Veröffentlichungen und Ausblick in die Zukunft ...

Romane, die bereits sind, und solche, die es noch werden ...

Anstehende Veröffentlichungen:

  • DER LETZTE LILIENREITER, ein klassischer Fantasy-Einzelroman, wird im Frühjahr 2019 beim Verlag Mantikore herauskommen.

Projekt in Arbeit:

  •  Band I einer Thriller-Trilogie (ja, richtig, mal ganz ohne Fantasy). Gibt noch keinen Titel, aber immerhin sind schon mal 170 Seiten eingetastet.

Geschrieben, aber (noch) ;-) nicht veröffentlicht:

  • Magische Echos: Urban Mystery/Fantasy. 540 Seiten. Feinjustiert und bereit für einen Verlag.
  • Die vergessene Macht: Abgedrehter Prä-Astronautik-Horror-Mystery-Roman mit bayerischem Lokalkolorit. 470 Seiten. Hatte bereits einen Verlag. Der hat aber leider dichtgemacht, kaum dass er gegründet worden war. Was nun?
  • Der Goldene Greif: Wechselwelt-Fantasy, 600 Seiten, einige Plot-Zahnräder knirschen da leider noch ordentlich. Mal sehen, was und wie und wann und ob überhaupt ... :-(
  • Der Silbertänzer: High Fantasy, 440 Seiten - mein Erstling. Zu schlecht, um je veröffentlicht zu werden, aber ich liste ihn trotzdem hier auf, weil der Erstling halt etwas Besonderes ist - wenn auch nur für einen selbst. :-)

Bereits erschienene Romane

Ishkor (1000 Seiten Fantasy)

Wie fühlt es sich wohl an, wenn man fortan die Stimme eines ungehobelten Hochlandbarbaren im Kopf hat?
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: ASIN: B077GZG1WP
Verlag: Amazon

3Klappentext:

Ein Krieger aus einer fremden, mittelalterlichen Welt, mit dessen Seele man verschmilzt – genau das passiert der Geschichtsstudentin Mona Johansson, als sie bei Recherchen für ihr Studium durch eine magische Entladung in eine andere Weltgeschleudert wird.

Fortan hört sie die Stimme von Korvas Weißwolf in ihrem Kopf. Der ist ungehobelt, raubeinig und Verfechter eines antiquierten Frauenbildes. Dennoch muss sich das Gespann wider Willen zusammenraufen, denn Korvas´ Mission ist eng mit Monas eigenem Schicksal verwoben.

Mit neu gewonnen und sehr unterschiedlichen Gefährten begibt sie sich auf eine Reise in die Tieflande, wo nicht nur schaurige Kreaturen hausen, sondern einst die Götter selbst einen erbitterten Kampf ausfochten.

Aber immerhin hat Mona mit Korvas einen Begleiter, der sie auf seine ganz eigene Art zu unterstützen weiß, wenn es mal wieder brenzlig wird …

„Hör auf zu flennen, Weib, und reiß dich zusammen! Tränen sind eines Kriegers unwürdig!“

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

Besessenheit zu analysieren war leicht. In jeder Buchseite steckte sie, in jedem Link im Internet, der sich mit Hexerei und Hexenverbrennungen beschäftigte.

So intensiv war alles, was darüber geschrieben stand, so intensiv und nah und erschreckend, als wäre man selbst Teil dieses düsteren Kapitels der Vergangenheit. Mona schloss die Augen.

 

Das Johlen der Schaulustigen, unterlegt vom Klang prasselnder Flammen, die sich in menschliches Fleisch fraßen, dazu, ganz leise und im Toben ringsum nur für Augenblicke zu erahnen, ein röchelndes Keuchen im verzweifelten Versuch zu atmen. Aber es gab nur beißenden Rauch. In seiner erstickenden Gnade brachte er den Tod schneller als das alles verzehrende Feuer …

 

Die Anrufmelodie ihres Handys bahnte sich einen Weg durch ihre taumelnden Gedanken.

Sie erschrak, riss die Augen auf, schnappte nach Luft …

Besessenheit zu verstehen war weitaus schwieriger.

Sie suchte nach ihrem Mobiltelefon, kramte zwischen aufgeschlagenen Büchern, ausgedruckten Blättern und Notizen, die sich auf ihrem Schreibtisch zu Belagerungstürmen stapelten.

Sie fand es unter der Übersetzung des Hexenhammers.

„Ja?“

„Was ist denn los?“, sagte eine ärgerliche Frauenstimme. „Seit zwanzig Minuten warte ich auf dich.“

Träge kämpfte sich die Erinnerung an das Treffen mit Natalie durch einen Schleier aus Gedankenrauch.

„Sorry“, haspelte Mona, „habe ich total vergessen. Bin sofort da.“ Sie warf ihr Handy auf den Tisch, stand auf. Ihr rechtes Bein war taub, da sie es beim Hinsetzen untergeschlagen und die ganze Zeit darauf gesessen hatte. Ein Blick auf die Funkuhr neben dem Computermonitor – Viertel nach Zwei. Seit acht in der Früh hockte sie hier, ohne zu essen oder zu trinken, trug dasselbe schlabberige Garfield-T-Shirt, in dem sie geschlafen hatte.

Sie eilte in das winzige Bad ihrer Studentenwohnung, sprühte Deo unter die Achseln, wuschelte ihre Finger durchs Haar. Einen Blick in den Spiegel vermied sie. Eilig spülte sie den Mund aus, nahm ein paar Schlucke, weil sich jetzt der Durst meldete. Ihr T-Shirt ließ sie an – schließlich ging sie ja nicht auf eine Modenschau –, sauste zurück ins Zimmer und fingerte unter dem Bett nach ihrer Jeans. Auf einem Bein herumhüpfend, schüttelte sie sich hastig hinein.

Der Geldbeutel – wo?

Wieder wühlte sie zwischen Büchern und Blättern, kam sich vor wie ein Rechtsmediziner, der in den Eingeweiden eines Verstorbenen nach einem Projektil suchte.

„Na super!“ zischte sie, als der Schreibtisch sich nun in völligem Chaos präsentierte – vom Geldbeutel jedoch keine Spur.

Dann würde sie eben nichts bestellen.

Ihre Hand schnellte zum Handy, bekam es aber nicht zu fassen. Das glatte Ding fiel auf den Boden. Sie bückte sich danach, steckte es ein – und sah ihr Portemonnaie. Er musste in die Spalte zwischen Wand und Schreibtisch gerutscht sein. Sie kroch unter selbigen und fischte die Geldbörse hervor, umfangen vom Pfeifen der Ventilatoren und der Wärme des Rechnergehäuses, das ihr kaum Platz ließ. Bevor sie aufstand, drückte sie den Hauptknopf.

Ein Piepen, und das Surren des Rechners erstarb nach einem letzten Winseln der Festplatte, die froh darüber schien, nicht mehr im Leerlauf vor sich hin zu leiern.

Mona knautschte die Füße in ihre Turnschuhe, öffnete die Tür. Trat hinaus. Zog die Tür nach.

Im letzten Moment setzte sie einen Schritt zurück, brachte die Ferse gerade so in den Spalt. Schmerzhaft prallte ihr die Kante der Tür gegen den Knöchel. Nur gut, dass ihr Bein noch immer leicht taub war. Sie zog den Schlüssel aus dem Innenschloss, sperrte die Tür ab und rannte die Treppe hinab. Die letzten Stufen nahm sie im Sprung, dann vorbei an den eingedellten und vollgekritzelten Briefkästen, raus auf die Straße, ein paar hundert Meter im Sprint, und schon bog sie in die Leopoldstraße ein.

Während sie nach ihrem Handy griff, realisierte sie, dass das Schwierigste an einer Besessenheit war, sie bei sich selbst zu erkennen.

Besessen von der Besessenheit.

 

 

Natalie saß auf dem Stuhl, als hätte ein Modehaus sie dort platziert, das blonde Haar offen, ihre rundglasige Armani-Sonnenbrille auf der gepuderten Nase. In der linken Hand hielt sie eine Zigarette, während die Fingernägel der rechten auf der Tischplatte herumklackerten. Ein leichter Wind fuhr unter ihr kurzes, knalloranges Sommerkleid, lupfte es an, entblößte makellose Unterschenkel und rot lackierte Zehennägel, die in offenen Sandalen ein luxuriöses Zuhause gefunden hatten. Mindestens Gucci, wenn nicht teurer.

Ihre gezupften und mit Permanent-Makeup verfeinerten Brauen hoben sich über den Rand der Sonnenbrille, als Mona sich auf den freien Stuhl gegenüber plumpsen ließ.

Ihr schwindelte, und Schweiß lag unangenehm kalt auf ihrer Stirn. Die einzelnen Schläge ihres rasenden Herzes waren kaum zu spüren, nur die Geschwindigkeit, als versuchte ein Vogel mit gestutzten Flügeln, sich in die Lüfte zu erheben.

„Du siehst beschissen aus“, sagte Natalie und dämpfte die Zigarette in dem Aschenbecher aus, der aussah wie ein erloschener Miniaturvulkan.

„Und du wie eine Edelnutte, die gerade auf ihren Freier wartet.“

Natalie lachte. „Schön, dich zu sehen.“ Sie beugte sich vor und umarmte Mona, die jetzt ebenfalls lachte.

„Mal im Ernst“, sagte Natalie und zog eine neue Zigarette aus der Packung. „Es gibt kein Camouflage, mit dem man jemanden so leichenblass bekommt wie dich.“

Mona wischte sich über die Stirn, lehnte sich im Stuhl zurück und atmete tief ein. „Liegt wohl daran, dass ich heute noch nichts gegessen habe.“

„Ober!“, winkte Natalie den Mann in weiß-schwarzer Livree herbei, der um die Tische schwirrte. „Einen Spezi und Gulasch mit Spätzle für die Dame bitte.“

„Gerne“, erwiderte der Kellner, machte kehrt und manövrierte sich im Zickzackkurs zwischen den anderen besetzten Tischen vorbei ins Innere des Cafés. Auf der anderen Straßenseite erhob sich das Hauptgebäude der Ludwigs-Maximilians-Universität wuchtig in den Himmel, in dem ein paar Schäfchenwolken gelangweilt vorbeidrifteten. Auf den Regen, der laut Wetterbericht gegen Abend einsetzen sollte, deutete nichts hin.

„Irgendetwas Leichtes wäre mir lieber gewesen“, sagte Mona über das Brummen der Autos und Roller hinweg, die die Leopoldstraße entlangbrausten.

„Du brauchst etwas Deftiges“, sagte Natalie bestimmt. „Vergiss ein einziges Mal diesen Ernährungskram.“

Mona schüttelte den Kopf. „Was für einen Ernährungskram bitteschön? Nur weil ich das letzte Mal Salat gegessen habe? Außerdem waren da Putenstrei…“

„Es gibt Spätzle, Thema beendet!“ Natalie saugte heftig an ihrer Zigarette und verkniff dabei die Lippen: Kreuzte man ihren Willen, wurde sie zur Naturgewalt.

Mona grinste in sich hinein und entspannte allmählich. Es war gut, dass sie aus ihrer Bude herausgekrochen war.

Natalie nippte an ihrem Latte Macchiato, setzte das Glas zurück und schob die Sonnenbrille nach oben. „Heute ist Sportlerparty im Oly-Dorf. Hast du Lust?“

„Weiß nicht so recht.“

„Meine Güte! Auf dir liegt schon genauso viel Staub wie auf deinen Büchern. Lass diesen Hexenkram endlich mal dort, wo er hingehört – zwischen muffigen Buchdeckeln.“ Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. „Du kommst vorher zu mir. Wir richten uns ordentlich her und genießen dann, wie die Mannsbilder Stielaugen bekommen.“

Mona rutschte auf ihrem Stuhl herum.

„Schätzchen, du würdest so gut aussehen.“ Natalie legte die Zigarette in die Einsparung des Aschenbechers, beugte sich nach vorne und schlug einen säuselnden Ton an, ganz so, als wollte sie einen Zauberspruch aufsagen. „Dein schwarzes Haar trägst du offen, dazu ein sanftes Rouge auf die Lippen. Das, kombiniert mit deiner Studierkammer-Blässe, und die Männer fallen vor dir auf die Knie.“

„Du bist Industrie-Designerin“, erwiderte Mona, „keine Visagistin – und ich kein Auto, das man tunen kann. Ich überlege es mir, okay?“

Natalie lehnte sich noch weiter nach vorne, sodass Mona unwillkürlich in ihren Ausschnitt blickte, und fügte hinzu: „Markus ist sicher auch da.“

Monas Herz tat einen schmerzhaften Schlag. „Kann keine Ablenkungen gebrauchen im Moment.“

Natalie zuckte die Achseln, griff nach der Zigarette und ließ ihr Gesicht hinter einer Gaze aus Rauch verschwinden.

Der Ober servierte das Essen. Monas Magen knurrte, und in geschätzt drei Minuten hatte sie die Mahlzeit verschlungen. Sie spülte mit dem Spezi nach. Ihre Lebensgeister kehrten zurück. „Wann soll ich bei dir sein?“

Natalies Gesicht hellte sich auf. „Sieben dürfte reichen.“

Mona nickte.

„Hast bis dahin mehr als genug Zeit für dein Scheiterhaufen-Zeug.“

Verärgert presste Mona die Lippen zusammen.

Natalie legte die Hand auf ihren Arm. „Entschuldige. Ich weiß ja, wie viel es dir bedeutet. Aber du übertreibst es – genau wie das Klettern damals.“

Auf den ersten Blick wirkte Natalie oberflächlich: ein blonder Vamp mit Vakuum im Kopf. In Wahrheit allerdings war ihr Geist ein Brennglas, dessen Strahl in jeden Winkel anderer Seelen sengte und trügerische Schleier verbrannte, bis der blanke Kern frei lag.

Mona stellte sich diesem Brennen.

Bis vor einem Jahr war das Klettern ihre Leidenschaft gewesen, diese wunderbare Symbiose aus Kraft und Konzentration. Wie besessen hatte sie trainiert. Ihr Traum jedoch, auf internationaler Ebene zu brillieren und von der ein oder anderen Werbekampagne zu leben, zerschlug sich an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Genau an jenem Tag – natürlich trainierte sie auch da – war ein siebzehnjähriges Nachwuchstalent in der Kletterhalle zu Gast, in der Mona übte.

Das Mädchen schnellte die Wand hinauf wie Spiderman. Es nutzte jeden noch so kleinen Griff, fand mit den Fußspitzen auf münzgroßen Absätzen Halt, so sicher, als wären es Landebahnen für Verkehrsmaschinen.

Dieser Anblick zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Haltlos trudelte sie in Sphären, die sie bis dahin nicht gekannt hatte: Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit.

Ihr Geschichtsstudium entpuppte sich als Rettungsseil, das den Fall bremste, als sie aus Angst vor einer Depression nach allen Seiten griff. Was anfangs nebenher abgelaufen war, wurde zum Fixstern.

Ich brauche das Extreme, dachte sie, als sie Natalies bohrenden Blick erwiderte. Einst war es der Sport, jetzt die Wissenschaft, oder besser gesagt: die Suche nach diesem einen Mann, der 1685 in Nürnberg – als bösartiger Magier verketzert – den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden hatte.

„Ich weiß“, sagte Mona nach einer Weile zu Natalie, „doch hier steh´ ich nun, ich kann nicht anders.“

„Das Leben hält mehr bereit, Junker Jörg.“

Mona zwang sich zu einem halben Lächeln. „Für mich ist dieses Rätsel im Moment mein Leben.“ Sie winkte den Kellner herbei, um zu zahlen.

Natalies Züge wurden weicher. „Ich kenne niemanden, der so erbarmungslos gegen sich selbst ist wie du.“

„Ich will das Geheimnis um diesen Mann lüften.“

„Dein Professor meint, dass deine Bachelorarbeit – auch ohne dieses Detail – der absolute Bringer ist.“

„Im Klettern hätte ich sicher auch eine Eins bekommen – aber sehr gut zu sein reicht eben nicht, um ganz nach oben zu gelangen.“

„Und du meinst, dieser Hexer ist der Weg zu … ja, was? Glück? Ruhm?“

„Weiß ich nicht genau“, gab Mona seufzend zu.

„Du möchtest dir selbst etwas beweisen.“

„Na und? Was ist daran schlimm?“

„Okay.“ Lächelnd lehnte Natalie sich zurück. „Dann möchte ich es mal genauer wissen. Bisher hast du nur Andeutungen gemacht.“

„Ich will dich nicht langweilen, deswegen mache ich es kurz: Dieser Mann, Harald Udin, wurde in Nürnberg hingerichtet – und das in einer Zeit, als Nürnberg eine Stadt war, die Hexenverbrennungen ächtete, etwaige Hexen nur zögerlich verfolgte und im Fall der Fälle milde Strafen verhängte. Harald Udin jedoch wurde kurz nach seiner Ergreifung befragt, gefoltert und stante pede verbrannt. Dieses Vorgehen steht in keinem Verhältnis zu den anderen Hexenprozessen dort.“

Natalies Stirn legte sich in Falten. „Bei dieser einen Frau war es doch ähnlich. Hast du letztes Mal erzählt, glaube ich.“

„Margareta Mauterin“, schoss es aus Mona heraus. „Richtig. Das war 1659. Angeblich hat sie heilige Oblaten an den Satan verfüttert und magische Rituale vollzogen. Man schor ihr den Kopf und suchte auf ihrem Körper nach Hexenmalen – das gängige Prozedere damals. Dann folterte man sie, um ihr ein Geständnis abzunötigen. Schließlich wurde sie verbrannt. Die Nürnberger Gerichtsbarkeit verhängte die Todesstrafe allerdings erst nach langem Hin und Her. Harald Udin dagegen richtete man im Eiltempo hin. Da passt etwas nicht zusammen.“

„Diese Leute im Mittelalter …“ Natalie ließ den Satz mit einem Kopfschütteln ausklingen.

„Frühe Neuzeit“, korrigierte Mona. „Die Hochsaison der Hexenverbrennungen dauerte grob hundert Jahre, von 1550 bis 1650. In Österreich ein bisschen länger“, fügte sie als Seitenhieb auf Natalies Geburtsort Salzburg hinzu.

„Eins zu null für dich. Trotzdem solltest du nicht vergessen, dass du im Hier und Jetzt lebst.“

Der Kellner kam mit der Rechnung.

Mona zückte den Geldbeutel.

„Lass. Geht auf mich“, meinte Natalie und zahlte für sie beide. Der junge Mann setzte sein bestes Sonnenblumenlächeln auf, als er das üppige Trinkgeld einstrich, und wünschte ihnen einen schönen Tag.

„Danke, Natalie.“

Natalie stand auf und wedelte mit der Hand. „Nicht der Rede wert.“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, musste Mona sich ein Grinsen verkneifen, weil der kurze Sommerrock, der bei jedem Schritt Natalies knackigen Pobacken huldigte, Blicke anzog wie eine Blumenblüte die Bienen: Wirklich jeder Mann drehte sich herum und gaffte.

„Um sieben bei mir!“, rief Natalie über die Schulter, unbeeindruckt von dem gut ein Dutzend schmachtender Augenpaare. „Nicht vergessen!“

 

 

Zurück in ihrer Wohnung kümmerte sich Mona um den verwüsteten Schreibtisch, schob die Papierstapel und Bücher in eine dem Auge wohlgefälligere Ordnung und widerstand der Versuchung, den Rechner einzuschalten.

Sie würde mit Natalie auf die Party gehen. Vielleicht half das ja, den Kopf freizubekommen, um aus der Sackgasse herauszukommen, in der sich ihre Recherchen befanden.

„Wer bist du, Harald Udin?“, flüsterte sie. „Und was hast du getan?“

Jede freie Minute kreisten ihre Gedanken um diesen Mann – und das, obwohl er sich einer eingehenden Analyse entzog. Er war ein Phantom, das sich nicht greifen lassen wollte, das Katz und Maus mit ihr spielte.

Zum Beispiel sprachen die Aufzeichnungen, die Mona sich im Nürnberger Stadtarchiv angesehen hatte, von einem grauhaarigen Mann, der auf einen Stock gestützt ging. Das Seltsame daran: Warum war er so spät angeklagt worden, an seinem Lebensabend? Warum nicht früher?

Was, wenn sich ein Fehler eingeschlichen hatte – und Udin vielleicht viel jünger gewesen war?

Die Hände in die Hüften gestemmt, schloss Mona die Augen, legte den Kopf in den Nacken und dachte nach. Auf dem Hinrichtungsdokument, das sie im Archiv gefunden hatte, fehlte eine Angabe über den Geburtsort von Harald Udin, was mehr als ungewöhnlich war – und höchst ärgerlich; der Ort seiner Herkunft war ein wichtiger Teil dieses Puzzles.

Ich muss das herausfinden, hämmerte sie sich ein. Ich muss!

Gelänge dies, könnte sie dort nach weiteren Spuren suchen. Ihr Puls beschleunigte sich bei dem Gedanken, der erste Mensch zu sein, der mehr über Harald Udin erfuhr, und übernatürlich stark meldete sich plötzlich der Drang, Natalie abzusagen und erneut ihre Unterlagen zu durchforsten. Hatte sie etwas übersehen? – genau jene Zeile vielleicht, die ihr weiterhalf?

Sie atmete tief ein, dann wieder aus, lenkte ihre Gedanken weg von ihrer Bachelorarbeit, konzentrierte sich auf die entfernten Geräusche der Leopoldstraße, die durch das gekippte Fenster wehten.

Sie öffnete die Augen und ließ die kleine Knospe an Vorfreude auf die Party erblühen. Abwechslung und andere Gedanken. Und vielleicht noch wichtiger: Distanz. Ein Gemälde betrachtete man ja auch nicht mit der Nase an der Leinwand. Man postierte sich einige Meter davon entfernt, damit man eine Vorstellung von der Gesamtkomposition bekam.

Ihr Blick verhakte sich am rot blinkenden Lämpchen ihres Anrufbeantworters.

Sie drückte die Play-Taste.

Es war Professor Moosfeld, ihr Lieblingsdozent und der Betreuer ihrer Bachelorarbeit. Er bat um Rückruf und sagte, er befinde sich noch bis ungefähr siebzehn Uhr in seinem Büro.

Mona sah auf die Uhr: 16:44.

Hastig wählte sie seine Nummer.

Einmal das Freizeichen, zweimal …

Komm schon, flehte Mona.

… dreimal.

Ein Knacken in der Leitung.

„Moosfeld.“

„Hallo, Herr Professor.“

„Ah, Ramona! Schön, dass Sie anrufen.“

Bestimmt hundertmal hatte sie ihn dazu angehalten, sie Mona zu nennen – der goldene Mittelweg zwischen dem harten Ramona und der Totalverniedlichung Moni, wie ihre Mutter sie nannte –, doch so genau er in seiner Arbeit war, so zerstreut war er bei allen anderen Dingen.

„Um was geht es denn?“

„Ja, also“, begann Moosfeld, „ich habe mir die letzte Version Ihrer Arbeit angesehen, die Sie mir vergangene Woche geschickt haben – und bin hellauf begeistert!“

„Das freut mich“, erwiderte Mona. So gut das Lob tat – einen ähnlichen Duktus hatte er bereits beim allerersten Rohentwurf benutzt.

„Man merkt einfach, dass Ihr Herzblut in dieser Arbeit steckt, und Sie geben sich äußerst viel Mühe in den beiden Kapiteln über Harald Udin. Nur fehlt die entscheidende Erkenntnis, das Sahnehäubchen sozusagen. Ohne einen guten Schluss werten Sie in meinen Augen den ersten Teil Ihrer Arbeit über die Hexenverbrennungen in Bayern ab. Ich wiederhole mich gerne, auch wenn ich Sie schon mit den Augen rollen sehe.“ Moosfeld lachte kurz.

Mona fühlte sich ertappt und unterdrückte halbwegs erfolgreich ein albernes Kichern: Sie hatte tatsächlich die Augen verdreht.

„Der erste Teil ist umfangreich genug, um für sich allein zu stehen, und fachlich äußerst gelungen. Da in einem Monat Abgabetermin ist, bitte ich Sie, nein – flehe ich Sie an: Verrennen Sie sich nicht! Streichen Sie Harald Udin.“

Monas Lippen krampften sich zusammen, und sie schickte ein unverständliches Nuscheln durch den Hörer.

„Ich verstehe Sie, Ramona. Auch mich packt manchmal der Ehrgeiz. Dann versuche ich auf Gedeih und Verderb, hinter diese oder jene Sache zu kommen. Aber – inzwischen bin ich lange genug im Geschäft, um zu wissen, wovon ich rede – es gibt eben Mysterien, die sich anhand der jetzigen Quellenlage nicht ergründen lassen. Dergestalt sehe ich die Sachlage bei Harald Udin leider auch.“

„Ich bräuchte nur den Geburtsort – dann hätte ich etwas in der Hand …“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Moosfeld, und Mona hörte das aufrichtige Mitgefühl in seiner Stimme, „nur haben Sie die Dokumente der in Frage kommenden Jahre längst durchgearbeitet. Das allein übersteigt, nebenbei bemerkt, bereits das übliche Recherchepensum für eine Bachelorarbeit.“

Sie dachte zurück an die Woche in Nürnberg: Jeden Tag, von morgens bis abends, hatte sie in einer muffigen Kammer des Stadtarchivs Pergament um Pergament unter die Lupe genommen. Ohne Erfolg.

„Sie haben ja recht. Aber wenn ich etwas übersehen habe? Ich meine, vielleicht stimmt es ja gar nicht, dass Udin ein alter Mann war, sondern ein junger Bursche. Wenn dem so ist, habe ich die Spanne der Jahre, in denen er geboren sein könnte, viel zu früh gesetzt.“

„Nein, diese Quelle ist eindeutig. Er war ein alter, wenn nicht greiser Mann, als man ihn auf den Scheiterhaufen schickte.“

„Und die seltsame Tätowierung auf seiner Brust?“

„Rätselhaft, doch ohne weitere Hinweise unbrauchbar.“

Mona ließ den Kopf hängen. Der Telefonhörer erschien plötzlich so schwer wie ein Ziegelstein. „Ich denke darüber nach.“

„Kopf hoch, Ramona. Vielleicht stoßen Sie ja später auf irgendetwas, das Ihnen weiterhilft. In so einem Fall könnten wir darüber reden, eine Masterarbeit daraus zu machen. Na, wie klingt das?“

„Das wäre super. Vielen Dank.“

Sie wollte es jetzt herausfinden. Jetzt!

Nachdem sie aufgelegt hatte, ließ sie sich aufs Bett fallen.

Etwas raschelte.

Sie griff unter ihren Rücken und zog ein zerknittertes Blatt unter der Bettdecke hervor. Diese Kopie hatte sie in Nürnberg gemacht. Sie zeigte Harald Udins Tätowierungen, die die Chronisten vor dessen Hinrichtung nachgezeichnet hatten: eine Hand, aus deren Finger Blitze schossen, fünf an der Zahl. Der erste, der aus dem Daumen kam, endete in einer Flamme, der zweite in einem Wassertropfen, der dritte in einer Wolke und der vierte in einem Stein; der fünfte formte sich zu einem Totenkopf. Zudem umrahmte ein Sonnenkranz die Hand.

In keinem Buch und auf keiner Internetseite dieser Welt hatte sie dieses Symbol gefunden, und niemand, den sie dazu befragt hatte, wusste eine Antwort. Weder ein Geheimbund noch eine andere Organisation oder Bruderschaft verwendete es. Die Inquisitoren seinerzeit hatten es als gotteslästerliches Sinnbild eingestuft, ein grausiges Hexenmal, das Udins Verbindung zu Satan belegte. Udin hatte es nicht nur auf der Brust getragen, sondern ebenso auf dem Rücken, den Unterarmen und den Unterschenkeln. Dass er dies allein aus dem Bedürfnis heraus getan hatte, seinen Körper zu zieren, bezweifelte Mona. Wer ließ sich überall dasselbe Symbol auf den Körper tätowieren? Es musste eine Bedeutung haben!

Aber welche?

Sie stand auf, legte das Blatt auf den Schreibtisch und griff – zum gefühlt hundertsten Mal diese Woche – nach einer Kopie der Anklageschrift: Man beschuldigte Udin, dunkle Magie zu wirken, indem er Muster in die Luft zeichne und dazu satanische Verse äußere; obendrein beschwöre er dämonische Wesenheiten, die seine finsteren Pläne verwirklichen sollten, zum Beispiel das Trinkwasser zu vergiften, die Ernte zu verderben und den Menschen Krankheiten anzuhexen.

Mona seufzte, legte das Blatt ab, stellte den Wecker ihres Smartphones auf achtzehn Uhr, ließ sich wieder aufs Bett sinken und schloss die Augen.

Samtweich zupfte der Schlaf an ihren Lidern.

Jedoch, ein Schriftzug brannte sich mit feurigen Lettern in ihren Geist: Harald Udin.

Sie konnte nicht schlafen.

Besessene schliefen selten.

 

 

Das aggressive Stampfen der Musik zerstob jeden Gedanken. Eine Wohltat.

Geistiger Leerlauf.

Endlich.

Mona stand gegen eine Säule gelehnt, nippte an ihrem Caipirinha und schmunzelte darüber, dass sie ausgerechnet hier, umringt von Menschen und beschallt von wummernden Beats, eine sonderbare Art von Ruhe verspürte.

Ihr Blick verweilte auf der Tanzfläche, wo die Körper der Feierwütigen sich im Rhythmus der Musik hin- und her wiegten. Natalie befand sich – natürlich – mitten im Getümmel; ihre Bewegungen wirkten im stroboskopischen Licht und dem Kunstnebel abgehackt, roboterhaft. Ein paar junge Männer flatterten um sie herum wie Schmetterlinge. Natalie genoss das, wie ihr mühsam im Zaum gehaltenes Lächeln verriet.

Ein Mann löste sich aus der Menge und kam auf Mona zu. Seine Schritte waren schleppend, einmal schwappte etwas Bier aus seinem Becher und lief über seine Hand.

Markus.

Ab und an war sie mit ihm Klettern gegangen. Seit zwei Monaten hatten sie sich nicht mehr gesehen.

„Hi, Mona!“, begrüßte er sie. „Du siehst verdammt gut aus.“

Ohne den alkoholgeschwängerten Atem, der ihre Nase schachmatt setzte, hätte sie sich über das Kompliment gefreut.

So verzog sie das Gesicht. „Und du bist besoffen.“

Ein leicht dümmliches Grinsen aufsetzend, fuhr er sich mit der freien Hand durch sein vor Gel glänzendes Haar. Daran anschließend warf er einen Blick über die Schulter zu zwei anderen Jungs, die Mona und ihn grinsend beobachteten.

Geilen sich daran auf, wie der tolle Hecht sein auserkorenes Opfer schnappt!, dachte Mona. Eine heiße Welle schwappte ihr in die Wangen.

„Du trinkst ja auch was“, sagte er mit ordentlichem Zungenschlag und deutete auf ihren Caipirinha.

„Im Gegensatz zu dir lasse ich mich nicht volllaufen.“

„Jetzt komm schon. Sei mal ein bisschen locker.“ Er legte den Arm um sie und drückte sie eng an sich. „Diesen grünen Augen bin ich gleich bei unserem ersten Treffen verfallen. Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein, der …“

„… die Sterne vom Himmel geholt und sie in deine Augen gesetzt hat“, vollendete Mona den abgeschmackten Anmachspruch und wand sich frei. „Nein, er war kein Dieb – sondern ein Arschloch, der im Suff andere Frauen gevögelt und das Herz meiner Mutter gebrochen hat!“

„Was geht eigentlich mit dir ab?“ Hilfesuchend drehte sich Markus zu seinen Freunden um. Diese zuckten die Achseln und blickten Mona an, als wäre sie nicht ganz richtig im Kopf.

„Gesell dich wieder zu deinen Saufkumpanen und lass mich in Ruhe!“

Sie schob sich durch die Leute zu einer der Bars. Dort angekommen, drehte sie sich herum, um zu sehen, ob Markus ihr folgte.

Tat er nicht.

Besser für ihn. Der Saufaus brauchte nie wieder ankriechen und fragen, ob sie mit ihm klettern wolle.

Wahrscheinlich hätte er sie zu späterer Stunde aufgefordert, mit ihm und seinen Kumpels in seine Wohnung zu gehen, um den Abend „ausklingen“ zu lassen – nämlich sie abzufüllen und ihr an die Wäsche zu gehen. Mona dachte an ihre Mutter, die jetzt wahrscheinlich in ihrer kleinen Wohnung lag und sich in den Schlaf weinte.

„Ich hasse dich, Vater“, knurrte sie und leerte ihren Becher.

„Darf es noch einer sein?“, fragte eine Stimme hinter ihr.

Sie drehte sich herum, eine geharnischte Antwort auf den Lippen, weil sie das Bedürfnis verspürte, irgendjemanden anzufahren.

Das Lächeln des Barkeepers war so entwaffnend und ehrlich, dass sie es bleiben ließ. Zudem erstaunte sie das Alter des Mannes. Ein Kranz kurzer grauer Haare zog sich ähnlich einem Stirnreif um die kahle Insel auf seinem Kopf, und die Haut unter dem Kinn sackte leicht nach unten. Der war bestimmt an die Siebzig – und arbeitete als Barkeeper auf einer Studentenparty?

„Buh!“, machte er plötzlich und fletschte die Zähne.

Mona erschrak.

Seine wachen Augen, die in einem Netz kleiner Falten lagen, funkelten amüsiert.

Mona konnte nicht anders und musste grinsen.

„Verwunderte Blicke kann ich nachvollziehen – so geschockt allerdings hat noch niemand dreingeschaut. Sehe ich wirklich so schrecklich aus, junges Fräulein?“ Er hob eine leere Schnapsflasche vor sein Gesicht und starrte diese an. „Naja, ein Johannisfünkchen bin ich wirklich nicht mehr. Trotzdem – möchtest du noch einen Caipirinha?“

Mona lachte und nickte.

Gekonnt löffelte er den Zucker in einen frischen Becher, zerstampfte die Limetten und goss Pitu dazu. „Bitteschön.“

„Danke. Sieht lecker aus.“

„Ist er auch. Ich heiße Volker.“

„Mona.“

Sie gaben sich die Hand.

„Sechs Euro, oder?“, fragte sie und zückte ihren Geldbeutel.

„Geht auf mich.“

„Das … ist aber nett“, erwiderte sie und steckte ihn zögerlich zurück. War sie gerade vom Regen in die Traufe gestolpert? Folgte dem besoffenen Verehrer nun ein lüsterner Opa?

Volker lachte, ahnte wohl, was ihr gerade durch den Kopf blitzte. „Keine Sorge. Habe das mit dem Burschen gesehen und mir lediglich gedacht, du könntest einen Drink gebrauchen.“

Mona entspannte sich. „Ja.“

„Magst es nicht, wenn jemand besoffen ist?“

„Lange Geschichte“, wich sie aus und kostete von dem Cocktail. Dann nickte sie anerkennend. „Wow, echt super!“

Verschämt neigte Volker den Kopf. Die Barbeleuchtung sprühte ein helles Schimmern auf seine Halbglatze. „Dann kann ich es ja doch noch.“

„Wo hast du das gelernt?“

„Bin gleich wieder da“, sagte er und bediente ein Mädchen, das ein Bier wollte.

„In Köln“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Damals, als Student. Habe mir auf diese Art ein bisschen Geld dazuverdient.“

„Und dann?“

„Wurde ich Architekt. Vor drei Jahren ging ich in Rente. Leider starb kurz darauf meine Frau.“

„Das tut mir leid.“

Volker lächelte. Zu Monas Überraschung wirkte es weder aufgesetzt noch kummervoll. „Sie wartet auf mich. Bis dahin werde ich versuchen, die mir verbleibenden Jahre zu genießen.“

„Gute Einstellung.“

„Was bleibt mir auch sonst?“

„Wieso bist du nach München gegangen?“

„Ich habe keine Kinder“, sagte er – jetzt huschte doch ein Schatten über sein Gesicht – „und ein sehr guter Freund wohnt seit mehr als zwanzig Jahren hier. Deswegen habe ich mir gedacht: Mensch, Volker, warum machst du nicht einfach einen Neuanfang?“

„Das ist sehr mutig.“

„Eigentlich gar nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Heutzutage ist das selbst für alte Knochen wie mich kein Problem, vorausgesetzt, man ist nicht völlig eingestaubt. Ich verhökerte meine Wohnung in Köln, kaufte mir hier eine neue, engagierte ein Umzugsunternehmen, buchte einen Flug und wurde beim Einwohnermeldeamt München vorstellig.“ Er schnippte mit den Fingern. „Mehr war es nicht. Jetzt stehe ich hier, weil ein Barkeeper krank geworden ist und ich mich im Internet …“

Volker redete weiter.

Mona hörte ihn nicht mehr.

In ihrem Kopf knirschten und krachten die Zahnräder, sprühten Funken, rasten wie Kreissägen. Ein Druck baute sich hinter den Schläfen auf, als würde ihr Gehirn anschwellen.

Einwohnermeldeamt …

Volker war alt, hatte ein anderes Leben gehabt – und doch hatte ihn das Schicksal an einen anderen Ort getragen, wo er neue Wurzeln schlug.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, lautete ein Sprichwort. Was aber, wenn der Baum sich selbst verpflanzte?

„Ich bin so eine dumme Nuss!“, stöhnte Mona und drückte den kühlen Becher gegen ihre Stirn. Fortwährend hatte sie geglaubt, Harald Udin hätte das Leben bis zu seinem Feuertod in Nürnberg oder der näheren Umgebung verbracht. Hatte er – ungeachtet seines Alters – einen ähnlichen Weg wie Volker eingeschlagen? Vielleicht, weil er in seiner alten Heimat in Ungnade gefallen war – aus ganz ähnlichen Gründen wie später in Nürnberg?

„Geht es dir nicht gut?“

Mona setzte den Becher ab, sah Volkers besorgtes Gesicht.

„Nein, im Gegenteil, mir geht es bestens. Und ich danke dir!“

Volker machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung des Cocktails. „Na, jetzt werd´ aber nicht albern.“

„Nicht für den Cocktail – sondern für deine Geschichte.“

Verwirrung malte sich auf seine Züge.

