gut nachdenken. Er brauchte diese Momente innerer Zwiesprache und Ruhe, auch wenn die Perle sein ganzer Stolz war – genau wie seine Tochter Laris. Oft zweifelte er daran, dass sie hier, im Nichts aus Eis und Schnee, wirklich zufrieden war. Aber sie beteuerte immer, ihr gehe es prächtig und das Arbeiten am Schanktisch bereite ihr Freude. Jedoch, was war das im Vergleich zu ihren Studien in Vaskalan, der Provinzhauptstadt weiter im Süden, die sie nach dem Tod ihrer Mutter abgebrochen hatte? Was war das Auffüllen von Bierkrügen und das Zubereiten von Fleischeintöpfen verglichen mit den alten Sprachen der Historiker, mit den Rätseln der Vergangenheit, die sie so faszinierten?
Unweigerlich dachte Gerom zurück an den Tag vor fünf Jahren, an dem er seine Frau Vlaja verloren hatte. Nirgends Schnee, nur das herrliche Grün der Wiesen, die blühenden Bäume, die Vögel in den Ästen zwitscherten zum Himmel, als sängen sie ein Dankeslied an die Natur.
Und dann, plötzlich, dieses Wiehern, gefolgt vom Krachen des umstürzenden Fuhrwerks, das neues Bier zur Perle brachte. Eines der Fässer erschlug sie. Von einem Moment auf den anderen war sie nicht mehr da.
So fest saugte Gerom an der Pfeife, dass seinem Mund ein Schmatzlaut entschlüpfte. Obwohl das Kraut noch nicht aufgeraucht war, schmeckte es nicht mehr. Er klopfte die Pfeife am Stamm des Baumes aus, dann ließ er sie in die Tasche seines Mantels gleiten und wartete, bis der Schmerz in seiner Brust nachließ, der sein Herz zu zerreißen drohte. Er wollte nicht, dass Laris seine Trauer bemerkte, wenn er zurückkam, und sich ihre Absicht, bei ihm zu bleiben, nur aus Mitleid weiter festigte.
Er blinzelte und rieb sich über die Augen, stierte wieder über die weiße Decke, die ihm mit einem Mal nicht mehr anmutig, sondern grausam vorkam. Unter ihr ruhte Vlaja. Er presste die Kiefer zusammen. Vlaja und einige Geheimnisse – doch welcher Ort, welcher Mensch hatte die nicht?
Du bist ein Idiot, Gerom, schalt er sich. Warum musst du nur immerfort daran denken? Quälst du dich gerne?
Gab es eine Wahl? Jedes Jahr an Reikjol, wenn der Frühling wiederkehrte, wenn alle Menschen den Winter verabschiedeten und das Erwachen der Natur feierten, wiederholten sich die Geschehnisse, als würde ein verwittertes Schaufelrad sie aus den dunklen Tiefen der menschlichen Seele schöpfen. Ja, und manchmal wollte er es auch gar nicht anders: Den Schwur, den er am Sterbebett seines Vaters gegeben hatte, würde er nicht brechen, auch wenn er seitdem auf einem dünnen, wackeligen Brett balancierte, das einen schwarzen Abgrund überspannte. Ein einziger Fehltritt …
Vor seinem geistigen Auge erschien wieder der Dolch, der so schwer in der Hand lag, die Klinge blutverschmiert …
Er schüttelte den Kopf, vertrieb die Eindrücke. Gerade wollte er sich abwenden und zurückgehen; irgendetwas allerdings hielt ihn zurück – ein Instinkt vielleicht, oder eine Ahnung. Sein Herzschlag beschleunigte sich, während sein Blick nun aufmerksam über die Landschaft tastete, über jeden Hügel, jeden Baum, jede Senke.
Er kniff die Augen zusammen, was zur Folge hatte, dass weiter Entferntes verschwamm. Verfluchtes Alter!
Doch da! Ein schwarzer Punkt auf der silbernen Schicht.
Er schluckte.
Was mochte das sein?
Ein Kralik?
Nein, die wagten sich nicht an Ortschaften, sondern lauerten in den Wäldern auf unbedachte Wanderer oder Holzarbeiter. In den fünfzig Jahren seines Lebens hatte Gerom erst ein einziges Mal von einem Todesopfer innerhalb einer Siedlung gehört. Das allerdings war nicht hier in Eisbach gewesen, sondern in Waldbruch, dem kleinsten der drei Dörfer Wintertals. Aus Gruvak, der einzigen Stadt, machten sich daraufhin zwei Dutzend Soldaten auf, das Biest zu finden und zu töten. Natürlich ohne Erfolg: Ein Kralik war zu gerissen. Er allein entschied, wer ihn zu Gesicht bekam. Eines der Biester schien auf den Geschmack von Menschenfleisch gekommen zu sein. Seit mehreren Jahren fand man jedes Mal an Reikjol eine zugerichtete Leiche, manchmal im Wald, manchmal auf den Feldern …
Rede es dir nur ein, Gerom, vielleicht glaubst du ja irgendwann daran!
Langsam näherte sich der Punkt.
Gerom entspannte sich. Zu groß und zu breit für einen Kralik. Und auch für einen Menschen. Was war es dann?
Nach einiger Zeit des Wartens runzelte er die Stirn.
Das gibt es doch nicht!
Kein Zweifel: ein Fuhrwerk!
Hinter dem Pferdegespann meinte er zwei Gestalten auf dem Bock auszumachen.
Beim Eis des Nordens – woher kommen die denn?
Der Weg führte hinaus aus Wintertal zur langen Brücke über die Sturzklamm und dem gefährlichen Pass zwischen den Eiszacken hin zu Kremal, der ersten Siedlung außerhalb Wintertals. Aber von Kremal bis hierher, im tiefsten Winter und mit beladenem Fuhrwerk, benötigte man eine Woche! Das hieß, falls alles glatt lief!
Die mussten lebensmüde sein: Schrunden und Schollen, abgehende Schneewände, Kraliks und der brutale Wind, der heute Nacht ausnahmsweise nicht durch Eisbach fegte und einem mit winzigen Eiskörnern die Haut abschälte – eine Woche überlebte dort draußen niemand. Außer vielleicht, man hatte Zelte dabei, warme Decken und genug zu essen und zu trinken. Und vor allem keine Angst. Aber warum so ein Wagnis überhaupt eingehen?
„Ganz klar lebensmüde“, brummelte er.
Plötzlich löste sich ein Schatten von dem Gefährt. Gerom brauchte einen Moment, ehe er realisierte, was passiert war: Einer der Reisenden war vom Bock in den Schnee gestürzt. Sofort kletterte der andere herunter.
„Idioten!“, knurrte Gerom und lief zu den Stallungen.
Sein Pferd schnaubte, als es ihn sah, und der Schweif zuckte rauf und runter. Nicht gesattelt. Etwas weiter entfernt stand das Pferd dieses Geschichtsschreibers. Auch kein Sattel.
„Jasko!“, rief er nach seinem Stallburschen.
Keine Antwort.
Rasch erklomm Gerom die Leiter zu dem Spitzboden, auf den sich der Taugenichts manchmal verzog, um sich vor der Arbeit zu drücken. Dann fiel ihm ein, dass er Jasko im Schankraum gesehen hatte. Fluchend kletterte er wieder herunter und strebte zur Perle. Er begann zu schwitzen. Seine Laune verdüsterte sich mit jedem Schritt, als er die Hintertür aufriss, durch die Küche in den Schankraum eilte, die Hände am Tresen aufstützte und „Jasko!“ bellte.
Jemand an einem der hinteren Tische sprang auf und torkelte mit etwas Schieflage auf ihn zu.
Jaskos Augen, die wie zwei dunkle Taubeneier in dem teigigen Gesicht lagen, waren trüb.
„Sattel mein Pferd, du Schluckspecht!“
Dümmlich nickend bugsierte Jasko seinen Wanst an Gerom vorbei, wobei er mit der Hüfte gegen eines der Bierfässer stieß, sodass es bedenklich wackelte.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. „Ist etwas passiert?“, fragte Laris.
Knapp erzählte er ihr, was er gesehen hatte.
Ihre fein geschwungenen Augenbrauen rutschten nach oben. „Von Kremal hierher?“
„Woher sonst?“ Er dachte kurz nach. „Hast du warmen Tee?“
Laris verschwand in der Küche. Kurze Zeit später reichte sie ihm einen Beutel, in dem sie zwei Becher und einen verschlossenen Krug verstaut hatte.
Er verließ die Taverne, doch nicht, bevor er sich eine dicke Schafswollmütze und Fäustlinge übergezogen hatte.
Jasko wartete bibbernd und zitternd auf ihn. Mehr als ein Hemd und eine fransige Weste trug er nicht am Leib. Aber er war Nordenvaarder, und das musste für ein paar Atemzüge in der Kälte reichen!
Gerom nahm ihm die Zügel aus der Hand. „Ist das Pferd dieses … Geschichtskerls schon gestriegelt?“
„Er heißt Arlo“, antwortete Jasko zwischen klappernden Zähnen. „Habe ich bereits gemacht.“
Gerom unterdrückte den Impuls, Jasko in den Stall zu schicken, um aufzuräumen – auch wenn es an sich nicht unordentlich ausgesehen hatte –, und reckte sein Kinn kurz in Richtung Hintertür.
Dankbar wieselte Jasko davon.
Hätte Vlaja an diesem Tunichtgut nicht einen Narren gefressen gehabt, hätte Gerom ihn längst mit einem Tritt an die freie Luft gesetzt.
Er atmete tief ein, laschte den Beutel am Sattel fest und hievte sich hinauf. Dann lenkte er seinen Braunen vom Hof und ließ ihn in einen lockeren Trab fallen. Er wählte den Weg durch Eisbach und nicht am Hügel vorbei durchs offene Feld. Dort lag der Schnee bereits zu hoch, auch wenn die Menge im Gegensatz zu anderen Jahren verhältnismäßig gering war. Aber es war ja auch erst der Anfang von Durlum, dem Hartwinter. Und was der Schnee nicht hielt, machte die Kälte doppelt wett. Auf Dauer würden hier draußen selbst ihm die Arschbacken zusammenfrieren!
Nicht verwunderlich, dass niemand auf der Straße war. Gelegentlich zwängte sich ein Lichtstreifen durch geschlossene Fensterläden, in den meisten Häusern jedoch war es dunkel. Entweder schlief man um diese Zeit – oder versackte in der Perle.
Galoppieren kam nicht in Frage. Egal ob die Reisenden gerade zu Eisklumpen erstarrten, er würde nicht riskieren, dass sich sein Brauner ein Bein brach oder die Fesseln an einer im Schnee verborgenen Eiskante durchtrennte.
Am Marktplatz bog er nach links und ritt am Iros-Tempel vorbei, ein aus wuchtigen Steinquadern errichtetes gedrungenes Gebäude, das Gerom eher an eine kleine Wehranlage, denn an einen Ort erinnerte, an dem man dem Gott der Sonne huldigte. Ein neuer Tempel müsste mal her anstelle dieses Ungetüms aus grauer Vorzeit.
Noch bevor er den Rand Eisbachs erreichte, wurde das Vorankommen schwieriger. Niemand wählte diesen Weg, weil es jenseits der Dorfgrenze einfach nichts gab – außer zwei Idioten mit einem Fuhrwerk!
Sein Ross mühte sich durch den Schnee. Als er die letzten Behausungen hinter sich ließ, ging es nochmals langsamer voran. Von weitem sah er den Wagen im Mondlicht, was sonderbar aussah, als wäre es eine Geisterkutsche.
Blödsinn! schalt er sich und ritt weiter.
Beide Leute saßen wieder auf dem Bock, und die Zugtiere, dem zotteligen Fell nach Hochlandponys – wenigstens die richtigen Tiere hatten diese Narren ausgewählt –, schleppten sich mit gebeugtem Kopf voran.
Als Gerom die Neuankömmlinge erreichte, rechnete er mit halbtoten Gestalten, denen Ohren und Nase schwarzgefroren waren, mit Eiszapfen im Haar und steifen Gliedern. Stattdessen zeigten sich keinerlei Spuren von Erfrierungen, weder beim Mann noch bei der Frau, auch wenn diese erschöpft und krank aussah. Weiße Brösel klebten an ihrem Umhang: Sie war es, die vom Bock gefallen war. Der Mann wirkte gleichermaßen erschöpft, insgesamt jedoch in besserer Verfassung.
Der Neuankömmling zog an den Zügeln. Die Tiere schnaubten dankbar, als der Wagen anhielt. Weißer Dampf stieg aus ihren Nüstern in den klirrenden Nachthimmel.
Dunkle Augen richteten sich auf Gerom. Der Blick war so intensiv, dass die beißenden Kommentare, die ihm auf der Zunge lagen, schmolzen und verliefen wie Schnee in der Sonne. Aufgrund der Mütze mit den Ohrenklappen und der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze sah Gerom nur einen kleinen Fleck heller Haut. Trotzdem glaubte er, dass der Kerl nicht allzu alt war. Diese Augen … stechend und intensiv, wie Punkte gebündelter Kraft. Einen Augenblick verspürte er ein Zwicken im Bauch.
Angst?
Ich habe keine Angst.
Statt einer Begrüßung schlug ihm nur Schweigen entgegen.
Ungehobeltes Pack! dachte er bei sich, zwang sich jedoch zu einer freundlichen Miene. Die waren wohl einfach zu geschafft, als dass sie einen einzigen Mucks herausbrachten.
Gerom löste den Beutel. „Warmer Tee?“
Der Mann nickte. „Das wäre sehr nett, ja.“ Seine Stimme hörte sich klar an, anders als bei Leuten, denen die Lippen eingefroren waren.
Gerom lenkte sein Pferd zum Wagen und überreichte den Beutel. Schweigend streifte der Mann die Handschuhe ab, öffnete den Krug und schenkte ein. Seine Finger zitterten kaum.
Vielleicht kommen die auch gar nicht von weit her? ereilte Gerom ein absurder Gedanke.
Der Mann half seiner Gefährtin beim Trinken. Als sie schluckte, schloss sie die Augen und seufzte. Dann packte sie ein Hustenanfall. Von Krämpfen geschüttelt beugte sie sich vornüber. Das Japsen und Würgen klang fast so schauerlich wie beim alten Ole, der vor zwei Wintern an der Keuche gestorben war.
Sofort holte der Mann ein Tuch hervor und hielt es der Frau vor den Mund. Sie wimmerte leise, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich aufrichtete und erschöpft zurücklehnte.
Gerom verfolgte das Geschehen aufmerksam. Als er die dunklen Punkte auf dem Tuch sah, das der Mann rasch verschwinden ließ, dämmerte ihm, warum die beiden nach Eisbach gekommen waren.
Der Mann bemerkte Geroms Blick und erwiderte diesen, nicht abweisend oder gar böse, sondern als wollte er sagen: Du weißt jetzt, dass sie krank ist – und weiter?Gerom räusperte sich. Wann hatte er sich das letzte Mal verlegen gefühlt oder geschämt? Der Kerl war ihm unheimlich. Trotzdem, er konnte sie schlecht hier draußen stehen lassen, allein der Frau wegen. Ihre Augenlider flatterten. Sie schien kurz vor einer Ohnmacht.
„Kommt“, sagte Gerom, „ich bringe euch zu meiner Taverne. Dort könnt ihr euch erholen.“
Einen Moment zögerte der Mann. Nach einem besorgten Blick auf seine Gefährtin nickte er. „Danke.“
Mit einem unwilligen Schnauben stemmten sich die Ponys ins Geschirr.
Gerom ritt voran. Obwohl er im Grunde keine Lust dazu verspürte, drehte er sich nach einiger Zeit im Sattel herum. Keiner sollte sagen, Gerom Orfolei trete die Regeln der Gastfreundschaft mit Füßen – selbst wenn sein Gegenüber da weniger Skrupel zeigte.
„Ich heiße übrigens Gerom.“
„Lorgyn“, erwiderte der Mann leise. „Und das ist meine Frau, Aluna.“
„Freut mich, eure Bekanntschaft zu machen.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, kam es zurück.
Unmerklich zuckte Gerom mit den Schultern. Wenigstens war er nicht der Einzige, der log.