Mona schenkte ihm ein letztes Lächeln, ehe sie sich auf die Suche nach Natalie machte, um sich zu verabschieden.

Den Cocktail trank sie nicht aus.

Schließen

Die Augen der Hexe

Die Welt Germaniens, eine gefährliche Liebe und dunkle Mächte
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3944713595
Verlag: Prometheus

3Klappentext:

Hoimar, ein junger Albino, lebt aufgrund seiner Andersartigkeit in ständiger Gefahr. Eines Tages wird er von der ebenso geheimnisvollen wie wunderschönen Svea gerettet, deren Zauber er hoffnungslos erliegt. Doch Zauber haben stets einen Preis. Inmitten des tobenden Kampfes zwischen Christentum und altem Götterglauben brechen Tod und Vernichtung über sein Leben herein, denn es sind Kräfte am Werk, die grauenvoller sind als die kälteklirrenden Nächte des Nordens …

Schließen
HLeseprobe:

Prolog

 

Das Jahr 741 n. Chr.

 

Die Schwingen ausgebreitet, glitt Flüsterwind durch die Winternacht. Aus gelben Augen beobachtete der Bartkauz das unter ihm dahinziehende Waldland, spähte nach huschenden Bewegungen am schneebedeckten Boden, hoffte auf Eichhörnchen oder Mäuse, die zwischen Erdkuhlen und den Stämmen der dicht stehenden Tannen, Kiefern und Fichten umherflitzten. Hier jedoch rührte sich nichts, außer den Nebelstreifen, die von der sanften Brise in immer neue Muster gepustet wurden. Leise glitt Flüsterwind hinab zu den Bäumen, auf deren Zweigspitzen sich zollhohe Schneehäubchen türmten, ließ sich auf einem Ast nieder, dass glitzernde Kristalle hinabrieselten, und faltete die Fittiche an den Körper.

Abermals dachte er an Nahrung.

Nein, die Suche, sie war wichtiger. Seinen Hunger stillen würde er erst, wenn es nicht anders ginge. Nur diese kurze Rast, dann würde er weiterfliegen. So hockte er in dem Baum, ein Schatten unter vielen, und rupfte sich mit dem Schnabel ein paar krumme Federn aus dem dichten Kleid.

Geräusche.

Das Brechen der harschigen Schneedecke, das Knacken kleiner Wechten, die unter Druck nachgaben. Atemzüge. Kurze Zeit später sah Flüsterwind einen Lichtpunkt, der sich zwischen den Stämmen bewegte, dabei leicht auf- und abwippte. Die Flamme warf flackernde Schatten durch den Wald. Es waren vier Gestalten, die sich durch den tiefen Schnee mühten. Sie schnauften und keuchten, ihre Schritte so laut, dass man sie weithin hörte: Flügellose. Wie alle ihrer Art bewegten sie sich plump und ungelenk, und da sie keine Federn besaßen, waren sie – wie alle ihrer Art – in irgendwelche Fetzen gehüllt, die sie anderen Tieren gestohlen hatten.

Was hatte sich die Natur nur bei ihrer Erschaffung gedacht? Der mit dem Feuer, das an einem langen Stock brannte, hielt inne, und seine Schultern sackten nach unten. Er stieß diese sonderbaren Laute aus, derer sich die Flügellosen bedienten; manche brummten wie Bären, andere krächzten wie Krähen, und manche fiepten wie die Erdmäuse, wenn Flüsterwind seine Krallen in sie schlug.

Lediglich eine Flügellose verstand der Bartkauz.

Und lediglich einer Flügellosen fühlte er sich verbunden.

Aber die war nicht hier, sondern weit weg.

Während Flüsterwind sich über die Flügellosen wunderte, blieben die anderen drei hinter dem Fackelträger stehen.

„Was hältst du an, Otker?“, murrte der hinterste, ein stämmiger Bursche, unter dessen zotteligem Umhang die Ringe eines Kettenhemdes glommen. Mit der rechten Hand, die in einem Fäustling steckte, hielt er die Leine eines Packesels, der mit der Schnauze im Schnee herumwühlte und einen Büschel Altfarn herausriss.

Der Angesprochene machte eine unwirsche Geste mit dem Fackelstiel, dass die Flammen zornig fauchten. „Ich habe doch gesagt, dass ich keinen Schritt mehr gehe. Keinen einzigen!“

Der mit dem Kettenhemd, Bertulf mit Namen, verschränkte die Arme vor der Brust. „Erst damit prahlen, dass du den Weg auch mit verbundenen Augen findest, und dann plötzlich rumjammern – das habe ich gern!“

„Mäßigt euch“, sagte da der hagerste von ihnen, der eine braune Kutte trug, genau wie sein Begleiter, unter dessen Robe sich allerdings ein stattlicher Spitzbauch wölbte. „Streit bringt uns nicht weiter.“

„Weise Worte, Bruder Emmeran“, schnaufte der Dicke und drückte ächzend das Kreuz durch. „Lasst uns hier rasten. Der neue Tag wird uns den Weg weisen, so der Herr dies möchte.“

„Das denke ich auch, Bruder Folmar“, sagte Emmeran.

Bertulf stampfte mit dem Fuß in den Schnee. „Morgen gehe ich vor, Otker! Sonst führst du uns noch in ein Sumpfloch oder über einen vereisten See, so dass wir einbrechen und elendiglich ersaufen!“

Otker steckte die Fackel Stiel voran in eine Schneewehe, entledigte sich mit erzürnten Rüttelbewegungen seines Fellranzens und warf ihn in die weiße, unberührte Puderschicht, dass es nur so stäubte. Dann stapfte er zum Packesel, der ihn mit mahlenden Kiefern anblickte, und zerrte eine Decke aus der Satteltasche. Beim Zurückgehen warf er Bertulf einen finsteren Blick zu.

Bertulf zog Rotz hoch und sandte einen Schleimpfriem auf die Reise, der gegen einen der Stämme klatschte.

„Denkt daran“, sagte Emmeran mit seiner knarrenden Stimme, die klang wie eine rostige Türangel, „was Jesus Christus erleiden musste, was er für uns alle auf sich nahm. Da ist eine Nacht im Freien nicht weiter schlimm.“

Bruder Folmar nickte pflichtschuldig, auch wenn sein rundliches Gesicht mit den vor Kälte geröteten Pausbacken verriet, dass ihm sein eigener Vorschlag mit jedem Atemzug weniger behagte.

Schweigsam bereitete die kleine Gruppe ein Lager in der kälteklirrenden Nacht vor, zwei wackelige Leinenzelte, Decken und Essgeschirr. Bertulf brachte mithilfe der Fackel rasch ein kleines Feuer zugange, und wenig später schlürften sie eine dünne, aber immerhin wärmende Brühe in ihre kalten, vor Hunger grimmenden Mägen. Nachdem sie die letzten Reste aus ihren hölzernen Schüsseln gekratzt hatten, saßen sie vor dem Feuer, streckten die Hände nach den Flammen aus.

„Nun wollen wir beten“, sagte Emmeran, faltete die Hände und neigte den Kopf. Folmar tat es ihm gleich, und auch die beiden Söldner senkten ihre Häupter.

„Gedankt sei dem Herrn“, brummelte Emmeran, „für dieses Mahl, das, obwohl karg, doch unsere Bäuche wärmte. Danken wir Kaiser Konstantin, der einst das leuchtende Zeichen des Herrn am Himmel erblickte und Seine Stimme vernahm. Danken wir unserem Bruder Bonifatius für seinen Mut und seine Glaubensstärke, und natürlich dafür, dass er uns das Vertrauen zumisst, diese heilige Mission in seinem Sinne zu erfüllen. Amen.“

„Amen“, kam es leicht versetzt von den anderen, sodass es wie das Echo eines Echos klang. Danach herrschte Schweigen. Jeder konzentrierte sich darauf, wie die Wärme von den Fingerkuppen aus den gesamten Körper durchströmte.

„Ich möchte Euch nicht vor den Kopf stoßen, Bruder Emmeran“, brummte Bertulf nach einiger Zeit, nahm die Hände zurück und steckte sie unter seinen Bärenfellumhang, „aber weshalb zieht Ihr diese Lausekälte den wärmenden Mauern der Mönchskloster vor?“

„Gottes Wort in die Welt zu tragen ist mein Auftrag, und keine Unbill wird mich davon abhalten.“

„Wieso überlasst Ihr das nicht den Jüngeren Eurer Gemeinschaft – wie Bruder Folmar zum Beispiel?“

„Die Jüngeren“, antwortete Emmeran, wobei er das Wort Jüngeren so aussprach, als hätte er es vorhin mit aus der Schüssel geschlabbert, „mögen kräftige Körper haben, doch mangelt es ihnen oft von Geistes wegen.“

Otker kicherte leise, blickte jedoch rasch zur Seite, als ihn Emmerans strafender Blick aus von Falten umkränzten Augen traf, und begann, mittels eines abgefallenen Asts Zeichen in den Schnee zu ziehen.

„Seht Ihr das genauso, Bruder Folmar?“, erkundigte sich Bertulf, seine Stimme arglos, obwohl es ihm eine diebische Freude bereitete, den Gottes-Gesellen ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Würde Bonifatius nicht ein erkleckliches Sümmchen römischer Münzen dafür kredenzen, dass er die Brüder beschützte, würde ihm bestimmt etwas Besseres einfallen, als sich in diesem vermaledeiten Wald den Arsch abzufrieren.

Der Prediger rutschte auf seinem dicken Hintern herum, als säße er nicht auf einer Decke, sondern urplötzlich auf einem harten Baumstubben, und leckte sich über die Lippen. „In der Tat ist es mit einem Mönch wie mit … mit … gutem Wein. Je länger er lagert, also je länger er halt nicht sofort getrunken wird, desto besser …“

„ … schmeckt er?“, grinste Bertulf.

Folmers Röte der Kälte auf seinen Backen bekam Gesellschaft von der Röte der Scham. „Nein, also, eigentlich ja. Was ich meine, ist, dass je länger er lagert, desto …“

Emmerans Gesicht knautschte sich zusammen wie zu weiches Stiefelleder. „Redet nicht so einen Unsinn“, kanzelte er Folmar ab. „Es verhält sich nun einmal so, dass der Geist reifen muss.“

Bertulf grinste noch breiter. „Wie Wein eben.“

Ohne darauf einzugehen fuhrt Emmeran fort: „Er reift durch Einkehr und Gebet, und er wächst am Vorbild der Taten weiser Mitbrüder. Prior Bonifatius ist ein solch erleuchteter Bruder. Früh erkannte er, wie wichtig es ist, den Heiden des Nordes die Augen für die Pracht des Herrn zu öffnen, damit sie ihren niederen Götzen entsagen. Dergestalt werden sie ihr Seelenheil sichern.“

Otker schleuderte den Ast in die Finsternis der Bäume, reckte die Hände gegen das Feuer und sah Emmeran von der Seite an. „Bislang waren die Barbaren eher zurückhaltend, würde ich sagen …“

Emmeran bedachte ihn mit einem finsteren Blick, und Otker zuckte unmerklich zusammen und schien sich plötzlich ganz fest darauf zu konzentrieren, den perfekten Abstand der Handflächen zu den Flammen zu finden.

Bertulf verzog das Gesicht. Ein Blick des hakennäsigen Priesters, und dem Kerl rutscht das Herz bis runter zum Arschloch. Will nicht wissen, wie der reagiert, sollten wir mal überfallen werden oder die Wilden sich mit etwas anderem als Worten gegen Emmerans Bekehrungsversuche wehren …

Der ältliche Priester atmete tief durch. „Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Aber es ist unsere Aufgabe und damit unsere göttliche Pflicht. Punktum.“ Dann bannte er Bertulf mit dem Blick seiner wässrig-grauen Augen, und Bertulf merkte, wie auch er zu schrumpfen schien. Verdammt noch eins, diese Priester waren aber auch ein unheimliches Volk!

„Ihr glaubt doch an Gott?“ Das Wässrige in Emmerans Augen gefror. „Oder etwa nicht, Bertulf?“

„Natürlich, natürlich. Da gibt´s keinen Zweifel.“

Am meisten glaubte er an ordentliche Bezahlung. Das jedoch würde er Emmeran bestimmt nicht auf die Nase binden.

„Dann ist es ja gut“, erwiderte Emmeran und erhob sich ächzend. „So habt Ihr bestimmt nichts dagegen, wenn Ihr das nächste Mal, wenn wir ein Dorf erreichen, den Wilden die Vorzüge des christlichen Glaubens anpreist, anstatt gelangweilt in der Gegend herumzustehen.“

„Eine gute Idee, Bruder Emmeran. Ich werde es mir merken.“

Der Mönch nickte knapp, dann ging er zu einem der Zelte. Die Plane in der Hand, drehte er sich herum. „Bruder Folmar. Da die Jüngeren ja – wie bereits erwähnt – vor lauter Jugend kaum wissen, wohin mit ihren Bärenkräften, habt Ihr sicher nichts dagegen, die heutige Nachtwache zu übernehmen?“

Folmar schluckte. „Die ganze?“

Ohne zu antworten bückte sich Emmeran in das Zelt und verschnürte die Plane von innen.

Bertulf und Otker, obwohl selten einer Meinung, grinsten sich über beide Ohren an und erhoben sich unisono.

„Nun denn, Bruder Folmar“, sagte Bertulf, sich Schnee vom Umhang klopfend, „eine ereignislose Nacht wünsche ich.“

„Danke …“, brummelte Folmar und guckte betröpfelt auf seine Stiefelspitzen.

Otker tippte sich mit dem Zeigefinger in überschwänglichem Gruß gegen die Stirnwulst seiner Fellmütze, sagte „Dem kann ich mich nur anschließen“ und folgte Bertulf ins Zelt.

Hoffentlich drehen sich die beiden Mietschwerter gegenseitig die Gurgeln um heute Nacht, hämmerten Folmars Gedanken kalt, und Emmeran soll an seiner eigenen Galle ersticken!

Er hockte sich auf die Decke, blickte in die Flammen und wünschte sich an einen anderen Ort. Jedoch, nicht einmal die Vorstellung von Sonne, von Blumen und im Wind treibenden Blüten auf einer herrlichen Waldlichtung vermochte die Kälte auf Abstand zu halten. Verdammter Norden! Verdammte Wälder! Verdammte Barbaren! Ein leidlich einträglicher Posten als Schreiber in einem Mönchsstift hätte ihm mehr als gereicht. Aber nein, da wählte Emmeran ausgerechnet ihn, Folmar, aus, um ihn auf dieser Bekehrungs-Irrfahrt zu begleiten. Gottes Wille hin oder her – es gab dutzende andere Priester, die sich die Finger danach abgeschleckt hätten, durch diese ach so heilige Mission in der Gunst Bonifatius´ zu steigen – und somit in der klösterlichen Hierarchie.

Da konnte man tausendmal runterbeten, wie sehr Christus am Kreuz gelitten hatte. Bruder Folmar konnte Leid nichts abgewinnen! Und ja, er litt: unter Kälte, unter Hunger, unter Emmeran und diesen beiden ungeschlachten Haudraufs, die hinter seinem Rücken Witze über ihn rissen. Mit einem Seufzen wuchtete er seinen Leib in die Höhe und ging zum Packesel, der ihn blöde anguckte. Ein Blick über die Schulter – alles ruhig, bis auf Bertulfs Geschnarche, das mühelos durch die Stoffbahn des Zeltes in die Nacht drang – öffnete er den Deckel des kleinen Fasses, das in einem Futteral am Tragegeschirr des Esels hing. Das Bier war eigentlich für den Rachen eines dieser verlausten Häuptlinge gedacht, auf dass das Wort Christi gut geschmiert in sein Innerstes rutsche und ihn dazu bewege, seine Gefolgsleute auf das Christentum einzustimmen.

Das Fehlen eines kleinen Schlucks würde niemand bemerken.

Folmar tauchte den Becher ins Fass.

Klack.

Verwundert stippte er den Finger hinein.

Eis.

Ein Seufzer aus tiefstem Herzensgrund. Stellst Du uns nicht schon genug auf die Probe, Herr? Reicht es denn nicht, dass wir Dein Wort in die letzten Winkel dieses Niemandslandes tragen? Musst Du da auch noch das Bier zu Eis verwandeln?

Dann wich der enttäuschte Ausdruck aus Folmars Gesicht, und ein breites Lächeln hob seine Bäckchen zu zwei feisten Knubbeln. Er ging auf die andere Seite und öffnete eine der Taschen, griff hinein und erfühlte das Bündel. Schnell hatte er es entschnürt. Mit spitzen Fingern nahm er einen Speckstreifen zwischen die Zähne, rollte das Päckchen wieder zusammen und verstaute es.

Sein Magen gluckerte vor Freude, während er eine Pfanne holte und den Speckstreifen hineinlegte. Die Pfanne in der rechten Hand, sodass er sich beim Hinsetzen nur mit der linken abstützen konnte, ließ er sich unbeholfen auf den Hintern plumpsen. Dabei geriet er ins Ungleichgewicht und rollte auf den Rücken, sodass er für einen Moment wie ein Käfer mit den Beinen ruderte. Unter viel Mühe gelang es ihm, sich aufzurichten.

„Nein!“, stieß er dann hervor: Der Speck lag im Schnee. Er klopfte und pustete den Streifen ab und platzierte ihn wieder in der Pfanne. Gerade wollte er sie über die Flammen halten, da schnitt ein lautes Heulen durch den Wald, schauerlich, unheimlich. Flugs legte er die Pfanne zur Seite und stand auf. Sein Herz pochte hart wider den Brustkorb.

Wölfe.

Erneut wand sich das Jaulen wie eine Anrufung des Mondes in den eisigen Himmel.

Die greifen keine Menschen an. Schon gar nicht eine ganze Gruppe. Nein, bestimmt nicht …

Trotzdem stierte er zwischen die Stämme jenseits des flackernden Lichtscheins des Lagerfeuers, suchte nach gelben Augenpaaren, die unverwandt zurückstarrten. Lauschte nach dem Tapsen von Pfoten im Schnee, meinte schon, das heisere, gierige Atmen der Wölfe zu hören, die sich bereit machten, den dicken Priester zu Boden zu werfen und ihm die Kehle rauszureißen. Stocksteif stand er da, sein eigener Atem so laut wie das Pfeifen eines Blasebalgs.

Nichts.

Kein weiterer Wolfsruf. Wahrscheinlich waren die Biester weit, weit weg. Der Wald und die Kälte narrten die Sinne, gaukelten vor, Entferntes wäre ganz nah.

Erleichtert ausatmend drehte er sich schließlich herum – und gewahrte einen schwarzen, monströsen Schatten, der lautlos heranschoss!

Mit einem Aufschrei taumelte er rückwärts, trat ins Feuer, dass die Funken stoben und eine wabernde Lohe nach oben stieg wie ein Feuerdämon. Unsanft landete er auf dem Rücken, sein Atem rauschte ihm aus den Lungen. In Todesangst glotzte er den Angreifer an.

Blinzelte.

Es war ein Kauz.

Der Vogel bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick – und schnappte sich den Speckstreifen aus der Pfanne!

„Du Ausgeburt!“, knurrte Folmar und raffte sich auf.

Zu spät. Ein paar grazile Flügelschläge, und der Kauz glitt über den Wipfeln davon.

In diesem Moment hörte er ein Brummen. Eine Plane wurde zurückgeschlagen, und Bertulf schaute heraus, ein Schwert in der Hand. „Was brüllst du denn rum, zum Teufel?“

„Äh“, machte Folmar und riss den Blick von der Stelle los, wo der Kauz mit der Nacht verschmolzen war. „Wölfe …“ Er schluckte und seufzte. „Habe gedacht, Wölfe schleichen ums Lager.“

Bertulf schüttelte den Kopf. „Blödsinn. Die haben Angst vor Feuer.“ Er ließ die Klinge sinken und schob sich rückwärts ins Zelt. Die Plane fiel zurück vor den Eingang. Bertulf sagte noch etwas, doch es war zu leise und gedämpft.

„Was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt, du brennst!“

Folmar erschrak und sah an sich herab. Kleine Flammen fraßen sich in den Saum seiner Kutte! Panisch klopfte er daran herum, verbrannte sich die Finger. „Verdammt!“ In Ermangelung einer anderen Möglichkeit warf er sich in den Schnee. Es zischte, und Rauch stieg auf.

Verzweifelt schloss er die Augen und blieb liegen; kein Bier; von einem Kauz beklaut; angesengte Robe; sich nun endgültig zum Trottel gemacht.

„Ich habe verstanden, Herr …“

 

*

 

Flüsterwind schwebte durch die Lüfte, hoch über den Wipfeln, und der Mond, weiß und rund, glühte wie junges Feuer. Der Bartkauz war zufrieden, das Fleisch des Flügellosen hatte den ärgsten Hunger gestillt, auch wenn es sonderbar geschmeckt hatte, als wäre das Tier längst tot gewesen. Seltsam, was die so alles fraßen. Wie konnte man altes Fleisch dem saftigen, bluttriefenden Schenkel einer Erdmaus vorziehen? Der Wind trieb ihn voran, er ritt auf seinen sanften, säuselnden Wellen über das Land, bis er auf einen großen Nesthaufen der Flügellosen stieß. Viele der länglichen Nester befanden sich innerhalb des Rings angespitzter Bäume, mit welchen die Flügellosen sie umkränzten. Die Luft über dem Nistplatz stank, und alles in Flüsterwind empörte dagegen auf, hier länger zu bleiben. Feuer bedeutete Gefahr. Aber er hatte gelernt, diese Angst zu überwinden. Aus zahlreichen viereckigen Öffnungen über den Dächern stieg Rauch auf.

Wachsam glitt er nach unten, drehte ein paar Kreise, um sicherzustellen, dass kein Räuber ihm auflauerte, und ließ sich auf dem schneebedeckten Giebel eines Daches nieder. Die Flügellosen mieden die Nacht, warum auch immer. Nur selten zeigten sich welche. Ihm blühte wohl – wieder einmal – eine Nacht des Wartens, bis der Morgen anbrach und die Flügellosen aus ihren Nestern krochen. Plötzlich jedoch vernahm er Geräusche. Es war das raue Krächzen ihrer merkwürdigen Sprache, das Flüsterwinds Ohren marterte wie der Rauch seine Nase. Trotzdem blieb er sitzen und spähte in die Richtung der Laute. Vier Flügellose kamen langsam näher. Sie gaben sich nicht einmal Mühe, leise zu sein, sondern krakeelten herum. Wie die so jemals Beute fingen, war Flüsterwind ein Rätsel. Eigentlich müssten sie verhungern. Diese Gruppe war noch unbeholfener als ihre Artgenossen. Ihr Nachteil, keine Flügel zu besitzen, verstärkte sich durch ihren komischen Gang. Bisweilen hielten sie sich sogar aneinander fest, um nicht in den Schnee zu fallen, torkelten und taumelten. Vielleicht waren es junge Schlüpflinge, die noch lernen mussten?

Plötzlich blieb einer stehen, reckte irgendetwas in die Höhe, ähnlich Flüsterwinds Trinkgefäß, das er benutzte, wenn er daheim war. Dann riss er den Mund auf, kippte die Hand. Wasser ergoss sich daraus. Vieles davon verfehlte seinen Rachen und lief über sein gestohlenes Fell. Ungeschickt, wirklich, sehr ungeschickt. War es überhaupt Wasser? Nein, es war dunkler, und der Wind trieb eine herbe Note an Flüsterwinds Nase.

Die anderen Schlüpflinge warfen nun auch die Köpfe in den Nacken, johlten furchtbar laut. Der Besudelte schleuderte das Gefäß fort. Einer fiel gar auf den Boden und rollte herum, was den anderen neuerliches Gekreische entlockte; der nächste sank vornüber, stützte sich auf die dicken Beine, als liefe auch er Gefahr, in Bälde am Boden herumzukollern.

Flüsterwind plusterte sich auf, trat von einem Bein auf das andere und rupfte eine Feder aus. Am liebsten wäre er weitergeflogen. Aber seine Aufgabe, die war wichtig. Und deshalb musste er ausharren. Zur Beruhigung neigte er den Kopf, öffnete den Schnabel und biss zaghaft in das Band aus dreifach gedrilltem Wurzelfaden, das um sein rechtes Bein verlief, und an dem ein kleiner, metallener Ring befestigt war, in den, hauchfein und kaum zu sehen, Gravuren ziseliert waren. Das Gefühl von Vertrautheit durchströmte Flüsterwind, von Ruhe und Geborgenheit.

Er hob den Kopf.

Die Flügellosen waren nun bei dem Nest angelangt, auf dem er hockte. Aufmerksam blickte er jeden von ihnen in die Augen. Enttäuscht plusterte er sich abermals auf. Ein Rumpeln ertönte unter ihm. Wieder sprachen die Flügellosen. Diesmal klangen sie anders, aggressiver. Jagten sie gerade? Mitten in einem Nest? Flüsterwind schlug mit den Flügeln und schwebte zum Dachfirst des Nachbargebäudes, sodass er mitbekam, was geschah. Neugierig wartete er.

Nun waren es fünf Flügellose, die das Nest verließen. Die Vier umringten einen einzelnen, zerrten und schubsten ihn vor sich her. Die Beute stürzte in den Schnee. Sie trug ein schäbiges, räudiges Fell, das viel von ihrer Haut unbedeckt ließ. Wie der Flügellose dalag, hingestreckt, ja wie hingegossen, konnte man meinen, Schnee und Haut bildeten eine Einheit, so weiß war sie. Auch sein Haupthaar war wie der Schnee. Einer der Jäger keilte aus, traf die Beute, die von der Wucht erbebte und sich krümmte. Japsende Laute entwichen seinen Lippen. Nun trat ein anderer zu, dann der dritte, der vierte, es ging reihum. Flüsterwind verstand die Jäger nicht. Wieso gruben sie ihre Zähne nicht in den Hals, statt das Fleisch zu malträtieren? Ein schneller Tod und ein nahrhaftes Mahl. Es wäre so einfach …

Ein hoher Laut schnitt in Flüsterwinds Ohr, ausgestoßen von einem Weibchen der Flügellosen. Schon war sie heran und sprengte den Ring der Jäger, pflanzte sich vor der Beute auf, die flügellosen Schwingen drohend erhoben. Sie fletschte die Zähne, wirbelte herum, als einer der Jäger sich näherte. Die brummten nun und fauchten und krächzten, weil ihre sicher geglaubte Beute in Gefahr war. Flüsterwind fühlte sich bestätigt: Hätten sie auf ihn gehört, den erfahrenen Jäger, hätten sie alle volle Mägen. Ein Biss in den Hals, die Beute wegschleifen an einen geschützten Ort …

Dass nun die Mutter ihr Junges verteidigte, geschah diesen Stümpern recht! Glucken, die ihren Nachwuchs beschützten, waren gefährlich und unberechenbar. Gegenseitig sahen sich die Jäger an, zornig und zugleich ratlos. Schlussendlich machten sie kehrt und traten den Rückzug an.

Die Glucke machte beruhigende Laute, beugte sich über ihr Junges und wischte mit einem Fellfetzen das Blut aus seinem Gesicht. Schließlich, auf wackeligen Beinen, erhob sich der Flügellose. Flüsterwind sah ihn genau an. Und der Flügellose, er sah ihn auch, als spüre er, dass man ihn beobachtete.

Flüsterwind fixierte seine Augen – und erschrak.

Sie waren rot, rot wie das Blut, das ihm aus der Nase über Mund und Kinn lief. Flüsterwind streckte vor Überraschung die Fittiche, sah noch einmal ganz genau hin. Kein Zweifel: Die Augen des Flügellosen waren rot. Mit aufgeregten Flügelschlägen schwang Flüsterwind sich in den Nachthimmel, weg vom Gestank der Flügellosen, schraubte sich höher und höher, getragen vom Wind sowie aufkeimender Freude. Endlich konnte er nach Hause.

Die Suche war zu Ende.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • Auch wenn vielleicht nicht alles ganz der damaligen Zeit entspricht, schlug dieser Roman mich in seinen Bann.
    Gerade soviel Zauberei um mystisch zu sein, gerade sowenig um glaubhaft zu bleiben zeichnet er ein brutales, realistisches Bild dunklerer Zeiten.
    Konnte ihn kaum zur Seite legen! (5/5 Sterne)

Schließen

Die Eherne Garde III - Die Ebenen der Ewigkeit

Das Finale um Avi, Lormak und Iridon
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3864023873
Verlag: Atlantis

3Klappentext:

Die Lage spitzt sich zu, denn die Dämonen sind nicht aufzuhalten. Der Konflikt droht, nicht nur die Menschen ins Verderben zu stürzen, sondern auch die Elfen und Zwerge und alle anderen Völker Yurs. Doch selbst vereint sind die Aussichten düster, denn Iridon Vulkola hat seine Rache sorgfältig geplant. Die ultimative Konfrontation steht bevor, deren Ausgang nicht allein über das Wohl oder Wehe eines ganzen Kontinents entscheiden wird, sondern sogar die Grundfesten der Götterwelt zum Einsturz bringen könnte.

Schließen
HLeseprobe:

Vor 20 Jahren …

 

Iridon erwachte zu prasselndem Regen. Benommen richtete er sich auf, fasste sich an den Kopf. Hinter den Schläfen klopfte es dumpf. Seine Robe war völlig vollgesogen, und ihm war kalt. Wie lange hatte er hier gelegen?

Dunkle Wolken klebten am Himmel wie zerlaufene Tinte und verdeckten den Mond, sodass nur fahles Sickerlicht die Umgebung erhellte. Mit einem Ächzen stand er auf. Drei Gebäuderückwände bildeten ein diesen Hinterhof umschließendes Hufeisen. Auf wackeligen Beinen peilte er die schmale Gasse an, die herausführte, vorbei an Kisten und Fässern, zerrissenen Jutesäcken und allerlei anderem Gerümpel, Holzlatten, alte Kleidung, kaputte Töpfe und verborgenes Eisenwerk. Etwas huschte fiepend vor seinen Stiefeln vorbei und verschwand unter den schiefen Latten eines Holzverschlags. In seinem Kopf fand er keinen Anhalt, was geschehen war, als hätte man mit einem Besen durchgefegt. Die Anstrengung, seinen Erinnerungen irgendetwas abzutrotzen, quittierte sein Schädel mit Wogen aus Schmerz, die ihm bis in den Nacken schwappten. Stöhnend hielt er sich am Pfosten eines Vordachs fest, zog die Hand jedoch rasch zurück, da er in etwas Schmieriges langte. Er wischte die Hand an der Hüfte sauber und torkelte weiter.

Wo war er, verdammt?

Die enge Gasse entließ ihn in eine breitere Straße. Erleichtert atmete er aus, als er über die Dächer hinweg die vom Mondlicht umflorte Silhouette des Königspalasts erkannte, weit entfernt zwar, doch nicht zu verwechseln, vor allem der wuchtigen Außentürme wegen, die viel eher zu einer Festung passten denn einer herrschaftlichen Residenz.

Er musste irgendwo im Armenviertel sein. Und das mitten in der Nacht.

Nicht gerade die beste Gegend, um allein und unbewaffnet durch Kelosan zu streifen. Im Moment bekäme er nicht mal einen Lichtzauber zustande, geschweige denn einen, der etwaige Tunichtgute davon abhielt, ihn auszurauben oder zusammenzuschlagen – oder gleich umzubringen, da er nicht mehr am Leib trug als seine Robe und sonstige Kleidung. Die einzelnen Stücke waren an sich kostbar; aber völlig durchnässt, wie er war, gab er wohl eine Erscheinung, die sich sehr gut ins zerlumpte und heruntergekommene Armenviertel fügte.

So schleppte er sich voran, die Furcht im Nacken, den falschen Leuten über den Weg zu laufen. Er konnte nicht einmal eilig voranschreiten, dazu fehlte ihm die Kraft, und die Kleidung zerrte nach unten wie ein voller Mehlsack. Was wäre das für ein unrühmliches Ende nach diesem Erfolg in den Ebenen der Ewigkeit! Totgeknüppelt von einem stinkenden, warzenübersäten Saufaus …

Plötzlich blieb er stehen.

Hatte er den Zauber überhaupt gewirkt? Verdammt, diese Kopfschmerzen! Alles war so diffus und vage, als blicke er durch Nebelschwaden auf seine Gedanken und Erinnerungen. Er spürte, sie waren da. Doch war alles so abgelaufen, wie er es sich ausgemalt hatte? War der erste und wichtigste Schritt seiner Rache vollzogen?

Sorge dich nicht, erklang plötzlich die sanfte Stimme einer Frau in seinem Kopf, und der Nebel lichtete sich einen Augenblick.

„Alnitara!“, sagte er. Vor Erleichterung kippte seine Stimme zu einem leisen Winseln über. „Ich hatte schon befürchtet, dass …“

Alles ist gut.

Obwohl ihre Stimme so wohltönend und beruhigend war, steigerte sich das Pochen in seinem Schädel. Er fasste sich an die Schläfen und stöhnte.

Du hast dich verausgabt, Iridon. Sowohl deine Kraft als auch deine Erinnerungen werden zurückkehren, sobald du dich ausgeruht hast. Kehre zurück zum Palast, frei von Sorge. Ich bin bei dir.

„Ja“, wimmerte er: Eine Spitze aus Kristall schien sich durch sein Gehirn zu schieben.

Ihm wurde schlecht. Einige Momente stand er einfach in der mit in den Boden eingelassenen Holzbohlen gepflasterten Straße, gelähmt von Schmerz.

„Zurück zum Palast“, murmelte er, „zurück zum Palast …“

Mehr torkelnd als gehend bewegte er sich weiter. Ab und an warf er einen Blick über die Dächer, wählte die Gassen und Straßen nach Gutdünken, einfach nach Westen, raus aus dem Armenviertel, hin zum Palast, stolperte über Unrat, würgte bei dem Gestank in manchen Ecken, den selbst der Dauerregen nicht wegwusch, fiel auf die Knie, riss sich die Hose auf, schlitterte über etwas Glitschiges, hörte ein paar Mal raue Stimmen und wählte eine andere Route, orientierte sich neu, strauchelte gegen ein Fass, das mit einem Krachen umkippte, lief schneller, rang aber so heftig nach Atem, dass er beinahe umkippte, alles war wie in einem schlechten Traum, als würde er schlafwandeln und nicht mehr wissen, wie er zurückfand …

Ein Tor, links und rechts eine rissige Mauer.

Endlich! Das Ende des Armenviertels.

Mit letzter Kraft schlug er die Faust gegen das Holz. Nichts geschah. Er drosch dagegen, so fest er konnte, bis ihm die Hand wehtat.

Plötzlich schnalzte die Holzleiste eines Sehschlitzes zur Seite, und zwei zornige, von buschigen Brauen gekrönte Augen blitzten ihm entgegen.

„Was zum …“, knurrte der Soldat.

„Öffnen!“, japste Iridon und zog sich die tropfende Kapuze vom Kopf. „Auf der Stelle!“

Die Augen weiteten sich. „Meister Vulodas?“

„Ja! Mach dieses vermaledeite Tor auf!“

Das metallische Rumpeln eines Riegels, und ein Torflügel schwang auf.

Erleichtert trat Iridon hindurch. In dem schmalen Durchgang war eine offene Tür, aus der flackerndes Licht auf den Weg fiel. Eine kleine Wachstube, aus der gerade der zweite Soldat trat und Iridon verdattert anblickte.

„Was ist geschehen?“, fragte der Mann.

Iridon öffnete den Mund, sagte jedoch nichts. Ja, was sollte er erzählen? Bislang hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, was er Gorn und dessen Vasallen auftischen sollte, wieso er völlig abgewrackt aus dem Armenviertel gestolpert kam.

„Wein …“, murmelte Iridon in Ermangelung einer anderen Eingebung. „Gebt mir Wein oder Met, ich brauche erst mal einen Schluck.“

Die beiden Soldaten tauschten einen kurzen Blick, der Iridon nicht entging.

„Wir sind auf Wache“, sagte der Mann mit den buschigen Brauen. „Da ist es untersa…“

„Redet keinen Unsinn!“, herrschte Iridon ihn an. „Jeder Idiot weiß, dass die Wachsoldaten immer eine Notration versteckt halten.“

Die beiden schienen wie versteinert.

„Es soll euer Schaden nicht sein. Nun gebt mir davon, oder ich überlege es mir anders!“

Der Soldat mit den buschigen Brauen nickte seinem Kumpanen zu, und dieser verschwand in der Wachstube, um wenig später mit einer Karaffe und einem Tonbecher herauszukommen. Er schenkte ein und reichte Iridon das Gefäß.

„Habt Dank“, murmelte er und setzte es an die Lippen. Seine Gedanken rasten, und der Schmerz, der raste ebenfalls. Das durfte ihn nicht einschränken. Nicht jetzt! Anstatt zu trinken biss er in die Wandung des Krugs, um das Klopfen in seinem Kopf auszuhalten. Es käme darauf an, wo Tynn Bradas, Xurodas, Urruk Darn und Lormak waren. Was hatten sie gemacht, während er ohnmächtig im Hinterhof gelegen hatte? War es überhaupt dieselbe Nacht? Oder waren die drei Krieger gestorben? Und Tynn Bradas auch, weil er sich verausgabt hatte, um sie zu retten?

Er lockerte die schmerzenden Kiefer und trank einen Schluck. Grässlich! Wie konnte man so ein Zeug saufen? Wie konnte man es überhaupt Wein nennen?

„Entführt“, sagte er schließlich, wischte sich über den Mund und blickte die Soldaten an, die ihn erwartungsvoll und etwas verständnislos ansahen.

Iridon lächelte in sich hinein. Er hatte eine Idee, und während er weitersprach, nahm sie Gestalt an. „Man … hat mich entführt. Es gibt Verräter am Königshof. Dieser Magier …“

„Tynn Bradas!“, sprang der mit den buschigen Brauen bei.

Irdion nickte. „Ja, richtig. Aber Tynn Bradas handelte nicht auf eigene Faust, sondern wurde unterstützt. Nun haltet euch fest! Urruk Darn, Xurodas und Lormak Trenkulja stecken ganz tief mit drin.“

Die Soldaten sahen sich entgeistert an.

„Seid Ihr sicher?“

„Denkt Ihr, ich würde bei diesem Wetter freiwillig eine Nacht im Armenviertel verbringen?“

Ratlose Blicke.