 ENDE DER LESEPROBE

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JRezensionen:

Amazon:

  • Ein klasse Buch. Es war wohl vorher schoneinmal veröffentlicht worden, allerdings in zwei Teilen. Dies ist nun das Buch in einem Teil und entsprechendem Umfang.

    Die Gechichte ist wirklich gelungen und spannend. Ein Magier, der sich auf einen dunklen Pfad begibt um seine todkranke Frau zu retten. Dabei gerät er immer weiter in den Strudel der Magie und Lügen. Immer tiefer sinkt er und eine böse Tat zieht eine andere nach sich. Klar, Magie ist dabei ein Hauptaspekt der Geschichte, aber ich fand die Charakterentwicklung am spannendsten.

    Leseempfehlung! (5/5 Sterne)                                                                         

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Weißblatt

1.Platz im Bereich „Fantasy-Kurzroman“ (ganz neu als E-Book!)
Erscheinungsjahr: 2010 Print, 2016 E-Book
ISBN: ASIN: B01HO8FI1G
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

Amelia, die schöne Wirtstochter, wird von der Göttin in den Tempeldienst berufen. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Amelia wird entführt, Novizinnen verschwinden aus dem Heiligtum. Askar, ein altgedienter und von seiner Vergangenheit geplagter Kämpe, macht sich auf den Weg Amelia zu befreien und gerät dabei selbst in einen Strudel aus Intrigen und Verrat.

Wird er Amelia dennoch befreien können?

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HLeseprobe:

Der Anfang des Romans ...