„Ich bin der Bande auf die Schliche gekommen“, spann Iridon sein Lügennetz weiter. Zufrieden stellte er fest, dass die Männer sich langsam, aber sicher darin verfingen. „Das konnten sie natürlich nicht zulassen. Mich im Palast verschwinden zu lassen, wäre schwierig gewesen. Zu viele Augen und Ohren. Also überwältigten sie mich und brachten mich im Schutz der Nacht ins Armenviertel. Aber ich konnte entkommen, mit etwas Geschick und noch viel mehr Glück.“ Ernst sah er die Wachmänner an. „Rasch! Wir müssen zum Palast. Die Königsfamilie schwebt in großer Gefahr. Die Verschwörer wollen sie allesamt umbringen, vor allem das Ungeborene! Sie wollen die Herrscherlinie auslöschen, um selbst an die Macht zu gelangen!“

Zögerlich erwachten die beiden Männer aus ihrer Starre, blickten aber immer noch drein, als hätte ein jeder vier Karaffen dieses üblen Gesöffs intus.

„Auf was wartet ihr? Los!“

Die Männer setzten sich in Bewegung, Iridon an der Spitze. Die Schmerzen waren unerträglich, trotzdem zwang er sich, zu laufen, nicht zu gehen. So schwer es ihm fiel – am liebsten wäre er an Ort und Stelle niedergesunken und hätte einen Tag geschlafen –, er musste das Netz zu Ende weben, sonst würde es zerreißen.

Dieser letzte Akt noch, pulsten seine Gedanken, dann ist es getan!

„Hoffentlich kommen wir nicht zu spät!“, schnaufte der andere Soldat.

„Das hoffe ich auch“, keuchte Iridon.

„Wie viele Verschwörer sind es?“

„Ich weiß nur von den Vieren.“

„Der König und samt Familie wird streng bewacht. Sie müssen schon viele Handlanger haben.“

Am liebsten hätte Iridon diesem naseweisen Volltrottel die Gurgel umgedreht, aber es strengte ihn schon genug an, einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Nein, müssen sie nicht“, knurrte er. „Sie versuchen es mit dunkler Magie!“

„Das ist heimtückisch!“

„Ja – und jetzt halt den Mund und spar dir deinen Atem fürs Laufen!“

Wie sich herausstellte, hatten die beiden noch genug Luft, nicht aber Iridon, sodass sie ihn das letzte Stück des Weges, als es den gewundenen Pfad zum Palast hinaufging, stützen mussten.

Am Haupttor angelangt, wiederholte Iridon keuchend sein Schauermärlein. Er war der Berater des Königs, sein Wort hatte Gewicht. Zudem erweckte er, wie er fand, sehr glaubwürdig den Eindruck eines Entführten, der mit knapper Not entkommen war. Und er fühlte sich auch so. Die Enthüllung war wie ein Stockschlag auf einen Bienenstock. Binnen Kurzem läuteten die Glocken, und Dutzende Soldaten eilten herbei, viele nur in Beinkleidern und damit beschäftigt, ihre Schwertgehänge anzulegen und Hemdzipfel in die Hosenbünde zu stopfen. Der wachhabende Offizier brachte rasch Ordnung ins Chaos und bellte ein paar Befehle. Die Männer schwärmten aus.

„Ein Dutzend soll mit mir kommen“, sagte Iridon, der sich ein bisschen erholt hatte. „Ich weiß, wo die Verschwörer stecken könnten.“

Der Offizier nickte und stellte die Männer ab. Iridon betrat den Palast, in dem es nur so wuselte, Soldaten wie Bedienstete liefen hin und her, und begab sich, gefolgt von den Soldaten, zur Privatbibliothek des Königs. Dabei verfluchte er jede einzelne Stufe, die nach oben führte, und bald war es ihm, als wüte eine Feuersbrunst in seinen Lungen. Japsend und pfeifend kämpfte er sich nach oben.

Endlich erreichten sie die Bibliothek. Die Tür stand einen Spaltbreit offen, es war dunkel. Die Männer zückten ihre Klingen, rissen die Tür auf, stürmten nach vorne, die beiden Fackelträger hintendrein. Hecktisch schwenkten sie Klingen und Fackeln. Der Raum war leer. Lediglich die Symbole, die bei Iridons Zauber ergleißt waren und sich in die Dielen des Bretterbodens gesengt hatten, zeugten davon, dass hier etwas Magisches geschehen war.

Erleichterung spülte durch Iridon und drängte die Erschöpfung für einen Moment zurück.

Mit gespieltem Zorn knurrte er: „Die Vögel sind ausgeflogen! Verdammt!“ Die Augenbrauen zusammengeschoben, den Unterkiefer vorgereckt, schweifte sein Blick durch den Raum. „Wo könnten diese Verräter nur stecken?“ Er strich mit dem Daumen an der Unterlippe entlang, dann wies er die Männer an, zu jenem Raum zu gehen, in dem er selbst den unbrauchbaren Magiekreis erstellt hatte, um Tynn Bradas und die anderen hereinzulegen. Dieser wäre natürlich auch leer, aber die Männer wären umso mehr überzeugt, dass diese magische Verschwörung tatsächlich existierte – und nicht nur ein Hirngespinst war.

„Los!“, winkte er sie durch die Tür, „nun lauft schon. Ich bin zu geschwächt, halte euch nur auf.“

„Seid Ihr sicher, dass Ihr allein zurecht kommt?“, fragte einer der Soldaten, ein junger Bursche mit sommersprossenbesprenkelter Nase.

„Jaja“, erwiderte Iridon. „Unsere Sorge muss der Königsfamilie gelten. Kümmert euch nicht um mich. Mir geht es gut.“

Der Jungspund nickte und hastete seinen Kameraden hinterher.

Iridon wartete, bis ihre Schritte verklungen waren, und lächelte. So geschwächt sein Körper war, sein Geist schlug Purzelbäume der Freude. Wie es aussah, war Tynn Bradas über alle Berge. Sollte er sich nicht mehr im Palast aufhalten, käme das einem Eingeständnis seiner Schuld gleich, und seine, Iridons, Unterstellung wäre über jeden Zweifel erhaben.

Nur eines galt es noch sicherzustellen. So schnell es ihm möglich war, machte er sich auf den Weg zu seinem Gemach. Sogar den Schlüssel dafür hatte er noch in seiner Robe. Vorsichtig und leise schloss er auf, öffnete die Tür und ließ den Knauf erst wieder los, nachdem der Haken geräuschlos hinter den Riegel gerutscht war. Offensichtlich war niemand hier gewesen. Der Schutzzauber war intakt, der Schreibtisch so, wie er ihn verlassen hatte. Eilends sammelte er alle verbliebenen Dokumente zusammen, die den Verdacht auf ihn lenken könnten. Dann öffnete er das Fenster, holte seine Waschschüssel und legte die Pergamente hinein. Es bedurfte einer ungeheuren Anstrengung, diesen lächerlichen Feuerzauber zu wirken. Zweimal misslang er ihm, ehe beim dritten Versuch ein Funke entstand, der eines der Blätter traf. Es begann zu schwelen. Bald züngelten Flammen, und im Nu brannte der ganze Stoß.

Iridon hielt die Schüssel am ausgestreckten Arm aus dem Fenster und wartete, bis das Feuer erstarb. Das meiste war zu Asche verbrannt, nur ein paar Fetzen geschwärzten Pergaments hatte es nicht erwischt. Aber das war zu wenig, um ihn zu diskreditieren, falls man diese Überreste fände. Und überhaupt gab es außer Tynn Bradas eh niemanden, der etwas damit anfangen konnte. Zufrieden drehte er die Schüssel um und sah der Asche und den Pergamentresten dabei zu, wie der Wind sie hinaus in die finstere Nacht trieb.

Er ließ das Fenster offen, damit der Brandgeruch bald verschwände, und verließ seine Kammer in Richtung Königsgemächer.

Alle Spuren waren beseitigt.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • Die Charaktere sind perfekt, so wie sie sind, ich habe richtig gerne von ihnen gelesen, man entwickelt so seine Lieblinge. Für mich war dieser unter anderem der gute Krax. Er und auch alle andern Charaktere sind einfach besonders und haben mich voll und ganz überzeugt. Es war ein schönes Abenteuer mit ihnen.

    Das Buch wollte ich gar nicht mehr zur Seite legen, einmal mit dem Lesen angefangen konnte und wollte ich auch gar nicht mehr aus der Handlegen. Es hatte eine Sog-Wirkung auf mich. Bin vollkommen in die Welt eingetaucht und habe jede Sekunde darin genossen. Spannung war genial. Ein perfekter Abschluss.

    Ich liebe diese Bücherreihe!
    Werft unbedingt einen Blick darauf. (5/5 Sterne)

  • Diese Trilogie ist einfach spitze. Alle Bände sind gleich gut. Es gibt keine Längen oder Ahnliches. Wer gerne mal etwas düstere Fantasy liest, ist hier genau richtig. Und wer erst einmal den ersten Band gelesen hat, ist auch ganz schnell bei dem letzten angekommen. Einmal angefangen zu lesen, kann man nicht mehr aufhören. Alle, die bereits die ersten beiden Bände gelesen haben, kommen um diesen Band nicht herum. Und allen anderen kann ich diese Trilogie wärmsten empfehlen. (5/5 Sterne)
Schließen

Die Eherne Garde II - Die Fährte des Einhorns

Blut, dämonische Wesenheiten - und wenig Hoffnung
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3864024627
Verlag: Atlantis

3Klappentext:

Gejagt von Dämonen, ziehen die Gefährten immer weiter gen Süden und treffen auf Xurodas, einen Gezeichneten wie Lormak. Diese neue Konstellation stellt die Gruppe auf die Zerreißprobe, denn die Dämonen holen auf und alle Versuche, den Feind aufzuhalten, schlagen fehl. Aus reiner Verzweiflung fällt somit der Entschluss, alle Hoffnungen in die Vision der Priesterin Lantyria zu setzen, eine Vision, die neue Gefahren heraufbeschwört.

Schließen
HLeseprobe:

...

Unzählige Menschen bevölkerten den Platz, unzählige Stimmen sprachen durcheinander, ein Brummen wie das eines angriffslustigen Insekts. Jenseits des Meers aus Köpfen befand sich ein breites Podest, darauf zwei dicke, doppelt mannshohe Holzpfosten, die einen Querbalken stützten. Fünf Stricke hingen daran herab. Gerade schaffte man die Verurteilten über eine von Wachen abgeriegelte Treppe herauf.

Zwei Frauen und drei Männer, einer davon hochgewachsen und breitschultrig, ein Hals wie ein Baumstamm. Dieser war es auch, der sich nach Kräften wehrte, obwohl er an Füßen und Händen gefesselt war. Drei Soldaten waren vonnöten, um ihn die Stufen hinaufzustoßen. Plötzlich wirbelte er herum und verpasste einen von ihnen eine Kopfnuss. Obwohl das Opfer einen Helm trug, stürzte es rückwärts herunter. Das Poltern übertönte sogar das Gelärm der Menschen, die entzückt aufjohlten, da ihnen ein erquickendes Schauspiel geboten wurde.

Verursacht durch den Helm, rann Blut aus einem Schnitt auf der Stirn über das kantige Gesicht des Hünen. Kurzgeschnittenes blondes Haar, funkelnde Augen, deren zwiefachen Sog Lormak bis hierher spürte.

„Xurodas!“, presste er hervor und lenkte sein Pferd auf die Menschenmenge zu.

In diesem Moment tauchte ein Soldat hinter Xurodas auf und drosch ihm einen Holzstab in die Kniekehlen. Er sackte zusammen, und die Wachen zerrten ihn mit hochroten Köpfen die Stufen hinauf.

Einige Schmährufe wurden laut, ehe sich Stille auf den Platz senkte, da ein Mann in Predigerrobe das Podest betrat.

Lormak drückte die Spitze des Dolches fester gegen die Wirbelsäule seines Gefangenen, beugte sich nach vorne und raunte ihm ins Ohr: „Wir reiten zum Galgen. Dort wirst du deinen Mitbruder davon abhalten, die Hinrichtung fortzuführen.“

Der Prediger, der verzweifelt das Kreuz durchdrückte, um der Spitze zu entgehen, erwiderte nichts.

Lormak ließ nicht locker, und der Prediger keuchte leise, weil der Dolch in sein Fleisch drückte. „Hast du verstanden?“

„Damit wirst du nicht durchkommen!“

„Das lass meine Sorge sein.“

Lormak erreichte die hinterste Reihe der Schaulustigen. Die Leute empörten sich, weil das Pferd sie zur Seite drückte, verstummten jedoch, als sie den Prediger sahen, und neigten verlegen ihre Häupter. Avi und Krax folgten dichtauf, ihre Gesichter wie in Stein gegraben vor Anspannung und Angst.

Die Menschen standen so dicht gedrängt, dass es langsamer voranging als erhofft. Die Verurteilten standen bereits neben den Schemeln, über denen die Schlingen auf zerbrechliche Halswirbel warteten, währenddessen der Prediger die Schaulustigen auf die Richtigkeit dieser Hinrichtung einschwor, was ihm tosenden Beifall einbrachte. Erst jetzt erspähte Lormak rechts neben dem Galgenpodest zwei heruntergebrannte, aber noch schwelende Scheiterhaufen, die schwarze Rauchlocken in den Himmel entließen. An den baumdicken Pfählen klebten zusammengeschmorte, schwarzgebrannte Leichname. Lormak reckte den Kopf und erhaschte einen Blick auf einen mit Leichen beladenen Karren, der zwischen Galgen und Scheiterhaufen stand. Da es sowohl Material als auch Zeit sparte, war man von Verbrennen auf Genickbruch übergegangen. Offensichtlich waren die Henker in Verzug.

Erneut brandete Beifall auf: Die Opfer waren auf den Schemeln, und der Henker, ein fleischiger Mann in ärmelloser, nachtschwarzer Weste und einer Gugelhaube auf dem Kopf, legte ihnen die Stricke um den Hals. Wohingegen sich die anderen mit ihrem Schicksal offensichtlich abfanden oder einfach resignierten – sie standen ruhig und mit gesenkten Häuptern auf den Schemeln – stieß Xurodas Flüche aus und spuckte dem Henker ins Gesicht. Das ließ diesen ungerührt, und während die Soldaten Xurodas festhielten, legte er ihm den Strick um.

Plötzlich erstarrte Xurodas und hob den Kopf. Blickte genau in Lormaks Richtung.

Erkennt er mich wieder?, fragte er sich. Eigentlich war das unmöglich, schließlich saß er hinter dem Prediger und war für Xurodas kaum zu sehen.

Natürlich! Es ist Avi. Das Dämonische in ihm spürt ihre Präsenz!

Lormak trieb sein Pferd schneller voran. Es wollte ausbrechen, die Menschen machten es nervös, die vielen Berührungen, doch mit eisernem Schenkeldruck hielt er aus auf Kurs. Die Hälfte des Weges hatte er zurückgelegt.

„Prediger, nun kommt dein Auftritt!“, zischte er.

„Was soll ich denn machen?“

„Schreien, du Idiot! Lass dir was einfallen.“

„Aber …“

Lormak schnitt ihm in den Rücken. Entsetzt schrie der Prediger auf, dann räusperte er sich und rief: „Jaro! Halt ein!“ Er wiederholte es, bis der Prediger auf dem Podest seinen Redeschwall abreißen ließ und zu ihm blickte.

„Wir … ähm … machen einen Fehler! Einen großen Fehler sogar!“

Das Gesicht des ältlichen Predigers knautschte sich verwirrt zusammen wie überstrapaziertes Stiefelleder. Fragend hob er die Arme, und die Augen der Menge schwenkten verdutzt zwischen den beiden Männern hin und her.

Nur noch ein paar Meter bis zum Podest …

Der Henker signalisierte, dass er bereit war, die Schemel wegzutreten.

Lormak leerte seinen Geist, wie er es immer tat kurz vor einem Kampf. Das Wichtigste war – wie immer – das Überraschungsmoment. Doch selbst damit würde es mehr als schwierig, Xurodas rauszukeilen.

Und die Sache anschließend zu überleben.

Dennoch, eine andere Wahl blieb ihm nicht. Xurodas könnte ihm vielleicht helfen, den Traumfragmenten einen Sinn zu verleihen. Dass diese Fanatiker ihm die Suppe verhagelten, durfte er nicht zulassen. Eher würde er jeden dieser scheinheiligen Blender in Stücke hacken.

Eine seltsame Ruhe bemächtigte sich seiner, und in Gedanken spielte er durch, was er tun würde, sobald er nah genug heran war.

Ein Gefühl jedoch blieb, hatte sich eingenistet in seinem Kopf, das hässlich lachende Geschwisterkind seines dämonischen Daseins: Hass.

Kein Tag verging, an dem er nicht an jenen Abend dachte, als er Avi beinahe vergewaltigt hätte.

Avis Flehen, ihr entsetztes Keuchen, als er ihr die Kleidung vom Leib riss.

Tief in ihm, in seinem menschlichen Kern, schlummerte genau dieses Begehren: mit Avi zu schlafen – und der Dämon hatte es ausgenutzt. Niemals würde er Avi mehr anfassen können. Nicht dass es im Moment wichtig wäre, aber allein die Möglichkeit, dass der langsamen Entwicklung, die hinter ihnen lag – von feindseliger Ablehnung über zurückhaltende Akzeptanz hin zu Freundschaft und einem vagen Gefühl auf mehr –, ein womöglich glücklicher, hoffnungsvoller Abschluss folgte, hatte ihm gut getan.

Diese Hoffnung war dahin.

Lormak kannte die Schwäche, den kleinen Spalt, in den der Dämon gestoßen war: Eifersucht.

Der Kuss zwischen Halron und Avi hatte dem Dämon die Waffen zum Angriff geliefert. So etwas durfte er nicht mehr zulassen. Halron war ein guter Mann. Sie hatte jemanden verdient, der es ehrlich mit ihr meinte, der nicht Gefahr lief, eine Geißel innerer Dunkelheit zu werden.

Ein Schrei riss Lormak aus den Gedanken.

„Ein Dolch! Der hat einen Dolch!“

Verwirrt schaute er nach links.

Mit hektischen Bewegungen deutete ein junger Mann auf ihn.

Du Narr! Lässt deinem Geist in dieser Situation die Zügel schießen!

Lormak gab seinem Pferd die Sporen. Es stieg, schreiend sprangen die Leute zur Seite und rissen andere mit sich. Durch die entstandene Bresche trieb er sein Pferd voran, bis er den Ring aus Soldaten erreichte. Ohne innezuhalten preschte er hindurch.

Der Prediger schrie auf, fuchtelte mit den Armen, versperrte Lormak dadurch die Sicht. Kurzerhand zog er dem Trottel den Knauf seines Dolchs über den Schädel und warf ihn aus dem Sattel.

Lautes Geschrei brandete auf.

Lormak lenkte sein Ross zur Treppe.

Bevor die beiden Wachen, die sie blockierten, ihre Speere nach oben reißen konnten, löste Lormak die Füße aus den Steigbügeln und trat ihnen gegen die Köpfe. Lautlos kippten sie nach links und rechts weg.

„Heja!“, rief Lormak, riss sein Schwert aus der Scheide und klatschte die flache Seite auf die Flanke seines Pferdes. Wiehernd machte es einen Satz. Die Hufe krachten auf die Stufen, demolierten sie, doch zum Glück fand es genug Tritt, um sich auf das Podest zu katapultieren.

Sofort sprang er aus dem Sattel.

Zwei der Soldaten, die Xurodas festhielten, zückten ihre Schwerter und eilten auf Lormak zu.

Er musste sie schnell erledigen, weitere Wachen stürmten bereits die lädierte Treppe hinauf. Im Nu wäre er eingekeilt, und dann könnte er sowohl Xurodas´ Befreiung als auch sein eigenes Überleben vergessen!

Entschlossen stellte er sich den Soldaten. Nur sie waren zwischen ihm und Xurodas. In diesem Moment gab Jaro, der alte Prediger, dem Henker ein Zeichen. Dieser nickte – und trat den ersten Schemel weg. Eine der Frauen sackte nach unten. Es knackte vernehmbar. Ihre Füßen zappelten, dann hing sie still, schwenkte nur leicht vor und zurück.

Plötzlich sengte sich das Bild von Avi in Lormaks Geist. Sie lag unter ihm, schreiend, weinend, schlug auf ihn ein und schluchzte: „Das bist nicht du …“

Er fasste sich an den Kopf, taumelte zurück. Dem ersten Schwerhieb entging er mit knapper Not, der zweite erwischte ihn an der Schulter.

Er versuchte sich zu konzentrieren. Avi war zu stark.

„Das bist nicht du …“

„Doch!“, schrie er, „ich bin es! Hör auf, das Gute in mir zu sehen. Die Dunkelheit ist stärker als mein Licht! Und ich brauche sie jetzt, hörst du?“ Leiser sagte er: „Ich brauche den Rhythmus der dunklen Schwingen. Er muss mein Schwert führen …“

Bereitwillig stieg die Bestie aus den Niederungen seiner Seele. Ein Brüllen und Toben füllte seine Ohren; sein Blick schärfte sich; seine Muskeln lechzten nach vernichtenden Schwertschwüngen.

Der Lärm zornigen Stahls umfing ihn. Ein berauschendes, willkommenes Lied. Er schwamm darin, suhlte sich darin, saugte es in sich auf. Die Klinge lag schwer in seiner Hand; Kraft floss aus dem kalten Eisen in sein Fleisch, von seinem heißen Fleisch in das kalte Eisen, erstarkte, schwoll an und wuchs in Wellen mit dem Takt seines ein- und ausströmenden Atems.

Jemand kreischte.

Einer der Soldaten.

Seine bleichen Hände umklammerten ein halb abgetrenntes Bein. Blut spülte auf die dunklen Holzplanken, die Essenz des Hasses und der Wut. Dann das nächste Blutopfer, nach dem es den Stahl dürstete: Eine Parade, ein rascher, mörderischer Schwung. Eine Hand samt Unterarm wirbelte durch die Luft. Geweitete Augen, ein offener Mund, in der die Spitze seines Schwertes versank und weiteres Blut herausschöpfte, ein Schwall nach dem anderen. Es spritzte auf den Stahl auf, seinen Handschuh, benetzte seinen Unterarm, warm und wohltuend.

Der Soldat brach zusammen, gab den Blick frei auf das, was hinter ihm geschah. Der Henker trat Xurodas´ Schemel fort. Sein schwerer Körper sackte nach unten. Das Bild durchstieß den Wutnebel in Lormaks Kopf.

„Nein …“, hauchte er in Erwartung des trockenen Knackens von Nackenwirbeln.

Xurodas´ Körper kam zum Stillstand.

Kein Krachen.

Xurodas strampelte wild mit den Beinen, seine Zunge ragte verzweifelt aus dem offenen Mund.

Der Henker befreite eine geschwungene, im Sonnenlicht aufleuchtende Klinge aus seinem Gürtel.

Lormak stürmte los.

Zu spät. Er würde es nicht schaffen.

Niemals, aber auch wirklich niemals, wirft ein Krieger seine Klinge, summte es durch seinen Kopf, ein Satz irgendwo aus den Tiefen … seiner Erinnerung?

Trotzdem tat er es.

Wie an der Schnur gezogen pfiff das schwere Schwert durch die Luft – und versank im Oberkörper des Henkers. Er taumelte ein paar Schritte zurück. Sein Kopf senkte sich, er blickte auf den Stahl in seiner Brust, zu Lormak. Aus dem Loch der Gugelhaube, wo der Mund lag, perlte Blut über den Stoff. Ein leises Stöhnen, und er fiel nach hinten. Lormak sprintete zu ihm, riss die Klinge heraus und schlug aus der Drehung Xurodas´ Strick durch.

Dieser krachte schwer auf den Boden, dass das Podest wackelte, weitete mit hektisch schrappenden Fingern das Seil und sog röchelnd Luft in die Lungen.

„Auf die Beine mit dir!“, zischte Lormak und wappnete sich für den Angriff der heranstürmenden Wachen. Ein Dutzend waren es. Zu viele.

Plötzlich stolperte der erste. Ein Pfeil ragte aus seinem Oberschenkel. Er stürzte schwer. Der nachfolgende Soldat geriet ins Straucheln.

Lormak sprang nach vorne, schickte ein dankbares Nicken in Avis Richtung, die schon den nächsten Pfeil auflegte, unbehelligt von den Menschen, die ein gutes Stück vom Galgen zurückgewichen waren.

Dem Gestürzten trat Lormak ins Gesicht, dem anderen, der sich gerade aufraffte, durchtrennte er die Kehle. Gurgelnd fiel der Mann auf den Rücken. Vergeblich versuchten seine Hände, das herausschießende Blut aufzuhalten. Das war es, was er hören wollte: die Laute weichenden Lebens, das war es, was er sehen wollte, Ströme von Blut, Flüsse von Blut, welche das Leben davontrugen in die ewige Schwärze.

Ein Pfeil versank in der Armbeuge eines Soldaten, der gerade mit dem Schwert ausholte. Ein gellender Schrei, und er ging auf die Knie. Lormak trat ihm gegen die Brust und rammte einen anderen mit der Schulter. Immer weiter pflügte er vorwärts, mähte alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte, Schnitt für Schnitt, Stoß für Stoß, und die Ernte, sie war reichlich. Das Gemälde seines Schaffens strahlte in tiefem Rot. Er war zufrieden, für heute. Ein Kunstwerk des Todes, ein Teppich aus durchschnittenen Lebensfäden. Die restlichen Soldaten flohen.

Alles in ihm brüllte auf, ihnen nachzusetzen und einen nach dem anderen zu erschlagen.

Er war zufrieden, für heute …

So blieb er stehen, sah auf die Klinge, auf der Blutfäden ein mehrfach durchkreuztes, wunderbares Muster schufen, und kehrte zurück zu Xurodas, der auf dem Boden hockte und sich den Hals rieb, auf dem der Abdruck des Seils in blutigen Striemen prangte. Er hustete heiser, stand auf und ergriff eines der fallengelassenen Schwerter. Prüfend wog er es in der Hand, nickte und sah Lormak an. „Du also.“

„Gut, du erinnerst dich. Daran kannst du dich gewöhnen.“

Xurodas´ Stirn legte sich in Falten. Lormak ging nicht weiter darauf ein.

„Wer ist diese Frau?“ Xurodas deutete auf Avi.

„Später. Komm jetzt.“

Nachdem er auf den Leichnam des Henkers gespuckt hatte, sprang Xurodas vom Podest. Lormak tat es ihm gleich.

Der ältliche Prediger kniete neben seinem besinnungslosen Bruder, dem Lormak den Scheitel nachgezogen hatte.

„Niros? So wach auf! Wir müssen hier verschwinden.“

„Zu spät“, knurrte Xurodas und verpasste ihm einen Tritt in die Rippen. Es knackte. Japsend fiel der Alte auf den Rücken. Seine Augen weiteten sich, als Xurodas sich über ihm aufpflanzte und das Schwert hob. Bedrohlich hing die Spitze über der schmalen Brust.

„Bitte nicht!“

„Deinem Henkersknecht gabst du den Befehl, die Gefangenen zu töten. Nun gebe ich meiner Hand den Befehl, dich zu töten.“ Xurodas riss das Schwert nach oben.

Flehend streckte der Alte den Arm. „Wartet!“

„Auf was denn, du faltiger Sack?“ Xurodas presste die Kiefer zusammen, die Muskeln auf den Wangen traten hervor.

„Ihr lebt“, haspelte der Priester. „Seid froh darüber und lasst mir ebenso mein Leben.“

Xurodas zögerte.

„Nun mach endlich!“, knurrte Lormak: Das Gemälde war fertig. Aber was schadete es, den ersten Pinselstrich für ein neues zu ziehen?

„Nein! Ich …“, hub der Alte an.

Der Rest des Satzes ging in einem spitzen Schrei unter, knirschend drang der Stahl in seine Brust. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch, einmal, zweimal, bevor die Augen brachen und der Körper erschlaffte.

Abermals schickte Xurodas einen Schleimpfriem auf die Reise. Er klatschte in das Gesicht des Toten.

...

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • Der zweite Band der Trilogie hält, was der erste Band versprochen hat. Die beiden Handlungsstränge werden weiterverfolgt und vor allem die Rückblende in den "Elfenhandlungsstrang" sorgt dabei für Spannung beim Leser. Der Autor spielt hier gekonnt mit den Sympathien des Lesers, denn zunächst wird die Hauptfigur durch ihren Egoismus und Arroganz einem immer unsympathischer. Am Ende allerdings... mehr soll nicht verraten werden. Auch die eigentliche Haupthandlung mit dem Ringen Lormaks um seine Seele und die Rettungsmission für Avi ist spannend und überzeugt durch stimmige und vielschichtige Charaktere. (5/5 Sterne)
Schließen

Die Eherne Garde I - Die schwarze Klaue

Eine von Dämonen heimgesuchte Welt hofft auf Erlösung
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3864023927
Verlag: Atlantis

3Klappentext:

Dämonen breiten sich aus in den Landen der Menschen, einer Seuche gleich, die alles verschlingt. Avi, die Hüterin, gesegnet mit der Gabe, diese aufzuspüren, wird unversehens von der Jägerin zur Gejagten. Auf ihrer Flucht trifft sie auf Lormak, den Gezeichneten, der Mensch und Dämon in sich vereint. Zusammen mit ihren Gefährten machen sie sich auf, der Bedrohung Einhalt zu gebieten. Doch nicht nur von außen droht Gefahr, denn je länger Lormak in Avis Nähe weilt, desto stärker regt sich der Dämon in ihm …

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

 

Avi schloss die Augen, strich Haarsträhnen aus ihrem Gesicht, die aus dem ledernen Band um ihre Stirn gerutscht waren, und lauschte dem Säuseln des Herbstwindes. Er sang von Vernichtung und Tod, Trauer und Verzweiflung. Seit Jahren hörte sie diese immerselbe Strophe, wenn er von Norden heranwehte, aus Landaskan, der Ödnis des Schreckens, die einst rein und erhaben gestrahlt hatte wie lauteres Gold.

Zumindest erzählten dies jene, die dort gelebt hatten, bevor die Dämonen kamen.

Sie öffnete die Lider, und ihr Blick tastete über die Ebene, auf der Farn und Steppengras rauschten, als wiegten sie ihre dürren Körper zum Klagelied der Bö. Mit einem Seufzen verlagerte sie ihr Gewicht, streckte die untergeschlagenen Beine aus und ließ sie von dem moosbewachsenen Stein baumeln, auf dem sie saß.

Nichts regte sich.

Keine Menschen.

Keine Dämonen.

Das würde sich ändern. Bald schon. Sie spürte es, wenn die dunkle Brut sich näherte. Es war eine Gabe, die sie nicht verstand.

Oder ein Fluch?

Sie unterdrückte die innere Stimme und griff nach dem Kompositbogen aus Horn und Eibenholz. Liebevoll strichen ihre Finger über die Waffe. Im Lauf der Jahre war der Bogen eins mit ihr geworden, er gehorchte ihrem Willen, ein treuer Freund, der dasselbe Ziel verfolgte wie sie: so viele Dämonen zu töten wie nur möglich.

Dass sie ehemals Menschen gewesen waren wie sie, hatte sie anfangs zaudern lassen – und in große Gefahr gebracht. Sobald die Seele eines Dämons von jemandem Besitz ergriffen hatte, gab es keine Rettung mehr. Man musste töten; sonst wurde man getötet.

Am Horizont, dunkel und abstoßend, hing eine zu vielen Fasern zerschlierte Gewitterwolke, ähnlich zerlaufener Tinte, und gewährte der untergehenden Sonne nur ein spärliches, blutrotes Leuchten.

Dort, jenseits der Erhebungen und Wälder, lag Landaskan. Dort irgendwo lag der Grund, warum nahezu jede zweite Frau ein Kind gebar, das sich früher oder später in einen Dämon verwandelte. War es ein Fluch der Götter? Magie? Eine unglückliche Fügung? Niemand wusste das. Nur eines stand in Stein gemeißelt: So durfte es nicht weitergehen.

Groteskerweise bestand Avis Hoffnung darin, dass die Brut sich weiter ausbreitete, denn irgendwann mussten die anderen Regenten reagieren, wollten sie nicht untergehen. Unter einem Banner müssten die Rassen sich vereinen: Eine Allianz gegen die Dunkelheit, geführt von Menschen, Elfen, Zwergen und Goblins und Orks und Ogern …

Ein Gedanke, der genauso schön wie absurd war. Das würde niemals geschehen.

Würden sich wenigstens die Menschen verbünden, wäre das ein Anfang; aber selbst das geschah nicht. Landaskan gab es nicht mehr, Vandur war so gut wie gefallen. Musste auch noch Lantra untergehen, ehe man etwas unternahm?

Warum kämpfe ich überhaupt? Welchen Unterschied macht es? Wieso verschwinde ich nicht einfach in den Süden, lebe dort in heuchlerischer Glückseligkeit, bis das Unvermeidliche seinen Lauf nimmt?

Avi krampfte die Finger um den Bogen und stellte sich auf den Stein.

„Ich werde den Schwur nicht brechen!“, zischte sie, und ihre Augen verengten sich, da sie kleine Punkte sah, die aus einem Waldstück am anderen Ende der Ebene auftauchten. „Niemals!“

Flüchtlinge. Etwas mehr als ein halbes Dutzend auf drei alten Bauernkarren mit eingeschirrten Pferden.

Dies war Avis Aufgabe: Jenen helfen, um die sich niemand scherte. Die wenigen Streifscharen, die es in Vandur noch gab, waren damit beschäftigt, den Vormarsch der Dämonen aufzuhalten. Um flüchtende Familien kümmerten sie sich nicht. Und genau diese waren das bevorzugte Ziel der dämonischen Späher, um ein Schlachtfest anzurichten.

Sie sprang herunter, steckte den Bogen in das lederne Futteral am Sattel und schwang sich auf ihren falbenfarbenen Hengst Festos, der das Grasrupfen einstellte und sie nach hinten schielend empört anguckte.

„Genug gefressen.“ Avi gab ihm die Sporen.

Mit einem Wiehern stieg er auf die Hinterbeine, ehe er ausgriff und den flachen Abhang hinabpreschte. Wind zauste Avis Haar, ihr grüner Umhang blähte sich, der Boden unter ihr rauschte in einem grün-gelblichen Wischen vorbei. Festos mochte seine Marotten haben, doch er war schnell wie ein Pfeil – wenn er denn wollte.

Sie lenkte ihn nach links in eine Senke, dann eine leichte Anhöhe hinauf, dass die Grassoden nur so unter den Hufen in die Höhe flogen und die Farne gegen Avis Stiefel schnalzten.

Ein Schrei.

„Schneller, du lahmer Bock!“, schrie sie, sich verfluchend, dass sie zu lange in Gedanken geschwelgt war.

Festos schnaubte, als hätte er sie verstanden, und machte einen Satz. Auf der Kuppe zog sie an den Zügeln, stellte sich in den Sattel. In zweihundert Meter Entfernung rumpelten die Karren in wilder Fahrt. Aus dem Wald, den sie verlassen hatten, setzten ihnen ein halbes Dutzend Gestalten nach. Von hier wirkten sie wie normale Menschen.

Avi spürte, dass sie keine waren.

„Heja!“ Sie klatschte Festos auf die Flanke. Den Kopf nach vorne gebeugt, sprengte er voran. Sie ließ die Zügel los, dirigierte ihn mit den Knien und griff nach ihrem Bogen. Aus dem Köcher fischte sie einen Pfeil und legte ihn in einer fließenden Bewegung auf. Kaum war die Kerbe auf die Sehne gerutscht, brachte sie ihn auf Zug. Der Bogen knarzte. Sie federte das Hüpfen im Sattel ab, hielt ihre Atmung ruhig, obwohl das Kampffieber in heißen Wellen durch ihre Adern brandete.

Sie visierte den Ersten an.

Der Pfeil schnellte von der Sehne, beschrieb einen flachen Bogen. Der Gegner überkugelte sich und blieb liegen.

Schon befand sich der nächste gefiederte Todesbote in der Luft.

Kopfschuss.

Aus vollem Lauf schlug der Getroffene hin.

Für Ärger blieb keine Zeit.

Sie hatte auf den Oberkörper gezielt.

Vier übrig.

Ein Krachen ertönte. Die Vorderseite eines Wagens bohrte sich in den Boden, als die Achse barst. Die beiden Leute auf dem Kutschbock wurden zu Boden geschleudert und blieben benommen liegen. Das Pferd schrie schmerzerfüllt auf, als die noch intakte Deichsel es niederzwang.

Avi war auf fünfzig Meter heran.

Zwei der Dämonen liefen auf das Fuhrwerk zu, zwei auf sie.

„Kommt nur!“, knurrte sie und feuerte.

Der Pfeil grub sich in das Bein eines Angreifers. Ein paar Meter vor dem Wagen fiel er hin. Den nächsten Pfeil schoss sie quasi aus der Hüfte. Das Glück war ihr hold: Er erwischte den zweiten seitlich im Brustkorb. Nach ein paar torkelnden Schritten sank er in sich zusammen.

Ohne zu zögern warf sie den Bogen fort, beugte den Körper und zog ihr Schwert aus der Scheide am Sattel.

Keinen Moment zu früh.

Ein Dämon streckte seine klauenartigen Hände nach ihr aus, um sie herunterzuzerren. Dann erlosch das Glühen in seinen Augen, da Avi ihr Schwert in einem Unterbogen schwang und die geweihte Klinge ihm das Gesicht vom Kinn aufwärts bis zur Stirn spaltete. Es gab ein schauerliches Knacken, dann einen dumpfen Schlag, als Festos´ Brustkorb den Dämon traf und niederschleuderte. Mit schlenkernden Armen kullerte er durch das hüfthohe Gras.

Sie presste mit den Knien. Festos beschrieb eine enge Rechtskurve.

Die Klauen des verbliebenen Dämons fuhren ins Leere. Avi drehte sich und stieß das Schwert nach unten. Die Spitze verschwand im spitzzahnigen Maul. Ein Ruck ging durch den Körper, und Blut, ein modriges Schwarzbraun, sprudelte zwischen den Lippen hervor. Ein Zischen und Brodeln, in Windeseile blätterte die Haut vom Hals, entblößte die Wirbelsäule. Avi zog den geweihten Stahl heraus und ritt zum Fuhrwerk.