Schon wieder dieses Klopfen, und diesmal noch drängender. Es ließ das Flammenmeer zerfasern, aber nur langsam; noch immer kämpfte er sich durch die verkohlten Reste des Straßenzuges. Bläuliche Feuerzungen leckten nach seinen Stiefeln. Schreie erreichten seine Ohren, lauter als das Prasseln der Flammen.
„Verrat! Verrat! Findet die Königsmörder!“
Dann ließ er das Inferno hinter sich, die Stadt, die brennenden Enden des Traumgespinstes …
Er fuhr hoch. Der Atem rasselte in seiner Kehle. Erschrocken griff er nach dem Amulett um seinen Hals. Die Kühle des darin eingefassten Steins beruhigte ihn.
Er sah zu dem Spalt zwischen den Fensterläden, durch den sich ein Streifen Licht zwängte und den staubigen Boden beleuchtete. Später Vormittag – dieser verdammte Traum hatte ihn nicht losgelassen.
Jemand pochte gegen die Tür seiner Kate und rief: „Onkel Henk! Raus aus den Federn!“
Henk – selbst nach all den Jahren war der Name immer noch wie ein Ring, der nicht um den Finger passen wollte. Manchmal war er zu weit, dann wieder zu eng.
„Ich komme, ich komme“, rief er und schwang seine Beine aus dem Bett. Sich den Schlaf aus den Augen reibend, stand er auf und schlurfte zur Tür. Dabei griff er nach dem Oberhemd, das über einer Stuhllehne hing, und schlüpfte hinein – ein Bewegungsablauf, den er nie vergaß, egal wie müde oder durcheinander oder aufgebracht er auch war: Sich zu verhüllen, bedeutete zu überleben.
Langsam öffnete er die Tür.
Es war Amelia, Orrins Tochter.
„Du kannst doch diesen herrlichen Tag nicht verschlafen!“, sagte sie und drehte sich so schnell im Kreis, dass es den Saum ihres lindgrünen Kleides anhob. Die in ihr blondes Haar geflochtenen Blumen schimmerten in den weichen Farben eines Regenbogens, und ihr Lächeln strahlte heller als die Sonnenstrahlen, die durch das Astwerk der Bäume fielen und den Boden mit hellen Punkten sprenkelten.
Nach einer weiteren Pirouette, die ihr ein glockenhelles Lachen entlockte, reichte sie Henk einen Korb: Obst, Brot, Käse und ein Stück geräuchertes Fleisch. Der Geruch der Speisen vertrieb den Gestank von Rauch, den Henk seit dem Erwachen in der Nase hatte.
„Vater möchte nicht, dass du heute bei der Arbeit entkräftet zusammenbrichst.“ Ihre blauen Augen blitzten schelmisch auf.
Obwohl ihm nicht nach Scherzen zumute war, musste er lächeln. Amelias Lebensfreude war ansteckend, und er wollte ihr diesen besonderen Tag nicht durch eine mürrische Miene verleiden.
„Das ist sehr nett“, sagte er und zwang sich, seine aufgesetzte Miene der Fröhlichkeit zu halten.
Amelia legte den Kopf schief und drängte die Glücksseligkeit, die sie offensichtlich bis zum Bersten ausfüllte, ein wenig zurück. „Du hilfst doch bei den Vorbereitungen, oder?“
„Natürlich.“ Zum einen hatte er es versprochen, zum anderen würde ihn die Arbeit auf andere Gedanken bringen. „Sag Orrin, ich bin zur Mittagsstunde bei ihm.“
„Danke! Und vergiss nicht, dass Alvin noch immer auf die Legende von der verwunschenen Burg wartet. Du weißt doch, wie kleine Brüder sind. Er wird dich so lange damit nerven, bis du dein Versprechen eingelöst hast.“
Henk konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
Amelia lachte, hauchte ihm noch eine Kusshand über die Schulter und lief los.
Er sah ihr nach. Sie verschwand zwischen den Bäumen, ehe sie auf der sanfthügeligen Lichtung wieder auftauchte und auf Bardenfels zustrebte. Die Dächer des Dorfes leuchteten in der Sonne, als wären sie mit lauterem Gold bestrichen, und aus dem Kamin der Bäckerei driftete Rauch in den samtblauen Himmel. Bestimmt war Ole schon vor dem Morgengrauen aufgestanden, um Brot und Gebäck für den Abend vorzubereiten.
Heute war Eshkari, der Tag der Göttin Melvena, deren heilige Zahl die Siebzehn war. Wann immer ein Mädchen dieses Alter im Laufe des Jahres erreichte, veranstaltete man an Eshkari zu Ehren der Göttin ein Fest.
Siebzehn, dachte Henk. Für mich hatte diese Zahl einst auch große Bedeutung …
Er schloss die Tür, stellte den Korb auf den Tisch und aß. Nachdem er fertig war, verließ er seine Kate und ging zu dem nahen Bachlauf. Munter sprudelte und gluckste das Wasser über die dunklen Steine.
Wachsam sah er sich um und lauschte, ob er über das Plätschern des Baches ein verräterisches Knacken oder Rascheln hörte. Niemand durfte sehen, was seine Kleidung verdeckte.
Schließlich streifte er das grobleinene Oberhemd ab und wusch sich, was er normalerweise tat, wenn es dunkel war, noch vor den ersten Strahlen der Morgensonne. Diese Nacht jedoch hatten ihn seine düsteren Träume derart erschöpft und gequält, dass er länger im Bett gelegen hatte als sonst.
Die Kälte vertrieb die letzten Reste von Schlaf, die noch harzig in seinem Körper hafteten. Als letztes tauchte er den Kopf unter Wasser, wozu er sich hinknien musste. Schnell jedoch erhob er sich wieder, da sein rechtes Knie sofort zu stechen begann. Langsam ließ er die Arme kreisen. Auch in seiner linken Schulter zwickte es. Er knurrte einen Fluch.
Du wirst alt, dachte er. Nein, falsch – du bist bereits alt.
Er strich sich das Wasser aus dem kurzen Haar und seinem Kinnbart, streifte das Hemd wieder über und ging zurück zu seiner Behausung.
Dort zog er eine lederne Hose, schwarze Stiefel und sein bestes Oberteil an, ein fein gewebtes Stück mit Rankenverzierungen am Kragen. Er achtete darauf, dass die Ärmel so fest saßen, dass sie keinesfalls zurückrutschen würden, auch nicht, wenn er sich reckte. Vorsichtshalber schnürte er aber noch lederne Armschienen darüber. Sie waren zerkratzt und abgewetzt – und begleiteten ihn schon länger als die Menschen im Dorf oder sein jetziger Name.
Henk schritt aus, ging aber nicht über die Lichtung, sondern hielt sich am Waldrand; gelb und rot schimmerten die Blätter der Bäume, ein Abschiedsgruß an den Sommer, der sich dem Ende entgegenneigte. Ab und an blieb er stehen und pflückte ein paar besonders schöne Blumen, die er zu einem Kranz flocht. Nicht direkt ins Dorf führte ihn sein Weg, sondern weiter nach rechts, auf eine andere Lichtung, wo neben einem Bächlein die überbordende Pracht einiger Trauerweiden den zahlreichen Grabsteinen ein wenig Schatten spendete.
Vögel zwitscherten, und der Duft nach Blumen und Gräsern hing wie ein Versprechen in der Luft, dass diesem wunderschönen Tag noch unendlich viele weitere folgen würden, wie Perlen auf einer Schur, die sich in der farbenfrohen Ewigkeit verlor.
Henk wusste, dass der Eindruck trog. Kein Glück währte ewig; kein Frieden war von Dauer.
Auf dem Grabstein, vor dem er stehen blieb, hatten Regen und Kälte im Lauf der Zeit ein paar dunkle Flecken und feine Risse hinterlassen. Er legte den Blumenkranz ab und entfernte den alten, den er vor zwei Tagen abgelegt hatte. Dann sah er auf den Schriftzug: Mirna.
Vier Jahre des Glücks hatte sie ihm geschenkt. Für Kinder waren sie schon zu alt gewesen, aber das hatte ihnen nichts ausgemacht. Stattdessen erfreuten sie sich daran, wie Amelia heranwuchs, die Tochter von Mirnas Bruder Orrin, oder wie Alvin seine ersten Schritte machte. Mirna und er wanderten durch den Wald, liebten sich im Mondschein am Dorfsee, genossen das Gefühl, dass sie die Zeit, die ihnen noch blieb, nicht allein verbringen mussten.
Im Winter des vierten Jahres kam der Husten. Jeden Tag wurde er schlimmer, bis Mirna nicht mehr die Kraft fand, das Bett zu verlassen. Henk pflegte sie, hielt ihre Hand, auch als sie die Augen schloss und aus dem Leben schied, leiser und sanfter als eine herunterbrennende Kerze.
Die Lippen zusammen gepresst, ging er weiter, bis er eine mannshohe Steintafel erreichte, neben der ein kleiner Brunnen plätscherte. Mehr als ein Dutzend Namen standen dort. Die Inschrift lautete: Gedenket der Helden, die für unsere Freiheit ihr Leben ließen. Mögen sie in Melvenas ewigem Garten ihre letzte Ruhe finden.
Ein Name war nachträglich eingemeißelt worden, offenbar nicht von einem Steinmetz wie die anderen, sondern von einem Laien, denn die Ritzungen waren grob und ungeschliffen.
Feron.
Henk streckte die Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger die Kerben nach. „Irgendwann sehen wir uns wieder, mein Freund.“
Mit Trauer im Herzen verließ er den Friedhof.
Warum bin ich noch hier? fragte er sich. Warum hat mich die Göttin damals nicht auch zu sich geholt?
Er schüttelte den Kopf. Dann hätte ich Mirna nie kennengelernt.
Aber was hatte er verbrochen, dass der Tod sie so früh an sich gerissen hatte? Warum? Wut stieg in ihm hoch. Seit jenem Tag hatte er der Göttin weder ein Opfer gebracht noch ihren Tempel betreten. Und er hatte sich geschworen, dass er, wenn er dereinst auf dem Sterbebett lag, seinen letzten Atemzug darauf verwenden würde, Melvena zu verfluchen.
Er erreichte den leeren Dorfplatz. Sogar der Trödelladen hatte geschlossen. Keine Frauengrüppchen, die den neuesten Tratsch austauschten, keine Bauern, von denen sich mittags immer ein paar am Brunnen trafen. Heute war alles anders. Heute war Eshkari. Nur Alvin war zu sehen, wie er mit ein paar anderen Jungs durch die Gassen hetzte, sein Holzschwert in der Hand, das Orrin ihm diesen Sommer geschnitzt hatte. Henk beschleunigte seine Schritte. Nach Geschichtenerzählen stand ihm im Moment nicht der Sinn.
Vor der Taverne, im Schatten des langen Vordaches, saßen drei junge Männer auf den Holzbänken. Einer von ihnen war Lenos, Amelias Verlobter; die beiden anderen kannte Henk nur flüchtig. Sie hatten die Köpfe beisammen und unterhielten sich. Seinem entrückten Blick nach zu urteilen, folgte Lenos dem Gespräch jedoch nur mit halbem Ohr. Wahrscheinlich träumte er von Amelia, denn erst nach dem Reifefest war es einer Frau erlaubt, einem Mann beizuliegen. Davor waren Küsse das Maß aller Dinge. Natürlich brachen viele Mädchen mit dieser Regel, nicht aber Amelia, da war Henk sicher.
Sonst hätte Lenos auch nicht diesen schmachtenden Blick im Gesicht.
Ohne es zu wollen, musste Henk grinsen, und so eilte er an den Männern vorbei, damit diese seine Erheiterung nicht bemerkten und ihre Schlüsse daraus zögen.
Der dunkle Schleier, der seine Gedanken umhüllte und ihnen das Licht nahm, wann immer er vom Friedhof zurückkehrte, hob sich allmählich, vor allem, als er den Schankraum betrat und Orrin ihm entgegeneilte. Sein Freund warf die Hände so ungestüm in die Höhe, dass sein Lappen in hohem Bogen davonsegelte, und umklammerte Henk in einer Umarmung, die seiner ohnehin in Mitleidenschaft gezogenen Schulter ein aufbegehrendes Knirschen entlockte.
„Da bist du ja endlich!“, schnaufte Orrin und blickte gespielt erzürnt drein.
„Wir haben zur Mittagsstunde ausgemacht – nicht zum Morgengrauen.“
Orrin winkte ab. „Na, wie auch immer. Es gibt jedenfalls viel zu tun.“ Er wirbelte mit einer Schnelligkeit herum, die mit seiner Leibesfülle unvereinbar schien, und watschelte zurück zum Tresen. Dann sah er über die Schulter zu Henk, der immer noch an Ort und Stelle stand. „Na, worauf wartest du noch? Das Fest bereitet sich nicht von allein vor!“
Und so zählte Orrin auf, was es noch alles zu erledigen galt: die Bierfässer aus dem Keller holen, den Wein ebenso, die Tische draußen aufstellen, dazu die Stühle; Jannik, dem alten Faulpelz, in den Allerwertesten treten, dass er endlich den nächsten Schwung Räucherfleisch brachte, bei der alten Mekla wegen der Blumengedecke nachfragen und nicht zuletzt die noch ältere Fuleya aufwecken, auf dass sie ja nicht die Segnung vergesse.
Nach seiner Rede legte Orrin die Stirn auf den Tresen und schloss die Augen. „Oh weh, das werden wir nie schaffen, und meine arme Amelia wird mir danach ewig gram sein – und das zu Recht!“
Henk patschte ihm auf die Schulter. „Beruhige dich. Ist doch nicht das erste Reifefest, das du ausrichtest, oder?“
„Nein“, meinte Orrin kleinlaut und hob den Kopf. „Aber meine Amelia ist dabei – da muss es einfach perfekt sein!“

*

„Sieh nur, wie sie sich alle freuen“, seufzte Orrin zufrieden und leerte seinen Krug. Ein paar Tropfen Bier verfehlten seinen Mund und netzten sein Hemd. Mit einem Knall setzte er den Krug ab und unterdrückte ein Rülpsen.
Henk lächelte.
Alle Plätze in der Taverne waren besetzt, sodass viele stehen mussten, doch das tat der Heiterkeit keinen Abbruch. Pfeifenrauch trieb in dicken Schwaden durch den Schankraum, und Stimmengewirr und Gelächter brummten in Henks Ohren, nicht lästig oder gar störend, sondern als Klangteppich, auf dem er Stück für Stück zurück in die Vergangenheit schritt: Er sah sich am Feuer sitzen, umringt von anderen Soldaten, lauschte ihren zotigen Anekdoten, lachte, sang und spielte Karten.
Ein Knuff in die Rippen holte ihn zurück. Halb verärgert, halb dankbar, sah er zu Orrin, der auf einen breitschultrigen Mann deutete, der gerade aufstand und sich zur Mitte des Raumes begab. Sofort verstummten die Gespräche, und alle Blicke richteten sich auf ihn. Es war Ole, der Bäcker. Aber er konnte weitaus mehr als nur Brot backen und süße Spezereien zaubern. Inzwischen war es schon so etwas wie ein Brauch, dass er am Reifefest ein paar Geschichten zum Besten gab, jedes Mal zur Freude des Publikums.
Henk schätzte, dass es noch eineinhalb Stunden bis Mitternacht waren, Zeit also für ein oder zwei Erzählungen. Danach würden Amelia und die anderen Mädchen durch die Priesterin Fuleya vor dem Melvena-Tempel den Segen der Göttin empfangen.
Von draußen, wo der Rest des Dorfes feierte, drängten Leute in den Schankraum, denn niemand wollte sich Oles Erzählkunst entgehen lassen; sogar durch die geöffneten Fenster schoben sich Köpfe.
Wie immer fragte Ole in die Runde, welche Geschichte man hören wolle. Ein Mädchen wünschte sich das Märchen von Prinzessin Alysia – eine Liebesgeschichte. Vor allem vonseiten der Frauen fand dieser Wunsch großen Zuspruch. Henk kannte die Geschichte und mochte sie nicht besonders; Oles tiefe Stimme aber, und die Art, wie er selbst den für Henks Geschmack langweiligen Passagen etwas Einzigartiges verlieh, schlug ihn dennoch in den Bann. Die Schilderungen drifteten an ihm vorüber, gerade so eindrücklich, dass er an nichts anderes denken konnte und sich trotzdem eine angenehme Leere in seinem Geist ausbreitete. Erst der Applaus und das Stampfen der Füße rissen ihn aus dieser Beschaulichkeit.
Ole verbeugte sich. Rufe nach weiteren Geschichten wurden laut. Plötzlich krabbelte Alvin unter einem Stuhl hervor und zupfte an Oles Hose. Ole hob ihn auf seinen rechten Unterarm.
„Was möchtest du denn hören, kleiner Mann?“
Alvins Augen leuchteten. „Die Legende von der verwunschenen Burg!“
Ole runzelte die Stirn. „Die kenne ich gar nicht.“
Alvin zog eine Schnute. „Henk hat versprochen, sie mir zu erzählen. Aber das hat er nicht getan.“
Einige Blicke streiften Henk.
Auch Ole sah ihn an. „Vielleicht möchte er das jetzt nachholen?“
Henk deutete ein Kopfschütteln an. Alvin sah es. Enttäuschung malte sich auf seine Züge.
„Vielleicht … möchtest du eine andere Geschichte hören?“, wandte sich Ole wieder Alvin zu.
Nachdenklich biss der Knirps auf seiner Unterlippe herum, und plötzlich hellte sich seine Miene auf. „Ja – die vom Fall des Dämonenkönigs!“
Die Gespräche im Schankraum verstummten so schlagartig, als wäre ein Grabtuch über die Anwesenden gefallen, das jeden Laut sofort erstickte.