Ein kleiner Junge lag auf dem Rücken, blinzelte und wimmerte leise. Er lebte noch. Gut.

Sie hüpfte aus dem Sattel und eilte zum Kutscher, der mit fahrigen Schlägen den Dämon abzuwehren versuchte, der trotz des Pfeils im Bein auf ihm hockte und seine Reißzähne dessen Hals näherte.

„Hier bin ich, du feige Ausgeburt!“, brüllte Avi, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Ohne Erfolg.

Das Maul schnappte zu. Ein schrilles Kreischen, das jäh zu einem Röcheln erstarb, da der Dämon seinem Opfer die Kehle herausriss und den Fetzen Fleisch hinunterschlang.

Den lederumwickelten Griff ihrer Waffe mit beiden Händen umfasst, enthauptete Avi das Scheusal. Der Kopf purzelte zur Seite und kam so zu liegen, dass das blutbesprenkelte Dämonengesicht sie anstarrte. Bis auf die schwarzen Augen, dem fahlen Gesicht, über das sich rankenartige Male zogen wie Tätowierungen, und dem großen Gebiss mit den Reißzähnen besaß es noch die Züge eines Menschen. Dies war keine Vorhut gewesen, sondern lediglich eine nach Blut und Tod gierende Meute, die sich auf das Erstbeste gestürzt hatte, was ihnen vor die Klauen kam. Es gab auch menschliche Hüllen, die ein höherer Dämon bewohnte. Die waren um einiges zäher und gefährlicher, mit gänzlich schwarzer Haut und raubtierartigen Köpfen. Manche führten sogar Waffen.

Avi schloss dem getöteten Mann die in Entsetzen geweiteten Augen, steckte ihr Schwert in den Boden und kniete sie sich zu dem Jungen. Blondes Haar, das ihm verschwitzt an den Schläfen klebte, Augen, in denen dunkle Schatten schwebten. Den heutigen Tag würde er niemals vergessen.

„Es ist vorüber“, flüsterte sie, strich ihm über die Stirn. Er drehte den Kopf weg. Trotzdem untersuchte sie ihn oberflächlich. Gebrochen schien nichts.

Avi ging zu dem Pferd. Es lag auf der Seite, der linke Vorderlauf hing in einem grotesken Winkel nach unten. Das Fell war schweißbedeckt, klitschig.

Sie schluckte, und ein sanftes Seufzen entwich ihren Lippen, als sie dem Tier über die Backe streichelte. Es hob den Kopf, blickte sie aus einem großen Auge an. Sie kraulte es weiter, während ihre rechte Hand zum Gürtel wanderte, den Dolch umfasste.

Sie mochte sich täuschen, aber ihr war, als würde das Tier verstehen: Es legte den Kopf nieder, und ein langsamer Wimpernschlag schien zu signalisieren, dass es bereit war. Avi biss sich auf die Unterlippe, dann, schnell und kraftvoll, schnitt der scharfe Stahl durch den Hals. Ein Zittern durchlief den Leib.

Stille.

So war es immer nach einem Kampf. Erst Schreie, Grunzen, Knurren, das Sirren von Pfeilen und die schlitzenden Geräusche todbringender Hiebe, danach Stille. Nur der Wind legte eine säuselnde Note von Wehmut über das Geschehene. Er hatte neuen Stoff für sein Klagelied.

Avi nahm ihr Schwert und machte sich daran, die anderen Dämonen zu köpfen, ungeachtet der geweihten Pfeilspitzen, die in ihren Körpern steckten: Sicher war sicher.

Anschließend wischte sie die Klinge am löchrigen Oberhemd eines Dämons sauber, schnitt ihre noch brauchbaren Pfeile aus totem Fleisch, reinigte sie, las den Bogen auf und wartete darauf, dass die in Panik Geflohenen zurückkehrten.

Jutesäcke und Kisten waren vom Wagen gestürzt, lagen aufgebrochen auf der Erde: Proviant, Kleidung, ein paar private Habseligkeiten. Avi hob eine zerschlissene Puppe auf und wandte sich dem Jungen zu, der nun mit aufgerichtetem Oberkörper dasaß. Er stierte auf den toten Mann. War es sein Vater?

Avi schluckte. War sie genauso versteinert dagesessen, nachdem die Dämonen ihre Eltern zerfleischt hatten? Verschwommen erinnerte sie sich an Bilder; klar und ungetrübt an die unsägliche Angst. Ihre Hand ließ die Puppe fallen und umschloss den Anhänger, der an einer Kette um ihren Hals hing. Es war ein dunkelblauer Stein, eingefasst in einen Ring aus mattiertem Silber, der das Horn eines Einhorns symbolisierte, dessen Körper ganz klein am unteren Rand abgebildet war. War es der Anhänger ihrer Mutter? Ihres Vaters? Oder hatte der Traum, der sie manchmal ereilte, mehr Bedeutung, als sie ihm zumaß? War er mehr als ein Gespinst wirrer Fantasien? Sie ließ den Anhänger los. Jetzt war nicht die Zeit für Erinnerungsseligkeit.

„Kjala!“

Eine Frau lief auf den Jungen zu. Sie trug ein hemdsärmeliges Kleid am mageren Körper und die Erschöpfung einer entbehrungsreichen Reise im Gesicht. Sie warf sich neben ihm auf die Erde und drückte ihn ans Herz.

„Kjala, du lebst!“ Sie weinte und küsste ihn auf die Stirn. Dann blickte sie zu Avi. In diesem Moment kam ein hagerer Mann mit hohlen Wangen aus dem Gebüsch, einen Knüppel in der Hand. Auch er stürzte zu dem Kind und umarmte es. Ihm folgten zwei Wägen, der eine gelenkt von einem jungen Mädchen, der andere von einem Burschen, den Avi auf fünfzehn oder sechzehn schätzte. Auf der Ladefläche saßen ein ältlicher Mann und eine Frau mit grauem Haar.

Kjalas Mutter näherte sich Avi. Dann jedoch erblickte sie die Leiche, hob eine Hand vor den Mund, verhielt ihre Schritte und starrte auf den enthaupteten Dämon. Mit verweinten Augen wandte sie sich wieder an Avi.

„Ihr habt meinen Sohn gerettet. Ich danke Euch!“

Avi nickte. „Ich bin froh, dass er lebt. Für ihn …“, Avi neigte den Kopf zu dem Toten, „… konnte ich leider nichts tun.“

„Jakos“, schluchzte die Frau, „mein Bruder.“

„Es ging schnell, er musste nicht leiden.“

Die Frau nahm einen bebenden Atemzug. „Seid Ihr die Hüterin?“

„Manche nennen mich so“, antwortete Avi. „Ich war lediglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

„Ich bin Kyria“, sagte die Frau.

„Avi.“

Kyria sah auf die zerbrochenen Kisten und Säcke. „Wir haben nicht viel, aber nehmt Euch bitte, was Ihr braucht.“

„Ich bin keine Söldnerin. Meine Hilfe gebe ich jedem, der sie benötigt.“

Kyria legte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete Avi nachdenklich. „Das ist selten in Zeiten wie diesen. Ihr habt eine Art … Aura. Entschuldigt, anders kann ich es nicht ausdrücken.“ Sie fuhr sich mit dem dreckigen Ärmel ihres Kleides über das Gesicht und atmete tief durch. „Seid Ihr hungrig? Wir haben zu essen. Begleitet uns.“

„Ich nehme das Angebot an. Die Nacht verbringe ich in eurem Lager, danach reise ich weiter.“

Kyria nickte und stellte ihr die anderen vor. Ihr Mann, der hagere Kerl mit dem Knüppel, hieß Rowen. Die beiden Jugendlichen waren Kjalas Geschwister, die Alten Rowens Eltern.

 

„Geschafft“, brummte Rowen, nachdem alle angepackt hatten, um die heruntergefallene Ladung auf die anderen Karren zu verteilen. „Habt Dank. Ich werde Jakos begraben, dann ziehen wir weiter.“

Avi sah zurück. Blitze zuckten aus der Gewitterwolke, gleißende Verästelungen, die einen Nachhall auf der Netzhaut verursachten. Donner antwortete dem weißen Leuchten. Der Wind hob an. Sie spürte keine dämonische Präsenz. Das jedoch konnte sich rasch ändern.

„Dafür ist keine Zeit. Wir sollten weiterziehen.“

Ungläubig sah Rowen sie an. „Du willst ihn hier liegen lassen, für die Schakale und Geier?“

„Jakos würde es verstehen. Jede Verzögerung bringt deine Kinder in Gefahr.“

„Ich werde mir von einer Frau nicht sagen lassen, was …“

Avi kehrte ihm den Rücken und setzte einen Fuß in den Steigbügel.

„Rowen!“, rief Kyria. „Sie hat Recht!“

„Schweig still, Weib! Es ist dein Bruder!“

Ungerührt sah Avi zurück. Der Mann war ein Narr. Von seinem Schlag kannte sie viele. Sein Gebaren erzürnte sie nicht. Sie hatte dafür gesorgt, dass ein junges Kind am Leben war. Egal ob sein Vater ein kluger Kopf war oder ein Idiot, es brauchte seine Eltern. Avi fällte eine Entscheidung: Sie würde dafür sorgen, die Familie in Sicherheit zu bringen, bevor sie weiterzog. Ritt sie jetzt davon, wäre es gut möglich, dass sich bald andere Dämonen an ihrem Fleisch labten.

Somit ging sie zu Rowen und trat ihm ins Gemächt.

Japsend sank er in den Staub.

Sie packte ihn an den Haaren, zerrte ihn hinter sich her und beförderte ihn auf die Ladefläche, wo er mit angezogenen Beinen, die Hände auf sein Genital gepresst, liegen blieb und heisere Flüche gegen sie ausstieß.

Kyria glotzte sie an. „Werde ich mir für die Zukunft merken …“

Avi lachte und wuchtete sich in den Sattel. Festos tänzelte aufgeregt, da er wohl den Blutgeruch des toten Pferdes in den Nüstern hatte.

Sie patschte ihm auf den Hals. „Ich werde nicht zulassen, dass dir so etwas passiert.“

Er schnaubte, warf den Kopf in den Nacken und stakste los. Quietschend folgten die Wagen.

Sie bedauerte den Tod Jakos´ und sprach ein stummes Gebet an Arsamon, den Gott des Todes, der die Seelen der Verstorbenen in sein Reich aufnahm. Anfangs hatte es sie schockiert, wenn jemand starb, den sie unter anderen Gegebenheiten vielleicht hätte retten können. Inzwischen fand sie sich damit ab. Froh, immerhin den Jungen beschützt zu haben, sehnte sie sich dem Nachtlager entgegen, einer guten Mahlzeit sowie einem hoffentlich traumlosen Schlaf.

Erschöpfung hin oder her, sie war am Leben und gesund und daher in der Lage, ihre Aufgabe fortzuführen. Andächtig holte sie das Amulett hervor und küsste den blauen Stein.

Ein Blitz zuckte vom Himmel und tauchte die Szenerie in gespenstisches Licht.

Zeitgleich begann es zu regnen, zuerst vereinzelte, dicke Tropfen, die auf die Erde patschten. Bald jedoch trieben Regenwände wie Rauchfahnen über sie hinweg. Wasser lief in Avis Kragen, egal wie eng sie den Umhang um ihre Schultern raffte.

Egal.

Der Junge lebte.

Nur das zählte.

 

*

 

Schreie und reißende Geräusche von Fleisch, das jemand von Knochen fetzte und schmatzend zerkaute. Geruch von Blut, metallisch, das linde Patschen, wenn Spritzer davon Boden und Wände trafen und ein Mosaik der Gewalt schufen.

Sie rannte ins Freie, schreiend, Angst und Entsetzen pulsten durch ihren Körper.

Gras unter ihren Füßen.

Plötzlich stürzte sie.

Schatten näherten sich, der Gestank von Fäulnis und frischem Blut umgab sie wie eine Wolke der Verderbnis.

Sie würden sie holen, jetzt, und sie verstümmeln und auffressen. So, wie sie es mit ihren Eltern getan hatten.

Nichts würde sie aufhalten.

Ein Blitz aus Licht.

Die Schatten vergingen darin.

Das Schlagen von Hufen.

Die Gestalt einer Frau, das Gesicht leuchtend und warm, so hell, als würde eine Aureole aus Licht es umgeben.

Lächelnd beugte sie sich zu ihr hinab und …

 

Avi schrak hoch. Das Herz schlug hart wider ihren Brustkorb. Der Mund war trocken. Sie streifte die Decke ab und richtete sich auf. Die Kühle der Nacht umgab sie, Nebel dunstete zwischen Sträuchern und Bäumen.

Sie strengte die Augen in der Dunkelheit an. Nichts. Keine Regung. Fahles Mondlicht, von den Ästen des Waldes in schmale Streifen geschnitten, erhellte den nach Feuchtigkeit riechenden Boden.

Was hatte sie aus dem Schlaf gerissen?

Fröstelnd erhob sie sich, als die Nacht ihr die Wärme des Schlafes stahl. Auf steifen Beinen ging sie zu Festos und trank vom Wasserschlauch am Sattel. Festos schnaubte, wandte den Kopf und stupste sie mit der Nase an. Seine Flanken zitterten.

„Ruhig, mein Bester“, wisperte sie. Auch er spürte es. Etwas stimmte nicht. Lautlos zog sie ihr Schwert. Mondlicht rann über den Stahl.

Leise huschte sie zurück ins Lager. Wo zum Teufel war Rowen? Er war zur Wache eingeteilt!

Die Schlafstätten …

Drei waren leer. Ihre, Rowens … und?

Unschlüssig fuhr ihr Blick in die Nebelschwaden.

Ein Schrei ertönte.

Avis Herz setzte einen Schlag aus.

Sie umklammerte den Griff ihres Schwertes. Woher war der Schrei gekommen?

Jemand drehte sich in seiner Decke, murmelte etwas.

Avi schluckte den Druck in ihrer Kehle weg, steckte das Schwert vor sich in die Erde, holte den Bogen, bog das obere Stück einwärts und hakte die Sehne ein. Wachsam wartete sie.

Eine Bewegung zu ihrer Linken.

Jemand stolperte aus dem Wald, hielt sich die Seite.

Rowen.

Sie ließ den Bogen sinken, blieb jedoch, wo sie war.

Keuchend taumelte er auf sie zu. Blut sickerte zwischen den Fingern hindurch. Sein Gesicht war totenblass, die Lippen über die Zähne zurückgezogen, die Augen aufgerissen wie bei einem durchgehenden Gaul. Der Mond intensivierte das Weiß seiner Pupillen.

„Was ist passiert?“

Er gab keine Antwort, sank auf die Knie und krümmte sich vor Schmerz.

„Nimm die Hand weg!“

Stöhnend löste er die blutverschmierten Finger. Die ganze rechte Seite war nass von Blut.

Avi legte den Bogen ab und holte ein Tuch aus der Tasche, das sie Rowen hinwarf.

Ihre Hilfsbereitschaft war ihr Fehler. Sie bemerkte ihn erst, als es zu spät war.

Ein weiterer Schrei ließ sie herumfahren.

Rowens Mutter, Farina, kroch über den Boden, die Decke noch um die Beine geschlungen. Über ihr stand Kjala. Dunkle Flüssigkeit tropfte von der Klinge in seiner Hand.

Erschüttert ergriff Avi den Bogen.

Kjala stieß zu. Das Messer traf Farinas linken Oberschenkel und hinterließ eine tiefe Wunde.

Die alte Frau kreischte.

Avi fasste Kjala ins Auge, während ihre schreckenssteifen Finger einen Pfeil auf die Sehne spannten.

Die unschuldigen, von Schrecken erfüllten Augen, in die sie nach seiner Rettung geblickt hatte, hatten sich in düsterrote Kohlestücke verwandelt, in denen tiefe Bösartigkeit loderte. Schwarze Pusteln, als wäre seine Haut brandig gesprungen, entstellten sein Gesicht, das gekrönt war von zwei kleinen Hörnern, die aus seinem Haaransatz sprossen.

Avi wusste nun, was sie aufgeweckt hatte: seine dämonische Präsenz.

Trotzdem drückte es ihr das Herz zusammen, als sie Kjala anvisierte.

Nein, nicht Kjala, nicht der unschuldige, verängstigte Blondschopf vom Nachmittag – sondern ein Dämon! Eine Kreatur der Finsternis!

Plötzlich sprang jemand auf. Es war Kyria. Sie befand sich genau in der Schusslinie.

„Kjala! Was ist mit dir?“, rief sie mit überschnappender Stimme. Immerhin fasste sie ihre verwundete Schwiegermutter an den Handgelenken und schleifte sie weg. Statt selbst zurückzuweichen, näherte sie sich ihrem Kind – oder dem, was es einst gewesen war.

„Was tust du? Fort mit dem Messer! Bitte, Kjala! Komm zu mir. Komm zu deiner Mutter. Ich will dir helfen.“

Ein Knurren, das Avi durch Mark und Bein ging. Es kam aus Kjalas Mund – und klang so gar nicht nach kleinem Kind. Es war der Laut einer Bestie, die nach Blut und Tod trachtete.

Endlich fand Avi ihre Stimme. „Geh beiseite!“, rief sie.

Kyria reagierte nicht.

Dann keuchte sie auf, taumelte zurück, stürzte. Im Fallen drehte sie sich. Avi sah den klaffenden Schnitt, der sich von ihrer linken Brust bis zum Bauch zog.

Genug, ich muss ihn töten!

Sie führte die rechte Hand zurück, die Fiederung des Pfeils streifte ihre Wange.

Kjala lächelte böse, er führte das Messer zum Mund. Eine verfärbte, aufgequollene Zunge leckte das Blut von der Schneide. Er erfasste Avi mit dem glosenden, unheilvollen Leuchten seiner Augen, und ihr war, als arbeite hinter dieser jungen Stirn ein viel älterer Verstand, der an Tücke und Boshaftigkeit seinesgleichen suchte.

Im dem Lidschlag, als sie schoss, schleuderte sie jemand zu Boden. Haarscharf pfiff der Pfeil an Kjala vorbei und zersplitterte an einem Baum.

Die Luft rauschte aus Avis Lungen.

„Nein!“, krächzte eine Stimme in ihr Ohr. „Du wirst meinen Sohn nicht töten!“

Hände legten sich um ihren Hals und drückten zu.

Rowens Gesicht erschien über ihr, verzerrt vor Hass und Schmerz. „Du hast das über uns gebracht!“

„Narr!“, keuchte sie und versuchte, seine Hände zu lösen. In seinem ausgemergelten Körper jedoch steckte sehnige Kraft.

Bunte Punkte flimmerten vor ihren Augen.

Ihre rechte Hand wanderte zur Hüfte, riss den Dolch heraus und drosch den Eisenknubbel am Ende des Griffstücks gegen seine Schläfe. Ein Stöhnen floss über seine Lippen, die Augen rollten nach oben. Schlagartig ließ der Druck seiner Finger nach. Avi stieß den Körper fort, richtete sich auf, hustete und schlang Luft in die Lungen.

Die Schwärze am Rande ihres Blickfeldes wich, und sie raffte sich auf die Beine.

Kjala war verschwunden.

Der Rest der Familie war jetzt wach. Kyrias ältere Kinder standen nahe dem niedergebrannten Lagerfeuer, in dem Aschereste glühten, und starrten auf ihre Mutter und Großmutter. Der Großvater war bei seiner Frau und weinte, während er zerrissene Lumpen auf die Verletzung drückte, was ihr leise Wimmerlaute entlockte. Entzündeten sich die Wunden nicht, mochte sie überleben. Hoffentlich wohnte noch genug Kraft in dem alten Körper.

Avi kniete sich neben Kyria, die zitternd den Kopf hob. Schmerz und Kummer verschleierten ihre Augen. „Hilf ihm, Hüterin. Bring ihn zu mir zurück.“

Ohne zu antworten half Avi ihr auf die Beine. Mit spitzen Fingern lupfte sie das Gewand an und sah durch den Riss auf den Schnitt. Eine Fleischwunde. Die Klinge war nicht tief gedrungen.

„Du wirst überleben“, sagte Avi.

Ein Stöhnen erklang. Rowen kam zu sich.

„Kümmere dich um deinen Mann.“ Damit wandte Avi sich ab.

Eine Hand umschloss ihren Oberarm. Widerwillig wandte sie den Blick wieder zu Kyria.

„Was wirst du tun?“

Sie streifte die Hand ab, sagte nichts, sondern nahm ihr Schwert aus der Erde, wischte es hastig ab und steckte es in die Scheide an Festos´ Sattel. Ihren Bogen und andere Habseligkeiten verstaute sie ebenfalls. Dann stieg sie auf.

Kyria taumelte ihr nach und krallte ihre Hände in das Zaumzeug. Festos schnaubte erzürnt.

„Wie konnte … das passieren?“, stammelte Kyria mit tränenerstickter Stimme. „Sag es mir!“

Avi seufzte. „Er trug den Dämon von Anfang an in sich. Es war nicht abzuwenden. Mag sein, dass der Angriff und Jakos´ brutaler Tod seine menschliche Seele erschütterten, sodass der Dämon die Kontrolle erlangte. Aber irgendwann wäre es passiert, so oder so.“

„Ich war immer gut zu ihm …“ Kraftlos sank Kyria herab, ließ das Zaumzeug fahren, ein Haufen menschliches Leid zu Festos´ Hufen.

Avi biss sich auf die Lippen. Ihr war, als würde ihr Herz jeden Moment splittern. „Dich trifft keine Schuld.“

Tränen ergossen sich aus Kyrias Augen. „Bring ihn zu mir zurück …“

„Niemand … niemand kann ihn zurückbringen“, Avi klopfte die Fersen in Festos´ Flanken, „nur erlösen.“

„Nein!“ Kyria krabbelte dem Pferd hinterher. „Wir geben ihn zu einer Heilerin!“

Niemand kann ihm mehr helfen …

Avi ritt schneller, hinter ihr die tapernden, unsteten Schritte Kyrias.

„Nein!“, gellte es durch den Wald. „Du darfst ihm nichts tun!“

„Bitte!“

„Nein!“

„Nein … bitte …“

Ihre verzweifelten Rufe begleiteten Avi noch einige Zeit, ehe Wald und Nebel sie verschluckten.

 

Einige Zeit später, als der graue Schimmer des anbrechenden Morgens durch den Wald sickerte und Schatten an Bäume und Sträucher legte, lockerten sich Avis verkrampfte Muskeln und befreite sich ihr Geist von dem Elend, das sie auf der Lichtung zurückgelassen hatte.

„Jaminara“, betete Avi, „Göttin der Rechtschaffenheit und Ordnung, lass Kyria und Rowen neuen Mut schöpfen und in der Liebe zu ihren beiden anderen Kindern den Schmerz vergessen, der sich in ihre Herzen gefressen hat.“

Avis Glaube an eine grundlegende und allumfassende Gerechtigkeit war es, was sie in Zeiten von Verdruss und Trauer auf dem rechten Pfad hielt. Die Welt war im eisernen Griff des Chaos. Irgendwann jedoch würde die alte Ordnung wiederkehren.

Musste wiederkehren.

Sie rollte den Kopf, fasste sich in den Nacken und massierte die Muskeln. Dann blieb sie stehen und horchte in sich. Kjala war vor ihr, irgendwo im Wald. Er lief schnell, schneller, als es ihm seinem Alter nach zustand. Es war die dämonische Kraft. Jetzt allerdings wurde es Tag, und Avi beschleunigte ihr Tempo, denn es bestand weniger Risiko, dass Festos sich an unter Gras verborgenen Steinkanten die Fesseln zerschnitt. Routiniert lenkte sie ihn über unwegsames Gelände, und sie spürte, wie das Echo eines Echos, das durch ihre Venen pochte, dass sie Boden gutmachte.

Nebel hing zwischen den Stämmen gleich aufgespannten Stoffbahnen, wirbelte und bildete kleine Strudel, wenn sie hindurchritt. Auf einer Anhöhe orientierte sie sich am Stand der Sonne, die als dumpf glühender Kupferball über die Wipfel des Waldes stieg.

Kjala strebte nach Norden, hin zu seiner neuen Familie.

Avi biss sich auf die Lippen. Eile war geboten. Sie würde bis ans Ende des Waldes reiten, zu jener Ebene, auf der sie auf Kyria und ihre Sippe gestoßen war. Falls sie ihn bis dort nicht eingeholt hätte, würde sie ihn ziehen lassen, sonst brächte sie sich in zu große Gefahr.

„Auf, auf!“, rief sie, und Festos trabte wieder in das Zwielicht des Waldes, das dem Licht der aufgehenden Sonne trotzte.

Müdigkeit machte sich in ihr breit, doch sie zwang sich, aufmerksam zu bleiben, indem sie einige Passagen von Quaran Do zitierte, einem Gelehrten und Philosophen, dessen Schriften sie beeindruckten. Sein Werk Pfade der Erfüllung, das ihr Halt gab in dunklen Stunden, führte sie stets in der Satteltasche mit sich.

„Schwierige Zeiten lassen uns Entschlossenheit und innere Stärke entwickeln.“

Festos spitzte die Ohren und schnaubte.

„Hör nur gut zu“, murmelte sie, „da kannst du was lernen. Vielleicht hilft es dir auch dabei, deine Übellaunigkeit besser zu kontrollieren.“

Er bockte, und Avi klammerte sich an die Zügel. „He!“ Mit eiserner Hand parierte sie ihn durch.

„Wenn dich Quaran Do nicht interessiert, hör halt weg!“

Er warf den Kopf hin und her, während er weitertrabe.

Avi lächelte in sich hinein. Er war der einzige wirkliche Freund, den sie hatte, und er scheute keine Gefahr. Ein Gefährte, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Natürlich, er war nur ein Tier, und doch fühlte sie sich ihm verbunden: Er war ehrlich, zeigte, wenn ihm etwas missfiel, hegte keinerlei Hintergedanken – außer er wollte etwas fressen, dann mimte er das nette Kuschelpferd – und stand zu ihr. Das war mehr, als man von vielen Menschen erwarten durfte.

„Den Schmerz der anderen muss ich bekämpfen“, rezitierte sie weiter, „weil es genauso Schmerz ist wie mein eigener. Die anderen sind fühlende Wesen genau wie ich. Darum muss sich sie beschützen wie mich.“

Die Worte schufen eine angenehme Leichtigkeit in ihrem Kopf, besänftigten ihre Ängste.

„Lebe ein gutes, ehrbares Leben …“, Avis Hand umschloss den Anhänger, „… wenn du älter wirst und zurückdenkst, wirst du es ein zweites Mal genießen können.“

Was würde sie genießen? Die Erinnerung an die Dämonen, die sie getötet hatte? Wollte man daran denken, wenn man alt war?

Das Zitat, das ihr am meisten Probleme bereitete zu akzeptieren, flüsterte sie nur, als wären ihre Lippen taub, als weigerten sie sich, diesem Sinnspruch überhaupt die Stimme zu leihen.

„Leid adelt jedes Lebewesen. Nur wer Leid erträgt, wird Glück erfahren …“

Sie ließ den Klang der Worte nachwirken. Presste die Lippen zusammen. Mehr als genug Leid hatte die Welt bereits überzogen. Und durch das Leid, das sie, Avi, durch den Verlust ihrer Eltern erfahren hatte, hatte sich bestimmt kein Glück in ihr eingestellt.

Sanft zog sie an den Zügeln. Festos blieb stehen. In der kühlen Luft dampfte sein Fell. Wasser tropfte von den Zweigen und Blättern.

Spuren auf dem Boden.

Kjala war hier entlanggekommen.

Sie spürte seine dämonische, verderbte Aura wie schwarzes Licht.

Er war nah.

Schritte, ein Huschen im Augenwinkel.

Avi nahm Pfeil und Bogen, bereit, in Herzschlagschnelle zu schießen.

Abermals wischte ein Schatten von Bewegung vorbei, rechts von ihr.

Ihr Herz jagte, das Blut rauschte in den Ohren.

Spielte Kjala mit ihr?

Dafür, dass der Dämon in ihm erst seit Kurzem durchgebrochen war, legte er eine erschreckende Schläue an den Tag, ganz anders als die geistlosen Angreifer, die Avi gestern zur Strecke gebracht hatte. Wieder einmal war sie überzeugt, dass manche Dämonen ohne Sinn und Verstand wahllos tötend durch die Lande streiften, während andere ein Ziel verfolgten, vielleicht einem Herrn folgten, der ihnen Befehle erteilte. Wenn ja, wer zog die Fäden? Wer verkörperte dieses übergeordnete Bewusstsein, das den Dämonen befahl, einen Landstrich nach dem nächsten zu besetzen? War es Belzuur selbst, der Gott der Dämonen?

Unfug.

Er war der Herr seiner Welt, die jedoch getrennt war von der Welt der Lebenden. Hatte er einen Handlanger?

Eine kleine Gestalt rauschte zwischen zwei Bäumen durchs Unterholz.

Avi schoss. Der Pfeil prallte am Stamm ab, ohne sein Ziel zu treffen. Verärgert zog sie einen neuen aus dem Köcher.

Leere deinen Geist und lass den Körper tun, was er tausendmal geübt hat, hallte Folgrims Stimme durch ihren Kopf. Er hatte ihr das Bogenschießen beigebracht und sie im Schwertkampf unterwiesen. Zu viele Gedanken beeinträchtigen deine Fähigkeiten.

„Ich leere meinen Geist“, flüsterte sie.

Das Rascheln von Blättern.

Sie sah nach oben, der Bogen folgte ihrem Blick.

Ein schwarzer Schemen.

Etwas Hartes prallte gegen sie und schleuderte sie aus dem Sattel. Bäume und Sträucher machten einen Überschlag und schossen nach oben weg. Sie knallte auf den Rücken. Eine knurrende schwarze Fratze mit blitzenden Reißzähnen und gelben, raubtierhaften Augen pflanzte sich über ihr auf. Ein Dämon! – aber nicht Kjala!

Er hatte sie nur hergelockt! Die Drecksarbeit erledigte nur diese Bestie!

Sie zog den Dolch.

Die Pranke des Dämons flog heran.

Das Ende.

Sie war nicht schnell genug.

Gebogene, dicke Nägel, gelb wie Schwefel. Es war, als hielte die Zeit selbst den Atem an.

Sie schrie vor Panik.

Sengendes Licht schoss aus ihrer Brust und traf den Dämon, schleuderte ihn zurück. Er zischte und jaulte und fauchte, wand sich am Boden. Sein Arm, der ihr das Gesicht weggerissen hätte, fehlte. Avi spürte ein Brennen zwischen ihren Brüsten, ignorierte es jedoch, kroch zu ihrem Feind und rammte ihm die Klinge in die Stirn. Die Augen verloren ihr Feuer. Sie drehte den Dolch, es knackte.

Dann stürzte sie zur Seite. Bekam kaum Luft. Hechelnd und japsend kauerte sie auf dem Boden.

Plötzlich jagte Schmerz durch ihren linken Arm. Sie riss den Arm weg, starrte nach oben.

Kjalas blutiges Maul schnappte nach ihrem Gesicht. In einem Aufbäumen letzter Kraft stieß sie ihm die flache Hand von unten gegen das Kinn. Sein Kopf schnappte zurück, er stürzte. Avi befreite den Dolch aus der Stirn des toten Dämons.

Kjalas spitze Zunge leckte ihr Blut von den Zähnen. Dieses Scheusal hatte sie gebissen!

Statt sie weiter anzugreifen veränderte sich sein Blick schlagartig, von gierig zu zögerlich, nachdenklich. Abermals kostete er ihr Blut. Er schmatzte, sah sie auf wissende Weise an – und verschwand mit ausgreifenden Sätzen zwischen den Bäumen.

Verdammt, das war knapp gewesen!

Stöhnend rollte sich Avi auf den Rücken, dann schleppte sie sich zu einem Stamm und setzte sich aufrecht hin. Vorsichtig drehte sie den Arm und fasste die Wunde ins Auge. Hätte sie keine Weste getragen, sodass der Stoff die Kraft des Bisses abdämpfte, hätte ihr diese kleine Ausgeburt einen Fetzen herausgerissen.

Obwohl, so klein wie in der Nacht war er gar nicht mehr gewesen. Dass Dämonen nach der Übernahme des Körpers dessen Wachstum beschleunigten, war ihr bekannt; die rasante Entwicklung Kjalas jedoch erschreckte sie.

Der dunkelrote Fleck wuchs auf dem beigen Stoff ihrer Bluse wie eine sich öffnende Blüte. Sie streifte die Weste ab und ging zu Festos, der sie mit der Schnauze anstupste.

„Mir geht es gut“, sagte sie mit schwankender Stimme, zerrte ein altes Oberhemd aus dem Bündel hinten am Sattel, zerschnitt es und wickelte einen Streifen um die Wunde. Sie legte die Weste wieder an und den Umhang über die Schultern. Ihr fröstelte und schwindelte. Müdigkeit, Anspannung, Angst und das Kämpfen forderten ihren Tribut.

Mühsam hievte sie sich in den Sattel.

Da durchfuhr es sie siedendheiß. Hastig fischte sie das Amulett hervor. Erst dabei fiel ihr das verkohlte Loch in Bluse und Weste auf, und als sie den Kragen wegzerrte, gewahrte sie, dass ihre Haut eine Rötung in Form des Talismans aufwies.

„Nein!“, hauchte sie entsetzt: Schwarze Brandspuren verunstalten den Silberring, und der makellose Stein, vormals königsblau und glatt, war nun verfärbt und geborsten.

Ein gutturales Knurren hinter ihr.

Sie drehte den Kopf.

Ein Dämon hetzte auf sie zu. Er öffnete sein schiefes Maul, Geifer schäumte über die schmalen, blutleeren Lippen.
Avi zog ihr Schwert.

Es entglitt ihren Fingern, die glitschig waren vom eigenen Blut.

Festos schlug aus. Die Hinterhufe zerschmetterten den Kopf des Angreifers.

Die ruckartige Bewegung katapultierte Avi kopfüber aus dem Sattel. Sie prallte mit dem Kopf gegen Festos´ Schädel und fiel erneut auf den Rücken.

Bunte Schmetterlinge flatterten vor ihren Augen. Am ganzen Körper schmerzgepeinigt, raffte sie sich auf die Beine, las ihre Sachen samt Bogen und Schwert auf und kämpfte sich erneut auf Festos´ Rücken, der ihr mit nach hinten gewandtem Kopf neugierig zuschaute.

„Du hast einen verdammten Eisenschädel!“ Avi rieb sich den Hinterkopf und zuckte zusammen, als ihre Fingerkuppen über die schon jetzt beträchtliche Beule fuhren.

Weg hier. Es reichte.

Sie gab ihm die Sporen. Auch er schien froh, diesen Ort zu verlassen, denn seine Hufe flogen über den Waldboden. Der Morgen glühte durch das Blätterdach und sprenkelte den Boden mit Tupfern flüssigen Bernsteins.

Bald ging Festos´ Energie auf Avi über, sie vergaß die Schmerzen, als er mit einem mächtigen Sprung über einen umgestürzten Baumstamm hinwegsetzte. In gutem Licht verlief der Rückweg rasch, sodass sie vor Mittag die Schatten des Waldes hinter sich ließen und hügeliges Grasland sich vor ihnen ausbreitete, durchsetzt mit einigen Hügeln. Die Wolken hingen so tief, als wollten sie sich die Bäuche von den Erhebungen streicheln lassen. Das Sonnenlicht ließ sie erglänzen, und ausnahmsweise war der Wind nicht schwer von Trauer, sondern Überschwang. Er strich durch ihr Haar und zupfte an Festos´ Mähne.

Sie überlegte, wohin sie reiten solle, da überkam sie ein seltsames Gefühl. Für einen Moment schloss sie die Augen, versuchte es zu ergründen. Ihre Sinne waren scharf; der Wind, auf seinen Schwingen der Geruch der Nadelbäume, das Gras, das nach Herbst duftete; Festos´ Muskelspiel, er tänzelte unruhig, spürte ihr Zaudern; das Kreischen eines Jagdvogels hinter ihr, das Säuseln der Luftwirbel im Gras.

Und noch etwas.

Ihre Gabe.

Der unsichtbare Odem, den sie spürte, war weiterhin präsent. Und doch, irgendetwas …

Ihr war, als würde sie nicht nur etwas aufnehmen, sondern auch zurückschicken. Ihr Unbehagen wuchs. Zweifelnd hob sie abermals das zerstörte Amulett vor ihre Augen. Es hatte ihr das Leben gerettet – und dadurch seine Kraft eingebüßt. Nun war der Schutz dahin. Bildete sie sich das alles nur ein, aus Trauer, dass es gesprungen war? Oder hatte es sie die ganze Zeit über vor dem Bösen bewahrt?

Schneller als erwartet erhielt sie eine Antwort.

Sie spürte, etwas näherte sich in hohem Tempo. Angstvoll blickte sie über die Schulter.

Der Wald.

Ganz still war es um sie her. Kein Vogel mehr, selbst der Wind war gewichen.

Sie packte den Bogen.

Hufschlag.

Als sie die Sehne mit der rechten Hand zurückzog und somit Spannung auf den Bogen brachte, bohrte sich Schmerz in ihren linken, ausgestreckten Arm.

Mit zusammengebissenen Zähnen wartete sie.

Ein Reiter erschien zwischen den Bäumen, armiert mit einer schwarzen Lederrüstung und einem dunklen Eisenhelm. Aus dem Sehschlitz leuchteten zwei rote Punkte.

Ohne Säumen feuerte sie den Pfeil ab.

Gekonnt riss der Reiter seinen Schild nach oben. Der Pfeil zersplitterte daran.

Ein weiterer Reiter kam zum Vorschein, genauso gerüstet wie der erste. Beide trugen Lanzen in den Händen.

Avi schickte den nächsten Pfeil auf die Reise. Wieder wurde er abgewehrt.

Ein dritter Reiter tauchte auf. Dieser jedoch trug weder Rüstung noch Waffe.

Kjala.

Binnen eines halben Tages hatte sich sein Körper zu dem eines Jugendlichen geformt.

Er deutete auf Avi.

Die beiden Dämonen trieben ihre Rösser voran.