ENDER DER LESEPROBE

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JRezensionen:
  • Amazon: … Am meisten hat mich beeindruckt, dass trotz der Kürze des Romans nie das Gefühl aufkommt, dass etwas fehlt. Wer Tempo und Action und eine wirklich unerwartete und fein ausgedachte Wendung am Ende einer Geschichte mag, für den ist Weißblatt genau das richtige.
  • SF-Netzwerk: … Der Roman besticht durch seine angenehme Sprache und die geradlinige, aber doch überraschende Handlung. Er ist gut und zügig lesbar und lässt an keiner Stelle Langeweile aufkommen. Sehr gelungen sind die Charakterzeichnung Askars und seiner Genossen, und auch die überraschende Wendung am Schluss macht das Büchlein zu einem sehr schönen Stück Literatur. Auf jeden Fall ist die Geschichte dieser „Weißblatt“ und ihres Retters ein würdiger Sieger der Ausschreibung. Vom Autor ist sicher noch einiges zu erwarten. Fazit: Ungewöhnliche Fantasy-Novelle mit Tiefgang. Bitte mehr davon.
  • Feenfeuer (Fantasy-Blog): … Peter Hohmann beherrscht sowohl die rasanten Momente von Kampf und Verfolgung, wie auch jene leisen und stillen Situationen düsterer Gedanken und innerlicher Zwiesprache. Dieses Können vereint er in Weißblatt und macht aus ihm einen kurzen sehr ausgewogenen Fantasy Roman. Peter Hohmanns Weißblatt – ein spannender Fantasy Kurzroman mit packender Action, ungewöhnlichen und äußerst gelungenen Figuren und einer etwas anderen Heldengeschichte zwischen Sword and Sorcery und epischem Hintergrund, welche schlichtweg zu überzeugen weiß. Peter Hohmann, ein Name den man sich in Sachen Fantasy merken sollte.
  • Amazon: … Schon nach wenigen Seiten war es für mich keine Überraschung, dass der Autor mit diesem Roman die Ausschreibung gewonnen hat. Die Handlung weiß zu überzeugen und ist für die geringe Seitenanzahl überraschend komplex geraten, meist, ohne dabei überhetzt zu wirken. Dank des angenehmen Schreibstils lässt sich das Buch außerdem fließend durchlesen. Was ich an dem Schreibstil besonders bemerkenswert fand, war, wie der Autor es geschafft hat, die Stimmung seines Hauptcharakters auf den Leser zu übertragen. Anfangs wirkt das Buch nämlich trotz einer eigentlich lebensfrohen Umgebung trostlos und leer. Sobald Askar allerdings zu seinem Abenteuer aufgebrochen ist, wandelt sich die Stimmung und wird beschwingter, da er es selbst als belebend empfindet, endlich wieder eine Aufgabe zu haben, selbst wenn der Grund dafür ein trauriger ist. Und wenn Askar, wie auch sein Begleiter, der Magier Nebukon, sich eingestehen müssen, dass sie eben doch nicht mehr die jungen Kämpfer sind, die sie einst waren, dann ist das für den Leser zuweilen auch durchaus lustig.
  • Weltbild: … Die Geschichte ist knackig und richtig spannend, und die beiden Hauptcharaktere Askar und Nebukon ein nicht zu schlagendes Team. Es gibt Action und auch lustige Passagen. Ich hoffe mal, andere Fantasyfreunde stolpern ebenfalls über dieses Buch. Kann es nur empfehlen.
  • Wir-Lesen: Ein wunderbares Buch, welches, trotz der Kürze, mit Action und Spannung aufwartet. Der Hauptprotagonist Askar schlittert nicht nur aalglatt durch sein Abenteuer, sondern weist auch Ecken und Kanten auf. Mit seinem Schreibstil schafft es Peter Hohmann durchweg, ein tolles Kopfkino zu projizieren. Die ganze Geschichte ist in sich stimmig und perfekt abgerundet. Sprachliche Ungereimtheiten suchte ich hier vergebens. Dieser Kurzroman macht definitiv Lust auf mehr von Peter Hohmann. Ich vergebe 5 Sterne.

             Vampirspinne aus dem Team von Wir Lesen

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Traumfragmente

17 Kurzgeschichten von Peter Hohmann (Fantasy und Mystery)
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: ASIN: B07HJDDVLB
Verlag: HoPe Productions

3Klappentext:

17 Geschichten aus der Feder von Peter Hohmann - eine spannende und bunte Mischung, die für Liebhaber phantastischer Literatur viel Abwechslung bereithält.
Begleiten Sie Drachen auf ihrem letzten Flug, verfolgen Sie Geister aus den Niederungen dunkler Folklore, erleben Sie Helden und Bösewichte, einen übermotivierten Goblin, eine von sonderbaren Zwergen betriebene Maschine zum Bierbrauen und vieles mehr.
So verschiedenartig die Phantastik ist, so verschiedenartig sind auch diese Geschichten.

Im Taschenbuchformat hätte diese Sammlung 300 Seiten

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HLeseprobe:

AUF NACH NURATHYS (Teil der ersten Geschichte der Sammlung):

Magie ist ein elementarer Bestandteil vieler Fantasy-Erzählungen. Auch hier geht es um das Wirken von Zaubern und der damit verbundenen Macht. Die Idee dazu kam mir nach ein paar Runden des Kartenspiels „Magic: The Gathering“.

König Arkos griff nach Pergamenten, die er schon fast auswendig kannte, und schob sie auf dem Tisch hin und her; einen Stapel von links nach rechts, dann wieder zurück, der nächste in die Mitte, ein weiterer an den Rand. Fast wie das Aufstellen von Truppen vor der Schlacht
Am liebsten wäre er aufgesprungen und in seinem Audienzzimmer auf- und abmarschiert. Er konnte besser denken, wenn er in Bewegung war – aber erstens wollte er nicht, dass die Gäste, die er erwartete, ihm seine Aufregung anmerkten, und zweitens gab es streng genommen auch überhaupt nichts mehr, über das nachgedacht werden konnte, denn die Vorbereitungen für den Feldzug gegen Nurathys waren abgeschlossen.
Lediglich die Frage, welcher Magier ihn begleiten würde, stand offen. Allerdings würde sich dies in Bälde und hoffentlich auf höchst dramatische Weise klären.
So vertrieb er sich die Warterei damit, seine Kriegstrophäen mit Blicken zu liebkosen: Direkt über dem Eingang hing der Kopf eines Greifs, das Wappentier des Staates Palir, dessen Truppen er vor vier Götterläufen vernichtend geschlagen hatte. Von deren Tributzahlungen hatte er die Schlacht auf den Samtwiesen vor den Toren Xanderas finanziert. Das Banner der Stadt – zwei Bäume, über denen sich ein Regenbogen spannte -, befand sich an der linken Wand neben dem Schwert von König Madrik. Dieser alte Narr hatte tatsächlich gemeint, ihn, Arkos, Herrscher von Arûbir, im Zweikampf besiegen zu können. Lächerlich!
Er schnalzte mit der Zunge, als sein Leibgedächtnis seinen rechten Arm zucken ließ in Nachahmung des Hiebs, der Madrik niedergestreckt hatte.
All diese Errungenschaften jedoch verblassten gegen Nurathys, das Reich des sagenumwobenen Elfenvolkes. Seit Urzeiten stand alles und jeder im Schatten dieser eingebildeten, spitzohrigen Wortverdreher.
Das allerdings würde nun ein Ende haben!
Die vormaligen Kriege waren nur der Wetzstamm für seine Krallen gewesen. Jetzt galt es, diese in die Hälse der Elfen zu schlagen.
Es klopfte an der Tür.
Arkos atmete tief durch und wartete, bis er das Grinsen in seinem Gesicht gebändigt hatte. Eine Hand betont lässig auf die Lehne seines Stuhls gelegt, die andere am Schnurrbart, um träge daran zu zwirbeln, sagte er: „Ja?“
Die Tür schwang auf.
Herein trat Uranon, sein Leibmagier. Langsam schlurfte der alte Tattergreis zum Tisch und verneigte sich, gerade so tief, dass man es nicht als Beleidigung auslegen konnte.
Überhebliches Magierpack!
Wären die Elfen nicht Meister der arkanen Künste, die ein magisch ungeschütztes Heer ohne einen einzigen Schwertstreich auslöschen könnten, würde er auf diesen ganzen Zauberkram verzichten und die Entscheidung in einer offenen Feldschlacht suchen.
„Was ist Euer Begehr, mein König?“ Uranons Stimme hörte sich an, als zöge man einen Schleifstein über eine schartige Klinge.
Auch kein Wunder, dachte Arkos. Schließlich wehrt sich dieser Sack aus Haut und Knochen bereits seit zweihundert Jahren gegen den Tod.
„Wie geht es Euch, mein lieber Uranon?“
„Hier und da zwickt es ein wenig, mein König. Ansonsten aber fehlt mir nichts.“
Was für eine dreiste Lüge!
Arkos lachte in sich hinein. Uranon sah noch kränklicher aus als sonst: Seine Haut spannte über den spitzen Wangenknochen, und die trüben Augen schienen mit jeden Tag weiter in ihre Höhlen zu sinken.
„Das freut mich zu hören“, entgegnete Arkos übertrieben herzlich. „Denn Ihr werdet eine lange Reise vor Euch haben.“
Uranons Züge verkrampften sich. „Sofern nichts dagegen sprich, werde ich meinen Adepten Njalan mit dieser Aufgabe betrauen.“
„Wie schade. Denn ich hoffte beim Feldzug gegen Nurathys auf Eure Gesellschaft.“ Arkos achtete auf die Wirkung seiner Worte. Jeder wusste, dass die Elfen Wege kannten, Unsterblichkeit zu erlangen.
Da war es auch schon, dieses schnelle Blinzeln der Augen und das Streichen der Hand über den fast kahlen Kopf: Uranon war aufgeregt.
„In diesem Fall … werde ich Euch natürlich gerne begleiten“, sagte der Magier.
Das glaube ich sofort! In letzter Zeit häuft sich die Zahl der Frauen, die deine geheimen Kammern unter der Burg jung betreten und greise verlassen, nicht wahr?
„Welch frohe Kunde.“
Uranon räusperte sich. „Aber sagt, ist es nicht gefährlich, einen Krieg gegen das Elfenvolk vom Zaun zu brechen?“
„Normalerweise wäre es das, doch besitze ich verlässliche Informationen, nach denen eine Seuche mehr als die Hälfte der Elfen getötet und viele weitere geschwächt hat.“ So ungestüm sprang Arkos nun auf, dass der Stuhl zurückrutschte. Ein Bein verfing sich im Teppich. Mit einem Poltern fiel er um. „Es ist ein Omen! Und ich habe es verstanden! Das verwundete Biest braucht nur noch den Todesstoß!“
Uranons Lippen pressten sich zu zwei blutleeren Strichen zusammen, was man mit etwas Vorstellungskraft beinahe als Lächeln durchgehen lassen konnte. „So sei es.“ Mit einer Verbeugung, die tiefer war als alle bisherigen zusammen, fügte der Magier hinzu: „Wenn es genehm ist, werde ich mich nun zurückziehen, um alle nötigen Vorbereitungen für die Reise zu treffen.“
„Nicht so schnell.“
Ein argwöhnisches Leuchten trat in Uranons Augen.
Ja, mein lieber Uranon, du ahnst es bereits, nicht wahr? Die Sache hat in der Tat einen Haken …
„In letzter Zeit habt Ihr Euch selten blicken lassen“, sagte Arkos und vertrieb den kokettierenden Ton aus seiner Stimme. „Euer Eifer, Land und König zu dienen, scheint mir ein wenig nachgelassen zu haben.“ Er schaute sein Gegenüber fest an. „Die Soldaten und Magier, die mich begleiten, müssen loyal, kampferprobt und belastbar sein.“
„Seid Euch versichert, dass …“
Mit einer unwirschen Handbewegung hieß er Uranon zu schweigen. „Ich brauche Taten. Erweist Euch als der Aufgabe würdig.“ Arkos zog an einem mit Goldfäden verbrämten Strick, der aus der Decke hing. Ein Klingeln ertönte. „Es gibt nämlich jemanden, der mich nur allzu gern an Eurer statt begleiten würde – und auch einen Anspruch darauf hat.“
Die Tür schwang auf. Ein großer Mann in weißer Robe betrat den Raum. Sein langes Haar fiel wie ein heller Teppich auf Rücken und Schultern, und seine Augen von hellstem Blau verrieten Intelligenz – und Arroganz. Hoch erhobenen Hauptes baute er sich neben dem kleineren Uranon auf und warf diesem einen überheblich-mitleidvollen Blick zu.
„Das ist Palan“, stellte Arkos den Neuankömmling vor. „Palan Demortas.“ Und wieder konzentrierte sich Arkos auf Uranons Reaktion.
Der alte Magier blinzelte und strich sich mit der Rechten über den Kopf, sodass die letzten Strähnen des weißen Haares wirr abstanden. Sein Gesicht, ohnehin bleich, hatte nun die Farbe frischen Schnees. Er öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch wieder.
„Dieser Greis also hat meinen Vater getötet“, höhnte Palan. „Ich kann es mir nur so erklären, dass man ihm im Schlaf die Kehle durchgeschnitten hat. Wenn man nach Eurem Ruf geht, Uranon“ – er sprach den Namen wie einen Fluch – „erscheint mir das als sehr wahrscheinlich.“
„Euer Vater ist gestorben, weil er sich wegen meiner Herausforderung so einnässte, dass er auf der Lache ausrutschte und sich das Genick brach.“
Ein Rotstich legte sich auf Palans Wangen. Mit einer schnellen Bewegung griff er unter seinen Umhang und förderte ein Tuch zutage, mit dem er sich die Stirn tupfte. „Ich fordere Euch zum Duell, Uranon. Der Ring meines Vaters, den Ihr tragt“, Palan deutete auf den Silberring an Uranons rechtem Mittelfinger, in den ein dunkelblauer Stein eingefasst war, „wird bald wieder in Familienbesitz übergehen.“
„Da Euer Vater meinem Großvater ein guter Magier war“, sagte Arkos, „erhebe ich keine Einwände gegen die Bewerbung für das Amt meines Leibmagiers. Das Duell allerdings wird noch ein wenig warten müssen. Haben wir uns verstanden?“
Palan lächelte. „Ja, mein König.“
Zu Arkos´ milder Enttäuschung riss sich Uranon gut am Riemen, denn weder ging er auf Palans Herausforderung ein, noch sagte er etwas, das er später bereuen könnte. Er nickte lediglich.
Der alte Fuchs wird sich in seinen Bau zurückziehen und seine Pläne schmieden. Mal sehen, wer schlussendlich als Sieger hervorgeht.
Einen Augenblick genoss er die Feindseligkeit, die wie eine schwarze Wolke zwischen den beiden Magiern hing, bevor er sagte: „Auf dass die Götter meinem Vorhaben gewogen sein mögen, wird in zwei Tagen ein Turnier in der Arena stattfinden.“ Er blickte erst Palan, dann Uranon fest an. „Erst da werdet ihr euch duellieren.“
Nach einer äußerst knappen Verbeugung wandte sich Uranon wortlos ab und verließ den Raum.
Nachdem der Saum seiner Robe um die Ecke gewischt und die Tür ins Schloss gefallen war, sagte Palan: „Ich hatte gehofft, einen würdigen Nährboden für meine Rache zu finden. Stattdessen ist mein Kontrahent ein Greis, der bei jedem Schritt, den er macht, vor Schwäche umfallen könnte.“
„Unterschätzt Uranon nicht.“
Palan setzte ein Lächeln auf, das seine Augen jedoch nicht erreichte. „Da gibt es nichts zu unterschätzen. Ich habe seine magische Aura gespürt: Sie flackert so schwach und unstet wie eine erlöschende Kerze.“