Dann, unvermittelt, brachen ein Dutzend weitere in vollem Galopp aus dem Wald hervor.

Avi steckte den Bogen in die lederne Schutzhülle. „Lauf, wie du noch nie gelaufen bist!“

Festos jagte los.

Die Hatz begann. Sie mussten es mit der weiten Steppe aufnehmen. Kaum Schutz, keine Verstecke. Bestürzt sah sie über die Schulter.

Die Reiter fächerten auf und trieben ihre Tiere gnadenlos voran. Zwar wuchs der Abstand, doch seit Mitternacht hatte Festos keine Pause gehabt, und den Vormittag über waren sie zügig geritten.

Auf Dauer würde er diese Jagd gegen ausgeruhte Tiere nicht durchstehen.

Avis Aussichten im Nahkampf waren so finster wie ein Brunnenschacht. Mit einem Schlag hatte sich das Blatt gewendet: von der Jägerin zur Gejagten.

Den ersten steilen Anstieg bewältigte Festos meisterlich, beim nächsten schnaubte er heiser. Beim dritten strauchelte er. Oben zügelte Avi ihn. Der Bogen flog in ihre Hände. Ein Lidzucken später sauste ein Pfeil durch die Luft.

Ein Laut, als würde ein Hammer auf einen Eisentopf prallen. Das Pferd eines Reiters stieg. Er rollte rücklings herunter und knallte auf den Boden, einen Pfeil im Helm.

Neun übrig.

„Weiter!“

Festos verfiel wieder in den Galopp. Sein Körper bebte vor Anstrengung.

Die Reiter waren nur zwei Steinwürfe hinter ihr.

Es war dumm gewesen, einen von ihnen aus dem Sattel zu schießen. Auch drei hätte keinen Unterschied gemacht. Auf der anderen Seite hatte Festos die kurze Verschnaufpause gut getan. Dennoch, einen Ausweg gab es nicht.

Im Kampf zu sterben, damit hatte sie fortwährend gerechnet. Trotzdem machte aufkeimende Furcht ihr die Kehle eng. Ein grausames Schicksal erwartete sie, sollten die dämonischen Reiter sie einholen.

Angst macht dich wachsam und schnell, hallte Folgrims Stimme durch ihren Kopf, aber nur, solange sie nicht überhandnimmt. Dann lähmt sie dich. Lass die Angst in deinen Körper, doch nicht in deinen Kopf …

Avi atmete tief durch und konzentrierte sich auf den Fluchtweg. Sie lenkte Festos vorbei an den Hügeln. Zwei weitere solcher Anstiege, und er würde zusammenbrechen. Auf planem Gelände hielte er länger durch. Zur Linken lag eine verlassene Hofstelle, auf dem Feld neben der Scheune standen vertrocknete Weizen- und Gerstenhalme. Ein magerer, struppfelliger Hund schoss plötzlich heran und kläffte. Er sprang hoch und schnappte nach ihrem Bein. Sie trat nach ihm, erwischte die Schnauze. Winselnd überschlug er sich und blieb liegen. Ein Dämonenross zerstampfte ihm den Schädel.

„Lauf, Festos, lauf!“

Der Hengst schnaubte erbärmlich, ein heiseres, kehliges Keuchen. Sie war dabei, ihn zuschanden zu reiten.

Schaum aus seinem Maul traf sie an der Wange.

Sie verfluchte sich dafür, Kjala unterschätzt zu haben. Wenn Dämonen nah waren, spürte sie zwar eine Aura, aber die war diffus, sodass sie nicht ergründen konnte, um wie viele es sich handelte. Das wurde ihr nun zum Verhängnis. Dem ersten Hinterhalt war sie mit Hilfe des Amuletts haarscharf entgangen; diese Reiter jedoch wären ihr Ende.

Es gab Menschen, die starben im Kindesalter, oder als Heranwachsende …

Mit ihren zwanzig Jahren hatte sie bereits länger gelebt als viele andere, gerade in Zeiten wie diesen. Trotzdem wollte sie leben. Es war zu früh!

Zum ersten Mal hörte sie das Stampfen von Hufen, das sich in Festos´ Galopp mischte. Drei Reiter waren dicht heran, und die anderen sechs hatten auch aufgeholt.

Avi legte den Kopf wieder an Festos´ Hals, um Wind und Wurfgeschossen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, und preschte nach einem Rechtsschwenk durch eine Baumgruppe. Niedrig hängende Zweige peitschten über ihre Oberschenkel und Festos´ Flanken, und direkt vor ihnen sprang sie ein armdicker Ast regelrecht an. Wäre Avi nicht geduckt gewesen, hätte er ihr den Schädel gebrochen oder sie zumindest aus dem Sattel geschlagen.

Ein paar Hufschläge später gab es ein Krachen und Wiehern.

Einer ihrer Verfolger hatte offensichtlich aufrecht gesessen.

Es ging wieder hinaus auf freies Feld.

Vor ihr lag ein Hügel, flach zwar, doch so breit, dass sie ihn nicht umreiten konnte.

„Dort oben fechten wir unseren letzten Kampf“, sagte sie, und alle Angst verflog, ersetzt von einer wattigen Leere und dem Akzeptieren des Unausweichlichen.

Tapfer kämpfte Festos sich nach oben. Auf zitternden Beinen kam er zum Stillstand. Avi zog ihr Schwert, wollte herunterspringen und Festos einen Schlag auf die Kehrseite geben, damit er abhaute – da verhakte sich ihr Blick an dem hinter dem Abstieg liegenden Brachland.

Wieder ein verlassenes Gehöft, daneben jedoch beige Leinenzelte, Pferde, Männer. Stahl glitzerte in der Sonne.

Ein Trupp Lanzenreiter, sicher an die hundert!

Sie schrie aus Leibeskräften und trieb Festos ihre Stiefelabsätze in die Flanken.

„Da unten, sieh nur! Das ist unsere Rettung!“

Festos schnaubte gequält und trabte los.

Wieder brüllte Avi.

Einige der Männer erhoben sich und sahen sie an.

So nah und doch so fern …

Vorsichtig führte sie Festos nach unten.

Jetzt ein Sturz …

Geschafft!

Ihre Verfolger walzten wie eine schwarze Lawine über die Kuppe den Abhang hinab.

Schlagartig kam Bewegung in die Männer.

Sie sprangen in ihre Sättel, griffen nach Waffen.

Hufgetrappel neben ihr.

Gut, dass sie ihr Schwert in der Hand führte!

So gelang es ihr, den ersten Hieb abzuwehren. Stahl kreischte, die Erschütterung pflanzte sich bis in ihre Schulter fort. Diese Kraft war übermenschlich. Ihr Arm war taub.

Bevor der Dämon abermals zuschlug, riss Avi an den Zügeln. Im nächsten Moment rammte Festos das andere Pferd. Die Überraschung glückte.

In einer Staubwolke stürzten Ross und Reiter.

Festos wurde langsamer. Selbst seine beachtlichen Kräfte waren nun erschöpft.

Flehend blickte sie nach vorn. Die Lanzenreiter preschten ihr in gestrecktem Galopp entgegen.

Der nächste Feind war heran. Stahl pfiff auf ihren Hals zu. Jäh beugte sie sich im Sattel zurück, spürte den Luftzug am Kinn. Hektisch löste sie die Stiefel aus den Steigbügeln. Der nächste Hieb folgte.

Avi sprang.

Mit den Beinen kam sie auf, machte sich weich und rollte sich ab. Trotzdem war der Aufprall heftig, sodass sie über den Boden purzelte und sich den Steiß prellte, den Rücken, Ellenbogen und Knie. Ihr Schwert hatte sie verloren. Die Welt schlingerte nach links und rechts. Ächzend erhob sie sich auf die Knie und spuckte Staub und Erde aus.

Das verwischte Blitzen einer Klinge.

Sie warf sich auf den Boden, krabbelte auf allen Vieren davon.

Der Untergrund erbebte. Ein ohrenbetäubendes Stampfen, dann ein Krachen, Scheppern und Wiehern. Ein Dämonenreiter prallte auf sie, rollte über sie hinweg und kam zum Liegen. Eine Lanze hatte seine Brust durchschlagen. Er lebte noch. Seine Klauen erwischten sie an der rechten Wange.

Halb blind, da ihr der Schmerz die Tränen in die Augen trieb, krallte sie sich ihren Dolch, fand mit der freien Hand den Sehschlitz des gegnerischen Helms und rammte die Klinge hinein, mehrmals, bevor sie, blutbespritzt und erschöpft, zu Boden sank und keuchte und pfiff wie ein löchriger Sudkessel.

Alles dröhnte und pochte, Schwärze flackerte vor ihren Augen. Sie presste die Kiefer zusammen, stemmte sich hoch auf alle Viere.

Ihr Blick schärfte sich wieder, selbst wenn die Welt weiterhin zitterte, als stampfe ein Riese seine kolossartigen Füße auf den Boden.

„Den habt Ihr ja schön zugerichtet.“

Die Stimme eines Menschen. Nie zuvor hatte sich etwas besser angehört als dieser mit leichter Belustigung unterlegte Satz.

„Hier, nehmt meine Hand.“

Avi ließ sich in die Höhe ziehen und blieb, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, trotz ihrer wackeligen Knie auf den Beinen.

Ein junger Mann in Kettenhemd und abgetragenem Wappenrock stand vor ihr. Statt in leuchtendem Rot zu erstrahlen war der vandurische Adler auf seiner Brust von einem rostigen Braun, und der Helm, den er jetzt abnahm, war zerkratzt und links oben leicht eingedellt. Trotzdem wiesen ihn die beiden Schwingen über dem Nasenschutz als Hauptmann aus. Er war jung, mit blondem, lockigem Haar, das verschwitzt in seinem ansehnlichen Gesicht klebte.

Avi richtete sich auf und sah ihn an.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch seine Lippen blieben stumm.

Nach einem Moment räusperte er sich, zog ein graues Tuchstück aus der linken Armschiene und reichte es ihr. „Hier, Ihr blutet im Gesicht.“

Avi drückte es auf die rechte Wange. „Danke.“

„Was machte eine hübsche Dame wie Ihr allein in dieser gefährlichen Gegend, wenn ich fragen darf?“

„Was macht ein junger Mann wie Ihr als Hauptmann an der Spitze einer Streitmacht?“

Er grinste. „Da ich Euch das Leben gerettet habe, erwarte ich zuerst eine Antwort.“

„Ich bin auf der Durchreise.“

„Ihr kamt von Norden. Was habt Ihr dort gemacht?“

„Gekämpft.“

Seine Augenbrauen rutschten nach oben. „Nun, mein Name ist Halron Fallas. Ich kommandiere diese Truppe von furchtlosen Männern. Wir und einige andere Einheiten sind das Letzte, was zwischen den Dämonen und dem Rest Vandurs liegt. Viel ist es ohnehin nicht mehr.“

„Das ist tapfer von Euch und Euren Männern.“ Sie sah an ihm vorbei zu den gefallenen Dämonen. Vier. Also waren welche entkommen. „Ich heiße Avi.“

„Seid mein Gast in unserem bescheidenen Lager. Sicher habt Ihr nichts gegen einen geheizten Badezuber einzuwenden. Die vormaligen Besitzer haben ihn zurückgelassen.“

„Ganz und gar nicht.“ Allein die Vorstellung an warmes Wasser, mit dem sie sich den ganzen Dreck vom Körper waschen konnte, war so wunderbar, dass sie um ein Haar wonnevoll aufgeseufzt hätte. „Ich habe eine Bitte: Jemand soll sich um mein Ross kümmern. Ihm verdanke ich genauso mein Leben wie Euch. Natürlich werde ich dafür aufkommen.“

Halron winkte ab.

Nach und nach gesellten sich seine Männer zu ihm, die damit beschäftigt gewesen waren, den Dämonen die Köpfe abzuschlagen und deren Reittiere zu töten. Die Ausrüstung von Halron Fallas´ Streitern war sehr unteschiedlich: alte Militärbrünnen, leichte Lederrüstungen, Schilde aus Metall oder Holz; Schwerter, Speere, Äxte, Säbel, Dolche, Rabenschnäbel.

Eines allerdings war ihnen gemein: Der Ausdruck in ihren Augen, der sich meist aus Neugier schöpfte, während sie Avi musterten, manchmal aus Lüsternheit.

Bedanken sollte sie sich bei ihnen für ihr rasches und entschlossenes Einschreiten, jedoch brachte sie keinen Laut heraus.

Sie kannte das Funkeln in den Augen. Nurok, ihr ehemaliger Freund, den sie in jener Zeit gehabt hatte, als Folgrim sie in der Waffenkunst unterwies, hatte sie genauso angeschaut. Dann wollte er Sex. Wenn sie auch wollte – gut. Wenn nicht, dann bedrängte er sie, flehte sie an, sich aus ihren Kleidern zu schälen und sich um seinen Penis zu kümmern.

„Du bist wunderschön …“

„Jeder Tag, am dem ich dich nicht berühren darf, ist ein verlorener Tag …“

„Ich bin dir verfallen mit Haut und Haaren …“

Manchmal hatten ihr diese Schmeicheleien gefallen, viel öfter jedoch nicht.

Wenn sie schon keinen Mucks herausbrachte, zwang sie sich zumindest, den Blicken der Männer standzuhalten. Schwäche zu zeigen war nicht gut, sondern eine stumme Aufforderung, es doch mal zu versuchen.

Dann, plötzlich, verpuffte jeder Gedanke daran, die Nacht in einem Lager voller Männer zu verbringen, nackt in einem Holzbottich zu sitzen und sich zu waschen: Auf dem flachen Hügel, im Rücken von Halron und seinen Mannen, war ein Reiter. Es war keiner der geflohenen Dämonenkrieger – sondern Kjala!

Ihre Blicke kreuzten sich. Selbst auf diese Entfernung spürte sie seinen Hass.

Dann war er verschwunden.

„Los, Männer, zurück ins Lager“, sagte Halron und bedeutete Avi, auf sein Pferd zu steigen. Ihr Herz schlug dumpf und schwer, und nur mit Mühe kehrte sie dem flachen Hügel den Rücken zu.

Halron erbot sich, Festos zu Fuß ins Lager zu geleiten. Die Männer ritten vornweg, Halron und sie blieben zurück.

„Ihr dürft ruhig vorausreiten.“

„Nein, ich bleibe lieber bei Euch.“

Freude legte sich auf seine Züge, auch wenn er rasch zur Seite sah.

Das war nicht die beste Antwort gewesen. Nachher brachte sie ihn auf ähnliche Gedanken wie seine Soldaten.

Eines Tages werde ich Kjala erneut gegenüberstehen …

Diese Tatsache beschäftigte sie die ganze Strecke zum Lager, sodass sie Halrons Versuche, ein Gespräch mit ihr zu führen, durch geistesabwesende und kurzsilbige Antworten abwürgte.

Wieso war Kjala gerade hinter ihr her – und nicht hinter seinen Eltern oder Geschwistern?

Sie hörte nur mit halbem Ohr hin, während Halron ihr das Lager zeigte und einige Dinge erläuterte.

 

Avi erwachte. Bewegte sich. Lauwarmes Wasser schwappte gegen ihre Schultern. Sie hob die schweren Lider, sah sich um. Die Kerze neben dem Badezuber warf flackernde Schattentänze auf die Zeltbahn.

Ein Seufzer von Stoff.

Leise, huschende Schritte, die sich entfernten.

Der Eingang zum Zelt schwang sachte.

Avi verzog den Mund. Also hatte einer dieser geilen Böcke die Gelegenheit genutzt, dass sie eingeschlafen war, und ihre Brüste in Augenschein genommen.

Sie tauchte bis zum Kinn unter, milde verärgert, doch so müde, dass es ihr im nächsten Moment egal war. Hatte der Lustmolch wenigstens etwas Schönes, an das er sich erinnern konnte, wenn er sich dereinst geifernden Dämonenmäulern gegenübersah.

Sie lachte leise, griff nach dem langen Tuch, das neben dem Badezuber an einem wackeligen Holzgestell hing, und erhob sich. Das Tuch vor sich haltend, stieg sie aus dem Wasser. Tropfen perlten ihren zerschundenen Körper hinab. Schrammen, Kratzer, einige ganz schön tief und schmerzhaft, Steiß und Rücken eine einzige Prellung. Das Wasser hatte den ersten Schorf aufgeweicht, sodass, nachdem sie fertig war, der Stoff lauter rote Punkte aufwies. Den Blick auf den Ausgang des Zeltes gerichtet, hängte sie es zurück und legte sich nackt auf die Decke hinter der Wanne. Noch fror sie nicht, und sie wollte, dass die Verletzungen nicht mehr bluteten, bevor sie eine frische Garnitur anlegte. Ihre letzte, um genau zu sein. Was sie heute getragen hatte, lag zusammengerollt in der Ecke. Es war dreckig, blutverkrustet und zerrissen. Die Wärme des Bades hielt sich eine Zeitlang in ihren Adern, bald allerdings kroch Kälte ins Zelt. Behutsam streifte sie ein grobes Leinenhemd über, blies die Kerze aus, legte sich nieder und zog sich ihre zweite Decke bis zum Kinn. Draußen vor ihrem Zelt war es ruhig, aber von der Scheune trieben Geräusche an ihr Ohr, Stimmen, Gelächter, manchmal ein lauter Fluch, wenn jemand sein Geld beim Kartenspielen oder Würfeln verlor.

Sie gähnte und bettete die Hände hinter den Kopf. Ihr Haar war noch feucht, und es roch zumindest gewaschen, wenn auch ohne den Duft der Öle und Tinkturen, die sie manchmal bei den Priesterinnen der Tempel benutzen durfte, wenn sie ihre Waffen segnen ließ.

Schlaf zupfte verheißungsvoll an ihren Lidern. Doch er kam nicht. Sie war zu aufgewühlt. Und gerade jetzt, da im Hintergrund die Geräusche geselligen Beisammenseins erklangen, schlug die Einsamkeit einer dunklen Woge gleich über ihr zusammen. Sie seufzte den Kloß in ihrem Hals weg. Auf ihren Streifzügen durch die Grenzlande empfand sie ihre selbstgewählte Isolation als befriedigend, ja erfüllend. Da genügte ihr Festos´ Gesellschaft. Sie war frei, gedanklich wie körperlich, und sie dachte jede Nacht, wenn der Mond das Land ringsum mit silberner Helligkeit puderte, dass es für sie niemals ein anderes Leben geben konnte.

Im Moment war es anders.

Es war ein Gefühl von Verlust, dem Fehlen eines anderen Menschen.

„Du bist schwach, Avi. Der Wind weht von vorne, und du knickst ein und jammerst herum, statt froh zu sein, den Tag überlebt zu haben.“

Trotzdem – käme in diesem Augenblick Halron ins Zelt, sie würde ihn zu ihrer Bettstatt ziehen.

Natürlich tauchte er nicht auf. Zwar interessierte er sich für sie – zumindest glaubte sie das –, doch so plump war er nicht, als dass er mir nichts, dir nichts in ihr Zelt stolperte.

Sie erinnerte sich an die gemeinsamen Stunden mit Nurok: auf dem Dachboden der Scheune, am Flusslauf, verborgen im Ried, im Wald …

Zaghaft wanderte ihre Hand über ihr Hemd, lupfte es an, erreichte ihre festen Brüste. Hart richteten sich ihre Knospen auf. Die Fingerkuppen glitten tiefer, zum Bauchnabel. Sie dachte an Nurok, an Halron, an das wunderbare Empfinden, berührt zu werden und zu berühren. Nach diesem Tag des Todes brauchte sie etwas, das nach Leben schmeckte, und war es nur ein Gebilde ihrer Erinnerung und Fantasie. Die Zähne in den Ärmel der freien Hand gegraben, streichelte sie sich und stöhnte leise.

Die Spannung löste sich schnell und heftig, in einem heißen Blitz, der ihr vom Unterleib bis in den Kopf sengte. Schwer atmend blieb sie liegen.

Wenig später senkte sich der Schlaf auf sie herab.

 

Als sie aufwachte, waren die Geräusche in der Scheune verstummt. Sie schlüpfte aus der Decke, kleidete sich an und lugte aus dem Zelt. Ein Feuer brannte schwach und beleuchtete in Decken gerollte Gestalten, die um die Wette schnarchten.

Avi holte ihre Sachen und verließ das Zelt in Richtung des flachen Gebäudes, in dem die Pferde untergebracht waren.

„Hallo, mein treuer Freund“, flüsterte sie.

Festos wandte den Kopf – und biss ihr in die Schulter. Nicht brutal; aber hart genug, um die Lage klarzustellen.

„In Ordnung, das habe ich verdient“, wisperte sie. „Durch meine Unachtsamkeit hätte ich uns beinahe umgebracht.“

Festos lauschte ihren Worten, ohne eine Reaktion zu zeigen.

„Darf ich Ihrer Exzellenz nun den Sattel anlegen?“

Gedämpftes Wiehern.

„Gut, dann lass uns aufbrechen.“

Sie machte ihn bereit, verstaute Gepäck und Waffen und hievte sich nach oben. Danach lenkte sie ihn hinaus und ritt langsam aus dem Lager.

Jemand kam auf sie zu.

„Ihr wollt uns schon verlassen?“, fragte Halron. Enttäuschung wallte in seiner Stimme.

Avi nickte. „Nochmals danke für alles.“

„Gern geschehen. Wohin führt Euer Weg?“

„In den Süden Vandurs. Danach …“ Sie hob die Schultern.

Er sah auf seine Stiefelspitzen und wieder zu ihr, doch seine Lippen fanden die Worte nicht, nach denen seine Augen suchten.

„Gebt Acht und seid vorsichtig“, sagte Avi.

Halron blickte ihr nach. „Ihr auch. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege eines Tages wieder.“

„Vielleicht“, erwiderte Avi und ritt hinaus in die Nacht.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • Die Spannung beginnt gleich mit dem ersten Wort. Und die Spannung bleibt! Sie hat sich immer wieder gesteigert und gesteigert und sich dabei durch das ganze Buch bis hin zum Schluss durchgezogen. Der Schreibstil war dabei genau richtig, die Kämpfe wirkten so echt, so nah als wäre man selbst dabei und würde selbst mitkämpfen. Er war locker und leicht zu lesen, nicht nur spannend sondern auch an den passenden Stellen mit der passenden Portion an Humor zu lesen.

    Dieser erste Teil hat mich richtig begeistern können. Das war ein großartiges Leseerlebnis! Das Thema Dämonen hat mir sehr gut gefallen. Natürlich bin ich mehr als gespannt auf die Fortsetzung und möchte am liebsten sofort wissen, wie es mit der Gruppe und ihrem Abenteuer weitergeht. (5/5 Sterne)

  • (...) Der Schreibstil hat mich von Anfang vom Autor sehr überzeugt. Die Sätze sind nicht zu kurz und abgehackt geschrieben und man bekommt das Gefühl, als stünde man neben Avi auf einem Schlachtfeld.
    Die Charaktere sind allesamt detailliert beschrieben und auf eine Art und Weise sehr liebenswert. Besonders Lormak hat im Laufe der Geschichte eine Wandlung vom aggressiven, schweigsamen Krieger zu einem recht angenehmen Gefährten entwickelt.

    Ich mag Fantasybücher sehr gerne und habe schon einige gelesen. Mit "Die Eherne Garde" habe ich eine neue Bücherreihe gefunden, die sich sehen lässt. Man muss sagen, dass es keine Geschichte für jüngere Leser ist, da die Kämpfe recht brutal beschrieben sind, aber genau das finde ich großartig.

    Nicht jede Fantasygeschichte sollte "Friede, Freude, Eierkuchen" sein und der Autor hat mich mit seiner fesselnden Geschichte fasziniert(5/5 Sterne)

Schließen

Weißblatt

1.Platz im Bereich „Fantasy-Kurzroman“ (ganz neu als E-Book!)
Erscheinungsjahr: 2010 Print, 2016 E-Book
ISBN: ASIN: B01HO8FI1G
Verlag: Scratch/Arcanum Verlag

3Klappentext:

Amelia, die schöne Wirtstochter, wird von der Göttin in den Tempeldienst berufen. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Amelia wird entführt, Novizinnen verschwinden aus dem Heiligtum. Askar, ein altgedienter und von seiner Vergangenheit geplagter Kämpe, macht sich auf den Weg Amelia zu befreien und gerät dabei selbst in einen Strudel aus Intrigen und Verrat.

Wird er Amelia dennoch befreien können?

Schließen
HLeseprobe:

Der Anfang des Romans ...

Schon wieder dieses Klopfen, und diesmal noch drängender. Es ließ das Flammenmeer zerfasern, aber nur langsam; noch immer kämpfte er sich durch die verkohlten Reste des Straßenzuges. Bläuliche Feuerzungen leckten nach seinen Stiefeln. Schreie erreichten seine Ohren, lauter als das Prasseln der Flammen.

„Verrat! Verrat! Findet die Königsmörder!“

Dann ließ er das Inferno hinter sich, die Stadt, die brennenden Enden des Traumgespinstes …

Er fuhr hoch. Der Atem rasselte in seiner Kehle. Erschrocken griff er nach dem Amulett um seinen Hals. Die Kühle des darin eingefassten Steins beruhigte ihn.

Er sah zu dem Spalt zwischen den Fensterläden, durch den sich ein Streifen Licht zwängte und den staubigen Boden beleuchtete. Später Vormittag – dieser verdammte Traum hatte ihn nicht losgelassen.

Jemand pochte gegen die Tür seiner Kate und rief: „Onkel Henk! Raus aus den Federn!“

Henk – selbst nach all den Jahren war der Name immer noch wie ein Ring, der nicht um den Finger passen wollte. Manchmal war er zu weit, dann wieder zu eng.

„Ich komme, ich komme“, rief er und schwang seine Beine aus dem Bett. Sich den Schlaf aus den Augen reibend, stand er auf und schlurfte zur Tür. Dabei griff er nach dem Oberhemd, das über einer Stuhllehne hing, und schlüpfte hinein – ein Bewegungsablauf, den er nie vergaß, egal wie müde oder durcheinander oder aufgebracht er auch war: Sich zu verhüllen, bedeutete zu überleben.

Langsam öffnete er die Tür.

Es war Amelia, Orrins Tochter.

„Du kannst doch diesen herrlichen Tag nicht verschlafen!“, sagte sie und drehte sich so schnell im Kreis, dass es den Saum ihres lindgrünen Kleides anhob. Die in ihr blondes Haar geflochtenen Blumen schimmerten in den weichen Farben eines Regenbogens, und ihr Lächeln strahlte heller als die Sonnenstrahlen, die durch das Astwerk der Bäume fielen und den Boden mit hellen Punkten sprenkelten.

Nach einer weiteren Pirouette, die ihr ein glockenhelles Lachen entlockte, reichte sie Henk einen Korb: Obst, Brot, Käse und ein Stück geräuchertes Fleisch. Der Geruch der Speisen vertrieb den Gestank von Rauch, den Henk seit dem Erwachen in der Nase hatte.

„Vater möchte nicht, dass du heute bei der Arbeit entkräftet zusammenbrichst.“ Ihre blauen Augen blitzten schelmisch auf.

Obwohl ihm nicht nach Scherzen zumute war, musste er lächeln. Amelias Lebensfreude war ansteckend, und er wollte ihr diesen besonderen Tag nicht durch eine mürrische Miene verleiden.

„Das ist sehr nett“, sagte er und zwang sich, seine aufgesetzte Miene der Fröhlichkeit zu halten.

Amelia legte den Kopf schief und drängte die Glücksseligkeit, die sie offensichtlich bis zum Bersten ausfüllte, ein wenig zurück. „Du hilfst doch bei den Vorbereitungen, oder?“

„Natürlich.“ Zum einen hatte er es versprochen, zum anderen würde ihn die Arbeit auf andere Gedanken bringen. „Sag Orrin, ich bin zur Mittagsstunde bei ihm.“

„Danke! Und vergiss nicht, dass Alvin noch immer auf die Legende von der verwunschenen Burg wartet. Du weißt doch, wie kleine Brüder sind. Er wird dich so lange damit nerven, bis du dein Versprechen eingelöst hast.“

Henk konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.

Amelia lachte, hauchte ihm noch eine Kusshand über die Schulter und lief los.

Er sah ihr nach. Sie verschwand zwischen den Bäumen, ehe sie auf der sanfthügeligen Lichtung wieder auftauchte und auf Bardenfels zustrebte. Die Dächer des Dorfes leuchteten in der Sonne, als wären sie mit lauterem Gold bestrichen, und aus dem Kamin der Bäckerei driftete Rauch in den samtblauen Himmel. Bestimmt war Ole schon vor dem Morgengrauen aufgestanden, um Brot und Gebäck für den Abend vorzubereiten.

Heute war Eshkari, der Tag der Göttin Melvena, deren heilige Zahl die Siebzehn war. Wann immer ein Mädchen dieses Alter im Laufe des Jahres erreichte, veranstaltete man an Eshkari zu Ehren der Göttin ein Fest.

Siebzehn, dachte Henk. Für mich hatte diese Zahl einst auch große Bedeutung …

Er schloss die Tür, stellte den Korb auf den Tisch und aß. Nachdem er fertig war, verließ er seine Kate und ging zu dem nahen Bachlauf. Munter sprudelte und gluckste das Wasser über die dunklen Steine.

Wachsam sah er sich um und lauschte, ob er über das Plätschern des Baches ein verräterisches Knacken oder Rascheln hörte. Niemand durfte sehen, was seine Kleidung verdeckte.

Schließlich streifte er das grobleinene Oberhemd ab und wusch sich, was er normalerweise tat, wenn es dunkel war, noch vor den ersten Strahlen der Morgensonne. Diese Nacht jedoch hatten ihn seine düsteren Träume derart erschöpft und gequält, dass er länger im Bett gelegen hatte als sonst.

Die Kälte vertrieb die letzten Reste von Schlaf, die noch harzig in seinem Körper hafteten. Als letztes tauchte er den Kopf unter Wasser, wozu er sich hinknien musste. Schnell jedoch erhob er sich wieder, da sein rechtes Knie sofort zu stechen begann. Langsam ließ er die Arme kreisen. Auch in seiner linken Schulter zwickte es. Er knurrte einen Fluch.

Du wirst alt, dachte er. Nein, falsch – du bist bereits alt.

Er strich sich das Wasser aus dem kurzen Haar und seinem Kinnbart, streifte das Hemd wieder über und ging zurück zu seiner Behausung.

Dort zog er eine lederne Hose, schwarze Stiefel und sein bestes Oberteil an, ein fein gewebtes Stück mit Rankenverzierungen am Kragen. Er achtete darauf, dass die Ärmel so fest saßen, dass sie keinesfalls zurückrutschen würden, auch nicht, wenn er sich reckte. Vorsichtshalber schnürte er aber noch lederne Armschienen darüber. Sie waren zerkratzt und abgewetzt – und begleiteten ihn schon länger als die Menschen im Dorf oder sein jetziger Name.

Henk schritt aus, ging aber nicht über die Lichtung, sondern hielt sich am Waldrand; gelb und rot schimmerten die Blätter der Bäume, ein Abschiedsgruß an den Sommer, der sich dem Ende entgegenneigte. Ab und an blieb er stehen und pflückte ein paar besonders schöne Blumen, die er zu einem Kranz flocht. Nicht direkt ins Dorf führte ihn sein Weg, sondern weiter nach rechts, auf eine andere Lichtung, wo neben einem Bächlein die überbordende Pracht einiger Trauerweiden den zahlreichen Grabsteinen ein wenig Schatten spendete.

Vögel zwitscherten, und der Duft nach Blumen und Gräsern hing wie ein Versprechen in der Luft, dass diesem wunderschönen Tag noch unendlich viele weitere folgen würden, wie Perlen auf einer Schur, die sich in der farbenfrohen Ewigkeit verlor.

Henk wusste, dass der Eindruck trog. Kein Glück währte ewig; kein Frieden war von Dauer.

Auf dem Grabstein, vor dem er stehen blieb, hatten Regen und Kälte im Lauf der Zeit ein paar dunkle Flecken und feine Risse hinterlassen. Er legte den Blumenkranz ab und entfernte den alten, den er vor zwei Tagen abgelegt hatte. Dann sah er auf den Schriftzug: Mirna.

Vier Jahre des Glücks hatte sie ihm geschenkt. Für Kinder waren sie schon zu alt gewesen, aber das hatte ihnen nichts ausgemacht. Stattdessen erfreuten sie sich daran, wie Amelia heranwuchs, die Tochter von Mirnas Bruder Orrin, oder wie Alvin seine ersten Schritte machte. Mirna und er wanderten durch den Wald, liebten sich im Mondschein am Dorfsee, genossen das Gefühl, dass sie die Zeit, die ihnen noch blieb, nicht allein verbringen mussten.

Im Winter des vierten Jahres kam der Husten. Jeden Tag wurde er schlimmer, bis Mirna nicht mehr die Kraft fand, das Bett zu verlassen. Henk pflegte sie, hielt ihre Hand, auch als sie die Augen schloss und aus dem Leben schied, leiser und sanfter als eine herunterbrennende Kerze.

Die Lippen zusammen gepresst, ging er weiter, bis er eine mannshohe Steintafel erreichte, neben der ein kleiner Brunnen plätscherte. Mehr als ein Dutzend Namen standen dort. Die Inschrift lautete: Gedenket der Helden, die für unsere Freiheit ihr Leben ließen. Mögen sie in Melvenas ewigem Garten ihre letzte Ruhe finden.

Ein Name war nachträglich eingemeißelt worden, offenbar nicht von einem Steinmetz wie die anderen, sondern von einem Laien, denn die Ritzungen waren grob und ungeschliffen.

Feron.

Henk streckte die Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger die Kerben nach. „Irgendwann sehen wir uns wieder, mein Freund.“

Mit Trauer im Herzen verließ er den Friedhof.

Warum bin ich noch hier? fragte er sich. Warum hat mich die Göttin damals nicht auch zu sich geholt?

Er schüttelte den Kopf. Dann hätte ich Mirna nie kennengelernt.

Aber was hatte er verbrochen, dass der Tod sie so früh an sich gerissen hatte? Warum? Wut stieg in ihm hoch. Seit jenem Tag hatte er der Göttin weder ein Opfer gebracht noch ihren Tempel betreten. Und er hatte sich geschworen, dass er, wenn er dereinst auf dem Sterbebett lag, seinen letzten Atemzug darauf verwenden würde, Melvena zu verfluchen.

Er erreichte den leeren Dorfplatz. Sogar der Trödelladen hatte geschlossen. Keine Frauengrüppchen, die den neuesten Tratsch austauschten, keine Bauern, von denen sich mittags immer ein paar am Brunnen trafen. Heute war alles anders. Heute war Eshkari. Nur Alvin war zu sehen, wie er mit ein paar anderen Jungs durch die Gassen hetzte, sein Holzschwert in der Hand, das Orrin ihm diesen Sommer geschnitzt hatte. Henk beschleunigte seine Schritte. Nach Geschichtenerzählen stand ihm im Moment nicht der Sinn.

Vor der Taverne, im Schatten des langen Vordaches, saßen drei junge Männer auf den Holzbänken. Einer von ihnen war Lenos, Amelias Verlobter; die beiden anderen kannte Henk nur flüchtig. Sie hatten die Köpfe beisammen und unterhielten sich. Seinem entrückten Blick nach zu urteilen, folgte Lenos dem Gespräch jedoch nur mit halbem Ohr. Wahrscheinlich träumte er von Amelia, denn erst nach dem Reifefest war es einer Frau erlaubt, einem Mann beizuliegen. Davor waren Küsse das Maß aller Dinge. Natürlich brachen viele Mädchen mit dieser Regel, nicht aber Amelia, da war Henk sicher.

Sonst hätte Lenos auch nicht diesen schmachtenden Blick im Gesicht.

Ohne es zu wollen, musste Henk grinsen, und so eilte er an den Männern vorbei, damit diese seine Erheiterung nicht bemerkten und ihre Schlüsse daraus zögen.

Der dunkle Schleier, der seine Gedanken umhüllte und ihnen das Licht nahm, wann immer er vom Friedhof zurückkehrte, hob sich allmählich, vor allem, als er den Schankraum betrat und Orrin ihm entgegeneilte. Sein Freund warf die Hände so ungestüm in die Höhe, dass sein Lappen in hohem Bogen davonsegelte, und umklammerte Henk in einer Umarmung, die seiner ohnehin in Mitleidenschaft gezogenen Schulter ein aufbegehrendes Knirschen entlockte.

„Da bist du ja endlich!“, schnaufte Orrin und blickte gespielt erzürnt drein.

„Wir haben zur Mittagsstunde ausgemacht – nicht zum Morgengrauen.“

Orrin winkte ab. „Na, wie auch immer. Es gibt jedenfalls viel zu tun.“ Er wirbelte mit einer Schnelligkeit herum, die mit seiner Leibesfülle unvereinbar schien, und watschelte zurück zum Tresen. Dann sah er über die Schulter zu Henk, der immer noch an Ort und Stelle stand. „Na, worauf wartest du noch? Das Fest bereitet sich nicht von allein vor!“

Und so zählte Orrin auf, was es noch alles zu erledigen galt: die Bierfässer aus dem Keller holen, den Wein ebenso, die Tische draußen aufstellen, dazu die Stühle; Jannik, dem alten Faulpelz, in den Allerwertesten treten, dass er endlich den nächsten Schwung Räucherfleisch brachte, bei der alten Mekla wegen der Blumengedecke nachfragen und nicht zuletzt die noch ältere Fuleya aufwecken, auf dass sie ja nicht die Segnung vergesse.

Nach seiner Rede legte Orrin die Stirn auf den Tresen und schloss die Augen. „Oh weh, das werden wir nie schaffen, und meine arme Amelia wird mir danach ewig gram sein – und das zu Recht!“

Henk patschte ihm auf die Schulter. „Beruhige dich. Ist doch nicht das erste Reifefest, das du ausrichtest, oder?“

„Nein“, meinte Orrin kleinlaut und hob den Kopf. „Aber meine Amelia ist dabei – da muss es einfach perfekt sein!“

 

*

 

„Sieh nur, wie sie sich alle freuen“, seufzte Orrin zufrieden und leerte seinen Krug. Ein paar Tropfen Bier verfehlten seinen Mund und netzten sein Hemd. Mit einem Knall setzte er den Krug ab und unterdrückte ein Rülpsen.