*** 

Wie lange hatte Arkos, diese falsche Schlange, wohl schon von Palan gewusst? Wahrscheinlich etliche Götterläufe. Und er, Uranon, hatte nichts davon geahnt.
„Du Narr“, zischte er leise, während er sich Schritt um Schritt durch den Gang zu seinem Studierzimmer mühte. Nachdem er Barsat Demortas getötet hatte, hatte er weder einen weiteren Gedanken an diesen Schwächling verschwendet noch an die Möglichkeit, dieser könnte einen Sohn haben.
„Du elender, dreimal verdammter Narr!“
Sein überzeugender Sieg über Demortas hatte bislang jeden Emporkömmling davon abgeschreckt, ihm seine Position als Erzmagus streitig zu machen. Jetzt aber war es so weit. Dass dieser Palan nicht nur von Machtgier, sondern auch von Rachegelüsten getrieben wurde, war nicht das Problem. Nein, das Problem war Palans Stärke, die ungleich größer war als die seines Vaters. Die Schwingungen seiner arkanen Aura waren leider äußerst beeindruckend.
Uranon verhielt seine Schritte, um Atem zu schöpfen, und wartete, bis sich das rasselnde Pfeifen seiner Lungen legte. Er verfügte bei weitem nicht mehr über das magische Potential von einst, musste sich jedoch eingestehen, dass er sich nicht einmal während seiner Blütezeit mit Palan hätte messen können. Verzweiflung wallte in ihm hoch, Mutlosigkeit, als er daran dachte, wie Arkos´ Worte die Hoffnung geschürt hatten, die Wunder Nurathys´ zu erforschen und somit einen Weg zu finden, der nicht nur sein Leben verlängerte, sondern allem voran seine Jugend wiederherstellte. Es wäre möglich gewesen, denn die Zauberkunst der Elfen suchte ihresgleichen.
Jetzt wartet nicht nur der Tod auf mich, sondern obendrein eine Demütigung.
Verzweifelt schlurfte er weiter. Wie er es hasste, in diesem siechen Körper gefangen zu sein! Ein paar Mal hatte er bereits mit dem Gedanken gespielt, sich den Körper seines Adepten anzueignen, dieses Vorhaben jedoch schnell wieder verworfen: Es käme einer Verwandlung von einem Raubtier in eine Maus gleich. Zwar würde er damit einen jungen Körper besitzen, könnte allerdings von den Zaubern, die ihm selbst jetzt ohne große Mühe gelangen, nur träumen.
Da erschien selbst der Tod angenehmer.
Das bloße Aufstoßen der Tür ließ seine Gelenke knacken.
Sein Adept Njalan, der über ein Buch gebeugt am Experimentiertisch saß, sprang auf und eilte ihm freudestrahlend entgegen. „Meister! Ich habe die Abhandlungen über die dritte Sphäre der Elemente gelesen. Ganz wie Ihr es mir aufgetragen habt!“
„Du bist ein gelehriger und guter Schüler.“
Wie habe ich es mit diesem Trottel nur so lange ausgehalten? Den Impuls unterdrückend, Njalan auf der Stelle das Leben zu nehmen, sank Uranon in seinen Lieblingsstuhl neben dem Bücherregal, das die gesamte Stirnwand des Raumes beanspruchte. Obwohl das weiche Sitzpolster eine Wohltat für seinen schmerzenden Rücken war, konnte sich er ein Ächzen nicht verkneifen.
„Ist Euch nicht gut, Meister?“
„Doch, es …“, begann Uranon, dann keifte er: „Nein, überhaupt nichts ist gut!“
Erschrocken wich Njalan einen Schritt zurück. „Was ist passiert, Meister? Kann ich Euch helfen?“
„Ich brauche ein wenig deiner Magie.“
„Wie Ihr wünscht“, erwiderte Njalan und schloss die Augen.
Uranon blickte auf den Ring an seinem verdorrten Finger, den er Palans Vater nach dem Duell abgenommen hatte. Aus einer Laune heraus hatte er ihn später einmal untersucht – und herausgefunden, dass dem Ring eine spezielle Fähigkeit zu Eigen war: Man konnte damit eine Verbindung zu einem Ring gleicher Machart herstellen. Barsat hatte den Ring wahrscheinlich nur zur Zierde getragen, denn einen zweiten hatte Uranon in dessen Nachlass nicht entdeckt. So hatte er in mühsamer Kleinarbeit und unter hohen Kosten ein Gegenstück hergestellt, das nun Njalan trug.
Die Augen nun ebenfalls geschlossen, konzentrierte sich Uranon auf Njalans magische Aura. Wieder war er zu gleichen Teilen enttäuscht wie fassungslos, wie schwach sein Adept war. Trotzdem war er bis jetzt auf keinen anderen jungen Mann gestoßen, in dem mehr magische Kraft schlummerte.
Man muss sich mit dem begnügen, was man hat, redete er sich resigniert ein, während er ein wenig von Njalans Magie in sich übergehen ließ. Danach beendete er den Kontakt und verwandte den Fliegenschiss an arkaner Energie, um die Schmerzen in seinem Körper zu lindern. Zu gern hätte er Njalan leer gesaugt, um wenigstens für einen Herzschlag wieder einmal wirkliche Stärke zu fühlen, doch pflegte die Magie nicht lang in seinem Körper zu bleiben: Sie floss so rasch aus seinem gebrechlichen Leib wie Wasser aus einem lecken Krug. Nein, er bräuchte Njalans Kraft später.
Sein Adept blickte ihn besorgt an. „Meister, ich könnte mich darum bemühen, eine junge Frau …“
Uranon schüttelte den Kopf. „Das Ritual kostet mich mittlerweile fast so viel Kraft, wie es mir einbringt. Wir haben ganz andere Sorgen.“
Fragend blickte Njalan ihn an.
Nach einem Seufzer aus tiefstem Herzensgrund erzählte er seinem Adepten von Palan Demortas.
„Dafür wird der Kerl mit dem Leben bezahlen, nicht wahr?“, fragte Njalan mit leuchtenden Augen.
„Das wird er“, antwortete Uranon. Auf ihn selbst wirkten seine Worte nicht sonderlich überzeugend.
Auf Njalan offenbar ebenfalls nicht, denn er fragte: „Ist dieser Palan ein starker Magier?“
Ja – bei den Göttern! – das ist er! Aber die Worte gelangten Uranon nicht über die Lippen. Stattdessen sagte er: „Nein.“
Njalans Miene hellte sich auf. „Dann werde ich ihn herausfordern!“
„Schlag dir das aus dem Kopf.“

*** 

Gelangweilt schob sich Palan eine Traube in den Mund. Mit einer Handbewegung schleuderte er die Schale, die neben seiner Bettstatt mittels Magie schwebte, durch das Zimmer. Sie zerbarst an der gegenüberliegenden Wand, und ein Regen aus Früchten platschte zu Boden.
Die vergangenen zwei Tage waren unerträglich zäh verronnen, da er sich nicht einmal auf das Duell hatte vorbereiten müssen. Mochte Uranons Magie einst beachtlich gewesen sein, war sie inzwischen fast genauso tot wie sein Körper.
Ich müsste den Greis nur dazu bringen, sich während des Duells nicht setzen zu dürfen, und ich hätte den Kampf ohne einen einzigen Zauber gewonnen …
Die Schwäche Uranons beleidigte ihn.
Eine Dienstmagd betrat sein Schlafgemach und machte sich daran, die Scherben und verstreuten Früchte aufzusammeln. Sie war zierlich, ihr Gesicht ein wenig zu schmal, die Brüste verglichen mit den sonstigen Proportionen aber akzeptabel. Sollte er sie in sein Bett holen?
Er verwarf den Gedanken. Stattdessen sandte er seine Magie aus, sacht, wie winzige Fühler, die sich in die Gedanken der Frau tasteten.
Ein tristes Leben. Viel Arbeit, der Mann in einem von Arkos´ Kriegen gefallen, ihr Sohn bei der blinden Großmutter. Ah, sie hatte Angst vor Spinnen.
Ein Lächeln kräuselte Palans Lippen.
Unvermittelt verwandelte sich die Frucht, die sie gerade vom Boden auflas, in eine haarige, faustgroße Spinne, die ihren Arm hinaufschoss. Die Frau kreischte, als die Spinne auf ihr Gesicht sprang.
Panisch schlug sie nach dem Tier. Aber es hatte sich in ihrer rechten Wange verhakt. Schreiend riss sie an dem fetten, schwarzen Körper. Im nächsten Moment tropfte ihr der Saft der zerquetschten Frucht aus der Hand. Sechs Kratzer in ihrem Gesicht aber blieben.
Die Frau übergab sich und blieb wimmernd liegen.
Der säuerliche Geruch erreichte Palan. Angewidert verzog er das Gesicht. „Mach sofort die Sauerei weg!“
Die Frau rührte sich nicht, sondern lag zusammengekrümmt und schluchzend am Boden wie ein Neugeborenes.
Zorn stieg in ihm hoch. Ein Blitz schoss aus seinen Fingerkuppen und traf die Frau. Sie bäumte sich auf und schrie vor Schmerz, begann dann aber, das Erbrochene mit einem Tuch aufzuwischen. Anschließend rannte sie weinend aus dem Zimmer.
Ein paar Früchte lagen noch am Boden. Kleine Flammen züngelten. In Windeseile verbrannten sie zu Asche.
So ging es seit der Audienz bei König Arkos Stund um Stund. Palan verschleuderte die in ihm aufgestaute Magie für derlei Firlefanz. Aber was sollte er auch sonst tun?
„Herr?“, ertönte eine Stimme.
„Kommt näher“, wies Palan einem seiner Männer an, die er ausgeschickt hatte, um Erkundigungen über Uranon einzuholen. Der Mann trat vor Palans Bettstatt.
„Und?“
„Es scheint, dass Uranon die letzten Jahre einzig und allein damit zugebracht hat, den Tod auf Distanz zu halten. Man munkelt, er tue dies, indem er die Lebenskraft junger Frauen in sich aufnimmt. Außerdem bildet er seit einiger Zeit einen Adepten aus, der auf ziemlich plumpe Weise Nachforschungen über Euch anstellt.“
„Sonst nichts?“
„Nein.“
Palan ließ sich in die Kissen zurücksinken.
Da reise ich im Verborgenen jahrelang von Lehrmeister zu Lehrmeister und halte mich bedeckt für den Augenblick der Rache – und dann so etwas!
Er seufzte. „Du kannst dich zurückziehen.“
Der Mann verneigte sich und ging.
Der einzige Trost für diese Farce war die Aussicht, mit Arkos´ Heer nach Nurathys zu ziehen und die Magie der Elfen zu erforschen. Aber zu welchem Nutzen? Sobald Uranon tot und die ohnehin geschwächten Elfen besiegt wären, welche Gegner blieben dann, mit denen er, Palan Demortas, seine Kräfte messen könnte?

*** 

Es war unerträglich heiß, selbst im Schatten des Baldachins der Königsloge, von wo aus Uranon auf die Kämpfe blickte, die sich im mittlerweile blutbesprenkelten Sand der Arena abwickelten.
Männer, einige mit Bein- und Armschienen armiert, andere mit Helm und dafür nacktem Oberkörper, bekämpften sich unerbittlich. Gerade strauchelte ein Kämpfer im Netz, das sein Gegner ihm zwischen die Beine geschleuderte hatte. Ein Stich mit dem Dreizack folgte. Der Mann sank zu Boden, drei rote Punkte in der Bauchmitte, die schnell größer wurden. Er war noch am Leben. Der Sieger baute sich über ihm auf, hielt den Dreizack an dessen Hals und blickte zu Arkos. Die Zuschauer brüllten und tobten. Wenige baten um Gnade; dem Großteil dürstete es nach Blut.
Arkos stand auf, in der Rolle des Beherrschers über Leben und Tod ganz in seinem Element, und trat an die Balustrade. Er streckte die rechte Hand aus, spreizte den Daumen ab und sonnte sich in der Aufmerksamkeit seines Volkes. Einige Momente hielt er diese Pose. Dann drehte er den Daumen nach unten.
Der Dreizack-Kämpfer nickte – und stieß die Spitzen seiner Waffe ruckartig in den Hals des Verlierers.
Das Jubelgeschrei der Massen stieg in solche Höhen, dass Uranon meinte, ein Dämon des höchsten Zirkels kreischte ihm direkt ins Ohr.

Dieses Abschlachten dauerte schon ewig, doch kein Ende schien in Sicht. Seit einer gefühlten Ewigkeit träumte er sich in seinen Lieblingssessel, wusste aber, dass Arkos´ Gier nach Tod, Ruhm und Ehre nicht zu sättigen war. Zu allem Überfluss wirkte Palan von dem Spektakel ebenso fasziniert, zumal dieser überhebliche Fatzke einen Permazauber wirkte, der seine Haut kühlte. Kein einziger Schweißtropfen hing an seiner Stirn, während Uranon meinte, unter seiner Robe zu verdampfen. Seine Gedanken um die bevorstehende Konfrontation stiegen nach oben wie Blasen aus Faulgas vom Grund eines trüben Tümpels, zerplatzten jedoch, bevor er sie greifen konnte.

ENDE DER LESEPROBE

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JRezensionen:

Amazon:

  • Ich habe schon einige Bücher des Autors gelesen.Deshalb waren meine Erwartungen natürlich sehr groß. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde. Wieder einmal hat mich Peter Hohmann mit dieser Lektüre in den Bann gezogen.Der Autor präsentiert uns hier 17 Kurzgeschichten aus dem Fantasie und Mysterie-Bereich. Jede Geschichte hat ihre eigene Handlung. So erleben wir die unterschiedlichsten Orte, Stimmungen und Charaktere. Die Themen sind sehr vielfältig aber kommen immer aus dem Bereich der Fantasy und Mystik. Ich wurde in die unterschiedlichsten Welten entführt. Dort begegnete ich Elfen,Zwergen,Gnomen,Orks und noch anderen mystischen Wesen. Alle Figuren wurden immer hervorragend beschrieben und ich konnte sie mir klar und deutlich vorstellen.

    Die Erzählweise von Peter Hohmann ist einfach einzigartig. Immer sehr fesselnd und packend schafft er es mich zu begeistern und mitzureißen. In mir war Kopfkino. Teilweise waren die Geschichten sehr düster und gruselig, dann gab es aber auch einige bei denen ich schmunzeln konnte. Es gab immer sehr viele unvorhersehbare Wendungen und Überraschungen in jeder Geschichte. Fasziniert haben mich auch immer wieder die tollen bildhaften Beschreibungen der einzelnen Schauplätze. So hatte ich das Gefühl, selbst in diesen fremden Welten und Orten zu sein und alles mitzuerleben. Viel zu schnell war ich am Ende des Buches angelangt. Ich hätte noch ewig weiter lesen können.Auch das Cover finde ich einfach genial. Es passt perfekt zu dieser Geschichtensammlung. Peter Hohmann hat mich wieder einmal begeistert und sehr beeindruckt. Jede Geschichte hat mir sehr gut gefallen und ich vergebe glatte 5 Sterne.  (5 / 5 Sterne)
     
  • Viel Abwechslung bekommt der Leser dieser 17 Kurzgeschichten. Eine Mischung aus den verschiedenen Bereichen der Phantastik. Hier gibt es Drachen, Orks, Goblins und noch vieles mehr.
    Diese Geschichten sind in drei Bereiche unterteilt: „Fantasy“, „Fantasy mit Augenzwinkern“ und „Mystery / Paranormales“. Wobei der Bereich „Fantasy“ überwiegt. In dem ersten Bereich wird man in viele Fantasy-Welten entführt, die allesamt eher düster sind. Wer bereits „Die Eherne Garde“ gelesen hat, wird diesen eher düsteren Stil von Peter Hohmann bereits kennen.
    Ich fand alle Geschichten sehr kurzweilig und spannend. Manch eine der Geschichten hätte auch durchaus der Prolog zu einem Roman sein können. Alle Geschichten werden sehr gut erzählt und haben tolle Charaktere, welche man manchmal auch spontan in sein Herz schließt. Außerdem gibt es immer mal recht überraschende Wendungen. Nur dass jede Geschichte auch mit einem Happy End endet, sollte man besser nicht erwarten.

    Liebhaber der phantastischen Literatur werden diese Kurzgeschichten auf jeden Fall gefallen. Es ist eine wirklich tolle Sammlung von Kurzgeschichten, die ich jedem Liebhaber dieses Genres empfehlen kann. (5 / 5 Sterne)

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Der letzte Lilienreiter (derzeit nicht verfügbar, erscheint aber im Juli 2022 als Neuauflage)

Ein gegen die Dunkelheit in seiner Seele kämpfender Ritter stellt sich der größten Herausforderung seines Lebens
Erscheinungsjahr: wird im Juli 2022 neu aufgelegt

3Klappentext:

Padeus, der letzte Lilienreiter, kehrt nach dem Tod seiner Kameraden schwer verwundet an jenen Ort zurück, wo der Schrecken begann, der das Königreich Enodar entzweiriss: Olothirs Hörner, ein Bergmassiv, aus dessen dunklen Kavernen einst das Böse ins Land strömte. Dort trifft er auf Alvena, eine junge Frau, in der eine Macht erwacht, die sie selbst genauso verängstigt wie die Menschen um sie herum. Rasch begreift Padeus, dass er mithilfe ihrer Kraft die Essenz des Bösen bannen kann, die auch er in sich trägt.
Jedoch hat nicht nur er das Ziel, Alvenas Macht zu nutzen, sondern auch Larkus, der ruchloseste Magier Enodars. Anfangs ahnt keiner von ihnen, dass noch jemand Interesse an Alvena hat, jemand, der jenseits der Weltentore seine Pläne schmiedet. Dann bricht das Unheil in nie gekannter Gewalt herein.

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HLeseprobe:

Kapitel 1

Aus ihrem Versteck beobachtete Alvena das Reh, wie es sich umblickte, schnupperte, den Hals beugte und an ein paar Kräutern zupfte, die neben dem Stamm einer Eiche sprossen.Ein günstiger Augenblick für einen Schuss.Jedoch, sie rührte sich nicht, erfreute sich stattdessen am Spiel der Muskeln, das sich unter dem glänzend braunen Fell abzeichnete. Einen Hasen hatte sie bereits geschossen, und so genoss sie es, einfach dazusitzen, die Natur zu sehen, zu hören, zu riechen, Zeuge zu sein des ewigen Kreislaufs des Lebens. Irgendwo klopfte ein Specht, und der herbe Duft von Kräutern und Gräsern hing in der Luft. Die friedvolle Aura Sevestras, Göttin des Lebens, umschmeichelte Alvenas Gedanken – doch die Erinnerungen blieben, waren zu tief in ihren Geist gehämmert: ihre Eltern, die Kinder – der Berg. Wie von einer grausamen Hand gepackt, drehte sich ihr Kopf, bis sich ihr Blick zwischen den beiden Bergspitzen verfing, die wie Zwillinge in den Himmel ragten.
Olothirs Hörner.
Alvena verfluchte Olothir, auch wenn er bereits hunderte von Jahren tot war, verfluchte die dunklen Gänge, die er in den Berg getrieben hatte.
Die dunklen Gänge, in denen man sich so leicht verlieren konnte …
Unvermittelt schoss der Kopf des Rehs in die Höhe. Mit ein paar Sätzen verschwand es im Unterholz.
Habe ich es aufgeschreckt? Hat es mich gerochen? Nein, der Wind kommt …
Ein vom Waldboden gedämpftes Geräusch erreichte sie.
Hufschlag. Langsamer Hufschlag. Immerhin nicht im Galopp, sonst wäre sie schutzlos dagestanden. Mit pochendem Herzen fischte sie einen Pfeil aus dem Köcher an ihrer Hüfte und legte ihn auf die Sehne ihres Jagdbogens.
Ein Reiter tauchte zwischen den Bäumen auf. Er war hoch von Wuchs und gehüllt in die Farben des Königs, ein grauer, zerfetzter Wappenrock mit der schwarzen Lilie in Brusthöhe. Ein eingedellter Vollhelm mit Sehschlitz verbarg sein Gesicht. Was hatte der Kerl in dieser abgeschiedenen Region zu schaffen?
Immerhin ein Mann des Königs und keiner von Lord Hengars Verrätern.
Trotzdem hallten die grausamen Geschichten vom Krieg in ihrem Kopf, und so verharrte sie hinter dem Busch, darauf hoffend, dass der Soldat sie nicht bemerkte. Nein, das würde nicht funktionieren, denn sein Weg führte direkt auf sie zu.
Langsam wich sie zurück.
Etwas knackte, wahrscheinlich ein spröder Ast. Für sie klang es wie ein Donnerschlag. Sie erstarrte vor Angst. Durch die abrupte Bewegung rutschte die Kerbe des Pfeilschafts von der Sehne.
Verflucht!
Weder zügelte der Reiter sein Pferd, noch drehte er den Kopf. Fast schien es, eine Stoffpuppe hockte im Sattel, kein Mensch.
Dann sah Alvena das Blut, das die linke Seite des Wappenrocks dunkel färbte, rötlich auf den metallenen Beinschienen schimmerte, das braune Fell des Schlachtrosses befleckte. Sah das vom Sattelknauf ausgehende Seil, das um den Körper des Reiters lief und verhinderte, dass er hinunterstürzte.
War er tot – oder nur ohnmächtig? Was sollte sie tun? Ihn einfach weiterreiten lassen?
Sie überlegte einen Moment, dann stand sie vorsichtig auf und ergriff mit der freien Hand das Zaumzeug. Das Ross schnaubte und beugte den Kopf, schien froh, endlich die Bürde der Verantwortung abzugeben.
„Herr?“, fragte Alvena.
Der Ritter antwortete nicht. Als das Pferd wieder antrabte, kippte sein Kopf zur Seite, als besäße der Hals keine Wirbel. Sie schob den Kettenhandschuh seiner linken Hand etwas nach unten und fühlte seinen Puls.
Er lebte.
Hoffentlich würde er durchhalten, bis sie Beerwinden erreichten. Sie verstärkte den Griff um das Zaumzeug und begann zu laufen.