Henk lächelte.

Alle Plätze in der Taverne waren besetzt, sodass viele stehen mussten, doch das tat der Heiterkeit keinen Abbruch. Pfeifenrauch trieb in dicken Schwaden durch den Schankraum, und Stimmengewirr und Gelächter brummten in Henks Ohren, nicht lästig oder gar störend, sondern als Klangteppich, auf dem er Stück für Stück zurück in die Vergangenheit schritt: Er sah sich am Feuer sitzen, umringt von anderen Soldaten, lauschte ihren zotigen Anekdoten, lachte, sang und spielte Karten.

Ein Knuff in die Rippen holte ihn zurück. Halb verärgert, halb dankbar, sah er zu Orrin, der auf einen breitschultrigen Mann deutete, der gerade aufstand und sich zur Mitte des Raumes begab. Sofort verstummten die Gespräche, und alle Blicke richteten sich auf ihn. Es war Ole, der Bäcker. Aber er konnte weitaus mehr als nur Brot backen und süße Spezereien zaubern. Inzwischen war es schon so etwas wie ein Brauch, dass er am Reifefest ein paar Geschichten zum Besten gab, jedes Mal zur Freude des Publikums.

Henk schätzte, dass es noch eineinhalb Stunden bis Mitternacht waren, Zeit also für ein oder zwei Erzählungen. Danach würden Amelia und die anderen Mädchen durch die Priesterin Fuleya vor dem Melvena-Tempel den Segen der Göttin empfangen.

Von draußen, wo der Rest des Dorfes feierte, drängten Leute in den Schankraum, denn niemand wollte sich Oles Erzählkunst entgehen lassen; sogar durch die geöffneten Fenster schoben sich Köpfe.

Wie immer fragte Ole in die Runde, welche Geschichte man hören wolle. Ein Mädchen wünschte sich das Märchen von Prinzessin Alysia – eine Liebesgeschichte. Vor allem vonseiten der Frauen fand dieser Wunsch großen Zuspruch. Henk kannte die Geschichte und mochte sie nicht besonders; Oles tiefe Stimme aber, und die Art, wie er selbst den für Henks Geschmack langweiligen Passagen etwas Einzigartiges verlieh, schlug ihn dennoch in den Bann. Die Schilderungen drifteten an ihm vorüber, gerade so eindrücklich, dass er an nichts anderes denken konnte und sich trotzdem eine angenehme Leere in seinem Geist ausbreitete. Erst der Applaus und das Stampfen der Füße rissen ihn aus dieser Beschaulichkeit.

Ole verbeugte sich. Rufe nach weiteren Geschichten wurden laut. Plötzlich krabbelte Alvin unter einem Stuhl hervor und zupfte an Oles Hose. Ole hob ihn auf seinen rechten Unterarm.

„Was möchtest du denn hören, kleiner Mann?“

Alvins Augen leuchteten. „Die Legende von der verwunschenen Burg!“

Ole runzelte die Stirn. „Die kenne ich gar nicht.“

Alvin zog eine Schnute. „Henk hat versprochen, sie mir zu erzählen. Aber das hat er nicht getan.“

Einige Blicke streiften Henk.

Auch Ole sah ihn an. „Vielleicht möchte er das jetzt nachholen?“

Henk deutete ein Kopfschütteln an. Alvin sah es. Enttäuschung malte sich auf seine Züge.

„Vielleicht … möchtest du eine andere Geschichte hören?“, wandte sich Ole wieder Alvin zu.

Nachdenklich biss der Knirps auf seiner Unterlippe herum, und plötzlich hellte sich seine Miene auf. „Ja – die vom Fall des Dämonenkönigs!“

Die Gespräche im Schankraum verstummten so schlagartig, als wäre ein Grabtuch über die Anwesenden gefallen, das jeden Laut sofort erstickte.

Henk spürte seine aufkeimende Anspannung als Trockenheit und leichten Druck in der Kehle.

Ole räusperte sich. „Nun, ich denke, ein weihevoller und prächtiger Tag wie dieser verdient eine so dunkle Geschichte nicht.“ Er setzte Alvin ab und sah seine Zuhörer erwartungsvoll an.

Nur langsam fanden die Leute ihre Sprache wieder. Erst waren die Rufe etwas zaghaft, aber bald ließ man jede Zurückhaltung fahren und schrie sich gegenseitig nieder. Ginge es nach der Lautstärke, würden jetzt wohl die Männer das Rennen machen.

Henk stand auf, murmelte ein „Ich muss mal an die frische Luft“ zu Orrin und zwängte sich durch die Menschentraube am Eingang hinaus ins Freie. Er passierte weitere Dörfler, die es sich an den zahlreichen zusätzlich aufgestellten Tischen vor der Taverne bequem gemacht hatten, und bog nach rechts ab. Es war dunkel, aber an Schnüren aufgespannte Laternen erhellten die Nacht wie leuchtende Tränen.

Nach einigen Metern erreichte er den Hinterhof der Taverne und lehnte sich gegen die Stallwand. Voll und bleich leuchtete der Mond, und die fransige Wolke darüber erweckte tatsächlich den Eindruck, als wäre sie die Braue des Nachtauges.

Alvins Wunsch nach der Geschichte vom Dämonenkönig war ein Schlag gegen die Tür dunkler Erinnerungen. Der Riegel, der sie mehr schlecht als recht versperrte, zitterte und ächzte. Einst hatte Borgon, der Dämonenkönig, viele Länder unterjocht und hunderte, ja tausende Menschen in seine Hauptstadt Akubir verschleppt. Zurückgekehrt war niemand. Man hatte gemunkelt, er habe sie in grausamen Blutritualen Melosh, dem Dunklen Gott, geopfert.

Henk kreuzte die Arme vor der Brust, die Geste zur Abwehr alles Bösen. Nur ein Gedanke an den Widersacher Melvenas konnte schon Unglück heraufbeschwören.

Letztendlich hatte man Borgon getötet – und seinen Palast den Flammen preisgegeben. Das eigentlich Schreckliche aber war erst danach passiert, denn …

Der tosende Applaus, der plötzlich aus den Fenstern der Taverne drang, verwehte diese Erinnerungen, ehe sie sich formen konnten. Henk stieß sich von der Wand ab und verließ den Hinterhof. Ihn fröstelte. Der Herbst kündigte sich bereits an; nicht tagsüber – da war es noch sommerlich –, doch abends und nachts ließ er schon einen Anhauch der Kälte spüren, die seine Winde bald brächten.

Die Leute strömten aus der Taverne und reihten sich in die lange Schlange ein, die sich zum Dorfrand in Richtung Melvena-Tempel schob.

Henk spürte eine Hand auf seiner Schulter.

Orrin reichte ihm einen grauen Umhang. „Damit deine morschen Knochen nicht gefrieren und bersten.“

Henk schnaubte ein Lachen und warf ihn sich um die Schultern.

Am Tempelplatz gingen sie an der hölzernen Tribüne vorbei, die jedes Jahr eigens für dieses Fest errichtet wurde. Als Amelias Vater war es Orrin natürlich erlaubt, dem Zeremoniell in vorderster Reihe beizuwohnen, und er hatte darauf bestanden, dass Henk ihn begleitete.

Die sechs jungen Mädchen, die Schlag Mitternacht den Segen Melvenas erhalten würden, warteten bereits vor dem Tempel. Sie trugen Blumen in den Haaren, die man aufgesteckt oder zu Zöpfen geflochten hatte. Nur Amelias Haar fiel offen über Schultern und Rücken – selbst die Blumen von heute Morgen hatte sie herausgenommen –, und diese Schlichtheit erhob sie in Henks Augen über die anderen.

Sie wolle der Göttin so gegenübertreten, wie sie sei, hatte Amelia vor zwei Tagen gesagt. Schmücken und lieblich machen könne sie sich dann für Lenos.

Wäre mein Leben anders verlaufen, dachte Henk beiläufig, wenn ich als junger Kerl ein Mädchen wie Amelia kennengelernt hätte?

Die Priesterin trat aus dem Tempel vor die Mädchen. Diese senkten ihre Häupter. Stille legte sich über den Platz. Auch wenn der Tempel schlicht war – lediglich zwei Bänke zum Knien, kaum Ornamente und ein sehr kleiner Schrein –, hielt man die Göttin hier, wie in jedem anderen Winkel Thurelias, in hohen Ehren.

Thurelia, das Land, dessen Streiter den Dämonenkönig zur Strecke brachten, dachte Henk. Siebzehn Kämpfer, die Besten der Besten …

Wortlos schritt Fuleya an den Mädchen vorbei und ließ weiß gefärbte Blätter auf ihre Häupter rieseln. Sie symbolisierten Eshkaros, den Baum des Lebens, der stilisiert über den Tempeleingang gemalt war.

Henk hielt seinen Atem ruhig und seine Gedanken kühl. Mit der Göttin hatte er nichts mehr zu schaffen. So verschloss er sich vor den Worten der Priesterin, ließ stattdessen unauffällig seinen Blick schweifen: Alle lauschten der brüchigen Stimme, und in manchem Augenpaar glitzerten sogar Tränen des Zartgefühls.

Einen Moment lang empfand er Verachtung für diese Menschen.

Oder neidest du es ihnen einfach nur, dass sie noch an Glück und Hoffnung glauben?

Er sah wieder nach vorne, denn nun kam der wichtigste Teil des Rituals: das Auflegen der Hand auf die Stirn. Die Augen geschlossen, berührte Fuleya das erste Mädchen. Henk hörte nur das Knistern der Fackeln, die den Tempelplatz umstanden wie die Zacken einer feurigen Krone, und deren Schattenspiele über den Tempel und die Gesichter der Anwesenden huschten.

Nacheinander wiederholte Fuleya diese Prozedur, bis Amelia an der Reihe war. Für einen Moment flatterten die Lider der Priesterin, und sie streckte die Hand zögerlicher aus als vorher.

Dann berührte sie Amelias Stirn – und erstarrte. Ein Seufzen entwich Fuleyas Mund, und plötzlich riss sie die Augen auf, sank auf die Knie, warf die Arme gen Himmel und rief: „Ein Wunder!“

Henks Atem fing sich in seiner Kehle. Fuleyas Worte konnten nur eines bedeuten: von der Göttin berührt!

Ein Zittern durchlief Amelias Körper. Sie griff an ihre Stirn. Drehte sich herum.

Jeder starrte sie an.

Langsam ließ sie die Hand sinken.

Ein Mal in der Form eines weißen Blattes zierte ihre Stirn vom Haaransatz bis zu den Brauen.

Henk hörte den hundertkehligen Aufschrei.

Ende der Leseprobe

Schließen
JRezensionen:
  • Amazon: … Am meisten hat mich beeindruckt, dass trotz der Kürze des Romans nie das Gefühl aufkommt, dass etwas fehlt. Wer Tempo und Action und eine wirklich unerwartete und fein ausgedachte Wendung am Ende einer Geschichte mag, für den ist Weißblatt genau das richtige.
  • SF-Netzwerk: … Der Roman besticht durch seine angenehme Sprache und die geradlinige, aber doch überraschende Handlung. Er ist gut und zügig lesbar und lässt an keiner Stelle Langeweile aufkommen. Sehr gelungen sind die Charakterzeichnung Askars und seiner Genossen, und auch die überraschende Wendung am Schluss macht das Büchlein zu einem sehr schönen Stück Literatur. Auf jeden Fall ist die Geschichte dieser „Weißblatt“ und ihres Retters ein würdiger Sieger der Ausschreibung. Vom Autor ist sicher noch einiges zu erwarten. Fazit: Ungewöhnliche Fantasy-Novelle mit Tiefgang. Bitte mehr davon.
  • Feenfeuer (Fantasy-Blog): … Peter Hohmann beherrscht sowohl die rasanten Momente von Kampf und Verfolgung, wie auch jene leisen und stillen Situationen düsterer Gedanken und innerlicher Zwiesprache. Dieses Können vereint er in Weißblatt und macht aus ihm einen kurzen sehr ausgewogenen Fantasy Roman. Peter Hohmanns Weißblatt – ein spannender Fantasy Kurzroman mit packender Action, ungewöhnlichen und äußerst gelungenen Figuren und einer etwas anderen Heldengeschichte zwischen Sword and Sorcery und epischem Hintergrund, welche schlichtweg zu überzeugen weiß. Peter Hohmann, ein Name den man sich in Sachen Fantasy merken sollte.
  • Amazon: … Schon nach wenigen Seiten war es für mich keine Überraschung, dass der Autor mit diesem Roman die Ausschreibung gewonnen hat. Die Handlung weiß zu überzeugen und ist für die geringe Seitenanzahl überraschend komplex geraten, meist, ohne dabei überhetzt zu wirken. Dank des angenehmen Schreibstils lässt sich das Buch außerdem fließend durchlesen. Was ich an dem Schreibstil besonders bemerkenswert fand, war, wie der Autor es geschafft hat, die Stimmung seines Hauptcharakters auf den Leser zu übertragen. Anfangs wirkt das Buch nämlich trotz einer eigentlich lebensfrohen Umgebung trostlos und leer. Sobald Askar allerdings zu seinem Abenteuer aufgebrochen ist, wandelt sich die Stimmung und wird beschwingter, da er es selbst als belebend empfindet, endlich wieder eine Aufgabe zu haben, selbst wenn der Grund dafür ein trauriger ist. Und wenn Askar, wie auch sein Begleiter, der Magier Nebukon, sich eingestehen müssen, dass sie eben doch nicht mehr die jungen Kämpfer sind, die sie einst waren, dann ist das für den Leser zuweilen auch durchaus lustig.
  • Weltbild: … Die Geschichte ist knackig und richtig spannend, und die beiden Hauptcharaktere Askar und Nebukon ein nicht zu schlagendes Team. Es gibt Action und auch lustige Passagen. Ich hoffe mal, andere Fantasyfreunde stolpern ebenfalls über dieses Buch. Kann es nur empfehlen.
  • Wir-Lesen: Ein wunderbares Buch, welches, trotz der Kürze, mit Action und Spannung aufwartet. Der Hauptprotagonist Askar schlittert nicht nur aalglatt durch sein Abenteuer, sondern weist auch Ecken und Kanten auf. Mit seinem Schreibstil schafft es Peter Hohmann durchweg, ein tolles Kopfkino zu projizieren. Die ganze Geschichte ist in sich stimmig und perfekt abgerundet. Sprachliche Ungereimtheiten suchte ich hier vergebens. Dieser Kurzroman macht definitiv Lust auf mehr von Peter Hohmann. Ich vergebe 5 Sterne.

             Vampirspinne aus dem Team von Wir Lesen

Schließen

Feywind

Ein junger Magier und ein Schrumpfdrache stellen sich einem uralten Feind
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3944713083
Verlag: Prometheus Verlag, Duisburg

3Klappentext:

Als Feywinds Vater unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnt der junge Gildenmagier auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen und macht damit einen mächtigen Feind auf sich aufmerksam - die Inquisition.

Gemeinsam mit dem Krieger Mangdalan, der Elfe Nalda und dem dämonischen Schrumpfdrachen Shnurk versucht Feywind in der Elfenstadt Jalnaptra Antworten zu finden.

Doch der Gegner ist ihnen dicht auf den Fersen und als die Gefährten die wahren Beweggründe der Inquisition aufdecken, steht weit mehr als nur ihr Leben auf dem Spiel.

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

 

„Da wären wir.“ Die Kufen des Schlittens sanken in den tiefen Schnee.

Mit einem Seufzen riss sich Feywind von seinem Buch los, klappte es zu und hauchte in seine zu einer Schale geformten, kältesteifen Finger.

Der in einen Pelzumhang gehüllte Mann drehte sich zu ihm um und deutete mit einem braunen Fäustling zu den Dächern, die über eine Anhöhe lugten. „Dort drüben liegt Waldfelsen.“ Der Winter verwandelte seinen Atem in weiße Wölkchen.

Der Körper steif vom Sitzen auf der harten Ladefläche, kletterte Feywind unbeholfen nach unten, griff nach seinem Beutel und schwang ihn sich über die Schulter. „Habt Dank.“

„Ach was“, winkte der Bauer ab, „hätte dich auch ganz hingebracht, aber meine Frau wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Und nichts ist schlimmer als eine Frau, die denkt, man verachte ihre Kost!“ Der Bauer lachte und ließ seine Peitsche knallen. „Mach´s gut, Junge.“ Die zwei Ochsen stemmten sich ins Geschirr. Schleifend glitt der Schlitten nach vorne.

Feywind winkte dem Bauern einmal nach – wenigstens gab es in diesen dunklen Zeiten noch ein paar Menschen, die Fröhlichkeit an den Tag legten –, dann schritt er aus.

Jedes Mal, wenn er auf einem seiner seltenen Besuche hier entlang kam, war ihm mulmig zumute. Nicht, weil ihm das abgelegene Dorf missfiel, sondern weil er sich, seitdem er fort gegangen war, um an der Magierakademie in Wallstadt zu studieren, in der Enge einer dörflichen Gemeinschaft unwohl fühlte.

Während er durch den Schnee stapfte, pfiff er ein Lied, um sich von der Kälte abzulenken, die Nase und Ohren in Eisklumpen verwandelte. Irgendwann jedoch stellte er sogar das Pfeifen ein, da die Lippen so taub wurden, dass jeder Ton schief klang. Es sollte schon längst Frühling sein!, dachte er, als er die Anhöhe überquerte.

Vor ihm breitete sich Waldfelsen aus, das wie schlafend wirkte unter der weißen Decke: in der Mitte der Marktplatz, der Tempel gleich daneben, und direkt gegenüber, wie dessen Erzfeind, die Taverne. Feywind freute sich auf einen Becher heißen Tee oder Wein, der die Kälte aus seinen Gliedern vertreiben würde. Wenn ihn der Bauer nicht ein gutes Stück des Weges mitgenommen hätte, hätte er draußen nächtigen müssen, wie es ihm erst vor zwei Tagen passiert war. Die Erinnerung daran ließ ihn schaudern.

Mittlerweile strahlte der Horizont zartrot, was den schneebedeckten Dächern ein rosiges Leuchten entlockte und Eiskristalle und Eiszapfen funkeln ließ. Schneefall setzte ein. Dicke Flocken fielen herab und klebten an Feywinds Kleidung fest. Er beschleunigte seine Schritte, stolperte aber in eine Schneewehe. „Verdammte Plackerei!“, schimpfte er, während er sich herauskämpfte und beinahe seinen linken Stiefel einbüßte.

Als er schließlich die Tür der Taverne Zur scharfen Axt öffnete und ein warmer Lufthauch auf seine tauben Wangen fiel, seufzte er auf. Er warf seine Kapuze zurück, schloss die Tür und klopfte den Schnee von seinem grauen Umhang.

Die Taverne war bereits gut gefüllt. Stimmgewirr, Tabakrauch und der süßliche Geruch von Met erfüllten die Luft. Er suchte sich einen freien Tisch direkt neben dem Kamin und legte seinen Beutel ab. Die Leute in der Taverne musterten ihn kurz. Einigen nickte Feywind einen Gruß zu; nur wenige erwiderten ihn.

Er zuckte die Schultern. Wahrscheinlich schlug ihnen der anhaltende Winter aufs Gemüt. Gerade wollte er Platz nehmen, als eine wohlbekannte Stimme ertönte.

„Ja, wenn das nicht mein kleiner Feywind ist!“

Eine stämmige Frau stürmte heran, und bevor er sich versah, fühlte er sich gegen ihren Busen gepresst.

„Ist gut, Marta“, nuschelte er an den beiden beachtlichen Wölbungen vorbei. „Ich freue mich ja auch.“

Marta packte ihn an den Schultern, hielt ihn auf Armeslänge von sich und beäugte ihn von Kopf bis Fuß. „Gibt es in Wallstadt nichts zu essen? Bist ja noch knochiger und bleicher als sonst. Solltest mal an die frische Luft. Die ganze Zeit nur in der Studierstube gehockt, hm?“ Sie zog ihn mit zum Schanktisch und löffelte sofort dampfenden Eintopf in eine Holzschale, die sie ihm auffordernd vor die Nase setzte.

„Ist schon besser als auf deiner Akademie, oder?“, fragte sie und goss Wein in einen Holzbecher.

„Auf jeden Fall“, murmelte Feywind zwischen zwei Löffeln. „Jetzt erzähl doch!“ Marta schaute übertrieben finster drein. „Muss man dir immer noch alles aus der Nase ziehen?“

„Was möchtest du denn wissen?“

Marta verdrehte die Augen. „Ja, zum Beispiel, ob ich dich jetzt mit Herr Magister anzureden habe oder nicht?“

Feywind setzte den Löffel ab, sah sich um. Dann griff er in seine Tasche, förderte einen dunklen Ring aus Obsidian zutage und hielt ihn so unter seinem Umhang versteckt, dass nur Marta ihn sah. Ein blauer Stein war darin eingefasst, und um die runde Fassung wand sich ein verschnörkelter Schriftzug.

„Was heißt das?“, fragte sie leise.

„Mitglied der magischen Gilde. Ausgebildet an der Akademie für Arkane Kunst zu Wallstadt.“

„Du hast es wirklich geschafft!“ Abermals drückte sie ihn. „Da würde sich auch Torben freuen.“

„Wo ist er eigentlich?“

Marta schüttelte den Kopf. „Warst wirklich lange nicht mehr hier. Der wohnt zusammen mit seiner Frau drüben in Berndorf.“

„Wusste ich gar nicht.“ Feywind hätte seinen Freund aus Kindertagen wirklich gerne gesehen: Alles hier, der Geruch nach altem Holz, der Eintopf, selbst der Rauch, erinnerte ihn an damals, vor der Akademie, als Torben und er zwischen den Bänken und Stühlen herumgehuscht waren. Manchmal sehnte er sich zurück nach diesen Zeiten, nur um im nächsten Moment froh zu sein, sie hinter sich gelassen zu haben.

„Kannst ihn ja mal besuchen“, sagte Marta.

Feywind nickte. Wenn, dann erst in ein paar Tagen. Vorerst hatte er genug vom Reisen – und sei es nur ein halber Tagesmarsch. „Wo ist mein Vater?“

„Den hat lange keiner mehr gesehen. Ist wahrscheinlich wieder in irgendwelchen magischen Angelegenheiten unterwegs. Weiß er, dass du fertig bist?“

„Nein, das wollte ich ihm selbst sagen.“ Feywind steckte sich seinen Ring über den Finger. Warum sollte er ein Geheimnis daraus machen? Er war stolz darauf, nun zum illustren Kreis der Magiergilde zu gehören. „Na, dann werde ich auf ihn warten und mich derweil in seinem Turm einnisten.“

Martas fröhlicher Gesichtsausdruck war plötzlich wie weggewischt. „Auch wenn ich mich freue, dass du nun ein Magier bist, mögen das manche hier anders sehen.“ Sie seufzte und ließ ihren Blick kurz über den Schankraum schweifen. „Deinesgleichen ist in letzter Zeit nicht besonders beliebt.“

Feywind setzte den Becher zurück, den er gerade an die Lippen hatte führen wollen. „Auch hier?“

„Marta! Komm mal her und hilf mir.“ Geron, Martas Mann, lugte aus der Küche und winkte sie zu sich.

„Halte dich einfach bedeckt“, flüsterte Marta. „Komm morgen Vormittag wieder, dann erzähl ich dir ein paar … Dinge.“ Ein Schatten huschte über ihre Züge, bevor sie zur Küche eilte.

Feywind stellten sich die Nackenhaare auf. Jetzt konnte er sich auch die finsteren Blicke erklären. Selbst wenn er selten hier weilte, wusste jeder, dass er nach Wallstadt gegangen war, um Magier zu werden.

Er ließ den Ring in seiner Hosentasche verschwinden, sah sich einmal verstohlen um, und setzte sich schließlich an seinen Tisch.

Die Wärme des Kamins im Rücken, tippte Feywind den Becher an und beobachtete, wie die Neige hin und her schwappte, gleich dem Wellenschlag eines winzigen Sees. Ausgerechnet jetzt fiel das Wirken von Magie zusehends in Ungnade! Die Gildenmagier waren davon weniger betroffen als Hexen und Druiden, die nur selten jemand zu Gesicht bekam – ein idealer Nährboden für Gerüchte und Spekulationen. Die unerklärlichen Missernten und die Seuchen, die die Menschen seit letztem Sommer heimsuchten, waren ein gefundenes Fressen für die Spürhunde der Inquisition. Dem hungernden Volk verlangte es nach Erklärungen, und die Inquisition hatte behauptet, böses Zauberwerk sei die Ursache - und Hexen und Druiden die Schuldigen. Somit war diese fast in Vergessenheit geratene Bande aus Blendern und Mördern zu neuer Macht gekommen; brennende Scheiterhaufen waren wieder an der Tagesordnung.

Feywind fröstelte, als er an die vielen Hinrichtungen dachte, die allein in Wallstadt stattgefunden hatten. Trotz dieser Gräueltaten konnte er die Menschen auch verstehen, zumindest ansatzweise. Erst der lange Krieg gegen das Ostreich, dann der Hunger und die Seuchen. Es war einfach zu viel. Gram und Zorn hatten sich aufgestaut wie Wasser hinter einem Damm, und die Inquisition hatte den Riss geliefert, damit es herausbrechen konnte.

Ein Scheppern ließ Feywind aus seinen düsteren Gedanken hochschrecken.

„Pass doch auf, du Tölpel!“

Ein Gast war aufgesprungen und starrte zornig auf seine mit Met besudelte Hose. Dann hob er drohend die Faust und schien kurz davor, den Mann zu schlagen, der den Krug vom Tisch gestoßen haben musste.

Wäre Feywind an seiner Stelle, hätte er sich das überlegt: Der Kerl, den er bedrohte, war breitschultrig und muskulös, und seine Hände schienen dazu geschaffen, Steinbrocken zu zermalmen. Allein das blonde Haar, das verfilzt und schmutzig auf seine Schultern fiel, nahm ihm etwas von seiner Erscheinung.

„Du kannst doch keinen Geistesschwachen schlagen!“, ließ ein anderer Mann verlauten und legte seine Hand beschwichtigend auf die gehobene Faust. „Sie sind von den Göttern berührt und unterstehen ihrem Schutz.“

Einen Moment verharrte der Mann noch in seiner angriffslustigen Pose, ehe er eine Verwünschung murmelte und sich wieder setzte.

Der Blonde ging weiter, sodass Feywind einen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte: Die schlaffen Gesichtszüge, der offene Mund und vor allem die stierenden, glanzlosen Augen bestätigten die Worte.

Er schlurfte zur Theke. Seine Bewegungen wirkten ungelenk, beinahe grob, als hätte ihm Bendaril, der Spender des Lebens, den letzten Schliff verwehrt. Feywind hatte den Mann, der vielleicht ein paar Jahre älter als er selbst sein mochte, noch nie hier gesehen. Auch wenn er nur ab und an in Waldfelsen war – dieser Hüne wäre ihm bestimmt nicht entgangen.

Marta erblickte den Blonden und lächelte. Sie schenkte ihm einen Krug Met ein, den er sogleich in einem Zug hinunterstürzte. Sie füllte nach.

Marta ist so gutmütig, dachte Feywind, als er den Blick schließlich abwandte. Leider gibt es von ihrer Sorte viel zu wenige.

Bald darauf verließ der Blonde die Taverne. Sein leerer Blick kreuzte den Feywinds. Entbehrte das Gesicht nicht jedweden Ausdrucks, es hätte zu einem Krieger gepasst, oder einem Adeligen.

Kurze Zeit später stand auch Feywind auf. Die Stimmung der Leute behagte ihm nicht, ebenso wenig der Rauch, der sich stetig verdichtete und seine Augen zum Tränen brachte. Er packte seinen Beutel und trat in die Nacht hinaus.

Sofort suchte sich die Kälte einen Weg durch seine Kleidung und schickte sich an, seinen Wangen die erst gewonnene Wärme zu nehmen.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, wollte er sich gerade auf den Weg zum Turm seines Vaters machen, als er frische Spuren im Schnee bemerkte, die von der Eingangstür zum Hinterhof der Schenke führten. Da kein anderer Gast die Taverne nach dem Blonden verlassen hatte, mussten es dessen Spuren sein. Was trieb der Kerl dort hinten? Vielleicht fand er nicht heim?

Von Neugier getrieben, umrundete Feywind das wuchtige, aus quer gelegten Eichenstämmen errichtete Gebäude. Tatsächlich traf er den blonden Hünen an.

Doch nicht nur ihn, sondern auch vier weitere Gestalten, die ihn umzingelt hatten. Einer warf gerade einen Stein, der den Blonden mit einem dumpfen Laut traf. Der Getroffene verzog keine Miene, stand einfach dort, wie eine Statue.

Die anderen lachten.

Feywinds Herz schlug schneller. Sollte er einschreiten?

Da drehte sich einer der Männer um und entdeckte ihn.

„Na, wen haben wir denn da?“, fragte er und trat vollständig aus dem Schlagschatten des Überbaus, der sich um den gesamten Hof zog. Das fahle Licht von Burilaikos´ Auge fiel auf ein verkniffenes Gesicht mit schmalen Lippen.

„Ruben!“, flüsterte Feywind.

„Der Herr Magier“, spottete Ruben. Sich übertrieben verbeugend, fügte er hinzu: „Wenn das keine Überraschung ist.“ Er wandte sich an seine Gefährten. „Ich glaube, er möchte an unserem Spiel teilnehmen – und unserem Dorftrottel dort Gesellschaft leisten.“ Seine Augen, lauernd und bösartig, versprachen Schmerz.

Die anderen lachten noch lauter.

Ruben trat näher an ihn heran.

Feywind machte kehrt und floh. Selbst der Wortlaut des einfachsten Zaubers entzog sich ihm, als er Rubens Schritte hinter sich hörte. Erinnerungen an damalige Zeiten quollen wieder hoch. Der Spott, die Schläge. Nur Torben hatte ihm geholfen, aber der war jetzt nicht mehr da.

Feywind lief, lief wie früher, als kleiner Junge. Zwar war er nicht kräftig, doch laufen konnte er. Seine Beine trugen ihn durch die verlassenen Gassen, die sich in seiner Einbildung zusammenzogen und zu zerquetschen drohten.

Stück um Stück entfernte er sich von seinen Verfolgern, bis er deren Schritte nicht mehr hörte.

Schließlich gelangte er an den Rand des Waldes, der an das Dorf grenzte – und in dem sich der Turm seines Vaters befand. Die Schwärze nahm ihn auf. Er sank mit den Knien in den Schnee und rang nach Luft. Sterne tanzten vor seinen Augen.

Als er sich erheben wollte, hörte er Rubens Stimme, der innegehalten hatte, ein dunkler Schatten zwischen den Stämmen. „Lauf nur, du Feigling! Hat sich nichts geändert über die Jahre hinweg. Einmal Feigling, immer Feigling!“ Er lachte, dann wurde die Nacht wieder still.

Feywind wartete, bis er sicher war, dass niemand mehr auf ihn lauerte, und folgte dem Waldweg, der zum Turm führte. Er hörte nur das Knirschen seiner Schritte im Schnee, der im Licht Burilaikos´ leuchtete. Burilaikos – Gott des Todes, der mit seinem Auge auf die Welt der Sterblichen blickte, immer auf der Suche nach neuen Seelen, um sie in die Welt der Dämonen zu schleudern.

Feywind erschrak, als nach einer Biegung plötzlich ein breites, schwarzes Etwas vor ihm aufragte, auf einer Höhe mit den Bäumen.

Der Turm seines Vaters. Ardantes´ Turm.

Ich kenne das Gebäude seit meiner Geburt, trotzdem fährt mir der Schreck ins Mark, dachte er verdrossen.

Er riss seine Augen vom Anblick des massigen Bauwerks los, gab sich einen Ruck, trat an die magisch versiegelte Tür heran und sagte das Losungswort: „Wissen ist Macht. Hüte es gut.“

Knarrend schwang die Tür nach innen. Die Öffnung wirkte wie das Maul eines Ungeheuers.

Er sprach einen Lichtzauber. Seiner Handfläche entsprang eine apfelgroße, blau leuchtende Kugel.

Unter der Treppe holte er das dort verstaute Zunderkästchen hervor und entzündete die Fackeln im Arbeitszimmer und im Schlafgemach.

Trotzdem kam es ihm vor, als betrete er die Höhle eines Eisdrachen. Draußen war es schon kalt genug, hier drinnen aber unerträglich. Es schien, als hätte der Turm die Kälte in sich aufgesogen und wollte sie nicht mehr hergeben. Immerhin gelang es ihm, ein Feuer im Kamin in Gang zu bringen. Endlich konnte er seine tauben Hände den Flammen entgegen strecken, die knisternd und knackend ihre Kraft entfalteten.

Die Kälte wich so weit, dass er den Arbeitsraum seines Vaters in Augenschein nehmen konnte, ohne ständig an seine zitternden Glieder zu denken.

Ardantes musste schon lange fort sein. Ein vereistes Spinnennetz spannte sich zwischen zwei Phiolen, die auf dem schweren Holztisch in der Mitte des Raumes standen. So etwas hätte sein Vater nie geduldet. Ansonsten war alles aufgeräumt, jedes Fläschchen in der richtigen Halterung, jede Halterung an ihrem Platz, die Tongefäße auf den Regalen in Reih und Glied wie Soldaten.

Anschließend zog sich Feywind in das Schlafgemach seines Vaters zurück. Er hatte dort nie geschlafen, sondern einen Stock darüber, in der Bibliothek. Allerdings verspürte er wenig Lust, auch diese noch aufzuheizen. Und selbst wenn sein Vater in der Nacht zurückkehren und ihn in seinem Bett auffinden sollte – Feywind war nicht mehr der kleine Junge, der sich nach Belieben rumkommandieren ließ.

Zumindest redete er sich das ein.

Im Grunde jedoch wusste er, dass ein strenger Blick seines Vaters genügen würde, um ihm die Jahre zu nehmen.

Ohne sich zu entkleiden tauchte er unter die Decke. Als er nicht mehr fror, wurden seine Beine schwer, die Lider sanken herab. Jedoch, der Schlaf blieb fern. Der Vorfall hinter der Taverne hatte Erinnerungen geweckt, dunkle Erinnerungen.

Er war wieder davongerannt.

 

Feywind hastete die Straße entlang. Mondlicht zauberte Schattenbilder auf die nassen Pflastersteine. Unnatürlich laut hallten seine Schritte von den Fassaden wider. Oft blickte er über seine Schulter, und jedes Mal schalt er sich einen Narren. Wer sollte ihn schon verfolgen? Er war ein armer Adept, besaß nicht mehr als die Kleider auf seiner Haut.

Ein paar Straßen noch, dann durch das Tor, und er wäre bei der Akademie. Trotzdem huschte die Angst wie Spinnenbeine seinen Rücken hinab. Schauergeschichten von Raubmördern, die Leute für ein paar Kupfermünzen umbrachten, gab es zuhauf. Anstatt in die Taverne zu gehen hätte er auf seinem Zimmer bleiben sollen, wie sonst auch.

Plötzlich hörte er rechterhand einen unterdrückten Schrei, gedämpft.

Feywind erstarrte.

Geräusche von Stiefeln, die über das Pflaster schabten, dazwischen Wimmern, verzweifelt und voll Schmerz.

Was nun?

Unschlüssig machte er ein paar Schritte auf die Geräusche zu und spähte in die Gasse.

Dort!

Zwei Männer bedrängten eine Frau. Ihr Kleid war hochgeschoben, ein Mann presste sich gegen sie, der andere stand Schmiere – und erblickte Feywind. In seiner Hand blitzte es.

Die Kraft wich aus Feywinds Gliedern, rann heraus wie Wasser aus einem leckgeschlagenen Krug. Er hatte Angst. Schreckliche Angst.

Der Mann kam auf ihn zu. Feywind hob die Hand, um einen Zauber zu wirken, aber alles entglitt seiner Kontrolle. Er lief weg, rannte um sein Leben, bis er vor dem Eingang der Akademie in die Knie sank und den Nachtwächter alarmierte.

Wenig später traf Feywind zusammen mit der Stadtwache am Ort des Verbrechens ein.

Die Frau lag mit aufgeschlitzter Kehle am Boden, die Wunde wie ein grotesker Mund, der ihn angrinste …

 

Feywind rieb sich die Augen, bis er nur noch gleißende, bunte Punkte sah. Nie würde er diese Bild vergessen. Wäre er nicht so ein Feigling gewesen, würde die Frau noch leben; hätte er kühlen Kopf bewahrt und die Verbrecher mithilfe seiner Magie in die Flucht geschlagen …

Er sprang auf, schlüpfte in Umhang und Stiefel, rannte die Treppe hinunter und eilte in die Nacht.

Völlig außer Atem erreichte er den Hinterhof der Taverne. Ruben und die anderen waren vergessen, selbst wenn sie ihn jetzt finden und verprügeln sollten. In seinem Geist sah er den blonden Mann im Schnee liegen, eine dunkle Lache um seinen Kopf.

Der Hof war menschenleer.

Erleichtert lehnte sich Feywind gegen die Rückwand der Schenke und hauchte „Danke“. Wem dieser Dank galt, das wusste er selbst nicht.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • Ich habe bereits zahlreiche Rezensionen verfasst und ging dabei teilweise recht schonungslos mit den Autoren um. Aber hier … Ein hervorragender Fantasy-Roman. Ein Werk, das jedem Vergleich mit den grossen Namen dieses Genres standhalten kann. Eine wirklich spannende, fesselnde Geschichte. Der Autor besitzt eine beneidenswerte Phantasie und die Gabe, sie äusserst virtuos in Worte zu fassen. Es war ein wahrer Genuss, dieses Buch zu lesen(5/5 Sterne)
  • Ein absolut spannender Fantasy-"Thriller", mit allem was dazu gehört: Magier, Elfen, Krieger, Freundschaft, Kampf, Liebe, natürlich das abgrundtiefe Böse und eine tolle Geschichte. Auf fast jeder Seite geht die Post ab, aber es gibt auch mal leise Töne und ab und an sogar ein Portiönchen Humor. Feywinds Entwicklung und seine - anfangs eher unfreiwilligen - Abenteuer zu begleiten war nie langweilig und hat Spaß gemacht. Zumal ich auch keinerlei Fehler entdecken konnte Es hat mir, da ich immer erst spätabends zum Lesen komme, 2 kurze Nächte beschert, weil ich es kaum aus der Hand legen konnte. Und wie heißt es so schön am Schluss: "Es ist noch nicht vorbei, oder?"... Was mich ganz stark auf eine Fortsetzung hoffen lässt. (5/5 Sterne)
  • Ich kann mich nur den Vorrezensionen anschließen: Es ist alles drin, was eine fesselnde und einzigartige Story ausmacht. Ich habe das Buch abends angefangen und die Nacht durchgelesen. Wer es kauft, wird es nicht bereuen ... (5/5 Sterne)
Schließen

Operation Thule

Ein deutsches Sonderkommando im Zweiten Weltkrieg, eine alte Steintafel - und viel Action
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3957770318
Verlag: Begedia Verlag, Mülheim an der Ruhr

3Klappentext:

Ein in altnordisch gehaltener Runentext einer aus der Frühzeit der Wikinger stammenden Steintafel führt den Archäologen und Sturmbannführer Rudolf Krieger nach Finnland. 'Dort, wo die Geister hausen, im dunklen Reich, ruht mein Bruder im Gewand der Ewigkeit, ganz wie ich. Dieser sagt dir dann, wohin des Weges, tapferer Wanderer!' Ein reisender Wikinger will den Ort gefunden haben, an dem sich Götter- und Menschenwelt treffen! Wenn sich dieser lange verschollene Bericht als wahr herausstellen sollte, könnte das damit verbundene Geheimnis den Ausgang des Krieges verändern.

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

 

10. April 1940 – Oslo, Norwegen

 

Kristoffer Andersson blickte aus einem der Bogenfenster des Historischen Museums. Eine Hand lag auf dem Sims, die Finger der anderen zupften an seiner Unterlippe herum, während seine Augen den sporadischen Leuchtspurlinien der norwegischen Maschinengewehre folgten, die sich im Nachthimmel verloren. Zu ihnen gesellte sich der Lichtblitz einer explodierenden Flakgranate. Für einen Herzschlag erhellte das gleißende Zucken einige dutzend Fallschirme, die wie fliegende Pilze nach unten schwebten.

Das wird die Deutschen niemals aufhalten!, dachte er verzweifelt und versuchte die Trockenheit in seiner Kehle wegzuschlucken. Der zweite Tag seit den ersten Bombenangriffen – und Norwegen scheint verloren!   

Er räusperte sich, löste die Hand von der Unterlippe, drehte sich herum – und wäre beinahe mit Fredrik kollidiert, der hinter ihm stand und das Geschehen ebenfalls verfolgte.

Fredriks grauer Schnurrbart zitterte, als er sagte: „Das können wir nicht schaffen.“ Ein Seufzen, und seine Schultern sackten nach unten. Der Frack, der sich normalerweise über dem stattlichen Bauch spannte, hing nun lose um seine Gestalt. Überhaupt schien der ganze Mann geschrumpft, zusammengestaucht von der Furcht, die Schätze hier zu verlieren.

Kristoffer klopfte seinem Vorsteher und Freund auf die Schulter und schob sich an ihm vorbei in den Gang, der zum Ostflügel führte. Seine Schritte erzeugten ein hallendes Pochen auf den Marmorplatten. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, tastete sein Blick liebevoll über die Sammlung: Wikingerhelme, Schilde und Schwerter, pfleglich konservierte Holzplanken aus den berüchtigten Drachenbooten …

Ein Schuss.

Kristoffer wirbelte herum.

Dann noch einer, und noch einer, bis von anderswo das ratternde Stakkato eines Maschinengewehrs antwortete. Es klang so nah, als würde hier im Museum gekämpft.

Wieder ein Feuerstoß.

Durch eines der Fenster drang unstetes Flackern, wie von einer defekten Glühbirne, nur viel schneller. Ein Schrei, danach Stille. Kristoffer ließ seinen angestauten Atem entweichen und ging weiter. Jedes dieser Ausstellungsstücke hatte seine eigene Geschichte. Zusammengenommen bildeten sie ein Buch, das Ereignisse und Fundorte im Gedächtnis verband.

Einzig die Erinnerung daran würde ihm bleiben. Er prägte sich alles ein. Nur im Geist wäre es möglich, das Museum dereinst in seiner ganzen Pracht zu durchwandern, denn die Deutschen würden kommen, und sie würden sich gütlich an dem tun, das zusammenzutragen Fredrik und er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten. Kunstraub war eine der Lieblingsbeschäftigungen der Hakenkreuzler.

Kristoffer schloss die Augen und sog den Duft des Museums auf: altes Holz, vermischt mit einem Anhauch von Staub, der zu einem Museum gehörte wie guter Wein zum Essen, dazu das leicht Muffige der erhaltenen Kleidungsstücke. Sogar das Metallische der Schwerter meinte er zu riechen.

„Kristoffer!“

Fredriks Ruf riss ihn zurück in diese schreckliche Nacht, und das Rattern und Krachen des Kampfes zerfetzte den flüchtigen Moment Erinnerungsseligkeit.

„Ja?“

„Ein Fahrzeug! Vor dem Museum!“

Kristoffer eilte zurück. Auf halbem Weg begann er zu humpeln, da sein Knie schmerzte, das er sich bei einer Ausgrabung nahe Trondheim verrenkt hatte.

Fredrik riss den linken Flügel des Eingangstores auf. „Es ist Sondre!“

Kristoffers Schritte wurden langsamer, gleichzeitig beschleunigte sich sein Herzschlag.

Was macht Sondre denn noch hier?

Gerade stolperte der junge Schlacks herein, schrecklich anzusehen in seiner zerrissenen Hose und dem nassen, schlammverschmierten Hemd. Die Hände auf die Knie gestützt, schöpfte er keuchend Atem.

„Was ist passiert?“, fragte Kristoffer mit enger Kehle. „Warum bist du nicht über alle Berge?“

„Die … Deutschen“, japste Sondre und wandte Kristoffer sein schmales Gesicht zu. Seine Augen zuckten wie die eines Kaninchens, dem eine Meute Jagdhunde nachhetzte. „Überall … Kein Durchkommen … Haben es querfeldein versucht  … Wären um ein Haar stecken geblieben.“

Kristoffer zerwühlte wieder seine Unterlippe. „Dann … dann bring es wieder rein!“

Kristoffer blickte Sondre nach, wie er die Stufen hinabstieg und zu dem Laster eilte. Die Perlschnüre des Regens jagten nach unten wie tausende Silbernadeln, beleuchtet vom Mond oder dem Flakfeuer. Täuschte er sich, oder befanden sich einige Einschusslöcher in der Karosserie des Lasters? Zusammen mit seinem Freund Marius, der im Laster gewartet hatte, klappte Sondre den Verschluss der Ladefläche nach unten und zog unter lautem Ächzen den in ein großes Tuch gewickelten Gegenstand zu sich heran. Er hatte die Größe einer Tischplatte, und Sondre und Marius schnauften, als sie ihn die Stufen nach oben in das Museum schleppten. Kristoffer schloss das Portal, doch der Knall konnte ein Geräusch nicht ganz ausblenden, das zwischen den Hausfassaden unnatürlich laut klang: das Klirren und Quietschen von Ketten, die über Kopfsteinpflaster ratterten.

„Die Deutschen!“, hauchte Fredrik, und das Blut wich aus seinem Gesicht.

„Die Platte darf ihnen nicht in die Hände fallen!“ Gedanken peitschten durch Kristoffers Kopf wie Querschläger. Wohin damit? Welchen Ort würden die Deutschen nicht finden? Das Museum war groß – aber gab es da ein gutes Versteck?

Der Keller?

Zu offensichtlich.

„Bringt es in den Abstellraum mit unseren Kostümen“, sagte Kristoffer, einem plötzlichen Geistesblitz nachgebend. „Stellt es hinter das Regal mit dem ganzen Krimskrams. Beeilung!“

Vor Anstrengung schnaufend beförderten Sondre und Marius die Steintafel aus der Eingangshalle. Der Ort, an dem sie ihre Verkleidungen für ihr alljährliches Theaterstück über Leif Eriksson verwahrten, würde die Deutschen bestimmt nicht interessieren.

Und wenn doch?

Kristoffer raufte sich die Haare. Da stießen Fredrik und er auf einen sensationellen Fund, brachten ihn ins Museum – und kaum dass sie die ersten Schriftzeichen halbwegs entziffert hatten, kamen die Deutschen!

„Bleib ruhig, Kristoffer“, sagte Fredrik und lächelte, was neue Furchen in sein Gesicht legte. „Wir dürfen uns nichts anmerken lassen.“

„Du hast Recht“, pflichtete Kristoffer bei und unterdrückte den Griff zur Unterlippe. „Trotzdem …“

„Ich weiß. Du sitzt hier, wartest und bist völlig ohnmächtig.“

„Sie werden uns alles nehmen.“

Fredrik seufzte einfach, was mehr ausdrückte als jedes Wort.

Sondre und Marius kehrten zurück, ihre Gesichter schweißgebadet. „Fertig.“

„Gut.“

„Wir müssen noch die anderen Fundstücke holen.“

Kristoffer schluckte. Die Münzsammlung, die Schmuckwaffen und erhaltenen Schriften – all das lag noch auf der Ladefläche.

„Macht schnell!“

„Wohin damit?“

Kristoffers Gedanken überschlugen sich. Die Deutschen würden bestimmt misstrauisch, falls sie nur archäologische Durchschnittsware fänden. „Bringt sie zurück zu ihren angestammten Plätzen.“ Die Steintafel zählte mehr als alle anderen Schätze zusammen. Lieber ein paar Bauern opfern als die Dame.

Sondre stutzte, widersprach jedoch nicht, und winkte Marius her. Sie öffneten den rechten Flügel und liefen gegen den Regen geduckt nach draußen.

Wenige Augenblicke später kehrten sie zurück, langsam, rückwärtsgehend, die Hände über den Kopf gehoben.

Kristoffer schnürte es die Kehle zu, als er Schritte auf der Treppe hörte. Dann betrat die SS das Historische Museum von Oslo: drei Männer in schwarzen Uniformen mit der unverkennbaren roten Armbinde, wo das Hakenkreuz auf weißem Grund prangte. Sie hatten Maschinenpistolen im Anschlag, deren Läufe auf Sondre und Marius zeigten und nun auf Fredrik und Kristoffer schwenkten. Danach kamen weitere Soldaten, die sofort begannen, die Räume des Museums zu sichern.

„Feindfrei“, erklang es nach und nach, woraufhin ein Soldat mit Funkgerät etwas in den Hörer murmelte. Wenig später hörte Kristoffer über das Platschen des Regens erneut Schritte auf der Außentreppe. Ein Mann mit Glatze und blassem Gesicht betrat das Museum. Er blieb stehen, sah sich um, als sauge er die Aura dieses Ortes in sich auf.

Kristoffer widerstand der Versuchung, die Fäuste zu ballen. Die Steintafel werdet ihr nicht in eure dreckigen Finger bekommen!

Dann gefroren seine Gedanken, als der Glatzkopf ihn ansah. Augen so dunkel, dass man die Pupillen nur erahnen konnte; sie waren wie Murmeln, kalt und leblos. Der Mann kam auf ihn zu, langsam, seine Schritte kurz, fast ein Watscheln.

„Kristoffer Andersson, nehme ich an.“ Die Stimme jagte Kristoffer einen Schauer über den Rücken, ungeachtet dessen, dass der Mann leicht näselte und auch der Rest von ihm nicht sonderlich Ehrfurcht gebietend wirkte, die fleischigen Wangen zum Beispiel, oder der ins Dickliche gehende Körper.

„Dass Sie Deutsch sprechen, macht die ganze Sache einfacher“, fuhr der Mann fort. „Studium der Kunstgeschichte in Berlin und Paris, danach der hiesige Kurator und Leiter des Museums. Ein beachtlicher Werdegang.“

Kristoffer fühlte ein Wühlen im Magen, wie nach schlechtem Essen. „Das ist richtig.“

„Ich bin SS-Sturmbannführer Rudolf Krieger. Im Auftrag unseres geschätzten Reichsführers Heinrich Himmler inspiziere ich die Bestände der Museen.“ Seine Lederhandschuhe knirschten, als er eine auffordernde Geste machte. „Nach Ihnen, Herr Andersson.“

Wie von einer unsichtbaren Macht gepackt, drehte sich Kristoffer herum und ging voraus. Hinter sich hörte er die Schritte Kriegers und seiner Schergen. Fredrik begleitete ihn, und das allein gab Kristoffer die Kraft, aufrecht zu gehen und nicht einfach niederzusinken. Er hatte sich vorgenommen, den letzten Gang durch sein Museum mit Würde durchzustehen, aber die Präsenz dieses bleichgesichtigen SS-Mannes brachte ihn aus der Fassung. Lieber wäre ihm ein kerniger Soldat gewesen, aufrecht wie ein Ladestock, mit bellender Stimme und herrischem Gestus, der nur das Kämpfen im Sinn hatte und von Archäologie wenig verstand. Dieser Sturmbannführer allerdings …

Schweigend schritten sie entlang der Ausstellungsstücke. Hier und da blieb Krieger stehen und deutete auf einen Helm oder eine Tonvase, ein Schwert oder eine Skulptur. Kristoffers Anzug klebte schweißnass an seinem Rücken. Der Mann verstand etwas von Archäologie. Leider.

Einen Ausstellungsraum nach dem anderen schritten sie ab, und während der ganzen Zeit sprach niemand, die einzigen Geräusche die Schritte der Soldaten und ein leises Schaben von Papier und Handschuhen, während sie die von Krieger ausgewählten Stücke mit Etiketten versahen.

Den Rundgang erlebte Kristoffer wie in Trance, und der Schmerz in seinem Knie durchdrang die Blase um seinen Geist erst, als sie sich auf dem Weg zurück zur Eingangshalle befanden. Unbeabsichtigt fing er an zu humpeln.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Krieger.

„Eine alte Verletzung, die ich mir bei einer Ausgrabung zugezogen habe“, sagte Kristoffer, in dem Versuch, seine Stimme ruhig zu halten. Sie waren an dem Abstellraum vorbei, und weder Krieger noch einer der Soldaten hatte gezögert.

Geh jetzt!, flehte Kristoffer innerlich. Verschwinde!

Krieger blickte ihn unverwandt an.

Kristoffer wurde heiß, doch hielt er dem Blick dieser Augen stand.

Ein Lächeln erschien auf Kriegers Gesicht, als zerrten Angelschnüre an den Mundwinkeln. „Sie schwitzen, Herr Andersson. Dabei ist es hier angenehm kühl.“

„Das mag an der Situation liegen.“

Krieger nickte. „Dann werde ich jetzt gehen.“

Kristoffer wäre vor Erleichterung am liebsten in die Knie gegangen. „Ich wünsche Ihne…“

„Allerdings erst, wenn Sie mir erklärt haben, weshalb vor dem Museum ein Lastwagen steht, der Einschusslöcher hat.“

Kristoffer schluckte. „Nun, in ganz Oslo wird gekämpft, deswegen …“

Wieder lächelte Krieger, diesmal wie ein nachsichtiger Vater, der seinem Sohn zum zehnten Mal erklärte, warum die Sonne im Osten aufging. „Dann noch einmal: Warum steht ein Lastwagen vor dem Museum, der Einschusslöcher aufweist? Und warum liegt auf der Ladefläche ein makelloser Wikingerhelm? Und dazu eine kostbare Münzsammlung? Und Schmuckwaffen? Und in Ölhaut eingewickelte Schriftstücke? Warum ist die Ladeklappe nicht geschlossen, sondern heruntergeklappt?“

Kristoffer fühlte sich wie nach einem Faustschlag ans Kinn. Kriegers Gesicht hüpfte vor seinen Augen auf und ab, und Übelkeit hangelte sich seine Kehle hinauf. Er schluckte mehrmals, konnte aber nicht antworten.

„Ihre Knieschmerzen scheinen so schlimm, dass Sie nicht mehr sprechen können. Auch gut, dann beantworte ich die Fragen für Sie.“ Das Lächeln in Kriegers Gesicht verschwand. „Sie wollten die wertvollsten Stücke ihrer Sammlung in Sicherheit bringen, doch ihre beiden Fahrer konnten den Ring um Oslo nicht durchbrechen – und kehrten somit hierher zurück.“ Kriegers Augen zuckten zu Sondres schlammverkrusteter Hose, ehe sie wieder Kristoffer fixierten. „Ich traf just in dem Moment ein, als die beiden den Laster entladen wollten.“

Ein Schlund tat sich in Kristoffers Gedanken auf und verschlang seine Hoffnung. Nur die Angst hielt sich hartnäckig.

„Bleibt nur eine Frage: Wollten ihre Handlanger gerade das erste Mal zum Laster, um ihn zu entladen? Oder hatten sie bereits etwas zurück ins Museum geschafft?“ Ein Muskel auf Kriegers linker Wange zuckte. „Ich vermute Letzteres. Links auf der Ladefläche stauen sich die Gegenstände. Rechts ist viel Platz. Was mag dort wohl gelegen haben? Vielleicht können Sie mir ja helfen, Herr Andersson?“ Die letzte Frage schnitt sich wie eine Messerklinge in Kristoffers Ohren.

Seine Kehle war zundertrocken. Aus den Augenwinkeln erspähte er Fredriks Gesicht. Er kannte den Ausdruck.

Auf keinen Fall, Kristoffer, sag es ihm auf keinen Fall!

„Sie … Sie täuschen sich, Herr Sturmbannführer“, hörte Kristoffer sich sagen, und noch ehe seine Worte seine Lippen passierten, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte.

„Ihr Unwillen zur Kooperation ist sehr, sehr bedauerlich.“ Langsam glitt Kriegers Hand zu dem Holster rechts an seiner Koppel, und genauso langsam öffnete er den Verschluss und zog seine Pistole. Ein Schnappen, als er sie durchlud, gefolgt vom Klicken des Sicherungshebels.

Kristoffer öffnete den Mund, wollte etwas sagen, als sich der Lauf auf seine Brust richtete. Er schloss die Augen.

Ein ohrenbetäubendes Krachen, das seine Ohren klingeln ließ.

Trotzdem hörte er das helle Klimpern der Hülse auf den Bodenplatten. Ein Beißen in der Nase vom Schmauch. Allein der Schmerz blieb aus; kein explodierender Druck in seiner Brust.

Kristoffer öffnete die Augen und gewahrte eine Bewegung zu seiner Linken.

Fredrik schwankte, ein Seufzen floss über seine Lippen. Er wandte den Kopf in Kristoffers Richtung, ein Ausdruck der Verwunderung in den weit aufgerissenen Augen. Dann kippte er nach hinten und schlug auf.

„Fredrik!“ Sein eigener Schrei rauschte Kristoffer in den Ohren. Entsetzt riss er Fredriks Frack auf. Ein dunkelroter Fleck zerlief auf seinem cremefarbenen Hemd wie eine sich öffnende Rosenblüte.

Zwei Soldaten traten neben Kristoffer, packten ihn an den Schultern und rissen ihn nach oben. Seine tränenblinden Augen machten aus Kriegers Gesicht ein breiiges Rund.

„Du elendes Schwein!“, krächzte Kristoffer. „Du Feigling! Du miese Ratte!“ Er graste sein Gehirn nach weiteren deutschen Beleidigungen ab, doch ehe er eine weitere fand, sagte Krieger: „Schnappt euch den Schlacks und seinen Freund und stellt sie an die Wand.“ Die Stimme war so emotionslos, als hätte er seinen Soldaten befohlen, ihre Stiefel zu putzen.

Kristoffer hörte Sondres Wimmern und die Schritte der Soldaten. Marius flehte um Gnade.

„Warten Sie!“, rief Kristoffer und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich zeige es Ihnen!“

Krieger hob die Hand, und die Soldaten ließen Sondre und Marius los. Die Männer brachen weinend in die Knie.

„Nach Ihnen“, sagte Krieger und deutete mit der Hand an Kristoffer vorbei, in einer getreulichen Nachbildung der Szene von vorhin.

Kristoffer vermied es, auf Fredrik zu blicken, als ihn seine Beine an dessen Leichnam vorbei zur Abstellkammer trugen. Seine Finger steif vor Schreck über Kriegers Kaltblütigkeit, benötigte er drei Anläufe, ehe er mit dem Schlüssel das Schloss traf.

Zwei Regale mit Putztüchern, Desinfektionsmitteln, Polituren und Staubwedeln, an der jenseitigen Wand die Garderobe mit den Kostümen für das Theaterstück, das er nie wieder mit Fredrik aufführen würde.

Kristoffer schob das Holzgestell zur Seite, sah sein Kostüm, kämpfte mit den Tränen – und deutete auf die verhüllte Steintafel.

Krieger wies zwei seiner Männer an, sie fortzuschaffen. Schweigend kehrten sie zurück zur Eingangshalle. Auf halbem Weg dorthin hörte Kristoffer zwei dumpfe, schnell aufeinander folgende Laute, als hätte jemand zusammengerollte Teppichläufer fallen gelassen.

Als er die Halle erreichte, sah er Sondre bäuchlings auf dem Boden liegen, eine dunkle Lache um seinen Kopf. Marius lag auf dem Rücken. Ein klaffender Schnitt zog sich quer über seinen Hals wie ein zweiter, grotesker Mund.

Kristoffers Knie wurden weich. Er taumelte zur Seite, wäre beinahe gestürzt.

„Ihr Mangel an Haltung und Courage gleicht den Bemühungen Ihrer Landsleute bei der Verteidigung Ihres Vaterlandes“, bemerkte Krieger, dann: „Zwar weiß ich nicht, auf was sie bei ihren Ausgrabungen gestoßen sind, doch ich möchte nicht, dass jemand Wind davon bekommt. Glauben Sie mir, Herr Andersson, ich verspüre einen Anflug von Bedauern, Sie nun töten zu müssen.“ Ein Wink, und zwei Soldaten stellten sich einige Schritte vor Kristoffer auf und richteten Maschinenpistolen auf ihn.

Er schloss die Augen.

Nichts geschah.

Kristoffer öffnete die Augen. Seine Oberschenkel wurden warm.

Krieger verzog den Mund.

Benommen blickte Kirstoffer an sich hinab: Schritt und Hosenbeine waren nass, und um seine beiden Schuhe bildete sich eine Lache.

„Ich habe es mir anders überlegt. Ich lasse Sie am Leben, Herr Andersson, damit Sie fürderhin an diesen Tag denken können.“ Krieger gab seinen Soldaten einen Wink.

Die Deutschen rückten ab.

Kristoffer blieb zurück, allein, mit vollgepisster Hose – und hörte noch immer den Schuss, der Fredrik getötet hatte.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • (...) Hierbei nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund - Kameraden werden durch Granaten in Stücke zerfetzt oder von MG-Kugeln durchsiebt.
    Auch sonst kommt die Action nicht zu kurz und zieht sich durch das gesamte Buch.
    Doch dieser Roman zeichnet sich nicht nur durch bildhafte Action und Blutvergießen aus, sondern auch durch hohe sprachliche Qualität und die spannende Erzählweise, welcher sich der Autor bedient. Hier schließt das Eine das Andere also nicht aus.

    Fazit:
    Ein Roman über die Grausamkeit des Krieges aus der Sicht von Soldaten, Freundschaft und Kameradschaft, Gier und Macht und die geheimnisvolle Welt der Götter Odin, Loki & Co.
    Dies alles kombiniert mit Action, Spannung und in einer schönen Sprache erzählt.

    Ich bin immer auf der Suche nach neuen Autoren mit neuen Ideen und frischen Ansätzen. Leider hapert es dann meist an der Umsetzung der Idee und/oder des Neuen und Frischen.
    Hiervon bin ich aber absolut begeistert und nicht nur weil Peter Hohmann es versteht zwei meiner Lieblingsgenres zu verbinden.
    Für dieses Buch kann ich also nur eine absolute Leseempfehlung aussprechen.
    In diesem Sinne - Tue recht und fürchte niemanden! (5/5 Sterne)

  • (...) Am Anfang hat der Autor mit Fantasyelementen gespart welche im Laufe der Geschichte zu nahmen. Ich empfand es als genau richtig. Von der 2. Weltkriegszeit ging es dadurch Schritt für Schritt in die Wikingerzeit. Viele mehr oder weniger bekannte Namen und Orte aus dieser Mythologie wurden genannt . Unter anderem auch der Gott Loki mit seinem Auftreten. Dieses Zusammentreffen war für mich ein großes Lesevergnügen. Die Handlungsorte wurden sehr detailliert und teils düster beschrieben. Genau das was ich erwartet habe aus dieser Zeit. Die Kriegsszenen hat der Autor Peter Hohmann sehr actionreich und realitätsnah wiedergegeben mit vielen detaillierten Elementen sowie den erlittenen Verlusten. Das Ende hat mir gut gefallen, es lädt ein seine Gedanken diesbezüglich freien Lauf zu lassen. (...) (5/5 Sterne)
  • (...) Lange zieht sich die Realität mit detailliert geschilderten Kriegsszenen und der Beschreibung einer Freundschaft, die enger nicht sein kann. Danach kommt viel Fantasy bzw. Sagen und Mythen dazu. Für mich der schönste Teil, da ich gern in andere Welten tauche. Über Götter habe ich noch nicht viel gelesen und deshalb war dieses Buch ein wahrer Glücksgriff. Sehr gelungen fand ich die Darstellung der verschiedenen Personen. Es wird gekonnt die Grausamkeit der Menschen sowie die Liebe aufgezeigt. (5/5 Sterne)

Von der Seifenkiste herab (Blog):

  • Als Deutscher tut man sich immer etwas schwer Geschichten aus der Sicht deutscher Wehrmachtssoldaten zu lesen, und seien die auch noch so edel und gut und stellten sich gegen die fiesen SS-Schergen. In diesem Fall habe ich mich zähneknirschend irgendwann daran gewöhnt und war dann beim Lesen wirklich gut unterhalten, denn dieser durchgeknallte nordische Mythen-Schmonses wurde konsequent durchgehalten. Wie schon an anderer Stelle festgestellt, hat dieser Hohmann eine wirklich unterhaltsame Schreibe und empfiehlt sich wirklich für Größeres... (4 von 5 Runentafeln)
Schließen

Magier des Dunklen Pfades II - Der Alte Bund

Wie wird sich Lorgyn entscheiden?
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN: 978-3943795691
Verlag: Begedia Verlag, Mülheim an der Ruhr

3Klappentext:


Von Schuldgefühlen geplagt, hält Lorgyn de Daskula trotzdem an seinem Plan fest, seine Frau Aluna vor dem Tod zu retten und macht sich bereit für den entscheidenden Zauber. Dafür gräbt er tief im verborgenen Wissen des Alten Bundes, dessen Mysterien der Chronist Arlo anhand des Tagebuches seines einstigen Mentors nach und nach entschlüsselt.

Doch Lorgyns Vorhaben steht unter einem finsteren Stern, denn die Iros-Kirche ist hinter ihm und Arlo her. Und da ist auch noch Gerom, der seine eigenen Pläne hat, sowie Pergin, Lorgyns Freund, der nicht nur seine Mission in Gefahr sieht – sondern auch sein eigenes Leben.

Obwohl Durlum, der Hartwinter, langsam seine Herrschaft aufgibt, ist die Dunkelheit, die über Wintertal aufzieht, tiefer denn je …

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.

Marie von Ebner-Eschenbach

Lorgyn betrat sein Haus. Der Sturm, heulend und peitschend, als wolle er die Welt verschlingen, fegte ihm die Tür aus der Hand und knallte sie zu, dass der Rahmen bebte. Vor ihm lag der kurze Flur, rechts der Kamin, in der Mitte des Wohnraums der Tisch, dahinter das Bett. Jenes Bett, in dem er heute Nachmittag Sex mit Laris gehabt hatte.

Die Laken waren zerwühlt. Er ging, roch an ihnen. Laris´ Duft – der Duft ihres jungen, gesunden Körpers.

Mit einem Seufzen setzte er sich. Das Bettspiel hatte ihn weder belebt noch glücklich gemacht, der kurze Rausch war rasch verebbt.

Er dachte an jenen Morgen nach der Snorg-Runde, nach dem Sex mit Laris in Geroms Stall, als er Aluna aufsuchte; als er verkatert und voll des schlechten Gewissens zu ihr ins Zimmer kam. Das Gefühl, reinen Tisch zu machen, hatte ihn beinahe überwältigt. Endlich die Wahrheit. Aluna wäre es sowieso egal gewesen, sie hatte das Seil zu ihm bereits gekappt.

Oder doch nicht?

Er rupfte die Finger durch sein filziges Haar. Er hatte es ihr nicht gebeichtet. Am besten, er setzte ebenfalls die Klinge an und durchtrennte alles, was ihn noch mit Aluna verband. Dann würde ihn die Sache nicht so runterziehen.

Er schnaufte verdrossen.

Aber das ging einfach nicht!

Lange hatte er sich Gedanken über seine Liebe zu Aluna gemacht. Ohne Alkohol, ohne den Taumel einer lustvollen Nacht, da spürte er sie. Sie war da. Nicht so brennend und verzehrend wie früher, aber weiterhin präsent, als wäre sie in seinem Körper, in seiner Seele zum Fossil geworden, das er mit sich herumtrug. Er war nicht bereit, es herauszubrechen. Sosehr er Alunas Ablehnung verstand, sosehr wollte er nicht derjenige sein, der aufgab, egal was er getan hatte. War Alunas Kälte die Strafe für sein Handeln, dann hatte er sie verdient.

Laris …

Er rieb sich über das Gesicht. Was war sie für ihn? Gespielin, mit der er sich über seine Verfehlungen und Fehlschläge hinwegtröstete? Die Lebensgefährtin nach Aluna? Die große Liebe, welche die alte langsam aber sicher ersetzte? Würde er ihr irgendwann denselben Platz in seinem Herzen gewähren wie Aluna?

Er wusste es nicht. „In was habe ich mich da bloß manövriert?“

Der Wind peitschte gegen das Haus, als wolle er es wegreißen, und ihn, den Sünder, den Verräter, gleich mit.

Verräter …

Das war er, kein Zweifel. Nicht nur, dass er nicht für Aluna da gewesen war, als sie ihn so bitter brauchte, nein, als Dreingabe hatte er sie sogar betrogen.

Verräter!

Er hatte das Vertrauen ihrer Ehe verraten – den Schwur jedoch, den er gegeben hatte, würde er nicht verraten!

Ich werde Aluna retten!

„Koste es, was es wolle!“, zischte er und erhob sich.

Sie kann sich abwenden, aber sie wird leben! Leben! Leben! Ich werde sie retten, und wenn ich dabei noch mehr Schuld auf mich lade, meine Seele der ewigen Verdammnis preisgebe! Mein Dasein, mein Seelenheil, all das spielt keine Rolle mehr!

Auf eine Art kannte er das Feuer, das plötzlich in seinem Inneren aufflammte: Ehrgeiz, Zielstrebigkeit. Und doch war es anders; kälter, irgendwie berechnender, kein einfaches Verbrennen von Energie, wenn man sich Hals über Kopf in eine Aufgabe stürzte. Es entstieg einer anderen Ebene, es kam von tief unten, aus der Schwärze, die er die letzten Tage allzu deutlich gespürt hatte.

Sein Verstand begann zu arbeiten, er fühlte das Pulsieren seiner Gedanken. Sie waren kalt wie Durlum und gefährlicher und schneller als ein Wolfsrudel. Bei Arlos Erkenntnissen und Thesen passte natürlich nicht alles zusammen, doch standen die Voraussetzungen gut, dass in Wintertal tatsächlich eine Bündelung magischer Kraft existierte. Hunak Valgas war auf der richtigen Fährte gewesen, das stellte sich immer mehr heraus. Aber leider reichten Ahnungen und Vermutungen nicht aus.

Ich brauche etwas Handfestes, Hinweise über die spezielle Riege an Magiern, die sich mit dem Auffinden der Ströme beschäftigte. Entdecke ich die Ströme, kann ich sie auch benutzen.

Zu seinem Verdruss war er von Arlo abhängig, musste warten, bis dieser auf etwas Neues stieß. Damit er nicht untätig herumhockte und ihm die Decke auf den Kopf fiel, nahm er sich vor, morgen auf eigene Faust – und aufs Geratewohl – nach diesen sagenumwobenen Strömen zu suchen, auch wenn seine Erfolgsaussichten natürlich gegen Null gingen.

Probieren geht über Studieren.

Bestimmt gab es einen Kniff, den er nicht kannte.

Plötzlich hob sich der dunkle Schleier, der ihn die letzten Tage über fast erstickt hatte. Erleichterung machte sich breit.

Trotzdem, dieser plötzliche Stimmungsumschwung war alles andere als normal, als würde Durlum mit einem Fingerschnippen verschwinden und der Sommer Einzug halten. Wieder einmal pendelte er von einem Gefühlsextrem ins andere, ein von der Warte des gesunden Menschenverstandes aus betrachtet unheimlicher Vorgang, wie er fand. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. In ihm wanderten die Gezeiten, wie sie gerade wollten. Irgendetwas war ihm abhandengekommen; irgendein Baustein, eine Art Regulierung, die die Emotionen unter Kontrolle hielt. Plötzlich wurde ihm ganz blümerant, als er an gestern Morgen dachte: Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er ernsthaft über Selbstmord nachgedacht. Und heute, einen Tag später, fasste er beschwingt den Entschluss, mir nichts, dir nichts weiterzumachen. Was käme als nächstes?

Solange ich mich über meine eigenen Gedanken wundern kann, ist alles in Ordnung, redete er sich ein. Dennoch blieb ein diffuses, leicht verquastes Gefühl der Verunsicherung.

Am liebsten würde er gleich jetzt hinaus, um die Ströme zu suchen, aber dafür wütete der Sturm zu heftig. Was tun, um sich abzulenken, um nicht wieder in ein Loch zu fallen?

Er öffnete die Kellertür und stieg hinab. Nachdem er eine Öllampe entzündet und auf den langen Tisch gestellt hatte, holte er das Buch über Kampfzauber aus seinem Beutel.

Wer weiß, vielleicht diene ich eines Tages doch noch unter Kaiser Sarto und schicke die Schiffe dieser nervigen Piraten auf den Meeresgrund.

Er schlug es auf und las sich ein. Vieles kannte er bereits, an manche Stelle erinnerte er sich jedoch nur vage. Dennoch war er äußerst zuversichtlich, schnelle Fortschritte zu machen, denn verglichen mit dem Seelentransfer waren die meisten hier beschriebenen Zauber Kinkerlitzchen – auf das Können bezogen zumindest. Leider lag die Krux auch hier bei der zur Verfügung stehenden Magie. Warum statt eines Feuerballs nicht gleich eine Feuersbrunst, die ein ganzes Dorf verheerte – oder eine Schwadron Irosdiener? Er musste lernen, in größeren Maßstäben zu denken, und endlich vergessen, was nach Lehrmeinung der Akademien möglich war und was nicht. Engstirnige Trottel allesamt, die sich vor der eigenen Courage in die Hose schissen.

Irgendwann fröstelte ihn, und er schlang die Arme um den Körper. Als die Zehen vor Kälte zu schmerzen begannen und es nichts mehr half, wenn er sie zusammenkringelte und wieder ausstreckte, riss er den Blick vom Buch los.

Sollte er gleich mit dem Üben beginnen?

Seine Finger waren ganz steif. Nicht gerade von Vorteil, wenn man dadurch die dem Zauber vorangehende Geste verhunzte. Das Gestikulieren war der zweitwichtigste Bestandteil eines Zaubers, er presste die Magie sozusagen in die richtige Form. Das Wichtigste war, wie so oft, der Geist. Mit ihm begann man die arkane Abfolge, durch ihn kanalisierte man die Kraft, und schließlich, sobald er mit dem Körper im selben Takt schwang, schickte man den Zauber mit einem Gedankenimpuls auf die Reise. Lorgyn bewegte die kribbelnden Finger. Nein, heute keine magischen Spielereien mehr.

Er begab sich nach oben auf den Spitzboden, wühlte in seinen Habseligkeiten herum. Stille Freude regte sich, als er das glatte, armlange und an beiden Ende in eine Metallkappe übergehende Holzstück fand. Einen Moment bewunderte er den Schimmer, den das durch das winzige Kreuzfenster in den Raum fallende Streulicht auf die Oberfläche zauberte, dann schraubte er am oberen Stück herum und zog an. Ein zweimaliges Klicken, als die Arretierungen einrasteten. Nun hielt er einen fast mannslangen Kampfstab in den Händen, ein kleines, perfekt ausbalanciertes Kunstwerk, das Pergin und Bjarim ihm einst geschenkt hatten. Kämpfen war eigentlich nicht seine Sache, aber da jeder Novize in die Anfangsgründe des Stabkampfes unterwiesen wurde, fügte er sich seinem Schicksal, als er noch ein junger Adept war. Zu seinem Erstaunen machte es ihm nach kurzer Zeit richtig Spaß, und das legte sich auch nicht mehr, im Gegenteil. Zusehends genoss er es, alle Gedanken, die ihn umtrieben, einfach abzuschütteln, ganz im Fluss seiner Bewegungen aufzugehen. Für ihn war das Meditation, das Finden des inneren Gleichgewichts, wenn ihn etwas beschäftigt hatte – anfangs Dinge, die mit seiner Arbeit zu tun hatten, später Alunas Krankheit.

Jedoch, wenige Wochen nach der Diagnose fasste er den Stab nicht mehr an, sondern stürzte sich in die Kunst der Heilzauberei.

Ohne Erfolg.

Alles danach war ohne Erfolg gewesen.

Einen Atemzug lang überkam ihn die Regung, den Stab zu verstauen.

Ich werde nicht aufgeben!

Mit einem Laut, halb Seufzen, halb Knurren, stieg er wieder hinab in den Keller und begann, sich im schwachen Lampenschein zu drillen. Das schlechte Licht störte ihn nicht, denn er tätigte die Schwünge mit geschlossenen Augen, versuchte, das Gefühl für das Gewicht und Verhalten des Stabes zurückzuerlangen – und war bestürzt, wie mühsam ihm das fiel. Jeder Idiot mit einem abgebrochenen Ast würde ihn besiegen; Duria reichten wahrscheinlich die bloßen Fäuste, um ihn zu verdreschen.