 *

 Mit brennenden Beinen erklomm sie die Anhöhe zum Dorf, eilte weiter, bis sie den Hauptplatz erreichte. Dort hielt sie an, mit ihren Kräften am Ende. Sie ließ den Bogen fallen, stützte die Hände auf die Oberschenkel und sog die Luft mit tiefen Zügen in ihre Lungen. Wie ein Wasserfall brauste ihr das Blut in den Ohren.
Jemand zog sie unsanft in die Höhe.
Gurai.
Sein bärtiges Gesicht war so nah, dass sie seinen schlechten Atem roch. Eine schwulstige Narbe zog sich von der Stirn unter der linken Augenklappe hindurch bis zur Wange darunter. Das verbliebene Auge lag wie eine schwarze Murmel in seiner Höhle. „Bist du wahnsinnig?“, zischte er. „Sollten die Schergen Lord Hengars herausfinden, dass wir einem Mann des Königs Zuflucht gewähren, werden sie das Dorf niederbrennen!“
„Hengar ist ein Verräter. Unsere Treue gilt dem König.“ Nach ein paar tiefen Atemzügen straffte sie ihre Haltung. „Haben uns seine Steuereintreiber jemals über Gebühr belästigt, hat er uns jemals übel gewollt?“
„Törichtes Weib! Verräter oder nicht, die Tage von König Bekias sind gezählt, und vielleicht ist dieser Kerl hier“, sein Zeigefinger wies anklagend auf den Ritter, „einer der letzten Königstreuen weit und breit.“ Er wandte sich an die Dörfler. „Ihr alle habt gehört, was der fahrende Händler vor ein paar Tagen erzählt hat. Die beiden Heere haben sich auf den Sturmwiesen versammelt zur entscheidenden Schlacht. Und wir hörten auch, dass auf jeden Königstreuen mindestens vier von Hengars Männern kamen. Man muss kein Hellseher sein, um den Ausgang zu erraten.“
Stille senkte sich über den Dorfplatz, nur eine Krähe erhob sich krächzend vom Strohdach des Haupthauses.
„Es ist wahr, der König ist tot.“
Alle Blicke hefteten sich auf den Ritter. Der Helm verlieh seinen Worten, obwohl im Flüsterton gesprochen, einen harten Klang. Er schwankte im Sattel.
Alvena trat an seine Seite, doch er hielt sich aufrecht. „Findet man mich hier, könnte euch in der Tat Gefahr drohen. Ich reite weiter.“
„Das ist Selbstmord!“, begehrte Alvena auf. „Ihr werdet verbluten, kaum dass Ihr …“
Gurais Hand fuhr ihr hart ins Gesicht.
Sie landete im Staub, schmeckte Blut auf den Lippen.
„Genug!“
Alvena spuckte aus und blickte auf. Meklas, der alte Einsiedler, löste sich aus dem Menschenring. Schwer auf seinen Stab gestützt, humpelte er zu dem Ritter. „Was bist du nur für ein Hund, Gurai! Und alle anderen auch, die einem Verletzten ihre Hilfe verwehren!“
„Halt dein Maul, alter Mann!“, rief Gurai und machte ein paar Schritte auf Meklas zu.
Anstatt zurückzuweichen, richtete Meklas seinen Stab nach vorne. „Komm nur her, dann zieh ich dir den Scheitel nach!“
Kurz sah Gurai über die Schulter – und tatsächlich gesellten sich ein paar Männer zu ihm, darunter auch Hengist, ein übler Schläger und Gurais rechte Hand. Langsam gingen sie auf Meklas zu.
„Ich mag keine Quertreiber in meinem Dorf“, sagte Gurai, „und jetzt werde ich deinen Starrkopf ein wenig weich klopfen!“
„Genau“, pflichtete Hengist bei. Ein finsteres Lächeln spielte um seine dünnen Lippen. Der Hüne hielt einen Holzknüppel in der Hand, und Alvena fürchtete, sie würden den alten Kauz nicht nur verprügeln, sondern ohne viel Federlesens totschlagen.
„Hört auf damit!“, rief sie.
Hengist stieß sie zur Seite.
Ein metallisches Schleifen ließ die Männer innehalten. Der Ritter hatte sein Schwert gezogen, doch statt zu blitzen, schien der seltsam dunkle Stahl das Licht zu schlucken. Sein Arm zitterte, die Klinge jedoch zeigte unbeirrt auf Gurai, der sein gutes Auge zusammenkniff, da er genau in die Sonne schaute.
„Falls ihr dem Mann auch nur ein Haar krümmt, werde ich euch töten.“
Gurai lachte, aber es klang, als würgte er den Laut heraus wie einen feststeckenden Hühnerknochen in der Kehle. Unter den unschlüssigen Blicken seiner Männer leckte er sich über die Lippen. „Ich … werde keine alten Männer und Krüppel schlagen. Macht, was ihr wollt. Nur macht es nicht in meinem Dorf! Und sollte jemand kommen, der euch sucht, werde ich demjenigen nur allzu gerne Auskunft geben!“
Zustimmendes Gemurmel.
Der Reiter verlor sein Schwert, es fiel auf den Boden. Meklas hob es auf und betrachtete die glanzlose Klinge. Alvena schloss die Finger um das Zaumzeug und führte das Pferd aus dem Dorf.
Meklas folgte ihr.
„Das war tapfer“, sagte er, als das Dorf hinter ihnen lag.
„Mein Vater hätte dasselbe getan.“ Sie seufzte. „Seitdem Gurai das Sagen hat …“
„Ich weiß. Er kann Leorn in keiner Weise ersetzen. Los, gehen wir zu meiner Hütte“, sagte er und legte ein Tempo vor, das mitzuhalten Alvena alle Mühe kostete. Und mit jedem Schritt, den sie tat, machte sich widerwillige Bewunderung in ihr breit. Wo war der schrullige Kerl, der nur ins Dorf kam, um sich unter den Tisch zu trinken, der dann von Königen, Schlachten, fernen Ländern und den Tücken des Schicksals faselte, bis man ihn hinauswarf? Es ging sogar die Kunde, er hätte den zweiten Blick.
Sein Gang war nicht mehr torkelnd, ja, er humpelte nicht einmal mehr, sondern bahnte sich trittsicher einen Weg zu seiner Hütte, die auf einer Lichtung im Wald stand.
Ab und an drehte er seinen Kopf und blickte den Ritter an, der wieder vornübergesunken im Sattel hockte. Dabei legte sich für einen Lidschlag ein Ausdruck auf Meklas´ Züge, den Alvena nur schwerlich deuten konnte, vor allem des dichten, weiß-grauen Vollbartes wegen. Sie siedelte ihn irgendwo zwischen schmerzhafter Erinnerung und tiefer Sorge an.
Im Wald drangen die Laute einer erwachenden Natur zu ihnen, das Rascheln von kleinem Getier im Unterholz, die trillernden Gesänge der Vögel, die im Astwerk der Bäume ihre Nester bauten. Endlich roch es nach feuchter Erde und Kräutern und nicht mehr nach dem Laub, das während des Winters unter dem Schnee vor sich hin gefault war. Allmählich wich die Anspannung von ihr; einzig die aufgeplatzte Lippe erinnerte sie an den Vorfall im Dorf.
Trotzdem erfüllte sie die Blessur mit Stolz. Sie war nicht gewichen, hatte einer gerechten Sache ihre Stimme gegeben – ganz wie es ihr Vater sie gelehrt hatte.
Es gibt viele Dinge im Leben, die schmerzhaft sind. Nichts aber ist so beißend, so untilgbar wie der Schmerz, der dich begleitet, wenn du Unrecht hast geschehen lassen.
Alvena lächelte. Vater und seine Prinzipien. Ehern und unerschütterlich, als hätte sie jemand mit feurigem Griffel in seine Seele geritzt.
Im selben Moment kamen die Schuldgefühle.
Du hast ihn auf dem Gewissen – und Mutter auch!
Wie flüssiges Feuer schwappten die Erinnerungen durch ihren Kopf, brannten sich ein, jedes Mal aufs Neue. Irgendwann, wenn die Schuld ihren Verstand aufgefressen hätte, käme der Wahnsinn. Und sie würde ihn begrüßen.
Weshalb hatte sie auch in die Minen laufen müssen? Und die anderen Kinder angestachelt, ihr zu folgen? Eine Mutprobe. Wer sich nicht traute, war ein Feigling. Niemand war gerne ein Feigling. Zehn Kinder verschwanden in den Minen – zusammen mit allen Männern und Frauen, die sich auf die Suche nach ihnen machten. Insgesamt dreißig Leute. Darunter auch ihre Eltern.
Nur sie selbst kehrte zurück, gesund und ohne Erinnerung an das, was geschehen war. Sie wusste lediglich, dass sie in die Minen gelaufen war, nachdem es wieder passiert war. Es, der Makel, das Böse …
Verärgert spuckte sie aus. Sie war stark, das wusste sie, doch in dunklen Nächten, wenn der eisige Wind aus den Bergen an den Fensterläden rüttelte, senkte sich die Einsamkeit oft wie eine erstickende Decke auf sie herab. Da vermisste sie ihre Eltern, vor allem Vaters brummige Stimme, seine breiten Schultern und starken Hände, mit denen er sie als kleines Kind in den Schlaf gewiegt hatte, vermisste das Kitzeln seines Bartes auf ihrer Wange, wenn er sie fest ans Herz gedrückt hatte.
„Hilf mir, den Mann loszubinden“, sagte Meklas.
Stumm trat Alvena an das Pferd und stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Strick am Sattelknauf zu lösen.
Zusammen trugen sie den Verwundeten in die Hütte. Alvena fürchtete, ihre Schultern würden herausbrechen, obwohl es nur wenige Meter bis zu dem mit Stroh gedeckten Bett waren.
Nachdem sie ihn abgelegt hatten, fasste sich Meklas mit beiden Händen an den Rücken und streckte sich. „Ich werde zu alt für so etwas.“
„Warst du früher ein Krieger?“, fragte Alvena, die Augen auf das Kettenhemd, den Schild, das Schwert und den Morgenstern gerichtet, die mit Nägeln an der Wand befestigt waren. Nirgends Rost, im Gegenteil: Die Ringe des geölten Kettenhemdes glimmerten im Sonnenlicht, das in einem dicken Streifen durch das gegenüberliegende Fenster fiel.
„Wir müssen uns um den Ritter kümmern“, erwiderte Meklas, nachdem er ihr ein paar Herzschläge lang in die Augen geblickt hatte.
Alvena nickte, erhitzte auf Meklas´ Geheiß über der Feuerstelle einen Topf mit Wasser, während dieser den Schwertgürtel abschnallte, die Klinge, die er die ganze Zeit über getragen hatte, in die Scheide steckte, den Wappenrock mit einem gebogenem Dolch aufschnitt und zuletzt den Helm entfernte. Er sog die Luft ein, als das Gesicht darunter zum Vorschein kam.
Auch ihr Atem fing sich in der Kehle. Gut, er war ansehnlich, aber das allein war es nicht. Weil er so jung aussah? Sie schätzte ihn auf ein viertel Jahrhundert, also gerade mal fünf Jahre älter als sie. Vielleicht lag es an seinem Haar? Es war weiß wie frischer Schnee und zu vielen Zöpfen geflochten. Irgendetwas kitzelte ihr Gedächtnis. Sie konnte den Finger nicht darauf legen, doch hatte sie das untrügliche Gefühl, den Mann kennen zu müssen. Kurz öffneten sich seine Augen, dann fielen sie wieder zu.
Sie waren grau, grau wie ein Winterhimmel.
Weißes Haar, graue Augen …
„Hol das Wasser“, sagte Meklas, während er die Schnallen und Arretierungen des Brustpanzers öffnete. „Beim Kettenhemd brauche ich deine Hilfe.“
Alvena ging zu der Feuerstelle, drehte sich aber noch einmal um. „Wer ist er?“
„Später“, murmelte Meklas, der weiterhin an der Rüstung herumfuhrwerkte.
Der Panzer ließ sich gut entfernen, das Kettenhemd war eine andere Sache: Alvena musste den Oberkörper des Verwundeten aufrecht halten, während Meklas ihm das Ringgeflecht vorsichtig über den Kopf streifte. Schmerzerfüllt stöhnte der Mann auf: Ein abgebrochener Pfeil steckte unterhalb der rechten Schulter in seinem Rücken, und das Kettenhemd zerrte daran. Aber das war nicht die einzige Verletzung: Über der linken Hüfte prangte ein rundes, tiefes Loch, aus dem Blut quoll.
Alvena wischte es mit einem Lappen fort, den sie in das heiße Wasser getaucht hatte, dann trat Meklas mit Messer, Nadel und Faden heran.
„Was tust du?“, fragte sie erschrocken, weil Meklas das Messer an der runden Wunde ansetzte.
„So wird das Fleisch nicht richtig verheilen. Ein Speer oder eine Lanze hat diese Wunde verursacht. Ich muss sie erweitern, bevor ich sie vernähen kann.“
Alvena wandte den Kopf ab, als die Messerspitze im Fleisch versank und neues Blut hervorpresste. Sie konnte nicht mehr tun, als dem Ritter den Schweiß von der Stirn zu tupfen. Er drehte den Kopf von einer Seite zur anderen, murmelte dabei. Sie hörte lediglich das Wort „König“ heraus.
Nachdem Meklas auch den Pfeil herausgeschnitten und die Wunden verbunden hatte, setzten sich beide erschöpft an den Tisch neben der Feuerstelle.
„Wird er durchkommen?“ fragte sie leise, ihr Blick auf das Laken gerichtet, das sich kaum merkbar im Takt seiner Atemzüge hob und senkte.
Meklas schien durch sie hindurchzustarren. Wortlos stand er auf, holte einen Krug, stellte zwei Tonbecher auf den Tisch und goss ein.
Vorher noch von Kraft und Entschlossenheit beseelt, war er jetzt wieder ganz der verlorene, knittrige Einsiedler, den niemand recht verstand. Er stürzte den Inhalt des Bechers hinunter und füllte nach.
Seufzend griff Alvena nach dem irdenen Gefäß und trank. Im nächsten Moment meinte sie, eine Feuersbrunst wütete durch ihren Mund. Trotzdem schluckte sie die Flüssigkeit, das Brennen schoss ihr in den Bauch. Nach einem zweiten und einem dritten Schluck war ihr so heiß, dass sie meinte, vor der Esse einer Schmiede zu sitzen.
Meklas wollte nachschenken. Sie hielt beide Hände über den Becher und schüttelte den Kopf. Er zuckte die Schultern, zwinkerte ihr dann zu und stürzte das widerliche Zeug abermals in seinen Rachen.
Nach einiger Zeit des Schweigens sank Alvena gegen die Lehne ihres Stuhls und ließ ihre Gedanken fliegen. Ein Fehler: Wie Aasgeier kreisten sie unaufhörlich um ihre Eltern, den Berg, die Kinder …
Plötzlich spürte sie das Kribbeln auf der Haut, als überzöge eine Eisschicht ihren Körper. Sie keuchte und schoss in die Höhe, knallte dabei mit dem Knie gegen Tisch, dass dieser hüpfte. Meklas´ Becher fiel um, der Schnaps breitete sich auf dem dunklen Holz aus, rann in die Furchen und Rillen. Auch der Krug wankte. Meklas bekam ihn zu fassen, bevor er umkippte. „Glück gehabt“, schnarrte er, seine Stimme leicht verwischt.
„Entschuldige“, murmelte sie, „aber ich … ich muss nach draußen, mir die Beine vertreten.“
Abermals zuckte Meklas mit den Schultern und brabbelte irgendetwas.
Laue Frühlingsluft empfing Alvena. Sie hob die Hand vor Augen, da das Licht der untergehenden Sonne zwischen den Bäumen hindurchstach. Einige tiefe Atemzüge, doch ihr Unwohlsein blieb, steigerte sich sogar, bis die Kälte zu einem Brennen wurde, allumfassend und vernichtend. Sie stolperte ein paar Schritte, dann brach sie in die Knie und wimmerte. „Nein, ich will … will es nicht!“
Ihr Körper zuckte. Sie stöhnte. Der Schmerz wanderte nach innen, in ihren Bauch, in ihr Herz, und riss dort mit glühenden Klauen, schlimmer als all die Male zuvor. Viel schlimmer. Es wollte wieder hinaus, wie damals, kurz bevor sie in den Berg gegangen war.
Ein gutturaler Schrei entriss sich ihrer Kehle, ehe es aus ihr herausbrauch, urgewaltig und verheerend. Ein Strahl, in dem sich das Feuer wand wie Schlangenleiber, weißorange und glutrot, zischte über die Lichtung. Traf einen Baum, der sich knisternd und knackend entzündete, die Rinde schälte sich ab, verkohlte.
Am Boden liegend, betrachtete sie die Flammen, die sich in wildem Tanz am Stamm emporschlängelten. Funken stoben umher, als ein Windstoß sie erfasste und zu anderen Bäumen trug. Einen Moment meinte sie, eine Gestalt in den Flammen zu sehen, doch alles verschwamm, weil ihr die Hitze und der Rauch Tränen in die Augen trieben.
Auf zitternden Beinen wankte sie zu einem Regenfass, nahm einen Eimer, schöpfte Wasser. Taumelte auf das Inferno zu. Nach einigen Schritten entglitt der Eimer ihrem Griff und klatschte auf den Boden.
Dann, urplötzlich, erstarben die Flammen. Einzig der verkohlte Baum, der in der Luft hängende Rauch und der brandige Geruch erinnerten an das Geschehen.
„Sevestra sei gedankt!“, seufzte Alvena, auch wenn sie nicht glaubte, dass die Göttin der Wälder für diese glückliche Fügung verantwortlich war.
Erschöpft sank sie zu Boden, entledigte sich aller Gedanken, bettete den Kopf auf dem Gras, bis das Himmelszelt ihr Blickfeld füllte. Die ersten Sterne funkelten wie zwinkernde Augen.
Dann … geschah etwas. Was genau, das konnte sie im ersten Moment nicht sagen. Aber als sie aufstand und sich umsah, unterdrückte sie einen Schrei der Furcht.
Der Wald war weg!
Und der Himmel!
Alles um sie herum waberte in verwaschenem Grau, durchsetzt mit weißen Punkten, fast so, als befände sie sich in einer Wolke.
„Fürchte dich nicht“, wehte es an ihr Ohr.
Alvena wirbelte herum.
Eine Frau trat aus dem Nebel. Groß, die Haltung edel, das lange Haar grau durchschossen. Krähenfüße lagen unter warmen, grünen Augen. Ihr Lächeln wirkte offen.
„Wo bin ich?“
„Das weiß nicht einmal ich.“ Die Frau machte eine umfassende Bewegung, die ihren hellblauen, mit silbernen Verzierungen durchwirkten Umhang rascheln ließ. „Ich kenne diesen Ort nur aus Sagen: Nifilos, die Welt der Gedanken und Gefühle, die das Fleisch nicht erreichen kann.“
„Ich verstehe nicht.“
„Dein Körper ist weiterhin in deiner Welt“, sagte die Frau und hob die Hand, als wollte sie Alvena anfassen. Ihre Lippen zitterten, während sie die Hand wieder sinken ließ. „Ich weiß nicht, was passieren würde, sollte ich dich berühren.“ Tränen zogen glitzernde Spuren über ihre Wangen. „Ich habe dich gespürt, als sich deine Magie Bahn gebrochen hat, wild und ungestüm. Das Wissen, dass du lebst, hat mir Hoffnung gegeben in den dunkelsten Stunden.“
Alvenas Verwirrung wuchs mit jedem Atemzug. „Wer seid Ihr? Ihr scheint mich zu kennen, doch ich kenne Euch nicht.“
„Wirklich nicht? Erinnere dich an die Momente, wenn deine Magie herausgebrochen ist wie Wasser aus einem geborstenen Damm. Hast du da nicht gespürt, dass jemand nach dir sucht?“
„Ich … ich weiß nicht. Ich will keine Magie. Meine Eltern besitzen … besaßen diese Gabe nicht. Ich habe Angst davor.“
„Deine Eltern“, echote die Frau. „Hat deine … Mutter auch dein nachtschwarzes Haar, deine smaragdgrünen Augen? Den wohlgeformten Körper?“ Sie verstummte, schloss einen Moment die Augen. „Wenn du versuchst, Miraibas Gabe zu unterdrücken, wird sie immer wieder hervorbrechen und sich deiner Kontrolle entziehen. Du musst dich ihr öffnen. Wie eine Blüte, die sich dem Sonnenlicht entgegenstreckt. Versteckst du dich weiterhin vor ihr, wird sie dich eines Tages verbrennen.“
„Das ist nicht wahr!“
Die Frau sah sie nachsichtig an, als wäre sie ein Kind, das eine lässliche Dummheit begangen hatte. „Es liegt in deiner Natur. Du kannst der Magie nicht entrinnen. Sie ist in dir, so wie das Blut in jedem Lebewesen ist.“
Auf einmal begann die Frau zu verblassen, wie ein Nebelstreifen, der sich in der Sonne auflöste. Immer noch lächelte sie. „Beim nächsten Mal akzeptiere die Magie als Teil von dir – und sie wird dich akzeptieren. Ich werde deinen Ruf hören. Deine Kraft wächst mit jedem Tag. Ich bin stolz auf dich, meine Tochter.“