Nach einiger Zeit hielt er inne. Sein Atem ging schnell, sein Herz pumpte wie wild. Den Stab gegen den Körper gelehnt, massierte er sich die brennenden Unterarme. „Meine Güte, bin ich schlecht.“ Er ging zur Luke und stieß sie auf, um mehr Licht zu haben. Doch besser, wenn er sah, was er tat, sonst schlug er sich am Ende selbst nieder.

Dämmerung. Vom Sturm am Nachmittag war lediglich eine Brise übrig. Er ging nach draußen und übte weiter. Stoß nach vorne, dann über dem Kopf kreisen lassen, nur um sofort in Abwehrhaltung zu gehen, die Knie angewinkelt, den Stab quer vor sich haltend. Sich durch den Schnee zu wühlen wurde schnell anstrengend, aber Lorgyn biss die Zähne zusammen, als seine Waden zu schmerzen begannen, und stellte sich einen Angreifer vor, der ihn attackierte.

Mit einem Überkopfblock wehrte er einen imaginären Schwerthieb ab, der von oben heraubsauste. Dann trieb er die feindliche Klinge nach außen, stieß blitzschnell nach vorne und traf die Brust des Mannes. Japsend ließ dieser das Schwert fallen und ging in die Knie.

Gegner ausgeschaltet.

Kein Anlass jedoch, sich auszuruhen!

Denn da war noch einer!

Lorgyn vollführte einen heftigen, schwungvollen Hieb gegen den Kopf. Meinte er zumindest. Leider resultierte die Attacke darin, dass der Stab seinen müden Fingern entglitt und durch die Luft wirbelte.

Vielleicht hätte das den Gegner ja trotzdem außer Gefecht gesetzt, dachte er resigniert, als der Stab in den Schnee puffte.

Die Arme auf die Oberschenkel gestützt, wartete er, bis sich sein Atem beruhigt hatte, dann ging er zu der Stelle.

Er bückte sich nach der Waffe – und erstarrte: Der steifgefrorene, von Eisgespinsten überzogene Kadaver einer Katze lag neben dem Stab. Ein totes Auge stierte ihn anklagend an.

„Es … es tut mir leid“, hörte er sich stammeln.

Im nächsten Moment fand er sich im Schnee kniend wieder, und ehe er sich versah, rannen ihm Tränen über die Wangen. Ein Schluchzen nach dem anderen entwand sich seiner Kehle, obgleich er nicht verstand, wie ihm geschah. Weder fühlte er sich übermäßig traurig, noch machte ihn der Anblick über Gebühr zu schaffen. Sein Körper reagierte ohne den Geist; die Tränen kamen von irgendwoher.

„Hör auf!“, knirschte er, aber er hatte die Kontrolle verloren. Plötzlich barst ein Riegel, und eine Schwemme an verdrängten Erinnerungen brach über ihn herein: seine vergeblichen Versuche, Aluna mit Heilzaubern zu kurieren, die toten Tiere, makabre Überbleibsel seiner Experimente, die er im Garten verscharrt hatte, sein Mord an Niam sowie Durias Mutter, Alunas dolchgleiche Worte, die sein Herz in Fetzen rissen. Er kippte vornüber, spürte die Kälte des Schnees auf seiner Stirn. Weinte, bis ihm die Kehle wehtat, konnte einfach nicht aufhören.

Irgendwann richtete er sich auf. Rotz tropfte aus Nase und Mund und wurde vom Schnee aufgenommen. Seine vor Tränen brennenden Augen erfassten den Kadaver. Er stieß die Finger in den Schnee, schaufelte, bis nur noch eine flache weiße Erhebung den Punkt markierte, wo die Katze ihr Ende gefunden hatte. Wie in Trance raffte er sich auf, den Stab in der Hand, der ihm unendlich schwer vorkam, schleppte sich zurück ins Haus, schloss die Luke, taumelte in Richtung Tisch.

Plötzlich blitzte das Bild von Genthate und seinen Kirchenhäschern auf, eine Hassinszenierung seines Geistes, so unerwartet und intensiv, dass jähe Wut in ihm hochstieg. Mit einem Aufschrei fuhr er herum. Streckte beide Hände aus. Der Stab klapperte zu Boden.

Aus Instinkt und wildem Hass geboren, platzte Feuer aus seinen Fingern.

„Halte mich auf, wenn du kannst, Genthate!“

Das orange, wabernde Glühen verschmolz zu einer gewaltigen Feuerfaust, die die beiden Flügel der Kellerluke aus den Angeln fetzte. Der Knall war ohrenbetäubend. Der Flammenstich fauchte ins Freie, brüllend, kreischend, nach Vernichtung strebend.

Über das Klingeln in den Ohren meldete sich sein Verstand. Erschrocken ließ Lorgyn den Zauber fahren. In einem letzten Aufbäumen leckte das Feuer in den Himmel, dann verlosch es.

Schwer atmend näherte er sich dem Ausgang. Schwelende Holzreste hingen an den verformten Angeln, ein paar brennende Stücke regneten gerade in den Schnee, der Nachhall der Hitze hauchte über seine Backen. Direkt vor der Luke war der Schnee geschmolzen, die Fläche dahinter ganz schwarz, in der Form eines Fächers. Beim zweiten Hinsehen bemerkte er, dass der Stein um die Luke herum teilweise geschmolzen war.

Gar nicht schlecht, de Daskula!, gackerte eine schrille Stimme, während eine andere nur wiederholte, dass er nun komplett den Verstand verloren hatte.

Ein taubes Gefühl im Kopf, als wäre sein Gehirn gelähmt, wandte er sich ab und hockte sich an den Tisch. Sein Blick streifte das Buch.

Immerhin, es funktionierte …

 

*

 

Zum Glück langte er bei Iros´ Gnade an, bevor der Wind wieder anhob und Eiskörner durch die Gassen peitschte. Würde mal wieder eine raue Nacht werden. Die dräuenden Wolkenzacken am Horizont waren schartig wie ein Schlachtermesser, der ganze Himmel eine Masse dunklen Eisens, trostlos und schwer.

Am Empfang schrieb die blonde Frau in ein aufgeschlagenes Buch. Als sie ihn eintreten hörte, sah sie auf – Überraschung und Schreck huschten über ihre Züge –, stand auf und versperrte ihm den Weg zur Treppe. Erstaunt blieb er stehen. Was zum Henker war denn jetzt los?

Die Frau leckte sich über die Lippen, atmete durch und sah ihn dann fest an. „Auf Wunsch Eurer Frau dürft Ihr unser Haus nicht mehr betreten.“

„W-wie darf ich das verstehen?“, stotterte er, obwohl die Aussage an sich eindeutig war, wie ihm nach einigen Momenten klar wurde.

„Sie möchte … Euch nicht sehen“, erwiderte sie etwas zögerlich.

Ein unangenehmes Rauschen füllte seinen Kopf. „Sie ist meine Frau! Das kann ja wohl nicht angehen!“

„Wir richten uns nach den Wünschen unserer Gäste, tut mir leid.“

Zorn kochte in ihm hoch, nicht langsam, sondern so stark, dass sein ganzer Körper bebte. Vor seinem geistigen Auge sah er den Feuerschlag, der die Kellerluke zerfetzte, hörte den urgewaltigen Knall.

Seine Hände begannen zu zittern. Nur mit Mühe zwang er seine Magie zurück in Niederungen seines Ichs. War er gerade wirklich drauf und dran gewesen, die Frau anzugreifen?

„Bitte, geht jetzt“, sagte diese in versöhnlichem Ton.

„Sollte Eure Frau ihre Meinung ändern, benachrichtige ich Euch unverzüglich, in Ordnung?“

Das hier, das war ein ganz schlechtes Theaterstück! Energisch schüttelte er den Kopf. „Nein, das ist ganz und gar nicht in Ordnung!“ Er machte einen Schritt nach vorne. „Ich werde jetzt nach oben gehen. Und wagt es ja nicht, mich aufzuhalten!“

Die Frau blickte ihn an, Angst flackerte in ihren Augen. „Ich … ich kann das nicht dulden.“

Lorgyn hob einen Zeigefinger. „Moment, ich habe das Zimmer bezahlt. Dann darf ich ja wohl auch hinein, oder?“

Ohne eine Antwort abzuwarten schob er sich an ihr vorbei und nahm die Stufen im Lauf.

Bei allem, was Recht ist – aber das hier geht zu weit!

Er verstand Alunas Beweggründe, trotzdem, jetzt übertrieb sie es gewaltig! Er griff nach der Klinke, fegte ins Zimmer, eine geharnischte Tirade auf den Lippen. Sie erstarb, als er sich umblickte: Aluna war nicht da, obwohl eine Öllampe auf dem Tisch brannte.

Völlig verwirrt schloss er die Tür, drehte sich im Kreis, ratlos und gleichzeitig aufgewühlt. Er ließ sich aufs Bett sinken und bemerkte, dass er die erste Falte warf. Ihre Schlafstatt war unberührt.

Wo war sie?

Die Dämmerung wich der Nacht, und der Wind drückte gegen das Fenster. Er stand auf und sah hinaus: vom Wind gebeutelte Schneeflocken, die durch das Unlicht eines Unwetters taumelten.

War Aluna bei den Quellen?

Nein, nicht bei diesem Wetter.

Aufgebracht tigerte er durchs Zimmer. Wann immer er einen Laut vom Gang hörte, hielt er inne, doch niemand öffnete die Tür. Verdammt, er wollte sie doch nur sehen, ein paar Worte mit ihr reden und fragen, ob er hier übernachten dürfe. Auch wenn sich der Riss möglicherweise nicht mehr vollständig kitten ließe – die gemeinsame schöne Zeit, die war doch auch etwas wert, oder nicht? Er wollte ihr sagen, dass es ihm leid tat, sie so im Stich gelassen zu haben. Er wollte seinen Fehler eingestehen, nicht winselnd, sondern mit ehrlichem Bedauern, ohne dabei Mitleid zu erwecken. Sie sollte einfach wissen, dass er noch immer etwas für sie empfand.

Plötzlich hörte er Schritte.

Er sah zur Tür.

Die Klinke bewegte sich.

Kam Aluna zurück? Hoffentlich! Er wischte jeden Zweifel fort, jeden krummen Gedanken, der die Echtheit seines nun erblühenden Lächelns zunichtemachen würde.

Die Tür schwang auf.

Herein trat Burain, sein Gesicht ein Spiegelbild des draußen tobenden Sturms.

„Ich muss Euch bitten, unser Haus zu verlassen“, sagte er ohne Umschweife.

Lorgyn stand wie vom Donner gerührt.

Der stämmige Pfleger wirkte wie ein Kerkerknecht, der einen Gefangenen zu dessen Hinrichtung führen sollte. Wortlos deutete er zur Tür, die Lippen in dem Vollbart zwei schmale Striche.

„Ihr wollt mich wirklich hinaus in die Nacht scheuchen, bei dem Wetter?“ Verzweifelt deutete Lorgyn zum Fenster.

„Geht in ein anderes Haus und quartiert Euch für die Nacht ein.“

„Ihr wollt nicht, dass ich Aluna treffe“, versuchte er es nun auf eine andere Art. „Aber sie ist gar nicht da, deswegen macht es doch nichts, wenn ich hier bin.“

„Spart Euch die Spitzfindigkeiten“, sagte Burain. Es war kein Schwanken in seiner Stimme, nichts, was darauf hindeutete, dass er seine Meinung ändern würde.

Lorgyns Zorn versickerte. Zurück blieb lediglich Resignation.

Den Kopf gesenkt, verließ er den Raum.

Als er Burain passierte, blickte er ihn flehend an. „Bitte sagt mir wenigstens, wo sie ist.“

Burain presste die Lippen noch fester zusammen, was an sich kaum mehr möglich war.

„Wie geht es ihr?“

Kein Sterbenswörtchen.

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • (...) Ein fantastischer zweiter Teil, der mich in die Tiefen der Magie entführte!
    (5/5 Sterne)
  • In diesem Buch dürfen wir wieder teilhaben an machtvollen Kämpfen, an verbitterter Erkenntnis an wunderbar gewählten und inszenierten Schauplätzen. (...) Auch hier kristallisiert sich das Geschick des Autors stark heraus. Er schafft eine angenehme Mischung bildhafter und authentischer Darstellungen gepaart mit lebhaften Bildern. Er nimmt den Leser mit in seine Welt und fesselt ihn an die Ereignisse. (...)
    (4/5 Sterne)
  • Es war so schön, diesen zweiten Teil zu lesen. Es ist wirklich selten, dass ein zweiter Teil noch besser ist als der Erste, aber diesmal war es so. (...) Die Charaktere sind wieder sehr interessant und sympathisch. Bis auf Lorgyn. Für ihn weiß ich keine Beschreibung. Manchmal finde ich ihn super, manchmal bringt er mich zur Weißglut, manchmal finde ich ihn wieder total sympathisch und manchmal mag ich ihn gar nicht. Aber genau das finde ich so toll an ihm. Er ist nicht so einfach gestrickt, sondern eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit, den jeder Fantasy-Leser unbedingt kennenlernen sollte.
    Das Lesen hat wirklich sehr Spaß gemacht und ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Dabei hat auch der tolle Schreibstil geholfen.
    (5/5 Sterne)
  • Peter Hohmanns Schreibstil ist durchweg angenehm zu lesen und wirft den Leser mitten ins Geschehen. Das Buch hat keine Längen, wurde nicht für ein paar Seiten mehr unnötig gestreckt und behält durchweg ein rasantes Tempo bei, welches es dem Leser ab einem bestimmten Punkt schwer macht, es überhaupt noch aus den Händen zu legen. Anrechnen möchte ich hier auch, das kein angerissener Handlungsstrang ungeklärt belassen wurde.
    Auch die Geschichte lässt nichts zu wünschen übrig - der Leser bekommt Spannung, Abenteuer, Magie, alte Mysterien und ein Gefühlswirrwarr, das von Freude bis tiefer Trauer alles abdeckt. (...)
    Für alle Fantasy Fans ein absolutes MUSS - ich warte schon gespannt auf Peter Hohmanns nächstes Buch.
    (5/5 Sterne)
  • Trotz vieler unterschiedlicher Charaktere und mehreren Handlungssträngen ist bei mir nie Verwirrung ausgebrochen. Vor allem ist die Sprache sehr bildhaft, ich kann mir die Personen und Szenen richtig gut vorstellen. Das hat mir besonders gefallen Das Cover passt ebenfalls super, es harmoniert gut mit dem ersten und lässt auch ziemlich viel von der Handlung des Buches erkennen.
    Fazit:
    Grandioser zweiter Teil, der auf einen tollen Folgeband hoffen lässt. Kann es schon kaum erwarten;) Auf jeden Fall kann ich das Buch absolut empfehlen, sinnvollerweise sollte man aber den ersten Teil kennen, um diesen Teil vollständig zu verstehen, da Handlungen aus dem ersten Teil nicht noch mal großartig ausgerollt und erklärt werden. Volle 5 von 5 Punkten.
    (5/5 Sterne)
Schließen

Was rein!

Magier des Dunklen Pfades I - Die Suche

Wie weit würdest du gehen, um einen geliebten Menschen zu retten?
Erscheinungsjahr: 2013
ISBN: 978-3-943795-61-5
Verlag: Begedia Verlag, Mülheim an der Ruhr

3Klappentext:

Der Magier und Gelehrte Lorgyn de Daskula kehrt seinem alten Leben den Rücken und begibt sich nach Wintertal zu den Heilenden Quellen, um seine todkranke Frau Aluna zu retten. In seiner wachsenden Verzweiflung schmiedet er einen perfiden Plan und lernt den Chronisten Arlo kennen, der das mysteriöse Ableben seines Mentors aufklären möchte. Im Zuge der Recherchen stoßen sie auf Ungereimtheiten bezüglich des Alten Bundes, einer Vereinigung einst mächtiger Zauberer. Lorgyn hilft Arlo, da seine Eltern als Paktierer des Alten Bundes seinerzeit den Feuertod starben.

Nach und nach finden sie heraus, weshalb die Zauberwirker aus alten Tagen derartige Macht besaßen und wieso die Magie danach an Kraft verlor. Ihre Nachforschungen jedoch bleiben nicht unbemerkt: Bald ist ihnen die Iros-Kirche auf der Spur, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, den Alten Bund endgültig auszulöschen - und alle, die ihre Nasen in Geheimnisse stecken, die das bisherige Weltbild auf den Kopf stellen könnten.

Sein schlimmster Feind jedoch ist sein eigenes Ich, das ihn zu immer drastischeren Schritten treibt - hinab auf einen Pfad in die Dunkelheit.

Schließen
HLeseprobe:

Kapitel 1

Und schließlich gibt es das älteste und tiefste Verlangen, die große Flucht, dem Tod zu entrinnen.

J.R.R. Tolkien

 

Die Vergangenheit hat keine scharfen Klingen, die sofort töten, dachte Gerom trübselig. Sie sind rostig und vergiftet, sodass die Wunden, die sie reißt, nie heilen. Sie bleiben offen. Manchmal merkt man sie kaum, nur um jäh zusammenzucken, wenn der Eiter alter Taten und Erinnerungen aus ihnen quillt.

Er stützte die Hände auf den Schanktisch und seufzte. Das Stimmgewirr in der Taverne brummte ihm in den Ohren, zu laut, zu unangenehm; im überschwänglichen Zuprosten zusammenknallende Krüge, Rufe nach mehr Bier, Rufe der Freude und Verärgerung, wenn die Karten dem einen Glück bescherten und es dem anderen nahmen.

Sein Blick wanderte über die Gesichter der Anwesenden, alles Menschen, die er kannte. Die Kälte draußen führte sie hierher, wo sie sich mit Bier und Gelächter wärmten und die Sorgen eines harten Lebens vor der Tür ließen. Doch egal wie lange sie hier hockten, egal ob sie Nordenvaards Perle aufrecht verließen oder von ihren Freunden getragen – ihre Sorgen waren geduldig, und ein jeder von ihnen hatte seine eigene Vergangenheit, seine eigenen rostigen, verseuchten Klingen.

Gerom seufzte abermals, sein Kopf neigte sich, er starrte nun auf seine Hände. Sie waren breit, die Finger dick und kräftig. Adern verliefen auf dem Handrücken, zwischen ihnen kleine Narben. Er war ein guter Handwerker, reparierte und besserte aus, trug Säcke, Kisten und Fässer; am liebsten hackte er Holz. Er genoss die monotone und auf ihre Art doch kunstvolle Bewegung. Das Axtblatt grub sich mit genau dosierter Kraft knackend durch das Holz, und nie fuhr es in den Block und verkeilte sich dort.

Die Axt, die liebte er.

Den Griff des Dolches jedoch, der einmal im Jahr so rau und schwer wog, den ertrug er nur im Rausch der Kräuter und des Weins.

Gerom sah zu seinem Freund Toste, der mit seinen beiden Söhnen und zwei weiteren Männern an einem Ecktisch saß und Karten spielte.

Als spüre er Geroms Blick, hob Toste die Augen. Ein kurzes Nicken und Lächeln, dann konzentrierte er sich wieder auf das Spiel.

„Vater, was ist?“

Seine Tochter Laris trat an ihn heran; sie legte den Kopf schief, als sie ihn musterte, wodurch ihre schwarzen Ringellocken sacht vor- und zurückwippten.

Das Haar ihres Vaters, dachte Gerom und sah sie an, und die blauen Augen ihrer Mutter. Kein Wunder, dass ihr die meisten Burschen in Eisbach nachsteigen, dieser Gelehrte mit eingeschlossen! Dann lieber einer aus dem Dorf als ein Fremder, der so unausstehlich gestelzt redet, dass einem schlecht wird!

Gerom schob den Gedanken an den sonderbaren Kauz beiseite, der seit Sommer ein Zimmer in seiner Herberge bewohnte, und richtete sich auf. „Zeit für meine Pfeife“, brummte er, streichelte Laris über die Schulter und ging aus dem Schankraum an der Küche vorbei zur Hintertür. Er warf seinen schweren Mantel über, griff an die Tasche, zog Pfeife und Tabakdose heraus und stopfte sie. Mit der Kerze, die eigens für diesen Zweck neben der Tür brannte, entzündete er sie und betrat den Hinterhof. Seine Stiefel knirschten im Schnee, als er an den Stallungen vorbeischritt. Links führte ein festgetrampelter Pfad zur Herberge, in der nur noch ein einziges Licht brannte: Der dicke Gelehrte ging selten vor Mitternacht zu Bett.

Gerom hielt sich rechts, folgte der Linie seiner alten Fußspuren zu der Kuppe mit dem knorrigen Baum, bei dem er spätabends zu stehen pflegte.

Genüsslich sog er an der Pfeife, und die angenehm würzige Rauchnote umschmeichelte seine Nase.

Seufzend schloss er die Augen, lauschte. Sein eigener Atem, das kaum hörbare Knistern brennenden Pfeifentabaks, und wenn man für einen Moment die Luft anhielt, die Geräusche der Taverne, Stimmen, Gelächter, das Schlagen der Eingangstür. Aber jetzt war alles gedämpft, alles ganz leise. Der Schnee schluckte die Geräusche. Das war gut.

Er öffnete die Augen, legte den Kopf in den Nacken. Keine einzige Wolke, nur die Sterne, die wie eingenähte Diamantsplitter am blauschwarzen Himmelstuch hingen, und der Mond, der die Landschaft ringsum mit silberner Helligkeit puderte. Die Nacht war rein und kalt wie Glas, und er spürte, wie die Kälte bereits durch seinen Umhang sickerte, an seinen Ohren nagte, an den Lippen, an der Nase. Nur mit seinem dichten Bart tat sie sich schwer.

Wieder saugte er an der Pfeife.

Bis er fror, würde es dauern. Das hier war Nordenvaard, die nördlichste Provinz des Reiches. Hier war er geboren, hier hatte er sein ganzes Leben verbracht. Er dachte an ein altes Sprichwort und schmunzelte.

Bevor einem Nordenvaarder der kleine Zeh abfriert, ist der Rest des Menschengeschlechts schon lange tot …

Unter den knochigen Ästen des Baumes, den Blick auf die Landschaft gerichtet, ließ es sich gut nachdenken. Er brauchte diese Verschnaufpause, auch wenn die Perle sein ganzer Stolz war – genau wie seine Tochter Laris. Oft zweifelte er daran, dass sie hier, im Nichts aus Eis und Schnee, wirklich zufrieden war. Aber sie beteuerte immer, ihr gehe es prächtig, und das Arbeiten am Schanktisch bereite ihr Freude. Jedoch, was war das im Vergleich zu ihren Studien in Vaskalan, der Provinzhauptstadt weiter im Süden, die sie nach dem Tod ihrer Mutter abgebrochen hatte? Was war das Auffüllen von Bierkrügen und das Zubereiten von Fleischeintöpfen verglichen mit den alten Sprachen der Historiker, mit den Rätseln der Vergangenheit, die sie so faszinierten?

Unweigerlich dachte Gerom zurück an den Tag vor fünf Jahren, an dem er seine Frau Vlaja verloren hatte. Nirgends Schnee, nur das herrliche Grün der Wiesen, die blühenden Bäume, die Vögel in den Ästen zwitscherten zum Himmel, als sängen sie ein Dankeslied an die Natur.

Und dann, plötzlich, dieses Wiehern, gefolgt vom Krachen des umstürzenden Fuhrwerks, das neues Bier zur Perle brachte. Eines der Fässer erschlug sie. Von einem Moment auf den anderen war sie nicht mehr da.

So fest saugte Gerom an der Pfeife, dass seinem Mund ein Schmatzlaut entschlüpfte. Obwohl das Kraut noch nicht aufgeraucht war, schmeckte es nicht mehr. Er klopfte die Pfeife am Stamm des Baumes aus, dann ließ er sie in die Tasche seines Mantels gleiten und wartete, bis der Schmerz in seiner Brust nachließ, der sein Herz zu zerreißen drohte. Er wollte nicht, dass Laris seine Trauer bemerkte, wenn er zurückkam, und sich ihre Absicht, bei ihm zu bleiben, nur aus Mitleid weiter festigte.

Er blinzelte und rieb sich über die Augen, stierte wieder über die weiße Decke, die ihm mit einem Mal nicht mehr anmutig, sondern grausam vorkam. Unter ihr ruhte Vlaja. Er presste die Kiefer zusammen. Vlaja und einige Geheimnisse. Aber welcher Ort, welcher Mensch hatte die nicht?

Du bist ein Idiot, Gerom, schalt er sich. Warum musst du nur immerfort daran denken? Quälst du dich gerne?

Gab es eine Wahl? Jedes Jahr an Reikjol, wenn der Frühling wiederkehrte, wenn alle Menschen den Winter verabschiedeten und das Erwachen der Natur feierten, wiederholten sich die Geschehnisse, als würde ein verwittertes Schaufelrad sie aus den dunklen Tiefen der menschlichen Seele schöpfen. Ja, und manchmal wollte er es auch gar nicht anders: Den Schwur, den er am Sterbebett seines Vaters gegeben hatte, würde er nicht brechen, auch wenn er seitdem auf einem dünnen, wackeligen Brett balancierte, das einen schwarzen Abgrund überspannte. Ein einziger Fehltritt …

Vor seinem geistigen Auge erschien wieder der Dolch, der so schwer in der Hand lag, die Klinge blutverschmiert …

Er schüttelte den Kopf, vertrieb die Eindrücke. Gerade wollte er sich abwenden und zurückgehen; irgendetwas allerdings hielt ihn zurück – ein Instinkt vielleicht, oder eine Ahnung. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als sein Blick nun aufmerksam über die Landschaft tastete, über jeden Hügel, jeden Baum, jede Senke.

Er kniff die Augen zusammen, was zur Folge hatte, dass weiter Entferntes verschwamm. Verfluchtes Alter!

Doch da! Ein schwarzer Punkt auf der silbernen Schicht.

Er schluckte.

Was mochte das sein?

Ein Kralik?

Nein, die wagten sich nicht an Ortschaften, sondern lauerten in den Wäldern auf unbedachte Wanderer oder Holzarbeiter. In den fünfzig Jahren seines Lebens hatte Gerom erst ein einziges Mal von einem Todesopfer innerhalb einer Siedlung gehört, aber das war nicht hier gewesen, in Eisbach, sondern in Waldbruch, dem kleinsten der drei Dörfer Wintertals. Aus Gruvak, der einzigen Stadt, machten sich daraufhin zwei Dutzend Soldaten auf, das Biest zu finden und zu töten. Natürlich ohne Erfolg: Ein Kralik war zu gerissen. Er allein entschied, wer ihn zu Gesicht bekam. Eines der Biester schien auf den Geschmack von Menschenfleisch gekommen zu sein. Seit mehreren Jahren fand man jedes Mal an Reikjol eine zugerichtete Leiche, manchmal im Wald, manchmal auf den Feldern …

Rede es dir nur ein, Gerom, vielleicht glaubst du ja irgendwann daran!

Langsam näherte sich der Punkt.

Gerom entspannte sich. Zu groß und zu breit für einen Kralik. Und auch für einen Menschen. Was war es dann?

Nach einiger Zeit des Wartens runzelte er die Stirn.

Das gibt es doch nicht!

Kein Zweifel: ein Fuhrwerk!

Hinter den beiden Pferden meinte er zwei Gestalten auf dem Bock auszumachen.

Beim Eis des Nordens – woher kommen die denn?

Der Weg führte zu keiner anderen bewohnten Gegend, sondern hinaus aus Wintertal zur langen Brücke über die Sturzklamm und dem gefährlichen Pass zwischen den Eiszacken hin zu Kremal, der nächstgelegenen Siedlung. Aber von Kremal bis hierher, im tiefsten Winter und mit beladenem Fuhrwerk, bräuchte man eine knappe Woche! Das hieß, falls alles glatt lief!

Die mussten lebensmüde sein: Schrunden und Schollen, abgehende Schneewände, Kraliks und der brutale Wind, der heute Nacht ausnahmsweise nicht durch Eisbach fegte und einem mit winzigen Eiskörnern die Haut abschälte – eine Woche überlebte dort draußen niemand. Außer vielleicht, man hatte Zelte dabei, warme Decken und genug zu essen und zu trinken. Und vor allem keine Angst. Aber warum so ein Wagnis überhaupt eingehen?

„Ganz klar lebensmüde“, brummelte er.

Plötzlich löste sich ein Schatten von dem Gefährt. Gerom brauchte einen Moment, ehe er realisierte, was passiert war: Einer der Reisenden war vom Bock in den Schnee gestürzt. Sofort kletterte der andere herunter.

„Idioten!“, knurrte Gerom und lief zu den Stallungen.

Sein Pferd schnaubte, als es ihn sah, und der Schweif zuckte rauf und runter. Nicht gesattelt. Etwas weiter entfernt stand das Pferd dieses Geschichtsschreibers. Auch kein Sattel.

„Jasko!“, rief er nach seinem Stallburschen.

Keine Antwort.

Rasch erklomm Gerom die Leiter zu dem Spitzboden, auf den sich der Taugenichts manchmal verzog, um sich vor der Arbeit zu drücken. Dann fiel ihm ein, dass er Jasko im Schankraum gesehen hatte. Fluchend kletterte er wieder herunter und strebte zur Perle. Er begann zu schwitzen. Seine Laune verdüsterte sich mit jedem Schritt, als er die Hintertür aufriss, durch die Küche in den Schankraum eilte, die Hände am Tresen aufstützte und „Jasko!“ bellte.

Jemand an einem der hinteren Tische sprang auf und torkelte mit etwas Schieflage auf ihn zu.

Jaskos Augen, die wie zwei dunkle Taubeneier in dem teigigen Gesicht lagen, waren trüb.

„Sattel mein Pferd, du Schluckspecht!“

Dümmlich nickend bugsierte Jasko seinen Wanst an Gerom vorbei, wobei mit der Hüfte gegen eines der Bierfässer stieß, dass dieses bedenklich wackelte.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. „Ist etwas passiert?“, fragte Laris.

Knapp erzählte er ihr, was er gesehen hatte.

Ihre fein geschwungenen Augenbrauen rutschten nach oben. „Von Kremal hierher?“

„Woher sonst?“ Er dachte kurz nach. „Hast du warmen Tee?“

Laris verschwand in der Küche. Kurze Zeit später reichte sie ihm einen Beutel, in dem sie zwei Becher und einen verschlossenen Krug verstaut hatte.

Er verließ die Taverne, doch nicht, bevor er sich eine dicke Schafswollmütze und Fäustlinge übergezogen hatte.

Jasko wartete auf ihn, bibbernd und zitternd. Mehr als ein Hemd und eine fransige Weste hatte er nicht am Leib; aber er war Nordenvaarder, und das musste für ein paar Atemzüge in der Kälte reichen!

Gerom nahm ihm die Zügel aus der Hand. „Ist das Pferd dieses … Geschichtskerls schon gestriegelt?“

„Er heißt Arlo“, antwortete Jasko zwischen klappernden Zähnen. „Habe ich schon gemacht.“

Gerom unterdrückte den Impuls, Jasko in den Stall zu schicken, um aufzuräumen – auch wenn es an sich nicht unordentlich ausgesehen hatte –, und reckte sein Kinn kurz in Richtung Hintertür.

Dankbar wieselte Jasko davon.

Hätte Vlaja an diesem Tunichtgut nicht einen Narren gefressen gehabt, hätte Gerom ihn schon längst mit einem Tritt an die freie Luft gesetzt.

Er atmete tief ein, laschte den Beutel am Sattel fest und hievte sich nach oben, dann lenkte er seinen Braunen vom Hof, versetzte ihn in einen lockeren Trab. Er wählte den Weg durch Eisbach und nicht am Hügel vorbei durchs offene Feld; dort lag der Schnee bereits zu hoch, auch wenn die Menge im Gegensatz zu anderen Jahren verhältnismäßig gering war. Aber es war ja auch erst der Anfang von Durlum, dem Hartwinter. Und was der Schnee nicht hielt, machte die Kälte doppelt wett. Auf Dauer würden hier draußen selbst ihm die Arschbacken zusammenfrieren!

Nicht verwunderlich, dass niemand auf der Straße war. Gelegentlich zwängte sich ein Lichtstreifen durch geschlossene Fensterläden auf die Straße, in den meisten Häusern jedoch war es dunkel. Entweder schlief man um diese Zeit – oder versackte in der Perle.

Galoppieren kam nicht in Frage. Egal ob die Reisenden gerade zu Eisklumpen erstarrten, er würde nicht riskieren, dass sich sein Brauner ein Bein brach oder die Fesseln an einer im Schnee verborgenen Eiskante durchtrennte.

Am Marktplatz bog er nach links und ritt am Iros-Tempel vorbei, ein aus wuchtigen Steinquadern errichtetes, gedrungenes Gebäude, das Gerom eher an eine kleine Wehranlage denn an einen Ort erinnerte, an dem man dem Gott der Sonne huldigte. Ein neuer Tempel müsste mal her anstelle dieses Ungetüms aus grauer Vorzeit.

Noch bevor er den Rand Eisbachs erreichte, wurde das Vorankommen schwieriger; niemand wählte diesen Weg, weil es jenseits der Dorfgrenze einfach nichts gab – außer zwei Idioten mit einem Fuhrwerk!

Sein Ross mühte sich durch den Schnee, und als er die letzten Behausungen hinter sich ließ, ging es noch langsamer voran. Von weitem sah er den Wagen im Mondlicht, was sonderbar aussah, als wäre es eine Geisterkutsche.

Blödsinn!, schalt er sich und ritt weiter.

Beide Leute saßen wieder auf dem Bock, und die Zugtiere, dem zotteligen Fell nach Hochlandponys – wenigstens die richtigen Tiere hatten diese Narren ausgewählt –, schleppten sich mit gebeugten Köpfen voran.

Als Gerom die Neuankömmlinge erreichte, rechnete er mit halbtoten Gestalten, denen Ohren und Nase schwarzgefroren waren, mit Eiszapfen im Haar und steifen Gliedern. Stattdessen zeigten sich keinerlei Spuren von Erfrierungen, weder beim Mann noch bei der Frau, auch wenn die Frau erschöpft und krank aussah. Weiße Brösel klebten an ihrem Umhang: Sie war es, die vom Bock gefallen war. Der Mann wirkte gleichermaßen erschöpft, insgesamt jedoch in besserer Verfassung.

Der Neuankömmling zog an den Zügeln. Die Tiere schnaubten dankbar, als der Wagen anhielt. Weißer Dampf stieg aus ihren Nüstern in den klirrenden Nachthimmel.

Dunkle Augen richteten sich auf Gerom. Der Blick war so intensiv, dass die beißenden Kommentare, die ihm auf der Zunge lagen, schmolzen und verliefen wie Schnee in der Sonne. Aufgrund der Mütze mit den Ohrenklappen und der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze sah Gerom nur einen kleinen, weißen Fleck heller Haut. Trotzdem glaubte er, dass der Kerl nicht allzu alt war. Diese Augen … stechend und intensiv, wie Punkte gebündelter Kraft. Einen Augenblick verspürte er ein Zwicken im Bauch.

Ende der Leseprobe

Schließen
JRezensionen:

Amazon:

  • (...) Alles in allem fand ich das Buch wunder-wunderschön. Ich glaube bis jetzt war es eines der besten High-Fantasy Bücher, die ich jemals in meinem Leben gelesen habe. 5 Sterne reichen nicht, meine Begeisterung darzustellen, aber da es keine höhere Bewertung gibt, müssen 5 Sterne reichen. :) Ich freue mich schon riesig auf den nächsten Teil und bin sehr gespannt darauf, wie es mit Lorgyn, Aluna und den anderen weiter gehen wird.
    (5/5 Sterne)
  • (...) Ein echter "pageturner" - ein Roman, der einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Anstatt auf gigantische Massenschlachten und ein unentwirrbares Meer an Figuren und Parteien zu setzen, konzentriert sich das Werk auf eine überschaubare Zahl an handlungstragenden Personen und einen gut durchdachten Plot. (...)
    (5/5 Sterne)
  • (...) Es zog mich quasi in seinen "magischen" Bann. Der Autor hat sich sehr viel Mühe gegeben, die Charaktere vorzustellen, und es ist ihm meines Erachtens gelungen, mit einer Handvoll Figuren eine tolle Geschichte zu erzählen. (...)
    (5/5 Sterne)
  • (...) Peter Hohmann ist mit seinem Buch ein absoluter Treffer in Sachen Fantasy gelungen. Endlich einmal keine Massenschlachten sondern eine wohl verlesene Anzahl liebevoll gezeichneter Charaktere. (...)
    (5/5 Sterne)
  • (...) Peter Hohmann hat eine wundervolle Art zu schreiben - die Worte malen wie von selbst Bilder vorm inneren Auge und ermöglichen es, nahezu vollständig in die Geschichte abzutauchen. (...) Auch thematisch ist ihm hier etwas ganz besonderes gelungen - ein bis zur letzten Seite fesselndes Werk in einem Genre, dass mich leider viel zu häufig enttäuscht hat. (...)
    (4/5 Sterne)
  • (...) Peter Hohmann hat mit dem "Magier des dunklen Pfades I - Die Suche" einen wunderbaren Auftakt eines Zweiteilers geschaffen. Endlich einmal nicht Massenschlachten und Intrige um Intrige, sondern gute Fantasy mit viel Köpfchen. (...) Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen. (...)
    (5/5 Sterne)
  • (...) Lorgyn de Daskula ist ein Magier der aus guten Gründen den falschen Weg einschlägt, es gibt hier nicht einfach nur gut und böse, die Grenzen verschwimmen. (...)
    Fazit: Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen. Es ist eine Geschichte entstanden, die den Leser in seinen Bann reißt und ihn nicht wieder loslässt. (...)
    (5/5 Sterne)
Schließen

Der AutorMail

Foto Peter Hohmann

Schreibt Fantasy, Science-Fiction und alles, was irgendwo dazwischen herumschwirrt - Hauptsache, das Genre lässt sich dem Oberbegriff "Phantastik" zuordnen. Viel Spaß beim Stöbern! :-)

Mehr erfahren...

KurzgeschichtenKaufen

nAlle Kurzgeschichten Alle 42 anzeigen