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JRezensionen:

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  • Meinung:
    Ich weiß gar nicht, wie ich dieses Werk in Worte fassen soll, denn es hat mich schlicht weg aus den Socken gehauen!
    Dieses Werk ist der reinste Genuss, wenn man auf High Fantasy und gehobene Ausdrucksweise steht.
    Peter Hohmann hat hier ein Wunderwerk geschaffen!
    Der Schreibstil ist fließend, der Spannungsbogen lässt nicht nach, der Sprachgebrauch ist hochwertig und die Welt ist facettenreich. Die Handlungen gehen schnell voran, doch bleibt der Leser nicht auf der Strecke.
    Der Autor schafft es von Anfang an, seine Leser zu fesseln, und einen Film vor seinem inneren Auge abspielen zu lassen. Ja, ich glaube, ich sitze wirklich am Lagerfeuer und schaue auf die Männer und Frauen, Herrscher und Kämpfer, wie sie sich bekriegen und sich weise Worte zusprechen. Wie Sie Pläne schmieden, nach Macht gieren und scheitern. Ich höre sogar die Schwerter, wie sie rasseln und schaben, ich sehe, wie der Funkenregen hernieder regnet und wie Padeus "tanzt" - Unglaublich! Ich fühle mich wie in einem Hollywood-Film - Wahnsinn!
    Fazit:
    In der Welt der Stand-Alones, was in dem Genre sehr rar ist, ist es:
    Einmalig, spektakulär >>Lilienreiter<<. Ein Meisterstück der sprachlichen Gewandtheit und des Ideenreichtums. Ich bin geflasht! (5/5 Sterne)

  • „Der letzte Lilienreiter“ ist ein Fantasyroman, der sich vollkommen zu Recht zur Sparte der High Fantasy zählen darf.
    Einer der Gründe dafür - und wie ich finde, ein sehr besonderes Merkmal dieses Buches -, ist der ausgesprochen gehobene Schreibstil. Mich persönlich erinnert er stark an Fantastik und Horror Autoren des 20 Jahrhunderts, weil er es im gleichen Maße wie ebendiese schafft, den Leser gekonnt mittels Sprache in eine bestimmte Ära oder Stimmung zu versetzen.
    In diesem Fall ist es eine Phase der finsteren Nachkriegszeit, in welcher das gegenwärtige gesellschaftliche Gefüge noch sehr zerbrechlich, der neue König derzeitig nur durch Blut, statt durch Krone gekrönt und die Erinnerung an alte Schrecken fast gänzlich aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist.

    Fazit
    Ein rundum gelungener High Fantasy Roman, der auch für erfahrene Leser des Genres noch ein paar Überraschungsmomente bereithält. Für Fans von gekonnt geschriebenen Kampfszenen, sarkastisch-sympathischen Bösewichten und Welten voll dunkler Magie. (5/5 Sterne)

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Der AutorMail

Schreibt Fantasy, Science-Fiction und alles, was irgendwo dazwischen herumschwirrt - gelegentlich aber auch mal einen Krimi. :-)

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